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Die Wahrheit · 1910-11-25 · Heft 46 (25.11.1910) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 46 (25.11.1910)
Date
1910-11-25
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 46. Gedenkens, die derselbe in seinem Berichte dem Verewigten widmete, dem ich jahrelange ein lrener Mitarbeiter nicht nur im Berufe, sondern auch in seiner ihnen wohlbekannten Tätigkeit im Interesse der Jndenschasl gewesen bin.. Gerade dieser Umstand mag Ihnen, geehrte Herren, sagen, daß ich mich heute nicht als homo novus suhle, sondern durch meine langjährige stille Mitarbeir in der Lage war. mich mil Ihren Wünschen und den Bedürfnissen der Wiener Jndenschasl vertrant zu machen. Wenn Sie mir. geehrte Herren. Ihr Vertrauen znwenden. und mir durch Ihre Wahl das Ehrenamt eines Vorstehers übertragen wollen, soll es mein Bestreben sein, jene große Lücke ansznsüllen, die durch den Heimgang Emil Horners entstanden ist. Wie schon erwähnt, hatte ich,und zwar fast durch zrvei Jahrzehnte urlter anderem Gelegenheit milznarbeiten an den vielfachen und verzweigten Wohltäligkeitseinrichtnngen jenes Hanfes und ich darf ohne unbescheiden zu sei», rvohl behaupten, uiauche Anregung gegeben zu haben, die ans fruchtbaren Boden siel. Das Vertrauen meines Chefs berief mich au die Stelle des Dahiugeschiedeueu und damit wurde mir auch die Ausgabe zuteil, dessen Hans in den verschiedenen Wvhltätigkeitsinstitntionen zu vertreten. Ich glaube Ihnen mil diesen meinen Erklärungen gewissermassen auch schon mein Programm ausgesprochen zn haben und hege ich die Ueberzengnng, daß sich mir im Vorstande der Gemeinde reiche Gelegenheit bieten rvird. Wissen und Ersahrungen in einer für das Jrrdentrrnr sehr förderlichen Weise verwerten zu können. Daß ich den Willen hiezu besitze, glaube ich durch! meine Aussührungeir zum Ausdrucke gebracht zn haben; wo i immer ich die Möglichkeit erblicken werde, eingedenk Ihres Verj tranens, der freiwillig übernommenen Ausgabe entsprechend! meinen Glarrbensgenossen nützlich sein zn können, wo und wann j immer die Devise heißen wird: „Gutes um, schöne, edle Taten > schaffeil" will ich mit bestem Wisserr und Gewissen, eifrig mit- > arbeiten au der schwierigen und verantwortungsvollen Ansorde-! ruug. die unserem Vorstande und damit auch jedem Mitgliede! desselben erwächst. ' j Wenn Sie, meine Herren, ans melnen Atlsführnngen die! Ueberzeugnng zn schöpfen glauben, daß ich berufen wäre, ein i würdiges Mitglied jener Körperschaft zu sein, deren Pflicht und! Aufgabe es ist. Ihre Interessen zri wahren, zn schützen und zn! fördern, dann will ich freudig und opferwillig den Versuch \ wagen, mich Ihres Vertrauens würdig zn zeigen.! Kandidat Herr Architelt Gärtner lichtet au die Ber-! sammlung eine kurze Ansprache, welche beifällige Ausnahme J findet. Den Mitgliedern der Knltnsgemeinde kann er unmöglich - unbekannt fein, denn er habe in Wien vier Synagogen erbaut l und in diesem Jahre die sünsundzwanzigste Synagoge volleridet. i Er habe im Leben ein hohes Maß von Uriabhängigkeil sich er-! kämpft, er werde fein bestes Können dem allgemeinen Wohl : widmen. Er ist ein Mann der Arbeit und werde, wenn das - Vertrauen der Wähler ihn ans einen Posten stellt, nach Maß-! gäbe seiner Kraft und seiner Erfahrung seine Pflichten zri erfüllen wissen. (Lebhafter Beifall.) i Kandidat Herr Dr. Heinrich Schreiber:! Ich bin in der Reihenfolge der Redner rvvhl etwas spät; darart. Es hat dies immerhin .manche Nachteile, weil man an-? gesichls der ansgezeichneteu Ansführnugen der Vorsprecher sich! in gewissen Punkten nur wiederhoierr könnte; es hat aber ander-! seils auch den Vorteil, daß man gleich in der Lage ist, aus! Vorbringnngen. denen man entgegentreten möchte, zn reagieren j und sich mit ihnen näher zu beschäftigen. Vor allem muß ich aber eines betonen. Wenn man dieses dünne Heftchen in die Hand nimmt, das den Rechenschaftsberichr der Knltnsgemeinde für das letzte Dnenninm enthält, und bei dem Interesse, welches man hieran nimmt, trotz der Kürze der Zeit, die einem 'zu Gebote stand, den Inhalt überblickt, dann sieht man, welche Unsumme und Fülle von Arbeit wieder geleistet worden ist. Ich sage dies nicht, um etwa in eine Lobeshymne ans die dermalige Gemeindeverwaltung einznstimmen, obschon sie es hiernach in vollem Maße verdient; ich sage es auch nicht, um mich bei eite 7. Einzelheiten auszuhalten, die einer speziellen Hervorhebung und Erörterung würdig wären, sondern ich erwähne dies, um damit zu bekunden, daß eigentlich jeden, der sich um ein Mandat in die Gemeinde bewirbt, eine gewisse Beklommenheit darüber beschleichen muß. ob er die nötigen Kenntnisse, die erforderlichen Qualitäten answeist und anfznbringen vermag, um sich den gewaltigen Ausgaben der Wiener jüdischen Großgemeinde erfolgreich zit widmen. Jeder, der noch nicht unmittelbar mngearbeitel und mitgetan hat, muß sich als Neuling fühlen, wenn er es sich auch im Lause der Jahre noch io angelegen sein ließ, in die Wirksamkeit der Gemeinde, die sich ja im vollen Lichte der Oeffentlichkeit abipielt. einzubriugen. Es fehlt ja auch nicht an den Mitteln der Publizität, um die große Masse der Mitglieder über die internen Ereignisse ans dem.Lansenden zn halten. Aber darin liegt ja der Unterschied zwischen den Angelegenheiten allgemeiner weltlichen Interessen und dem engeren Interessenbereich unserer Glaubensgemeinschaft, daß ipeziell unsere Presse, so wohl unterrichtet, versiert und fleißig sie auch ist, sich doch vielfach zersplittern muß, da sie sich angesichts der ans uns Inden ständig einherstürmendeu Angriffe und Gegnerschaften noch mit vielen anderen wichtigen Dingen und mit starken Abwehrbewegnngen beichäsligen muß. Dafür aber haben wir in rein jüdischen Sachen ein Gutes, das als unantastbare, fest gegründete Säule allen Erschütterungen Trotz und Widerstand bietet. Wir haben eine altebi würdige unentwegte Tradition, deren Kontinuität nicht unterbrochen werden kann, weil sie sich einfach nicht unterbrechen läßt. Ihr kann selbst der Modernismus, der sich ja bei anderen Konfessionen bewegt, kaum etwas anbaben ans dem einfachen Grunde, weil wir in Befolgung einer weitgehenden Toleranz, aus die wir. selbst Anspruch nehmen und die wir darum auch anderen gerne gewähren, schließlich jeden nach seiner Fasson glücklich und selig werden lassen. So sind die spirituellen Einrichtungen, wie sie sich in dem reinen Gottesdienste, im Ritus und im Kultus äußern, ein rrvli me tangere, ein stetiger, durch Ueberliesernng geheiligter Besitz. Anders mag es sich in den mehr weltlichen Relationen verhalten. Gewiß, verehrte Versammlung, da kann gebesseil und gebosselt werden. Allerdings füllt es schwer, hier einem besonderen Zweige den Vorzug zn geben. Alle diese Angelegenheiten sind sonder Ausnahme so wichtig, daß man sie, gleichviel ob ideeller oder materieller Natur, nur in einem Atem nennen, sie nur in einem gewissen Parallelismns zusammenhalieu und nur gemeinsam behandeln kann. Denke ich an den biblischen Unterricht, io gilt die Obsorge den Kindern, dem Stolze jeder jüdischen Familie, unserer Zukunft und Hoffnung. Denke ich an Wohlfahrt und Fürsorge, an Stiftungen, und Spitalwesen, so gilt die Obsorge den Kranken und Schwachen, den Entgleisten, die aus dem Wege niedergebrochen sind und Schutz und Schirm von ihren Glaubeusbrüdern heischen. Und wenn es sich darum handelt, diesen Notwendigkeiten und Bedürfnissen gerecht zn tverden, dann muß aller Gegensatz schweigen, jeder kleinliche Parteizank und jede Meinnngsverichiedenheit, auch jede Knickerei. Ta beißt es in Erfüllung gesetzeslrener Pflichten Herz und Hand öffnen, um hilfreich und charnativ einzngreisen; denn es gilt Armut Elend und Trübsal zn lindern und seinen jüdischen Gemeinsinn zn erweisen. So bleibt für der Parteien Gunst und Haß eigentlich nur e i n Gebiet des Gemeinwesens übrig, und das sind jene rein wirtschaftlichen Belange, jene Wünsche und Pvstnlale. die, wie wir heute mehrfach gehört haben, Steuer und Stimmrecht betreffen. Es würde zn weit führen, sich heute noch auch mit diesen Fragen zn befassen. Dazu ist die Stunde wobt zn weit vorgeschritten und da mehrere Versammlungen augesetzt sind, so dürste sich ausgiebig Gelegenheit bieten, aus diese Themen des Näheren einzngeben. Ich will mich aber keineswegs um diese Frag,n hernmdrücken. nicht vorsichtig um den Brei hernmgehen. sondern, da ich mich auch mit ihnen beschäftigt habe, kurz und bündig meiner Meinung dahin Ausdruck geben, daß auch hier noch „alles fließt" und daß leider oft mit Trug- und Fehlschlüssen gearbeitet wird. Wird beispielsweise — mit nur Eines heranszugreisen — behauptet, das allgemeine, gleiche Wahlrecht sei ein Korrolar der Pflichten und Opfer, welche die Juden der Gemeinde bringen, so be- Die Wahrheit

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