Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1910-11-25 · Heft 46 (25.11.1910) · page 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 46 (25.11.1910)
Date
1910-11-25
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3063520-3063566--06980-3074028
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 14. Die Wahrbeit Nr. 46. wo jeder Bürger sich der positiv si^öpseiischen Lebensbetälignncr zuwende und wo auch jüdische Industrie und jüdisches Gewerbe einen ehrenvollen Platz einnehmen. Nach einer Reminiszenz an den verewigten Fleischer entwickelt er hierauf in kurzen Zügen sein bereits in den vorangegangenen Versammlungen ausgestelltes Programm und bittet die Wähler, ihm am 27. November ihre Stimmen znzuwenden. (Beifall). Dr. Heinrich Schreiber erörtert die Notwendigkeit des engeren Anschlusses der Tempelvereine an die Mntlergemeinde. Sie bilden eine unzertrennliche Interessengemeinschaft, deren vollständige Sicherung herbeigeführt werden muß. Dazu sei es aber notwendig, daß die Verfassung der Gemeinde in ihren Fundamenten weiter ausgebant werde. Ein Programm für die Tätigkeit im Kultusvorstande zu entwickeln, scheint denk Redner nicht nötig. Dasselbe liegt in den Richtlinien, die die Vorschriften der Religion und die Erfahrungen einer leid- und ehrenvollen Geschichte bieten. Als obersten Grundsatz betrachte er ein in der gestrigen Versammlung gefallenes Wort: Irvri onauclii. Das Judentum nach jeder Richtung zu festigen, für seine Interessen zu kämpfen und zu arbeiten, das sei die Aufgabe des Kultusvorstandes, und dieser Aufgabe wolle auch er sich widmen. Wenn die Wählerschaft ihn hiezu würdig und fähig halte, dann bitte er um ihr Wohlwollen. (Beifall.) Architekt Jacob Gärtner: Ich werde mich ganz kurz fassen. Ich will gewählt werden, um zu arbeiten. Wenn Sie glauben, daß ich das imstande bin, dann bitte ich um Ihre Stimmen. (Lebhafter Beifall.) Dr. Anselm Holpern fühlt sich hier doppelt zu Gaste, da ihn einerseits keine besonderen Beziehungen mit diesem Bezirke verknüpfen und andererseits er gewissermaßen als Vertreter nur eines Teiles der Wiener jüdischen Bevölkerung, der sogenannten östlichen Inden, in den Kultnsvorstaud entsendet werde, die gerade in diesem Bezirke nur in sehr geringer Anzahl wohnen. Wenn es nun auch seine besondere Mission sei, für die Wahrnehmung der kulturellen Bedürfnisse dieser Bevölkerungsschichte im Kultusvoistände Sorge zu tragen, liege ihm doch das gesamte Interesse der Gemeinde und eine brüderliche Vereinigung aller Teile ebensosehr am Herzen. Er sei ein.Nenling und habe den Willen zu lernen. Nur auf charitativem Gebiete habe er Gelegenheit zu intensiverer Betätigung gehabt und er wolle gerne auch in der Kultnsgemeinde seine Arbeit nach dieser Richtung zur Verfügung stellen. Von dem Wunsche geleitet, der Allgemeinheit zu dienen, bitte er die Wähler, ihm ihre Stimmen znzuwenden. (Lebhafter Beifall.) Kaiser!. Rat Sigm. Kauders verweist auf seine bisherige 8jährige Tätigkeit im Kultusvorstande. Er sei ein Jude dtzsam lew und er wolle wie bisher mit Ausdauer, Fleiß und Liebe für die Wiener Judenschaft arbeiten. Wenn dies der Wählerschaft genebm ist, dann bitte er um ihre Stimmen. (Beifall.) Dr. Markus Spitzer wendet sich nach wenigen Bemerkungen über seinen Sludiengang und seine bisherige Tätigkeit der Tempelsrage zu. Er habe oft die Frage gehört: Wozu braucht man schöne Tempel, die so viel Geld kosten? Man braucht keine prunkvollen Räume, auch in einem kleinen Zimmer kann man Gott anbeten! Eine solche Anschauung widerspricht dem jüdischen Geiste und der jüdischen Geschichte. Schon von der Stistshütte wird berichtet, mit welcher Pracht und Herrlichkeit sie ansgestattet war und die Opferwilligkeit war damals eine so große, daß, was die heutigen Bethausvereine wohl nicht sagen können, nichts mehr angenommen wurde. Auch der Salomonische Tempel und der Tempel des Herodes waren Prachtbauten, die ihres Gleichen suchten. Man kann überall Gott anrufen, aber es ist ein großer Unterschied zwischen dem Gebet des Einzelnen und dem der Gemeinde. Das Judentum des Ghetto mußte seine Andacht in dunklen, abgelegenen Räumen verrichten, ober das moderne Judentum will sein Selbstbewußtsein und seine Solidarität auch in seinen Gotteshäusern zum Ausdruck bringen. (Lebhafte Zustimmung.) Redner bittet jeden einzelnen Wähler um seine Stimme, jede sei ihm besonders wert. Die Inden sind kein Heerdenvolk, jeder sei ein selbständiger Denker. In den Zehngeboten ist das erste Wort: onaucbi adonaj elohechu. Dieses Ich ist uns in Fleisch und Blut übergegangen, jeder sagt: ich bin ich. Wenn Fichte den Bestand } der Welt, der Gesellschaft, des Staates auf dem Jch-Prinzip anfbaut, so ist dieser Gedanke jüdisches Eigentum. Uns Juden, ist eine seltene Wertschätzung der Einzelpersönlichkeit zu eigen und darum bitte ich jeden Einzelnen um seine Stimme. (Lebhafter Beifall.) Zum Berichte sprach Dr.. Bern h a rd, der namens dev zionistischen Bezirksorganisation des VI. und VH. Bezirkes seinem Bedauern Ausdruck leiht, heuer wieder in den Wahlkampf eintreten zu müssen, da das Zentral-Wahlkbmitee die gerechte Forderung der Wiener Zionisten, ihnen von den jetzt zu vergebenden 11 Mandaten 3 zu überlassen, nicht erfüllt hat. Redner wendet sich daun dem Rechenschaftsberichte zu nndkritisiert unter Anerkennung der Tüchtigkeit des Beamtenkörpersdie Tätigkeit des Knltnsvorstandes, der nicht einmal für den Kultus genügend sorge, da die Tempel in den Bezirken durch Private Opferwilligkeit erhalten werden müssen. Die Verwaltung muß in eine lebendige Volksorganisatiou umgewandelt, Armenpflege und Wahlrecht modernisiert, dem Volke und der Jugend« mehr Verständnis entgegengebracht werden. Eine von Herrn Arnold Reich au den Kultnsvorstaudgerichtete Anfrage betreffs des seinerzeitigen Austrittes deskaiserl. Rares Leopold Sachs aus dem Kultusvorstande, gibt Anlaß zu einer ziemlich lebhaften Debatte, an welcher der Präsident Dr. Alfred Ster n, Dr. A. I m m e r g l ü ck, Dr. Bernhard. Goldman.« und Neufeld teiluehmeu. Dir Versammlung nimmt schließlich die Aufklärungen des Präsidenten, zustimmend zur Kenntnis. Herr Adolf Hofmann, Obmann des Tempelvereines für Wieden und Margarethen, konstatiert gegenüber den Ausführungen des Dr. Bernhard, daß der Tempelbau im 4. Bezirke nur dadurch ermöglicht wurde, daß der Kultnsvorstaud-! den Betrag von 86.000 X zur Verfügung stellte, wofür dem-- selben Dank und Anerkennung gebühre. Weiters erklärt Redner namens des Zentralwahlkomitees, daß das Kompromiß mit den Zionisten darrm nicht zustande gekommen sei, weil diese dir Forderung ausstellteu, daß ihre Kandidaten unbesehen vom Zeutral-Wahlkomitee akzeptiert werden müssen, was das Wahlkomitee selbstverständlich ablebnte. (Lebhafte Zustimmung.) Nach Erschöpfung der Tagesordnung wurde die Versammlung vom Vorsitzenden geschlossen. Uerschicdene Nachrichten. Wien. Freitag, den 25. November 1910 abend», Predigt im Stadt-Tempel. Wien. (K a n t o r e n - K l n b.) In der nächsten, Montag, den 28. d. M., 6 Uhr abends, im Klnblokalc II., Praterstraße 33, I. Stoff (Cass Maendl) stattfindenden Zusammenknnsr wird Herr Kantor G r o l> einen Vonrag halten.! Wien. „Oestereichis ch-J sraelitische Union" Der diesjährige Vortragszyklus der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" wird Samstag, den 26. d. M. präzise halb 8 Uhr abends, im Festsaale des- Niederösterreichischeu Gewerbevereines. I., Eschenbachgasse 2, durch einen Vortrag des Herrn Dr. Ignaz Zolischan, Verfassers des soeben in 2. Auflage erschienenen aufsehenerregenden Werkes „Das Rassenproblem", eröffnet. Herr Dr. Zollschan wird über das Thema „Taufe, Nasse, Zukunft", sprechen. Der Eintritt ist nur gegen Vorweisung der Einladungen gestattet. Vien. (Verein für unentgeltlichen Arbeitsnachweis, Wien, II. Taborstraße 59.) Samstag, den 26. November 1910, um 7 Uhr abends, findet! im Vereinslokale des israel. Humanitätsvereines „B'nai B'rith", I-, Uni-! versitätsstraße 4, die XI. ordentliche Generalversammlung des Vereines ftattj Wien. (F r e i t a g - A b e n d - V o r t r ä g e, II., Malzgasse 16, I Beth-Hanndrasch „Talmud Thora".) Am 25. November Herr Rabbiner L. G o l d st e i n: „Abraham b e n M e i r i b n E s r a" und am! 2. Dezember Vortrag des Herrn Rabbiners Schenk. Beginn jedesmal j um j/28 Uhr. j Wien. Am 29. d. Al. vollendet der in kaufmännischen Kreisen besti bekannte Industrielle, Seniorchef der Wiener Engros-Pelzwarenfirma Herr! H e r m a n n K ö n i g, VII., Seidengasse 28. in voller körperlicher und geistiger Frische sein 60. Lebensjahr. Der Jubilar ist seit Jahren Vorstandsmitglied des Tempelvereines für die westlichen Bezirke. Obmaun und Mitglied verschiedener Humanitäts-Anstalten und genießt auch aus dem Gebiete der stillen, privaten Wohltätigkeit den Ruf eines warmherzigen Philanthropen. Wien. Herr Willy v. G u t m a n u. Sohn des verstorbenen Dr. zur- Ludwig v. Guttmann und der Frau Mathilde v. Gutmann geborenen Baronin G ü n z b u r g, Enkel des Großindustriellen Herrn David v, Guttmanu, hat sich mit Fräulein Hedi v. Frydmann, Tochter des verstorbenen Hofrates Dr. Marzell v. Frydmann und der Frau Berta v- Frydmann geborenen Wormser verlobt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.