Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 46 (25.11.1910)
- Date
- 1910-11-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Wahrheit Seite 9. Nr. 46. nachznkommen sich bewogen fühlen werden, dann werde ich auch meine ganze Willenskraft dafür aufwenden und in diesem Sinne bitte ich Sie, meine verehrten Herren, um Ihre geschätzte Stimme am 27. November. Wähler Hermann P l a f ch k e s erinnert an die Versammlung und das Programm des jüdischen Volksvereines, er fordert die Einführung des allgemeinen und gleichen Wahlrechtes. zunächst wenigstens eine Ausdehnung desselben, dann eine. Vermehrung der Anzahl der Borstaudsmandate, bezirksweise Wahl und Dezentralisation des Armenwesens. Endlich Herstellung von Freibelhänsern an den hohen Feiertagen. Seine Ausführungen werden mit lebhaftem Beifall seiner Parteigenossen begleitet. Der Präsident Dr. Alfred Stern teilt mit. daß der Kandidat Herr Dr. A. Halpern wegen dringender Verhinderung sein Ausbleiben bei der heutigen Versammlung entschuldigen lasse. Wähler Herr Sigmund Schickler unterstützt namens der Wähler des XVI. und XVII. Bezirkes die Kandidatur des Herrn Dr. Jakob Deutsch. Dr. S. R. Lauda n spricht für die Opposition, bemängelt die Bestellung zweier Primarärzte am Rothschildspital als angeblichen Ausgleich zwischen streitenden Parteien und meint, daß der Vorstand sich lediglich ans seine Verwaltungsausgaben beschränke und seine hohen Pflichten zur Vertretung des Judentums nach außen gegen Anfeindungen und Angriffe vernachlässige. Präsident Dr. Stern: ' Ich glaube doch, daß es meine Pflicht ist, die Amvürse, welche von Seiten des letzten Herrn Redners gegen die Verwaltung der Knltnsgemeinde und auch gegen mich persönlich erhoben wurden, zu widerlegen. Ich werde mich sehr kurz fassen, sehr kurz, meine Herren, weil ich noch deit jetzt eingeschriebenen Rednern das Wort erteilen will. Es hat Herr Dr. Land a u erzählt, wie lch im Wege der Opposition in den Knltusvorstand gekommen bin; er hat Ihnen aber auch, und zwar in seiner Zeitung, noch ein anderes Märchen erzählt, daß ich nämlich durch die Protektion des sel. Ritter von Wertheimer, der mir heute noch als Jdealgestalt vor Angen steht und dem ich ein treues Angedenken bewahre, in den Knltusvorstand gelangt bin. Meine Herren! Ich bin am 1. Jänner 1889 in das Vorstandskvlleginm eingetreten; fast zwei Jahre vorher, zu Anfang 1897, ist Herr JosefRitter von W e r t h e i m e r gestorben. Ich muß aber gestehen, daß ich es mir zur Ehre anrechnen würde, hätte ich mein Mandat seiner Protektion zu verdanken gehabt. Herr Dr. Landau hat in diesem Artikel auch erzählt, meine Wahl sei damals durch Schleichwege betrieben worden und heute wieder weiß er zu erzählen, daß ich sie der Opposition zu verdanken hatte. Da werde ich Ihnen, meine Herren, nun berichten, von welcher Art diese Opposition war. Es hat eine Zeit gegeben, da man im Knltusvorstande gegenüber der antisemitischen Bewegung und namentlich gegenüber den Auswüchsen derselben, wie der fluchwürdigen Beschuldigung des Ritnalmordes, nicht mit jener Energie ausgetreten ist als es wünschenswert und notwendig gewesen wäre. Es soll dies durchaus kein Vorwurf sein, den ich gegen den damaligen Knltusvorstand erhebe; denn die Herren waren der Meinung, daß eine solche boshafte, dumme, alberne Bewegung unbedingt von selbst zu Ende gehen müsse und daß eine Opposition dagegen nur angetan wäre, diese Bewegung zu nähren anstatt sie wirksam zu bekämpfen. Das war eine Anschauung, eine ideale Anschauung, und dieser Anschauung habe ich nicht gehuldigt und ich habe damals die Forderung gestellt, es müsse dem Knltusvorstande als Pflicht anserlegt werden, nicht allein auf jene Agenden, welche durch Gesetz und Statut ihm als Wirkungskreis vorgeschrieben sind, sich zu beschränken, nicht allein auf die Pflege des Kultus, des Religionsunterrichtes und Wohltätigkeit — gewiß diese Angelegenheiten sollen unbedingt vom Kultnsvorstande besorgt werden — sondern auch, obwohl die gesetzliche Kompetenz nicht dafür spricht, weil aber der Kultus- Vorstand die einzige Repräsentanz des Judentums ist, in allen Füllen, wo Juden verfolgt, bedrückt und gequält werden, sofort die geeigneten Schritte zu unternehmen. Darin bestand das Programm, das ich damals ansgestellt und dem Knltusvorstande. als meiner Ueberzengnng entsprechend, ans Herz gelegt hatte. Und dieses Programm, ans Grund dessen ich gewählt wurde, ohne kandidiert zu haben und ohne einer Protektion teilhastig zu werden, dieses Programm habe ich vom erstell Tage meines Eintrittes in den Knltusvorstand bis zum heutigen Tage getreu erfüllt; dessen sind nicht nur die Herren im Knltusvorstande, dessen sind sie alle Zeugen. Es war meine erste Arbeit, als ich in den Kultusvorstand eintrat, ein Memorandum zu veifassen — welches Wochen unausgesetzter Arbeit gekostet hat, während welcher ich nicht einmal eine Zeitung las und nicht wußte was in der Welt vorgeht — ein Memorandum für die Regierung, in welchem ans alle jene Beschwerden hingewiesen wird, welche wir zu erheben haben, ans all die fluchwürdigen Verfolgungen, unter welchen wir Inden durch den Antisemitismus zu leiden haben. Dieses Memorandum ist seinerzeit dem Gesamtmiuisterinm übermittelt, dem Ministerpräsidenten und den Ministern der Justiz und für Kultus und Unterricht persönlich von Seite des Kntlnsvorstandes überreicht worden. Dieses Memorandum, das allerdings durch die Zeitverhältnisse heute überholt ist, existiert heute noch in dem Archiv unserer Gemeinde. Das war meine erste Arbeit, und meine letzte war: Daß ich anläßlich einer jüngst stattgesnndenen 'Wahl, bei der ein Kandidat durch eine Majorität gewählt werden sollte, in welcher die Inden ausschlaggebend waren, ein Kandidat, der von einem ofsiziellen Wahlkomitee ansgestellt worden war und der sich im Besitze des betreffenden Mandates besnnden hat, an einer Aktion mich beteiligte, in der wir Inden demonstrierten, daß wir uns nicht gleichgiltig gegenüber der Tansbewegnng verhalten, und dargeian haben, daß wir einem Manne, der von uns ein öffentliches Mandat ansprechen will, wenn er unsere Glaubensgemeinschaft, der er angehörte, verlassen hatte, dieses Mandat nicht zil erkennen. Ich will hier nicht die Frage erörtern, ob ich bei diesem Anlasse von allen Inden oder von allen jüdischen Parteien unterstützt worden bin, und will nur bemerken, daß ich vor wenigen Wochen in einem Blatte gelesen habe: Ihre Partei konnte jene Bewegung nicht unterstützen, weil die Männer, für die wir hätten eintreteu sollen, ihr nicht konveniert haben. Das können sie in einem Parteiblalte lesen, das vor drei bis vier Wochen erschienen ist. Und da sage ich Ihnen, wenn man mich heute vor die Wahl stellte, einem Straßenbeuler gegenüber dem getauften Inden die Stimme zu geben, ich mich für den Straßenbettler entscheiden würde. Meine Herren! Sie wissen es vielleicht nicht, daß bei der Ausschreibung von öffentlichen Stellen häufig der Taufschein allein verlangt wird, beispielsweise bei den Konkursen von Distriktsärzten. Und da geht kein solches Edikt hinaus, ohne daß von mir an geeigneter Stelle Einspruch erhoben werden würde, und oft sind diese Edikte infolge des Einspruches des Kultnsvorstandes widerrufen und durch Nenansschreibnngen ersetzt worden, in welchen, wo es sonst Taufschein hieß, jetzt Taus¬ oder Geburtsschein heißt. — Das sind nur kleine Markierungen, welche die Tätigkeit des Knltnsvorstandes nach der Richtung, wie sie von den Herrn Rednern bemängelt wurden, beleuchten. Es gibt, wenn ich von einem Unrecht Kenntnis erhalten, keine Instanz, zu der ich nicht hingegangen wäre oder hingehe, es gibt keinen Ministerpräsidenten oder anderen Minister, zu dem ich nicht hingehe und persönlich sage: Da und dort ist ein Unrecht geschehen. Von Seite des Herrn Vorredners ist erwähnt worden, daß der Bericht der Knltnsgemeinde nur jenen Steuerzahlern zugehe, welcheim letzten Jahre die Knltussteuer I entrichtet haben. Demgegenüber bin ich in der Lage festznstellen, daß wir 25.000 solcher Berichte versenden, also nicht allein an die Wähler, sondern auch an jene Mitglieder, welche mit der Steuerzahlung im Rückstände sind. Es ist das eine Arbeit, die mit Rücksicht auf den dazu verfügbaren, verhältnismäßig kleinen Apparat nicht so leicht und nnr sukzessive zit bewältigen ist.