Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 47 (2.12.1910)
- Date
- 1910-12-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3063520-3063567--06987-3074036- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 4. Die Wahrheit Nr. 47. tage in dieser Angelegenheit, die ganze Verantwortung für die falsche Lösung dieser Frage ausschließlich aus die Landesregierung falle." Die Versammlung beauftragte schließlich das Präsidium, den 4. Punkt der Resolution dem Statthalter zit übermitteln. * In der letzten Zeit haben sich die Anzeichen wiederholt, daß die jndenfeindliche Stimmung in Ungarn geradeso wie in Oesterreich in den klerikalen agrarischen Kreisen starken Anhang hat. Und weint es nach den Herren Agrariern ginge, sollen in dem Kampfe, der wegen der allgemeinen Teuerung und Fleischnot zwischen der Bürgerschaft und den Agrariern entbrannt ist, wie schon so oft, wieder die Juden die Kosten tragen. Der Ungarische Laudes-Agrikulturverein, das Werkzeug der Agrarier, wendet sich in einem längeren Memorandiun an die Regierung, in welchem er u. a. verlangt, die Pachtungen der Religionsfondsgüter sollten den bisherigen Pächtern unbedingt entzogen werden. Die Güter sollen anstatt dessen an Kleinbauern parzellenweise verpachtet werden. Wie human! Nur sind die erwähnten Pächter fast ausschließlich Inden. 4- Eine ebenso judenfeindliche Ennnziation brachte der Kongreß der katholischen Organisationen in Ungarn, der am 14. bis 16. November in Budapest tagte. Im Laufe der Beratungen wurden gegen die Juden heftige Brandreden gehalten. „Wir dürfen nicht gestatten", sagte n. a. einer der Redner, Reichstagsabgeordneter Johann Frey, „daß man in der staatlichen Verwaltung den Inden den Vorzug gebe." (!) Der Redner tischte ferner seinen Zuhörern folgenden Wahnwitz als „historische Tatsache" auf: „Vor 30 Jahren traten die Inden in Krakau zusammen, um darüber schlüssig zu werden, in welcher Weise die jüdische Herrschaft in Europa gesichert werden könnte. Damals wurde beschlossen, in ganz Europa die Presse zu verjuden. Wer verfügt heute über die Macht? (Rufe: Die Juden!) Wem gehört die Presse? (Rufe: Den Inden!)." Hierzu muß bemerkt werden, daß dem Kongresse die vornehmsten politischen Kreise des Landes beiwohnten, u. a. auch der Kultusminister Graf Z i ch y und der bekannte antisemitische Ministerialrat Baron Barkoczy. Und derselbe Kongreß hat eine Resolution angenommen, in welcher gegen die „Fälschungen" der von unchristlichen Autoren verfaßten Geschichtsbücher Einspruch erhoben wird! £ $ Nach einer von italienisch-jüdischer Seite veröffentlichten Statistik, ist die Zahl der Inden in Italien in auffallendem Rückgänge begriffen. Im Jahre 1870 haste Italien noch eine jüdische Bevölkerung von 300.000 Seelen. Diese Zahl hätte bis heute schon auf Grund der natürlichen Vermehrung um die Hälfte höher sein müssen. In der Tat gibt es aber heute in Italien nicht mehr als 150—170.000 Juden. Noch deprimierender sind die Ausweise in Bezug auf einzelne Städte. Pisa war noch vor nicht allznlanger Zeit das Zentrum jüdischer Wissenschaft. Es hatte eine angesehene jüdische Bevölkerung mit berühmten jüdischen Schulen und einer weltberühmten jüdischen G e m e i n d e d r u ck e r e i. In dieser Druckerei, die jüdisches Kommunaleigentum war, wurden die verläßlichsten Talmudausgabeu hergestellt und sie bildete selbst eine der reichsten Einnahmequellen der jüdischen Kommune. In den letzten Jahren mußte jedoch die Druckereileitung die traurige Erfahrung machen, daß die Nachfrage nach hebräischen Arbeiten und Druckschriften immer geringer wird und die Rentabilität der Druckerei immer mehr sinkt, weshalb sie begann, immer mehr italienische anstatt hebräische Druckschriften herzustellen. Diese einst weltberühmte jüdische Druckerei hatte in jüngster Zeit so viele Kalamitäten durchzumachen, daß die Regierung sich veranlaßt sah, einzngreifen und die Druckerei zu übernehmen, wodurch sie den jüdischen Charakter vollständig einbüßte. Italien, das einst zuerst die Welt mit hebräischen Büchern versah, ist heute soweit gekommen, daß die italienischen Juden nun im ganzen Lande eine Subskription einleiten müssen, um ein Gebetbuch für die italienischen Juden heransgeben zu können und werden, wie es in dem Berichte heißt, gezwungen sein, den hebräischen Druck' in Deutschland oder Rußland besorgen! zu lassen. I * I Roosevelts Organ „TheGlobe“ tritt abermals mit einem> scharfen Artikel gegen die russische Judenverfolgung! hervor. In dem hochpolitischen Artikel heißt es unter anderem:! „Die Judenfrage in Rußland ist nicht mehr eine russische Frage.! sie ist eine Weltfrage geworden. Was jetzt nottut, ist der einhellige Protest des erwachten Gewissens der Welt gegen die monströsen Verbrechen, die Rußland gegen seine schutzlose Bevölkerung begeht. England sollte seine Hände feruhalten von einer Mörderbande in hohen russischen Stellungen. Vor einer Dekade waren es französische Finanziers, die Rußland die Fortsetzung seiner verrückten Karriere ermöglicht haben, und heute ist es England, das den sinkenden Glücksstern Rußlands durch! den Pakt von Reval wieder znm Steigen verhelfen will und auf diese Weise seine eigene Geschichte verleugnet und die Hoffnungen der Menschheit enttäuscht." * * . 4- Das Hou8e of Deputies of the Episcopal General Convention, dem die bedeutendsten und einflußreichsten G e i stlich e n und Vorstände der E p i s k o p a l k i r ch e in den Vereinigten Staaten angehören, hat vor einigen Wochen in Cincinnati eine Sitzung abgehalten und in dieser mit Bezug auf die russischen Greuel, iusbesoudere die Judenverfolgungen, folgende Resolution angenommen: „Da der Zustand der Unterdrückung und Verletzung unveräußerlicher Menschenrechte durch gesetzlose Elemente in Rußland mit jedem Jahre unerträglicher wird, und da die Verfolgung sich hauptsächlich gegen unseres heiligen Herrn altes Volk Israel zu richten scheint, dessen Angehörige in vielen Fällen des Lebens und Eigentums beraubt werden, beschließen wir: Erstens, daß wir gegen die ungerechte und unmenschliche Behandlung der Juden p r o t e st i e r e n. Zweitens, daß dies in keiner Hinsicht ans der Absicht heraus geschieht, das Gebiet der Politik zu betreten oder uns in Regiernngsangelegenheiteu zu mischen, sondern ein feierlicher Protest und der Ansdruck unserer aufrichtigen Sympathie mit unseren leidenden Brüdern ist." Zur Gnqnete «der die Indenfrage in Galizien. (Fortsetzung.) Welche Wege sind einzuschlagen und welche Mittel sind anzuwenden, um dem großen galizischen Judenelende zu steuernd Die Beantwortung dieser Frage hat seine Schwierigkeiten, da es gilt, einen gewaltigen Komplex von Schädlichkeiten hinwegzuräumen und ganz andere Lebensbedingungen zu schaffen, also eine förmliche Metamorphose an Leib und Seele herbeizuführen. Das Hilfswerk muß in zwei Hauptfaktoren zerlegt werden, von denen jedem seine Aufgabe zuzuteilen ist, und zwar das jüdische Volk als Hauptfaktor, und die in Aussicht genommenen Hilfsorganisationen. Sprechen lutr nun zunächst von dem galizisch-jüdischen Volk in seiner Abwehrarbeit des Elends. Wir haben bei unserem Studium des galizischen Elends schon vor vierzig Jahren und insbesondere im Jahre 1873 in 3 Aufsätzen im „Israelit" das Wort ergriffen, das leider nicht die gehörige Würdigung fand. Und ivir hatten es, damals bloß mit Verdunkelungen zu tun, die das Morgenrot des jüdischen Horizontes bedeckten. Heute stehen wir aber in voller Verzlveiflung vor gewaltigen, weittragenden, katastrophalen Verhältnissen, die gebieterisch eine radikale Abhilfe erheischen, und so wenden wir utis an das hartgeprüfte Volk selbst und rufen es zur Selbsthilfe auf. Welche Heilfaktoren sollen ivir in den Kampf stellen, um ein gehobenes Dasein herbeizuführend Drei Dinge: Kopf, Herz und Hand, aber in umgekehrter Reihenfolge. Zunächst muß Israel die Esaushand, die Schwielenhand einfetzen in seinem schweren Lebenskampf, um im Schweiße