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Die Wahrheit · 1910-11-25 · Heft 46 (25.11.1910) · page 12

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 46 (25.11.1910)
Date
1910-11-25
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 12. Die Wahrheit Nr. 46. im Falle meiner Wahl der Pflege des Religionsunterrichtes, der Fürsorge für die mannigfachen Wohlfahrlseinrichtnngen voll und ganz mich zu widmen gewillt bin. Daß ich mich auch verpflichtet fühlen werde, die berechtigten Interessen des XVI. und XVII. Bezirkes zu vertreten, ist wohl selbstverständlich. Indem ich einem hochgeehrten Präsidium meine besondere Wertschätzung und Hochachtung zum Ausdruck bringe, zeichne ergebenst Dr. I. Deuts ch. Nunmehr ergreift das Wort Herr Dr. Miarkrrs Spitzer. Er sagte, er wäre des Vertrauens der Wühler zweifellos unwürdig. wenn er nach langjähriger Arbeit im öffentlichen Leben erst ein neues Programm den Gemeindeangehörigeu vortragen müßte. 14 Jahre hat er innerhalb des Vorstandes ehrlich und redlich gearbeitet, den Kontakt mit den Wählern nicht bloß anläßlich von Wahlen, sondern jederzeit aufrecht erhalten. Seine Tätigkeit widmete er hauptsächlich dem Gebiete des Kultus und Unterrichtes, um die Jugend mit Begeisterung für das Judentum zu erfüllen. Er betrachtet das Amt nicht als eine angenehme Zerstreuung, als Unterhaltung und Zeitvertreib, sondern als ernste heilige Pflicht. Im Bezirksschulräte stehe er auf dem Kamps für das gleiche Recht. Wenn die Wähler ihm neuerdings das Vertrauen gewähren, werde er mit gleicher Liebe, gleicher Begeisterung den Aufgaben der Gemeinde sich widmen. (Lebhafter Beifall.) Kais. Rat Siegm. Kauders richtet an die Wähler eine kurze, beifällig anfgenommene Ansprache. Als Mitglied der I. Kommission habe er stets für die Förderung der Tempelvereine das Wort geredet, welche in allen Bezirken schöne Gotteshäuser erbauen und deil Kidusch Haschem verbreiten. Beseelt von der Liebe zum Frieden, war er unablässig bemüht, auch den Gemeindefrieden zu fördern und zu erhalten. (Lebhafter Beifall.) Kandidat Herr S. Brod stellt sich den Wählern vor, erwähnt sein bisheriges Wirken für den Gewerbestand, die Erfolge seiner Tätigkeit zur Hebung der jüdischen Arbeit und des jüdischen Handwerkes, verspricht, im -Falle seine Wahl die Unterstützung aller Stände, einen volkstümlichen Sinn in die Ratsstnbe zu bringen und für ein Zusammenarbeiten aller Parteien eintreten zu wollen. (Beifall.) Kandidat Hof- und Gerichtsadvokat Dr. Jakob Engel bespricht die Desiberien der Tempelvereine, welche gleichsam die Kerntruppen der jüdischen Bevölkerung bilden und deren Interessen wahrzunehmen er als Hauptaufgabe erachten werde. Seine Ausführungen werden vom Beifall der, Versammlung begleitet. (Beifall.) Kandidat Architekt Gärtner gedenkt der hervorragenden Baukünstler, welche dem Vorstande angehört haben und nun dahingegangen sind, und schildert ihr segensreiches Wirken. Die durch ihren Tod entstandene Lücke will er ausfüllen, in ihre Fußtapfen will er treten und in ihrem Sinne will er wirken. Er bekennt sich als Mann entschiedenen Fortschrittes auf allen Gebieten und als solcher bitte er um das Vertrauen der Wähler. (Lebhafter Beifall). Hof- und Gerichtsadvokat Dr. A. Holpern. Ich befinde mich nicht in der angenehmen Lage der Herren Vorredner, welche auf ihre Verdienste, die sie sich um die jüdische Gemeinde erworben, Hinweisen können. Ich hatte bis jetzt keine Gelegenheit, in der Oeffentlichkeit hervorzutreten, und wenn ich durch die Ehre ausgezeichnet wurde, das; das verehrliche Zentral-Wahlkomitee meine Kandidatur genehmigt hat, so habe ich es nicht so sehr persönlichen Verdiensten, als vielmehr dem Umstande zu verdanken, daß in dem Milien, in welchem ich erzogen wurde, und in meiner Herkunft Momente erblickt wurden, welche meine Würdigkeit für die Kandidatur verbürgen. Ich betone die Herkunft. weil meine Kandidatur aus einem engeren Kreise der Gemeindemitglieder, aus der Mitte meiner Landsleute, der polnischen Inden, ansgegangen ist. Es soll keineswegs eine separatistische Tendenz verfolgt werden, wenn die polnische Inden unserer Gemeinde, welche zum größten Teile der strenggläubigen Richtung angehören, eine besondere Vertretung in Anspruch nehmen. Es soll damit nur die. Absicht verfolgt werden, daß die tatsächlich bestehenden besondern Bedürfnisse dieses Teils ber Gemeinde durch einen aus ihrer Mitte vertreten werde, den — ohne das Verständnis für diese Bedürfnisse bei den anderen. Herren im Knltusvorstande irgendwie anzuzweifeln — denselben zum Durchbruche verhelfen soll. Und noch eines. Wenn auch der Grundsatz Kol jisroe) ehawerim in unserer Gemeinde betätigt wird, so kommt es doch leider hie und da vor, daß, wie der Jude im allgemeinen öffentlichen Leben überhaupt, der polnische Jude insbesondere auch unter Glaubensgenossen mit einem gewissen scheelen Blick angesehen wird. Ich maße mir nicht an, daß gerade durch meine Person ein diesbezüglich etwa bestehendes Vorurteil, gebannt werden soll; ich will damit nur einen Grund mehr andenten, warum die polnischen Inden eine selbständige Vertretung beanspruchen zu müssen glauben. Wenn ich der gesamten Wählerschaft gegenübertrete, so kann ich mit gutem Gewissen hervorheben, daß ich ohne Unterschied auf die Parteirichtnng sür die jüdische Allgemeinheit zu arbeiten den innersten Willen habe. Ich bin in der Lage, meine Zeit und meine bescheidene Arbeitskraft in den Dienst der Oeffenilichkeit zu stellen, und da ich von Jugend ans in einer Umgebung und unter dem Einflüsse von leuchtenden Beispielen gestanden bin. die sich den jüdischen Gesamtinteressen widmeten, so habe ich das tiefste Bedürfnis, in ehrlicher Arbeit ein Gleiches zu tun. Ich hoffe, daß Sie mir durch Ihre Stimme bei der Wahl die Gelegenheit geben werden, meinen guten Willen in Taten umznsetzeu. (Lebhafter Beifall.) Herr Wilhelm Pappenheim rekapituliert feine in der Leopoldstadt entwickelten programmatischen Punkte und wendete sich dann zur Frage des allgemeinen Wahlrechtes in der Knltnsgemeinde. So gerecht ich dasselbe bei politischen Wahlen halte — zahlt ja jeder Steuer, Blntsteuer, Wohnungsstener, indirekte Steuer ans alle Lebensmittel — so ungerecht wäre dasselbe in der Knltusgemeiude, zu der tausende und abertausende Inden in der Großstadt in absolut keinem Verhältnisse stehen, die nicht die kleinste Pflichterfüllung der Gemeinde gegenüber kennen, und denen das Wahlrecht gewähren, wäre nur das größte Unrecht (im angeblich größten Rechte). Diese Forderung ist nichts als der Einfluß des politischen Schlagwortes auf die jüdische Gemeindeverwaltung, in welcher Schlagworte nur verwirren und Unheil stiften können. Betrachten wir einzelne Schlagworte, es gibt harmlose und auch gefährliche. Wenn in Wien wohnende galizische Chassidim eine Vertretung in der Knltusgemeinde anstreben würden, so unsympathisch es vom kulturellen Standpunkte wäre, die Forderung wäre sachlich. Wenn aber der Ruf ertönt, es müsse ein Pole gewählt werden, der sogenannte Pole ist aber ein assimilierter Wiener, dann ist das ein Schlagwort, ein harmloses, ja sogar in unserem Falle ein erfreuliches, weil wir zu einem sehr guten Kandidaten kamen. Wenn man gegen die bezirksweise Wahl ist, zugleich aber verkündet, daß einzelne Bezirke besonders vertreten sein müssen, als ob der Minhag in Penzing ein anderer wäre als der von Floridsdorf, so ist das ein harmlos-komisches Schlagwort. Nun komme ich zu einem gefährlichen Schlagworte, welches die Gemeindeverwaltung auf ein tiefes Niveau Herabdrücken und unseren Kampf nach außen ad absurdum führen könnte. Ich meine die christlich-soziale Phrase in das Jüdische übersetzt. Hören wir nicht in derselben Wirtshansberedsamkeit, wie das uns heilige Judentum in vereinsmeierischer Weise zu egoistischen Zwecken ausgebentet wird? Vor diesem Schlagworte warne ich dringend! Es ist natürlich P f l icht un d Schuldigkeit der Knltnsgenleinde, das jüdische Gewerbe durch Z u w e n d u n g ihrer Aufträge e n t f ch i e d e n st z u f ö r d e r lt. Die gleißnerischen Schlagworte sollen aber auf die intelligente Wählerschaft ohne Wirkung bleiben. Ich bin für Einheit und Reinheit in der Gemeinde!

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