Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 47 (2.12.1910)
- Date
- 1910-12-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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ahicheil Redaktion »iid Administration: Wien, H/, Nvvaraqasse 27 Telephon: Siedaktion 5107/VU1. . s Hnakhängige Hertfchrifk für jüöifche I Nerngsprei»: Ganzjährig.K 14.— Halbjährig.K 7.— Administration 4938/11. St. k. österr. Vostsparkassa- Scheck-Konto Nr. 100.918. Interne«. Für jfiiltii-sbeuiHte: Ganzjährig.K 10. - Inserate: Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 2» Heller. Erscheint jeden Areitng. Für Anstand: Abonnementsnnd JnserlionS- Ganzjäl» >g.8 Mark betröge sind in Wie» zahlbar und klagbar. Motto: „Das Siegel Lottes ist Wahrheit!*1 6 Stnvet oder 16 Frc». |lv. 47. Wien, 2. De;ember tÄli». Inhalt: Aus der Woche. — Zur Enquete über die Judeufrage in Galizien. — Die Wiener Kulmswahlen. — Eine bedeutsame verwaltnngsgerichrliche Entscheidung. — Die erste jüdische Toynbeehalle in Oesterreich. — Juden als Diplomaten, Minister und Politiker. — Berichtigung. — Das Leben und Wirken der Juden in Oesterreich in vormärzlichen Zeiten. — Verschiedene Nachrichten. — Literatur. — Austritte aus dem Judentum. Aus der Woche. Ueber die zweite dieser Tage in Wien stattgefnndene vertrauliche Konferenz verschiedener jüdischer Korporationen, die nne Hilfsaktion für die galizische Judenschaft anstreben, wird som Bureau der „Israel. Allianz zu Wien" folgendes Communqus ansgegeben: Am 28. November d. I. fand im Sitzungssaale der tsrael. Knltusgemeinde zu Wien in Fortsetzung der Besprechungen betreffend die galizische Aktion eine Versammlung der Delegierten derjenigen Organisationen statt, die eine Zltsammenfasfnng und Vereinheitlichung der bisherigen Arbeit zu Gunsten der jüdischen Bevölkerung in Galizien anstreben. An dieser Versammlung beteiligten sich fast alle jüdischetl Reichsrats- und Landtagsabgeordneten aus Galizien, sowie die Vertreter der meisten galizischen Knltusgemeinden. Nach eingebender Beratung wurde eine Kommission gewählt, welche konkrete Vorschläge in Bezug auf die Organisation der beabsichtigten humanitären Tätigkeit ausznarbeilen hätte. * Die Presse der gesamten Kultnrwelt senkt die trauerumstorten Fahnen an der Bahre Leo Tolstois des großen Apostels der allgemeinen Nächstenliebe, dessen letzter Hauch noch der leidenden Menschheit gewidmet war mit den Worten: „Ich rate Euch daran zu denken, daß viele Menschen auf der Welt krank darniederliegen, ihr aber blickt immer ans mich." Der Philosoph von Jasnaja Poljana, der so wahrheitsmutig und unerschrocken für alle Mühseligen und Beladenen kämpfte, repräsentierte zwar für sein engeres Heimatland das Gewissen der Nation, er war das stärkste Element der Freiheit in Rußland, sein Genius aber gehört' der ganzen Menschheit. An seinem Grabe trauern auch im Geiste Millionen von Juden ans dem ganzen Erdenrund, die noch niemals in der Geschichte einen warmherzigeren Verteidiger gegen alle Unbill und Verfolgung gefunden haben, als den Mann, der noch bei den letzten Pogroms an das Gewissen der Kultnrwelt appellierte mit der flammenden Epistel: „Ich kann nicht schweigelt." Airs einer tiefen Volksstimmung heraus gesprochen waren daher auch die erhebende Worte, die Oberrabbiner Dr. G ü d em a n n in seiner letzten Freitagabend-Predigt dem Andenken des Heimgegangenen widmete. Er könne, so führte der Redner aus, den russischen Juden nur beipstichten, wenn sie in ihren Gotteshäusern Trauerandachten für Tolstoi veranstalten, der mit seiner ganzen großen Persönlichkeit gegen die Finsterniß gekämpft habe, die so schwer auf unseren russischen Glaubensbrüdern lastet, und teilnahmsvoll weilen lluseren Gedanken bei dem einsamen Grabhügel, der die Reste dieses großen Mannes birgt. * * Die jüdischen Mitglieder des galizischen Landtages veranstalteten in Lemberg eine öffentliche Versammlung, um zur projektierten Landtagswahlreform Stellung zu nehmen. An der von mehreren hundert Zuhörern besuchten Versammlung haben sämtliche jüdische Abgeordnete, Gemeiuderäte und andere Funktionäre teilgenommen. Der Referent Dr. Rittet befaßte sich eingehend mit der Wahlreformvorlage und sprach die Ansicht ans, daß die Juden energische Schritte nnlernehmen müßten, um bei dem geplanten Gesetze nicht teer auszugehen. Es sprachen die Abgeordneten Sare Dr. Ignatz Land a n, kaiserl. Rat Bau ch-Stanislau u. m. a. Nach Beeudigung der Diskussion wurden folgende Resolutionen angenommen: 1. „Die am 7. November versammelten jüdischen Bürger, welche auf dem polnisch-nationalen Standpunkt stehen und die wahren demokratischen Grundlagen schützen wollen, fordern im Interesse der Polen, wie auch im Interesse der Verbürgerlichung der Juden im Lande vom Landtage eine Wahlresorm, die allen Bevölkeruugsschichten einen maßgebenden Einfluß ans die politischen und wirtschaftlichen Schicksale des Landes sichere. Sie betrachten als solche Wahlreform nur diejenige, die ans dem allgemeinen gleichen direkten und geheimen Wahlrecht begründet ist. 2. Die Versammlung fordert die praktische Gleichberechtigung der Juden und eine dementsprechend ausreichende Vertretung der jüdischen Bevölkerung im Landtage, die ihrer Zahl und Steuerkrast entspricht. Sie erblickt in einer solchen ausreichenden Vertretung das einzige Mittel, der jüdischen Bevölkerung gegen wirtschaftliche und politische Zurücksetzung genügenden Schutz zu gewähren. 3. Die Versammlung fordert die jüdischen Abgeordneten auf, im Sinne der obenerwähnten Grundsätze die künstliche Schaffung von Wahlbezirken zu verhindern, welche den Inden nicht zumindest 20 Wahlbezirke sichert. 4. Die Versammlung drückt wegen des vollständig verfehlten, alle menschlichen Grundsätze, die Gerechtigkeit und die wichtigsten ökonomischen Grundsätze verletzenden Systems bei Verteilung der Schenkenkouzessionen in Galizien ihr höchstes Bedauern aus und schreibt das Unglück, welches dadurch __ auf Tausende jüdischer Familien fällt, dem Mangel an einer jüdischen Organisation im Lande und dem Mangel an entsprechendem Einfluß auf die Administration des Landes zu. Die Versammlung erklärt entschieden, daß nach der jüngsten Erklärung im Land-