Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1910-11-18 · Heft 45 (18.11.1910) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 45 (18.11.1910)
Date
1910-11-18
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/3062972-3063520-3063565--06960-3074007
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 45. Die Wahrheit Seite 5. scheu-Familie stammt. Netter aus Bergheim ist allerdings um das Jahr 1857 zum Katholizismus übergetreten und wurde später Kanonikus ui Porto-Rico, woraus er nach Nom kam, in der Hoffunug. zum Bischof eruauut zu werden, was jedoch nicht geschah. Manche behaupten, er sei daun wieder zum Judentum zurückgekehrt. Tatsache ist, daß er im Jahre 1882 hier war und Die Synagoge sowie den Friedhof in Schlenstadl besuchte; mit dem Patriarchen von Lissabon hat er aber nichts zu tun. * * * In einem Vortrag über Kapitalismus und Liebe, den kürzlich Frau Dr. Helene Stöcker vor der Freien Studentenschaft in Leipzig hielt, gab diese Dame auch eine Schilderung russischer Zustände, die helle Empörung wachrief. Frau Stöcker führte ihrem Auditorium einen russischen Großfürsten vor, der Gouverneur von Moskau tvar und in dieser Eigeuschaft ein veriversliches Willkürregimcut führte. Eines Tages verlangte dieser unsaubere Bursche von einer „v o r u e h in e n jüdischen Dame", sie solle ihm ein junges Mädchen der Gesellschaft für seine wüsten Orgien zur Verfügung stellen, sonst werde er sie auswcisen lassen. Als diesem brntalen Verlangen nicht Folge gegeben wurde, erfolgte die Ausweisung der g e f a m t e u Juden s ch a f t. Verschont von dieser Maßregelung wurden nur diejenigen jungen jüdischen Mädchen, welche der Prostitution ergeben waren oder sich bereit erklärten, Prostituierte zu werden. Auch jüdische Prostituierte männlichen Geschlechts hatten sich der gleichen Vergünstigung zu erfrenen. Als sich eine junge Verkäuferin ein P r o st i t nt i o n spa teilt verschafft hatte, um in Moskau bleiben 311 können, und die Polizei dahimerkam, daß das Mädchen keine Prostitution trieb, ließ mau es auf die Wache kommen und vergewaltigte es dort, um es auf diese Weise zur Prostituierten zu machen. Diese Ungeheuerlichkeit ist angeblich bis vor den Zaren gekommen. Das Gericht aber, das über die Schändlichkeit zu urteilen hatte, sprach die polizeilichen Verbrecher frei, Znr Guquetc über die Indenfrage in Galisien. Einige Monate sind bereits zwischen dem Erscheinen meines ersten Artikels über denselben Gegenstand und dem henligen Schlußworte verstrichen, aber der geehrte Leserkreis wird mir diese Verspätung ivohl verzeihen, da es sich doch darum handelte, die Entscheidung des galizischen.Landtages abznwarten. Nunmehr können wir aber sagen: aiea est jacta, die Würfel sind gefallen! Die polnische Jndenfrenndlichkeit und die Hilfsbcfbssenhcit der galizischen Landboten hat sich krystallhell manifestiert unb die Koryphäen des galizischen Landtages haben sich in ihrem wahren Bilde gezeigt. Heil dem edlen Rector magnificus der Lemberger Technik! Sein liberales, christlichpolnisches Herz schlägt für das große, allgemeine Christenelend und nicht für den elenden Löwensieinschen Jndenpnnkt! Einen anderen Ansgang als diesen hat wohl kein galizischer Jude erwartet; denn der polnisch-nationale Heißhunger in Galizien hat noch immer seinen Knlminationspnnkt nicht erreicht und es gibt kein politisches, soziales und ökonomisches Gebiet, das einem iiichtpolnischen Galizianer konzediert würde. „Mir gehört das ganze Land!' So lautet die Devise der edlen Polen. Nach diesem Prinzipe schnitt Dnlemba die Reichsratswahlordnnng zu und nahm ihr jede Kombination, welche das jüdische Element in Galizien bei der Abgeordnetenwahl naturgemäß berücksichtigt, und dem gleichen Prinzip entsprang das horrende Unrecht bei der Landtagswahl, wobei die Inden auf 23 Abgeordnete beschränkt blieben. Es bleibt freilich eine ewige Schmach der galizischen Inden, daß sie mit einem bald eine Million starken Kontingente die Landtagswahlmacherei in der neuen Form lassen, wie vor 40 Jahren. O, wie unglücklich ist doch das jüdische Volkselement in Galizien, welches keine kühnen Führer, aber indolente Verführer besitzt, die bei allen völklichen Interessen nur ihr spezielles Ich im Auge haben. Unsere Kleingeisterei wird es bald dahinbringen, daß das jüdische Element in Galizien zu figurieren aufhören tvird, während das polnische Volk einer Million völklicher Heloten seine Allgewalt fühlet! läßt. Galizische Inden! Es ist die höchste Zeit, den Schlaf zu llnterbrechen und Wachposten anfznstellen. Die polnische Enquete ist tot, es lebe die jüdische Enquete! Die jüdische E n q n e t e. Ihr gilt mein Wort. Denn wenn wir manche bittere Erfahrungen mit den Führern und den Schreiern gemacht und in beispielsloser Weife die Baron Hirsch-Epoche verkannt haben, trug daran die gottlose Assimilation schuld, die brennenden Schwänze der Schlanfüchfe nt Galizien, nicht minder die Unvernünftigkeit und Kopflosigkeit der „gilen Juden" mit ihrer Weltabwendigkeit, schließlich das Znrückdrängen der rnhig denkenden Schomer Israel-Elemente. Heute gibt es aber in Galizien denkende Männer mit jüdisch-nationalem Bewußtsein und die alte Assimilatoreuherrlichkeit ist im Erbleichen begriffen, trotz der künstlichen Experimente, mittelst Goldmann-Apothesen jüdische Gimpel einznfangen. Helltzntage weht ein jüdischer Hauch vom transatlantischen Weltteile her, mit welchem der brüderliche Odem ans allen enropätschen WeUgegeuden sich vereinigt, wenn es gilt, unseren bedrängten Brüdern hilfreich die Hände zu reichen. Da lebt die tote Hand des großen Baron Husch wieder ans, ihm gesellen sich die Herzen und die Taschen der Buei Brith, der Alliance und anderer zu, und von diesen Organisationen kann man nur Edles und Hervorragendes euvarten. Ehe wir uns aber mit diesen beschäftigen, müssen wir an das galizische Israel einen dringenden Appell richten: Willst du krankes und schwer heimgesnchtes galizisches Israel ans deinem verzweifelten Zustande heraus, dann raffe dich in allererster Linie selbst znr Heilarbeit auf und stelle dich in die erste Schlachtreihe. Wie jener Krairke die Hoffnung auf Genesung erhöht, welcher alle nötigen Mittel gegen seine Leiden in Anwendung bringt, so müssen die ersten Rettungsversuche aus dem galizischen Israel entnommen sein ans seinem geistigen und leiblichen Arsenal. Hiezu gibt es ein Dreierkonsortinm und das heißt: Kopf, Herz, Hand. Wenn wir darangehen, die Wunden unserer Brüder in Galizien 311 heilen, dann tun wir am besten, nach altbewährtem medizinischen Muster den Ursprung der Erkrankung zu erforschen und die Anamnesis nuferer hunderte Jahre dauernden Volkskrankheit aufznnehmen — und wir stoßen da auf den dicken Dalnth. den Pauperismus mit allen seinen Nebenleiden, die physische Gedrücktheit, die Scheu vor schwerer Arbeit mit der psychischen Komponente der Arbeitsscham. Dank einer viertansendjährigen geistigen Dressur sind wir gedrillt, unsere Lebensweise zu vergeistigen und dem Gehirnorgane alle möglichen Lasten, wie Nahrnngssorgen und Thorastndinm, Kindererziehnng unter bitterster Not und dergleichen anfznbürden, unseren Händen aber mitten wir nur wenig zu und entziehen ihnen den ihnen gebührenden Anteil an der Lösung der täglichen Lebensfragen. Sprechen wir nun zunächst von der Kopfarbeit als Energiequelle für das praktische Leben, so teilt sich dasselbe fast ohne unsere Absicht in zwei Strvmrichtnngen: der Strom der Wissenschaft in allen Verzweigungen der akademischen Berufe, und ein zweiter Haiiplstrvm, der leider auf sehr trübe Qllellen zurückführt, die verwegenste Spekulation, das spinngewebeartige Schaffen und Banen ins Blaue, das Herbeiziehen von pyramidalen Gedaukenwolken. um sie zum Brodregen zu verdichten — das leider für die galizisch-jüdischen Verhältnisse geprägte „Lnflmenschtnm," den gefährlichen Lebenstranm. den viele tausende unseres galizischen Israel durchkosten müssen! Wie gestaltet sich unter solchen Verhältnissen das jüdische Leben in Galizien? Insoweit die rein geistige Ernährnngsqnelle unseren Brüdern zugänglich gemacht wurde, hat dieses Volkselement in allen Bernfssphären hervorragende Rcpräsentanten geliefert. Allein, wie gering ist ihre Zahl und wie eifrig sind die Polen am Werke, um jedes Aemtchen durch einen Numerus clausus abznsperren, und der jüdische Kandidat muß erst im Taufbecken seine Gebnrtssünden abwaschen, um tauglich befunden zu werden, ein heiliges, christliches Brot zu genießen!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.