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Die Wahrheit · 1910-11-25 · Heft 46 (25.11.1910) · page 15

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 46 (25.11.1910)
Date
1910-11-25
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 46. Die Wahrheit . Seite 15. -r—r—-—-—--—-7TT —-;- Gin dreifacher Sang Bon Magnus Davidfohn. (Schluß.) Wenige Minitten später , stehe ich am Altäre, mrd — Kol nidre, so beginne ich jene uralte Weise, bebend vor . innerster Erschütterung. Doch . was bedeutet dieses Rannen uud Flüstern im Gotteshause? Gerade am Beginn dieser wehmutsvollen Weise,. laistcht doch sonst die Gemeinde in andachtsvoller Stille. — Isis nur eine Täuschung meiner erregten Nerven, die mich halblaute abgerissene Worte vernehmen läßt? Doch nicht lange währt es, ganz von der Bedeutung meiner Ausgabe erfüllt, verkünde ich in alten heiligen Liedern, daß unser Gott nicht ein Gott der Rache, sondern ein Gott des Erbarmens, der Milde und der Versöhnung ist. Doch Buße heische er und aufrichtige Reue für Sündenfrevel. Die ganze menschliche Nichtigkeit bekenne ich vor dem göttlichen Wesen in dem Gebete, das von der Eitelkeit des Lebens spricht. Da ich ermüdet den Altarranm verlasse, und dem Innern des Gotteshauses mich zuwende, begegne ich überall bestürzten bleichen Gesichtern. „Paul Sandberg ist verschwunden." So wird mir berichtet. Ich kann es nicht fassen, mag das Unzehenerliche nicht glauben. Wie sagte ich doch soeben. „Denn alles ist eitel!" Doch noch bleibt ein schwacher Hoffnungsschimmer. Vielleicht hat er auf seinen Reisen einen unfreiwilligen Aufenthalt erlitten. An jeder geringsten Eventualität suchen wir einen .Halt der Hoffnnng. Das war in doppeltem Sinne ein tief ernster Bersöhnungstag. Und als die Dämmerung wieder hereinbrach, als die müdeu Gläubigen aus dem Gotteshause zogen nach einem langen Tage, der ausgefüllt war von Gebet und Fasten, da eilten wir zu der verlassenen Frau und den jammernden Kindern. Und es kamen nnfrohe Tage — Stunden und Tage so großer banger Sorge, des Zweifels, daß man der Zeit nicht achtete. Nach den Tagen tiefen Ernstes, sollte das Fest der Freude gefeiert werden, fo erheischt es die Vorschrift. Doch das Herz ist schwer und die Seele betrübt. Ist er heimlich davongegangen, hat er Frau und Kinder verlassen, weil sein stolzes Schiff den Fluten doch nicht Stand gehalten? Niln, da man wußte, daß Paul Sandberg wohl keinen unfreiwilligen Aufenthalt auf feiner 'Reise erlitten, forschte man nach, und es ergab sich, daß der scheinbar festgefügte Bau. bereits argen Schaden erlitten — doch noch nicht zerschellt war, sondern nur der kraftlos gewordenen Hand des Führers entglitten. Hütte er zu seinen Freunden gesprochen, sie alle hätten ihm geholfen, wieder die richtige Fährte zu finden. Doch das war nicht nach seinem stolzen Sinne. Er konnte nicht mehr von dem hochragenden Gipfel hinabsteigen, wollte nicht mehr als einer von tausenden zwischen die Speichen des Alltagsgetriebes mit all seinem Kleinkram geworfen werden. O. was muß er gelitten haben in all der letzten Zeit, da er nicht sehen und wissen lassen wollte seine große Not. Ein leuchtender, sonniger Herbsttag war gekommen. Wie verschönt sich doch meine viel verlästerte Heimat in diesen goldenen Herbsttagen. Sie nehmen ihr alle Herbheit, und zeigen sie uns in so freundlichem lichtem Bilde, daß selbst den Stätten, wo nur schwere Arbeit gebieterisch' ihre Rechte fordert, ihr düsteres Aussehen genommen wird. An solch prangendem Morgen, da ich der Herbstlaudschast mich freuend, meines Weges außerhalb der Stadt ziehe, wird mir berichtet, „Paul Sandberg ist gefunden, aus dem kleinen Nebenstnß. der an der Stadl vorbeistießt, haben sie ihn gezogen." Wenn die Schwere des Schicksals uns unversehens überfällt, uns gleichsam beläubend, dann fliehen Empfindungen und Gedanken — eine graue Stille, unheimlich und öde umgibt uns. Nur langsam löst sich in mir die furchtbare Starrheit. Mit stillem Bangen habe ich seit Tagen dieser Nachricht entgegengesehen, nun ich vor der Tatsache stehe, will der Sinn sie nicht fassen. Doch bald sott ich von der grauenvollen Wahrheit mich selbst überzeugen. Du kluger, stolzer Mann, wie sah ich dich wieder. Helle, lichte Sonne bestrahlt das Bild, itnb kann ihm nichts von seiner furchtbaren Tragik nehmen. Warum narrt mich denn meine Phantasie, die mir, da ich ihn an der Uferböschung liegen sehe, das Bild vorgaukelt, wie er einstmals an der Seite der jungen Braut das Gotteshaus betrat. Von dem Menschen mit den kühnsten Hoffnungstränmen ist nichts zurückgeblieben, als dieses, von der Revolverkugel und dem Wasser zerrissene Bündel, au dem noch der kostbare Ring, den er stets trug, in der Sonne funkelte. Nachdem wir ihn in die Totenkammer gebracht, rief mein Amt mich zum Gotteshause, wo ich das Fest der Freude zu verkünden und einzusegnen hatte. Und die Stunde kam, da wir Paul Sandberg zur letzten Ruhe betteten. Zu Tausenden drängen sie sich vor dem kleinen grauen Gebäude. Biele hat die Teilnahme, sehr viele die Neugierde hiehergeführt. Doch ich sehe sie alle nicht, sehe nur die schwarze Truhe, in der mein Freund ruhet. Doch nicht nur als Freund kann ich ihm das letzte Geleite geben. Im schwarzen Priesterkleide bin ich ja erschienen, und schwer dünkt mich heut mein heilig Amt. Doch da durchzuckt mich die Erinnerung — hat Paul Sandberg nicht einst zur Tilgung jener Dankesschuld von mir einen besonders weihevollen Sang zu Gottes Ehr erbeten? Armer Freund, du wünschtest ihn an anderer Stelle. Wie einst der Knabe mir sang, so möge der Mann mir singen — sagte er nicht so? Nun tragen sie ihn zu Grabe, bebend in furchtbarer Erschütterung entringen nur abgerissene Töne sich meiner Kehle. Doch bald kommt eine wundersame Ruhe über mich.- Wie einst der Knabe mir sang.-Die alte Weise der Tranungshymne tönt mir immer näher — ich nehme sie auf und verwebe sie mit den Molltönen der Totenklage zu einem wehmutsvollen Schlummerlied. „Denn seine Engel entbietet er für dich, daß sie dich behüten ans dem Wege den du gehest." So sang ich das dritte Mal für ihn! Wien. (Jüdische Toynbee-Halle, Wien, XX., Othmargasse 46, Haltestelle der Elektrischen, Jägerstraße.) Beginn der Borträge an Wochentagen 1j28 Uhr, an Samstagen, sowie an Sonnnnd Feiertagen um 7 Uhr abends. W o ch e n - P r o g r a m m: Samstag. 26. November Konzert. Sonntag, 27. November. Franz Oesterreicher: Die Juden im spanischen Mittelalter. Montag. 28. November Dr. Karl L i s s z i s : Die Frauenbewegung. Dienstag. 29. November Dr. K. Kupfer: Judengesetzgebung im Mittelalter. Mittwoch, 30. November Frau Mülle r-R o s e nzweig: Licktbildervortrag (Eine Palästinareise). Donnerstag. 1. Dezember Dr. Alois Schwarz: lieber die Todesstrafe. Freitag, 2. Dezember Bibelerklärung. — Anmeldungen von Vorträgen und Mitwirkungen bei Konzerten wolle man an den Obmann Dr. I. S a m n e l y, Wien, I. Fischerstiege 6, gelangen lassen. Wie». (Jüdisches Theater.) Regie: M. S i e g l e r. Hotel S r e f a n i e, II. T a b o r st r a ß e 12. Ab Freitag. 25. November täglich: „D u s P i n t a l e I ü d" von Z. L i n b i n. Sonntag, 27. November, nachmittags halb 4 Uhr — halbe Preise. — Zur Aufführung gelaugt: „D i e k l n g e F r a u." Lustspiel von N. M. S ch eile w i tz. In Vorbereitung: „D i e S ch ch i t e" von I. G o r d i n. Austritte ans dem Judentum. R e i ch n e r Hortense, Schneiderin, geb. 6. Februar 1892 in Budapest, VII. L-iebensterugasse 46. Dur st Gustav, Chemiker, geb. 29. Dezember 1381 in Wien, VII. Neubangasse 4. K r e i l s h e i m Heinrich, geb. 6. Mai 1879 in Wien, IH. Untere Viaduktgasse 3. W o l l n e r Wilhelm, geb. 27. Angnst 1861 in Wien, III. Reisnerstraße 33. Z b i n d e n Helene, Handarbeiterin, geb. 5. April 1878 in Budapest, XIII. Märzstraße 136. Weihs Irma. Kontoristin, geb. 4. April 1891 in Wien, VII. Wimbergergasse 8. Schwach Leopold, Maschinarbeirer, geb. 14. März 1885 in Mittersburg, XVII. Nattergasse 21. T o d h Emma. geb. 2. März in Wien. XVI. Jppengasse 5. Schmerz Moriz, Buchhalter, geb. 15. September 1864 in Triest, VL Bürgerspitalgasse 16. Khuner Helene, geb. 7. Jänner 1870 in Wien, I. Ebendorferstraße 8. T o n e l l e s Alfred. Einjahrig-Freiwilliger, geb. 23. Dezember 1887 in Wien. Zuschrift ans Steyer. G o l d m a n n Max. Direktor, geb. 12. Juli 1881 in Wien. Zuschrift aus Brünn.

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