Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 46 (25.11.1910)
- Date
- 1910-11-25
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 46. Die Wahrheit Seite 13. -! Kandidat Dr. Heinrich Schreiber bespricht die Geschichte und Entwicklung der Tempelvereine, erwähnt die Leitung speziell des Tempelvereines im IX. Bezi.ik mit seinem herrlichen Gotteshause und veranlaßt eine Kundgebung der Sympathie sür den Obmann Herrn Gottlieb B e t t e l h e i m. Bei Schilderung der Verhältnisse im XX. Bezirke, erwähnt er den Plan eines Spitals in der Brigittenau und sagt dann znm Schlüsse: Es war mir in der letzten Versammlung nicht mehr gegönnt. ans einige Vorhalte zu antworten, die mir von einem der Sprecher gemacht wurden. Als ich zu ihm hinaufsah, hat, um ein Gleichnis eines anderen Redners zu gebrauchen, eine beträchtliche Reihe von Jahren mir ins Antlitz geschaut, längst verstrichene Zeiten, und diese haben sich wohl geändert, nicht ich. Schon dazumal ist er mir gefolgt, als ich für die Tempelvereiue, ihre Förderung und Hebung seitens der Muttergemeinde ins Feld gezogen bin; er folgte mir aber nicht als Freund und Anhänger, sondern als Schatten, wie eben ein Schatten dem Lichte folgt. Doch heute ist er nicht da, und es widerstrebt mir, gegen leere Windmühlen anzukämpfen. Ritr auf eine Bemerkung will ich zurückkommen. Mit deutlicher Anspielung auf mich fiel das Wort: Mein Programm sei Dr. Alfred Stern. Nun wohlan! Meine Gewohnheit ist es nicht, mit Schlagworten zu operieren, meine Eigenheit ist es, in spekulativer Geistesarbeit dem Wesen der Dinge auf den Grund zu gehen. Nachahmung ist mir fremd. Aber wer, wie letzthin, den Worten des greisen Präsidenten gelauscht hat, eingenommen und bezaubert von der schlichten Größe seiner Darlegungen und dem rührenden Wesen seiner patriarchalischen Persönlichkeit, wer sich bewußt war, daß er als Schlußstein seines Erdeuwallens nichts anderes will und wünscht, als die Größe und das Ansehen seiner jüdischen Gemeinde, in die er ganz und vollkommen ansgeht, wer eingedenk war, wie er erst kürzlich mit den Waffen des Geistes gegen ein Attentat übermütiger Politiker auf die Würde und das Selbstlewußtsein des Juden kampfesfreudig in die Front trat, wer sich dann noch nicht zu dem Programm Dr. Sterns bekennt, wahrlich, er wäre nicht wert, daß man ihn Jude nennt. Wähler Herr F r e u d e s will Interpellationen an den Vorstand richten, seine Ausführungen sind nicht recht verständlich, er wird von der Versammlung wiederholt unterbrochen und spricht schließlich den Wunsch aus, daß den Zionisten nicht eutgegengetreten werde. Präsident Dr. Alfred Stern: Bei der letzten Wählerversammlung, die vor einigen Tagen stattfand, wurde ich ansgefordert, statistische Daten darüber zu liefern, wie es sich mit der Steuerleistung in der allgemeinen Kurie und mit der Steuerleistung der Höherbesteuerten verhält. Ich habe damals erklärt, daß ich sofort diese Erhebungen veranlassen und Ihnen Mitteilung machen werde. Dieser nun in der letzten Versammlung an mich gerichteten Interpellation entspreche ich nun. Das Kultussteuer-Ergebnis der Jahre 1908 und 1909 haben Sie hier im Rechenschaftsberichte. Das Kultussteuer-Ergebnis des Jahres 1908 war X 1,335.180, das Ergebnis des Jahres 1909 war X 1,393.960. Von 25.192 Steuerträgern sind 1129 in der Kurie der Höherbesteuerten mit einer Steuerleistung von X 646.000, das ist fast das gleiche der Leistung der anderen 24.000 Steuerzahler. Was den Zionismus anbelangt, darf ich Ihnen sagen: Der Kultusvorstand verschließt sich gar nicht dieser Richtung, es ist keine Rede davon, daß wir ihm gegnerisch oder feindlich gegenübertreten würden, beispielsweise war ja iu der Mitte des KultusvorstaudeS der prononzierteste Vertreter dieser Richtung bis vor wenigen Monaten Baurat Marmorek, und ick könnte nicht sagen, daß sich irgend welche wesentliche Differenzen zwischen uns ergeben hätten. Er hat zum Beispiel oft Anträge gestellt, daß gemeinnützige Institutionen in Palästina von Seite des Kultusvorstandes unterstützt werden mögen, wie beispielsweise der Verein „Bezalel" tlnd Jüdische Krankenhäuser, meine verehrten Herren, diesem Wunsche wurde auch Rechnung getragen. Sie wissen ferner, daß alljährlich der Todestag des Dr. Herzl gefeiert wird, mit dem ich jahrelang befreundet war, und daß die Funktion bei dieser Feier von einem Gemeiuderabbiner vollzogen wird. Wir haben ja, so weit es möglich ist, innerhalb der Gesamt-Gemeinde jener Richtung ein gewisses Entgegenkommen bewahrt und sind ihr nie gegnerisch gegenübergetreten, allerdings die Formen müssen gewahrt werden, die Formen des Anstandes, wie wir sie doch gewiß in der großen Gemeinde Wien bewahren müssen, auf die die Augen, nicht nur der Jndenschaft, sondern auch die der Christen, ja die Augen aller Welt gerichtet sind. Wenn aber diese Formen nicht eingehalten, sondern verletzt werden, haben wir die Pflicht, im Interesse der jüdischen Gesamtheit solchen Versuchen entgegenzntreten. Meine Herren! Es ist viel von verschiedenen politischen Richtungen gesprochen worden, die sich innerhalb jeder Gesamtheit entwickeln mtb auch innerhalb der Jndenschaft bestehen, die Berechtigung jeder Richtung soll auch innerhalb des jüdischen Gemeinwesens gewahrt bleiben. Es reicht hin, wenn wir uns in dem einen Worte begegnen: in dem Worte Jwri onauchi, und das ist und bleibe unser Losungswort. Wühler Herr H i r s ck dein interpelliert wegen Zustände im Tempel zu Währing, der Vorsitzende verspricht Erhebungen zu veranlassen. Interpellationen der Wähler M a r b a ch und Grüns selb betreffend Erteilung des Religionsunterrichtes in Sammelschulen werden vom Vizepräsidenten Dr. G. K o h n und Bezirksschulrat Dr. Markus Spitzer beantwortet, woraus der Vorsitzende mit einem Danke an die zahlreich erschienenen Gemeindemitglieder die Versammlung schließt. III. Wählerversammlung, Dirnttag, den 22. November im V!. Bezirk, Hotel Savoy. Den Vorsitz führt der Vizepräsident der Knlmsgemeinde Landesschulrat Dr. Gustav Ko hn, der die Versammlung aufs herzlichste begrüßt und bezüglich der Tagesordnung denselben Vorgang wie in den früheren Wühlerversammlungen zn beobachten erklärt. (Allgemeine Zustimmung). Das Wort erhält Dr. Jacob Engel, der seine Ausführungen mit dem Sprichworte einleitet: „Ueberall ist es gut, aber zu Hause am besten". Nachdem er bereits in zwei Bezirken gesprochen, habe er heute das erhebende Bewußtsein, in seinem Slammbezirke zn Worte zu kommen. 22 Jahre gehöre er bereits dem Mariahilfer Tempelverein an, erst nur als einfacher Soldat, dann als Vizepräsident und nach dem Ableben des allen unvergeßlichen Baurates Max Fleischer trat er als Präsident an die Spitze des Vereines, um denselben im Geiste und Sinne seines Vorgängers weiter zn leiten. Seit einer Reihe von Jahren gehöre er auch der Bezirkskommission an und seine Tätigkeit hier sei nur einmal unterbrochen worden, als durch Agitation der Zionisten die offizielle Liste dnrchfiel. Bei der nächsten Wahl kam er jedoch wieder in diese Körperschaft, die ihn dann später zum Obmann erwählte. Ueber sein Programm habe er sich bereits iu den früheren Versammlungen geäußert und in diesem Bezirke sei er auch genügend bekannt, um der neuerlichen Entwicklung eines solchen enthoben zu sein; aber eine Frage dürfte vielleicht den Mitgliedern des Mariahilfer Tempelvereines auf den Lippen schweben, ob er denn, wenn er in den Kultusvorstand berufen würde, mit ebensoviel Fleiß, Energie und Liebe die Interessen des Tempelvereines wahrnehmen und ob er nicht, stolz geworden durch das ihm übertragene neue Ehrenamt, in seiner Fürsorge für den Verein lässiger sein werde? Darauf müsse er antworten, daß die Mariahilfer ruhig sein können. So hoch er auch die Ehre eines Mandates im Kultusvorstande schätze, erscheine es ihm doch als höchste Ehre, als Präsident an der Spitze dieses Tempelvereines zu stehen, und ihm werde er auch in Zukunft seine Kraft und Liebe widmen. Mariahilfer Tempelverein for ever sei seine Parole. Aber dies werde ihn nicht adhalten, auch im Interesse der gesamten Gemeinde zn wirken und er werde sich glücklich schätzen, wenn ihn die Wähler ihres Vertrauens würdig erachten werden. (Lebhafter Beifall). S. Brod ist dem Präsidium der Knltusgemeinde besonders dankbar, daß ihm Gelegenheit gegeben sei, an dieser Lieblingsstätte das Wort zn ergreifen, im VI. und VII. Bezirke,