Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 46 (25.11.1910)
- Date
- 1910-11-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Teile 6. Die Wahrheit Nr. 46. erinnere ich mich an das Wort eines von uns hochgeschätzten nnd hochgeehrten Mannes, der sagte: „Hüten Sie sich, meine Herren Kandidaten, Programme anfznstellen nnd Schlagworte in die Menge zn werfen, denn wenn Sie das Programm nicht einhalten können, werden Sie bald beim Worte genommen und haben Unannehmlichkeiten." Deshalb möchte ich nur sagen, daß meine künftige Tätigkeit im Knltnsvorstande eine derartige sein wird, daß sie vor Gott und den Menschen Wohlgefalleit erregen wird. Wenn Sie dieses Programm akzeptieren, bitte ich um Ihre Stimmen. (Beifall.) Herr Wilhelm Pappenheim fühlt sich als langjähriges Vorstandsmitglied der Israel. Allianz nnd als Kurator der galizischen Baron Hirsch-Stiftnng über den Verdacht erhaben, ans Eitelkeit zn kandidieren. Er will sich auch in der Wiener Gemeinde betätigen. Die historische Grundlage des ideellen Baues der Knlrnsgemeinden bilde das jüdische Solidaritätsbewnßtsein. Ans dieser breiten Basis müssen die religiösen Bedürfnisse aller Richtungen befriedigt werden. Die drei Grundpfeiler des Baues der Gemeinde sind Thora, Abodah nnd Gemilas-chassodim. Die jüdische Wissenschaft müsse gefördert werden. Im Religionsunterrichte müsse die Theorie desselben nnd Üie Praxis des elterlichen Hanfes möglichst überbrückt werden. Die Herzen der Jugend müssen von der Ethik des I n d e n t n ui s erwärmt sein. Das sei der einzige Weg. um die Tanssenche einzndämmen. Allerdings müßte auch die Ethik des Staates gehoben werden, daß es nicht zur Qualifikation eines Richters werde, vorerst einen Meineid zn begehen. Diese Forderung sei aber „über unsere Kraft" als Inden. Redner hält den Ritus in den hiesigen Tempeln für würdevoll und eingelebt, will aber auch, baß den Orthodoxen durch Errichtung orthodoxer Gemeindebethänser ihr Recht werde. Alich die Ueberwachnng anderer ritueller Institutionen könne nicht anfgedrängt werden. Eine krystallreine Verwaltung, wenn die jetzige auch einwandfrei, sei am Platze. Er fordert Vermehrung der Zahl der Vorstandsmitglieder und Wahl von Ersatzmännern, sowie Aendernng des Stenerwesens. Redner bespricht sodann mehrere Fragen Humanitären Charakters. Was der Knltnsgemeinde getan wird, geschieht im Interesse des Gesamtjndentnms, des quantitativ so kleinen, ideell so großen Faktors in der Geschichte der Religionen nnd der Kultur. Als Napoleon seine Soldaten recht begeistern wollte, führte er sie vor die Pyramiden nnd rief: ..Franzosen, vier Jahrtausende blicken ans euch herunter". Wir Inden wissen und fühlen es ohne Pyramiden nnd ohne Rethorik: „Vier Jahrtausende blicket! ans nns herunter!" Das geistige Erbe ans Jahrtausenden müsse in modernen Zeiten mit modernen Waffen verteidigt werden. (Beifall.) Reichsratsabgeordneter Dr. Mahler berichtet übereinen die Geschäftsgebahrnng der „Israel. Allianz" betreffenden Fall, in dem angeblich ein hilfesuchendes russisches Ehepaar mit empörender Herzlosigkeit behandelt worden sein soll, nnd fragt den Kandidaten Herrn Wilhelm P a p p e n h e i m, als Vorstandsmitglied der Allianz, wie er diesen Vorgang verantworten könne. Der Vorsitzende Präsident Dr. Alfred Stern erklärt, er werde die Sache sofort untersuchen lassen nnd die eventuellen Schuldigen zur Rechenschaft ziehen. Sollten sich die Anklagen des Vorredners, was er unmöglich glauben könne, bewahrheiten, werde er nicht ermangeln, alle Konsequenzen zn ziehen. Uebrigens wird Herr Pappen heim, dem der Fall bekannt ist. Aufklärungen geben. (Lebhafter Beifall.) Herr Wilhelm P a p p e n h e i m gibt folgende Darstellung: Eines Mannes Rede ist keines Mannes Rede. Man mnß sie hören alle beede. Das gilt auch von einer Rede, wenn sie ein so ausgezeichneter Redner hält, wie es Herr Abgeordneter Dr. Mahler ist. Ich bin über den Fall genau informiert und kann folgendes berichten. Vor einigen Tagen kam ein aus Paris ankommendes Ehepaar znr Augenbehandlnng nach Wien und verlangte die Weiterbeförderung. Dieses Ersuchen wurde abgelehnt. — Petenten, die zn Aerzten nach Wien kommen, müssen rücksichtslos abgewiesen werden, tveil die Allianz zu ihrem eigentlichen Zwecke nie kommen könnte, wenn sie derartige zahllose, außer ihren Rahmen liegende Fälle behandeln würde. Das Ehepaar kam nächster Tage wieder, leugnete ab, znm Arzt gekommen zn sein. Der Mann sagte, er wäre ansgewiesen. Ans meine Frage, wieso er ans Frankreich ansgewiesen wurde, konnte er keine Antwort geben. Das Ehepaar verwickelte sich in zahllose Widersprüche nnd es stellte sich heraus, daß es Wanderbettler wären. Der Bericht des Herrn Abgeordneten, daß man der Frau sagte, sie möge sich mit ihrem Kinde einen Strick um den Hals geben, ist vollständig unwahr. Das geht schon ans der Tatsache hervor, daß das Kind in Paris ist. Sie werden einsehen, meine Herren, daß es ein etwas länglicher Strick sein müßte, der zn diesem Behnfe gebraucht werden sollte. (Lebhafte Heiterkeit.) Die Frau hat überhaupt ein ganz kolossales Mundwerk. Wenn sie m eine Wahlversammlung käme, lvürde sie Sensation machen. (Heiterkeit.) Wenn der Ausdruck wirklich gefallen wäre, wäre ich der erste, der seine Konsequenzen daraus ziehen nnd ans dem Vorstande ans treten würde. Der Ausdruck wäre eine Niedertracht. Um zn sagen, wie inhuman die Allianz in der Sache vorging, kann ich mitteilen, daß das Ehepaar für Sonntag in die Allianz bestellt wurde, da wir die Angelegenheit im Sinne unseres Statutes durch die Armenanstalt anstragen lassen wollen. Den Herrn Dr. M a h l e r ersuche ich aber, wenn er für die Folge als Maler gran in gran malen will, daß er sich über die Angelegenheiten erst informiere. Es ist mehr als unstatthaft, ohne Information derartige Beschuldigungen ansznsprechen. Ich kann ruhig im Vorstände der Allianz bleiben, denn das, was heute berichtet wurde, ist erlogen. Kandidat Herr Karl Lemberger, von allen Seiten mit lebhaftem Beifall begrüßt, stellt sich der Versammlung vor. Redner dankt für die sympathische Begrüßung nnd die lebhaften Zeichen der Sympathien, welche ihm entgegengebracht werden, nnd fügt hinzu: „Nach fünfzigjähriger Tätigkeit nnd Arbeit ziehe er sich mit Ende dieses Jahres ans seinen Geschäften zurück nnd trete ans der Firma ans. Er hege den Wunsch, von nun an seine Kraft den Aufgaben der israelitischen Knltnsgemeinde zn widmen. „Wenn Sie mich durch Ihr Vertrauen anszeichnen, so werde ich mich bemühen, nach Recht nnd Pflicht zu wirken." (Lebhafter Beifall.) Kandidat Herr Richard Bettelheim: Sehr geehrte Herren: Von befreundeter Seite ist die ehrenvolle Anssordernng an mich ergangen, gelegentlich der diesjährigen Wahlen in den Vorstand unserer ansehnlichen Gemeinde mich um Ihr vertrauensvolles Mandat zn bewerben. So sehr ich mich nun durch diese Einladung geehrt fühlte nnd mich das angenehme Bewußtsein, falls Sie mich in den Vorstand berufen, Gelegenheit zn haben, tatkräftig für Ihre Interessen wirken zn können, mit freudigem Stolz erfüllte, mnß ich Ihnen, geehrte Herren, dennoch offen gestehen, daß mir der Entschluß heute hier vor Ihnen zn erscheinen, nicht leicht geivorden ist. Als mir aber von hochansehnlicher Seite jüngst mitgeteilt wurde, daß in einer vor kurzem stattgefnndenen Sitzung des Zentral-Wahlkomitees meine Kandidatur und ich darf wohl sagen, mit Sympathie akzeptiert wurde, da reifte in mir der Entschluß, dieser Einladung nachznkommen. Das ausschlaggebende mich bestimmende Moment war für mich daran gelegen, daß nach den mir gewordenen Informationen, mit der Aufstellung und der einmütigen Annahme meiner Kandidatur beabsichtigt war, dem Hanse, dem ich anzngehören die Ehre habe, eine Vertrauensknndgebnng zn votieren, jenem Hanse nnd jener Familie, welche es sich znm Stolze anrechnet, den innigen Kontakt aufrecht zn halten, der sie seit Generationen in traditioneller Weise mit der Wiener Judenschaft so eng verbindet und die es an reger werktätiger Anteilnahme an allen jüdischen Interessen nie hat fehlen lassen. Zn Anfang dieses Jahres verschied das Vorstandsmitglied Emil Horner. Seiner nnd seines Wirkens hier zn gedenken kommt mir nicht zn; doch ist es mir ein persönliches Herzensbedürfnis, diesen Anlaß zu benützen, dem verehrten Vorstande innigen aufrichtigen Dank zn sagen, für die warmen Worte des