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Die Wahrheit · 1910-11-25 · Heft 46 (25.11.1910) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 46 (25.11.1910)
Date
1910-11-25
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr 46. Die Wahrheit Leite 5. Die Wiener Knl1r»s«mlstri». Die noch vor kurzem gehegte Erwartung, daß die für den 27. d. M. ausgeschriebenen Wahlen für den Kultusvorstand sich diesmal ohne besonderen Wahlkampf vollziehen werden, ist leider nicht in Erfüllung gegangen. Abgesehen davon, daß das auch im Zentral-Wahlkomitee in Aussicht genommene Compromiß mit der Opposition infolge Unaunehmbarkeil der Forderungen der Zionisten nicht zustande kam, zeigten sich auch in den Kreisen der dem gegenwärtigen Regime folgenden Wählerschaft separatistische Strömungen, die nur darauf znrückzuführen sind, daß das Zentral-Wahlkomitee, das von mehr als dreißig angemeldeteu Kandidaten nur elf zur Wahl Vorschlägen konnte, außer stände war, allen Wünschen, und darunter vielleicht manchen berechtigten, Rechnung zu tragen. Und so werden, außer der au anderer Stelle veröffentlichten Liste des Zentral-Wahlkomitees. besonders drei Kandidaten, es sind dies Herr med. Dr. I. D e n t s ch ans Ottakring, Herr Wilhelm P a pp e n h e i m, Vorstandsmitglied der „Israelitischen Allianz" und der Obmann des Tempel-Vereines im XX. Bezirk, Herr Hermann Eltbogen, am Wahltage auch in offiziellen Wühlerkreisen Unterstützung finden. Die Oppositionellen haben diesmal ihre Taktik geändert. Es kam nicht, wie vor zwei Jahren, zu so leidenschaftlich turbulenten Szenen, sondern ihre Wortführer, wenn sie überhaupt erschienen, beschränkten sich nur auf Juterpellativueu und programmatischen Erklärungen, die wohl miintiter mit größerem Stimmenaufwand, aber immerhin auf gütlichem Wege erledigt werden konnten. Der Vorstand hatte auch heuer, um die Kandidaten in größeren Kontakt mit den Wählern zu bringen, vier offizielle Wählerverfammlnngen einbernfen, über deren drei erste wir im nachstehenden berichten. 1. Wästlerversannttlung, Samstag, den ID. November, im II. Bezirk, Hotel Gut!;. Der Vorsitzende Präsident Dr. Alfred Stern begrüßt als Einbernfer der Versammlung die zahlreich erschienenen Mitglieder der Knltnsgemeinde, verweist auf den rechtzeitig versendeten Rechetischaftsbericht, welcher den Gegenstand der Diskussion bilden soll, und schlägt vor, zunächst die Kandidaten anzuhören, dann eventuelle Interpellationen an dieselben zn stellen und schließlich, wenn gewünscht wird, znm Rechenschaftsbericht zu sprechen. Hof- und Gerichtsadvokat Dr. Josef Zipfer verlangt, daß die Diskussion über den Bericht vor der Anhörung der Kandidaten in Angriff genommen werde. Dr. Heinrich Schreiber meint, daß die Feststellung der Tagesordnung dem diskretionären Ermessen der Einbernfer einer Versammlung anheimgegeben sei. (Vielseitige Zustimmung.) Der Vorsitzende erklärt, die Versammlung befragen zn wollen und bringt den Antrag Zipfer zur Abstimmung, welcher mit großer Majorität abgelehnt wird. Als erster Redner ergreift nunmehr das Wort, von der Versammlung mit Beifall begrüßt, kais. Rat Sigmund Kanders. Vor acht Jahren wurde mir die große Ehre zuteil, durch das Vertrauen der Wähler in den Vorstand entsendet zu werden, woselbst ich meinen Anschauungen entsprechend in konservativen Sinne gewirkt habe. Besonders betätigt habeich mich in der ersten Kommission, in dem Mikwah-Komitee und als Obmann der Friedhofskommisfion. Ich habe im Vorstand nicht einen Titel gesucht, sondern Arbeit, die Gelegenheit, für das Judentum zn wirken. Wenn Ihr Vertrauen mich wiederum aus den ehrenvollen Posten stellt, so will ich wie bisher meine Psticht erfüllen. (Lebhafter Beifall.) Phil, und Jur. Dr. Markus Spider unterstützt seine Kandidatur damit, daß er deni Programme, welches von ihm vor vierzehn Jahren anfgestellt wurde, während seiner bisherigen Wirksamkeit im Kultusvorstande treu geblieben und er auch heute rutr aus dasselbe Programm um das Vertrauen seiner Wähler werbe, das sich in wenigen Worten znsammensassen läßt: „Erhaltung sämtlicher Institutionen der Gemeinde in echt jüdischem konservativen Geiste." Dieses Prinzip umfasse nicht nur den Kultus und Unterricht, sondern auch die Wohlfahrts-Einrichtungen, in deren Leitung die erebteu Grundsätze der Gleichheit, Liebe und Barmherzigkeit zur Verwirklichung gelangen sollen. Redner habe sich vermöge seiner allgemeinen Bildung und seines seil frühester Jugend erfolgten intensiven Studiums des erhabenen, gewaltigen Schriftums unseres Volkes und dessen Geschichte vorwiegend den Fragen des Kultus und Unterrichtes zngewendet. Er habe die Ueberzengnng gewonnen, daß das Judentum in seinem Schrifttum fest wurzle, daß dieses allein die Quelle der Begeisterung und steten Verjüngung bilde und daß in ihm jene unverwüstliche Kraft ruhe, durch welche das jüdische Volk den Sieg über eine Welt von Vorurteilen, des Hasses und der Versolgitug errungen hat. Das Judentum hat sein Schrifttum durch die Jahrhunderte getragen, wurde aber von diesem wieder durch alle verderbendrohenden Stürme heil und unversehrt hindurch geleitet, nur ihm ist den traurigsten Epochen des Verfalles eine Renaissance zn verdanken. Redner habe daher ans allen Kräften an den Bestrebungen Anteil genommen, welche die Verbreitung des jüdischen Wissens, insbesondere unter der Heranwachsenden Jugend znm Zwecke hatten. In den letzten Jahren wurde eine ganze Reihe von Einrichtungen getrosten, die geeignet sind, die Erreichung des angestreblen Zieles zn fördern, und ohne unbescheiden zn sein, glaubt Redner, sich einen geringen Anteil an den erreichten Erfolgen vindizieren zu dürfen. Auknüpsend an den Ausspruch eines alten Weisen hält Redner dafür, daß das Judentum nur so lange seine unsterbliche Seele, seine nnverwüsttiche, alle Zukunft verbürgende Lebenskraft besitzen werde, als das Licht der Lehre ungetrübt leuchtet und vor dem Verlöschen bewahrt wird. Schließlich bittet er die Wähler, wenn sie mir seinem Wirken und Streben zufrieden sind, ihre Stimmen ans ihn zn vereinigen. (Lebhafter Beifall.) Dr. S. R. Land a n interpelliert die ablreleuden Knltusvorsteher, was sie in der Frage der Demokratisierung des gegenwärtigen Wahlsystems und der Herabsetzung des Wahlzensus — für welche sich einzirsetzen, sie sich bei ihrer Wahl vor 6 Jahren programmatisch verpflichtet haben — im Kultusvorstande getan haben. Dr. Markus Spitzer beantwortet diese Interpellation dahin, daß alle Juden Demokraten sind. Ter Knltusvorstand habe sich allerdings auch mit diesen Fragen beschäftigt, aber mit Rücksicht auf die Kompliziertheit derselben und in Anbetracht der größeren Dringlichkeit anderer aktueller Fragen, konnte man bisher zn einer Entscheidung in diesen Angelegenheiten nicht gelangen. Hof- und Gerichtsadvokat Dr. Jakob Engel: In der Hochburg der jüdischen Bevölkerung, dem zweiten Wiener Gemeindebezirke, beginnen die Kandidaten, welche sich um ein Mandat in den Knltusvorstand bewerben, ihre Wanderung; möge dieselbe eine glückliche, der Weg ein ebener sein, daß wir gesund an Leib und Seele in t>en sicheren Hasen des Mandates einlausen. Zn meinem lebhaften Bedauern bin ich gerade in diesem Bezirke weniger bekannt. Die Pole liegen zu weit von einander entfernt. Dennoch hoffe ich, daß einem großen Teile der geehrten Wählerschaft dieses Bezirkes mein Wirken nicht ganz unbekannt sein dürfte und da erlaube ich mir denn, ganz kurz meinen Lebenslauf in diesem Belange dahin zu skizzieren, daß ich seit nahezu einem Vierteljahrhundert auf jüdischem Gebiete tätig bin. Vor 22 Jahren in den Vorstand des Tempelvereines Mariahilf und Neubau berufen, habe ich in dieser ansehnlichen Körperschaft zunächst als einfacher Soldat gedient und es bis znm Präsidenten gebracht, als welcher ich seit nunmehr drei Jahren als Nachfolger des uns allen unvergeßlichen Baurates Max Fleischer fungiere. Seit vielen Jahren gehöre ich der Bezirkskommission als Obmann an und speziell ans dem Gebiete der jüdischen Wohltätigkeit fungiere ich als Ehrenpräsident des isr. Franen-Wohltätigkeitsvereines für die Bezirke Mariahilf-Netibau, durch dessen segensreiches Wirken zahllose Tränen unserer armen Glaubensgenossen getrocknet werden. Nun soll ich vor Ihnen, geehrte Herren, ein Programm für meine künftige Tätigkeit als Kultusvorstand entwickeln. Da

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