Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 46 (25.11.1910)
- Date
- 1910-11-25
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. 46. kenne ich frei und offen, daß die einzige Pflicht, welche die Gemeinde! von ihren Angehörigen verlangt, der Stenerbeitrag darstellt. Die Opfer aber, welche die Juden bringen, die schweren Bürden nnd Lasten, welche sie allerdings zu tragen haben, die bringen sie nicht der Gemeinde, sondern dem Jndentume, ihrer Religion und, wenn Sie wollen, ihrem Vvlkstnme. Wir könnien uns noch lange darüber unterhalten, ich will aber, um Ihre Geduld nicht ans eine zu lange Probe zu stellen, mich für heute damit bescheiden. Wenn Sie mich aber solcherart lim mein Programm befragen, wenn Sie danach forschen wollten, was ich zn leisten gedenke, so erkläre ich, ich will nichts mehr, als Mitarbeiten, um das Ansehen und die Bedeutung unserer Großgemeinde zn heben nnd zu festigen, Vergangenheit und Gegenwart. Altes nnd Neues mit einander in ersprießlichem Einklang zn bringen, unsere Ueberlieferungen zn hegen nnd zu pflegen, aber auch dazu beitragen, daß die Grundlage nnd die Verfassung unseres Gemeinwesens, den Anforderungen der Zeit nachkommend, eine immer mächtigere nnd breitere Ausgestaltung erfährt. Die heutige Zeit ist, wie übrigens jede — um mich des Wortes eines sehr geehrten Mitgliedes unserer Gemeinde, Herrn Bernhard Hofbauer, zu bedienen — eine historische. Fast scheint es, als ob jene dichte Nebelschwaden, die gleich einem Verhängnisse uns umhüllt halten, endlich zerreißen, als ob nach einer Zeit arger Bedrängnis, in der sich unsere Gemeinde aber gleichwohl intensiv zn entwickeln vermochte, die Morgenröte besserer Tage anbrechen sollte. Da muß es nun für jeden, der sich seinen jüdischen Geist nnd seine Anhänglichkeit an das Judentum bewahrt. eine erhöhte Freude und Lust sein, au den Aufgaben, die uns bevorstehen, teilzunehmen. Zn dieser Arbeit dränge ich mich mit einem gewaltigen Stück Liebe, mit einer tüchtigen Portion Treue und, wenn sie sich den Refrain des bekannten Liedes mit einer kleinen Variation zn Ende denken, „nicht ein bisserl Falschheit ist dabei", denn diese ist meinem Wesen fremd. So trete ich denn vor Sie, geehrte Herren, hin, um Ihr Vertrauen zn werben, und dieses löbliche Vorhaben dürften mir auch die liebwerten Herren der Opposition, wie ich meine, gewiß nicht übelnehmen.- Kandidat Herr S. Brod. Präsidentdes Vereines zur Hebung der Gewerbe, stellt sich der Versammlung als Kandidat vor und wird mit großem Beisalle empfangen. „Seit vierzig Jahren bin ich ein ernster Mitarbeiter in den verschiedensten Körperschaften nnd Institutionen der Gemeinde, seit 22 Jahren Führer einer Volksschichte, deren Vertreter in allen Körperschaften der heutigen modernen Zeit die vollste Wertschätzung entgegengebracht wird. Mir Stolz und innerer Befriedigung kann ich es sagen, daß der jüdische Gewerbestand von heule, an Leistungsfähigkeit und Tüchtigkeit nichts zn wünschen übrig läßt. Auch einen Kreditverein habe ich unter Mitwirkung einiger hervorragender Männer ins Leben gerufen, die jährlich 3—400.000 Kronen Darlehen für Kleingewerbetreibende nnd Kaustente gewährt. Ich werde im Vorstande der Gemeinde naturgemäß die Interessen der Gewerbetreibenden bezüglich Vergebung von Arbeiten und Lieferungen umso unbefangener vertreten, als ich selbst auf die Arbeiten seitens der Gemeinde nicht reffektiere. Dennoch kandidiere ich nicht speziell als Vertreter des Gewerbestandes, sondern stelle mein bescheidenes Wissen auf jüdischem nnd kulturellem sowie gewerblichem Gebiete, mein warmes Empfinden für meine Glaubensgenossen und meine Volkstümlichkeit in den Dienst unserer Gemeinde. Ich bin: 1. für die Schaffung eines neuen Statuts auf volkstümlicher Basis; 2. für die Umwandlung der Bezirksvertretungen in Vo lks Vertretungen; 3. für die obligatorische Einführung des S 1 e lt e rminintum s von K 10.—; 4. für die kräftigste Unterstützung der T e m p e l v e r e i n e; 5. für die Vermehrung der Vorstandsmandate. Damit werden die Wünsche aller Parteischattiernngen befriedigt und das allgemeine Wahlrecht wird sich zweifelsohne von selbst ergeben. Bezüglich der A b f a l l b e w e g n n g verweise ich anf meinen ausführlichen Vortrag in der öst. isr. Union und auf die praktischen Vorschläge, die ich zur Eindämmung derselben gegeben habe. Sollten Sie mich, meine geehrten Herrn Wähler, für das Mandat eines Knltusvorstebers würdig halten, so bitte ich Sie ohne Unterschied der einzelnen Parteischattiernngen um Ihre Stimme. Meine Vergangenheit, glaube ich. bietet Ihnen genügend Beweis dafür, daß ich nicht nur verspreche, sondern auch gerne arbeite, sobald es sich um das Wohl meiner Glaubensgenossen handelt. Kandidat Herr Emanuel Grünwald aus Floridsdorf appelliert an das Vertrauen der Wähler, indem er auf sein langjähriges Wirken als Präsident der früher bestandenen Knltnsgemeinde Floridsdorf verweist. In dieser Stellung hatte er genügend Zeit, Erfahrungen z» sammeln, nnd' da er von allen Geschäften sich zurückgezogen habe, widme er sich den allgemeinen Aufgaben seiner Glaubensgenossen. Die exponierte Lage des Bezirkes rechtfertige es, daß demselben ein Vertreter eingeränmt werde. Die Gemeinde besitze in diesem Bezirke zwei Friedhöfe, einen in Floridsdorf und einen in Wagram. Redner verweist anf die Zuschrift eines Einsenders in der letzten Nummer der „Oesterreiehischen Wochenschrift", betreffend den Friedhof in Denlsch-Wagram und erklärt, daß die znm Ausdruck gebrachten Besorgnisse über den Verfall der Gräber ungerechtfertigt sind. Redner habe erst diese Woche im Vereine mit dem Leiter des Friedhofamtes die Gräberstätte besichtigt, er werde Vorsorge treffen, daß der Friedhof in gutem Zustande erhalten bleibe. (Lebhafter Beifall.) Med. Dr. I. Deutsch: Meine Herren! Trotzdem mau heutzutage gewöhnt ist, den Kandidaten nach seiner Kandidatenrede zn beurteilen, glaube ich doch, daß sämtliche Herren mit mir übereinstimmeu, wenn ich behaupte, daß gerade Heine der Mann der Tat und nicht der des Wortes für uns notwendig ist. Worte sind schönklingend, freundlich, liebenswürdig, Taten jedoch ernst, schwierig aber notwendig. Ohne persönlich unbescheiden zn sein, darf ich wohl sagen, daß mir sowohl die Betätigung des Judentums, als auch dessen Wortführnng nicht fremd sind. Ich kann gerade in dieser Stunde auf meinen seligen Vater Hinweisen, der als Rabbiner nnd Prediger der israel Knltnsgemeinde Wien gestorben ist. Als Sohn dieses Vaters ist mir wohl das Gemeindeleben nicht fremd geblieben. Ich lernte es erst in einer kleinen Gemeinde, später in Wien kennen nnd hier in doppelter Eigenschaft iii der ursprünglich selbständigen Gemeinde Hernals-Ottakring, und als Hernals- Ottakring inkorporiert wurde in der großen Knltnsgemeinde. So bin ich nun eingeweiht nicht durch Worte allein, sondern auch in der Tat in sämtlichen Kultus- und gottesdienstlichen Angelegenheiten, dessen regelmäßigen Gang ich aus nächster Nähe zu beurteilen Gelegenheit hatte. Ich bin aber auch kein Laie anf dem Gebiete des R e l ig i o n s u n t e r r i ch t e s, den ich als die Grundlage aller unserer Zukunft betrachte und was immer auf diesem Gebiete aufgewendet wird — vorausgesetzt in richtiger Weise — betrachte ich als das segensreichste Samenkorn für die Zukunft. Wenn nun Kultus und Religionsunterricht für mich ein heiliges Erbstück meines seligen Vaters ist, so tritt für mich durch meinen Beruf noch ein dritter Punkt hinzu, die Pflege der Wohltätigkeit nnd das Armen wesen. Seit zirka 20 Jahren bin ich Arzt in Hernals und Ottakring, Bezirke, die durch große A i m u t und Elend hervorstechen, und habe diese oft in den schwierigsten Stunden kennen gelernt. Aber auch hier habe ich mich betätigt. Ich bin seit Jahren in führender Stellung in der Bezirkskommission des XVI. und XVII. Bezirkes, bin Vorstandsmitglied der Chewra Kadischa dieses Bezirkes, bin auch Obmann eines großen Humanitären Vereines „Kinderfrennde", der jähelich über 150 jüdische Kinder vollständig bekleidet. Was ich also bis nun im kleinen Wirkungskreise geleistet, das will ich auch in einen größeren übertragen. Wenn Sie nun meinem Wunsch, mein Wort in die Tal umsetzen zu können,