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Die Wahrheit · 1910-11-18 · Heft 45 (18.11.1910) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 45 (18.11.1910)
Date
1910-11-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
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aßrßeit Nedaktion und Administration: Wien, II/, Novcuaqassr 27 Telephon: Nctaktio» 5107/VLLI. Administration 4938,11. Anaöhängige Hertfchrift für jüdische : N Oanzjatnig.K 14.—!' Halbiüinig.K 7.— 1! fl. k. ösierr. Vostsparkasia- Scheck-floiuo Nr. 100.918. Interesse«. |i i; Jur ttultn?bftimte: JitJerafc: Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 2ö Heller. Erscheint jeden Kr ei tag. : isiir Ausland: Abonnements- und JnierlionSbetrüge sind in Wien zahlbar und klagbar. Motto: „Das Siegel (Lottes ist Walirlieit 1” .8 'JJtftrC j| piiivel oder IN Frc». Ur. 45. Wien. 18. Uovember Inhalt: Ans der Woche. — Zur Enquete über die Indenfrage in Galizien. — Ans der Wiener Kullusgeineinde. — Der Besuch des Sultans ui Adrianvpel. — Verschiedene Nachrichten. — Austritte aus dem Judentum. — Ein dreifacher Sang. Ans dev Woche. In der letzten Zeit wurden ernste Verhandlungen mit der Gemeinde Wien gepflogen, um die öffeutlicheu Spitäler, Krankenanstalten und Hnmanitätsinstitute in nähere Beziehung zur Gemeinde zu bringen und ihr einen Ginfluß ans die Verwaltung einzuräumen. Den diesbezüglichen Beratungen wird in ärztlichen Kreisen mit großer Besorgnis enlgegengeiehen, und allgemein gehl die Ansichl dahin, daß sich eine ärzteseiudliche Richtung, besonders gegen die jüdischen Aerzte, hier etablieren wird. Was den letzteren unter christlichsozialer Verwaltung der Spitäler bevorsteht, braucht nicht näher geschildert zu werden, aber eines ist gewiß, daß, sobald die gegenwärtigen Herren von Wien ihre Hand auch ans die Spitäler legen, ein jüdischer Aspirant, ein jüdischer Sekundararzt — vom Primarius gar nicht zu reden — zu den Anachronismen gehören wird. Angesichts dieser trüben Allssichten, denen gegenüber man allerdings nicht tatenlos die Hände in den Schoß legen soll, ist mit umso größerer Freude der Beschluß des Wiener Kultusvorstandes zu begrüßen, die interne Abteilung im jüdischen Spitale in zwei Primariate zu teilen. So wird wenigstens an dieser Anstalt einer größeren Anzahl von jüdischen Forschern und Aerzten Gelegenheit geboten werden, fruchtbarer wissenschaftlicher Arbeit zu obliegen und strebende Aerztejünger in die ärztliche Praxis einznführen. Um diese Zweiteilung, die auch eine räumliche Ausdehnung des Spitals bedingt, zu ermöglichen, hat Herr Baron Rothschild in großherziger Weise der Knltusgemeinde die Mittel zum Ankäufe des an das Spital anstoßenden Hauses zur Verfügung gestellt. * * Ein interessanter Rechtsstreit um das Religionsbekenntnis eines Kindes gelangte kürzlich dnrch ein Erkenntnis des Verwaltungsgerichtshofes zur Entscheidung. Der in Gablonz wohnhafte Kaufmann Josef Morgenstern hatte als Jude im Jahre 1892 eine Katholikin geheiratet, die vor der Hochzeit aus der katholischen Kirche auslrat und sich konfessionslos erklärte. Im März 1899 zeigte Frau Morgenstern an, daß sie mit ihrer damals zweijährigen Tochter Ernestine, die nach der Geburt katholisch getauft worden war, zum Judentnme übertreten. Muttennd Kind wurden auch unter den vom Ritnalgefetze vorr geschriebenen Formalitäten in den Verband der israelitischen R el i g i o u s g e n o f s en f ch a f t anfgenommen. Als das Kind in die Schule eintrat, entstand zwischen den Schulbehörden ein Streit darüber, ob das Kind den mosaischen oder den katholischen Religionsunterricht zu erhalten habe. Die Bezirkshauptmannfchaft Gablonz entschied, daß das Kind dermalen der in o s a i f ch e n Religion augehöre, lieber Rekurs des Pfarramtes Maffersdors. welches das Kind für die katholische Kirche reklamierte, entschied die Prager Statthalterei, daß das Kind nach wie vor dem römisch-karhotischen Glauben anzugetzören habe. Das Ministertnm für Kultus und Unterricht, an welches die Knltnsgemeinde Gablonz sowie die Eheleute Morgenstern rekurrierten, bestätigte die Entscheidung der Statthalterei. Die beiden Behörden gingen von der Anschauung aus, daß der behauptete Eintritt der Frau Morgenstern in die israelinsche Religionsgenossenschafl eine Veründernng des Religionsbekenntnisses ihrer damals zweijährigen Tochter nicht bewilken konnte, da der Eintritt einer konfessionslosen Person in eine gesetzlich anerkannte Religionsgenossenschaft nicht als Religionswechsel angesehen werden könne. Gegen die Entscheidung des Ministeriums erhob die israelitische Knltusgemeinde die Beschwerde an den Verwaltungsgerichtshof, der unter Vorsitz des Senalspräsidenten Schwartzen an in Stattgebnng der Beschwerde die Entscheidung des Ministeriums für Kultus und Unterricht als ungesetzlich a u f h o b. * * * Unter dem Vorsitze des Abg. Tr. Strauch er tagte vorige Woche in Czernowitz der Bukowinaer jüdische Nationalrat. Zu den Verhandlungen sind über 100 Delegierte aus der ganzen Bukowina, sowie zahlreiche Delegierte aus Czernowitz selbst erschienen. Abg. Tr. Strauch er erstattete ein längeres Referat, in welchem er die politische Situation beleuchtete und darauf hinwies, daß gerade jetzt ein einiges Vorgehen der gesamten Judenschaft der Bukowina nottut. Dr. Strauch er erörterte sodann die Lrgamsationsfrage und kam ans die bevorstehenden Landtagswahlen zu sprechen. Wenn wir eine entsprechende Vertretung im Landtage erzielen wollen, führte Redner ans, dann müssen die Wahlen sich unter dem Zeichen der Einigkeit der Juden vollziehen. Hierauf sprachen noch zahlreiche andere Redner, so Dr. Frucht, Dr. Haffner (im Namen der Kullusgemeinderepräsentanz ans Kotzman), Doktor Kaßner, P. Peretz (Ober-Wikow), Osias Rosen bla tt. Berl Stern schuß (Storozynetz). Jakob Salamon Retter (Sadagora). Sämtliche Redner tadelten in scharfen Worten den Versuch, der nun von seiten des Prof. Dr. Kellner unternommen wurde, eine Spaltung im jüdischen Lager herbeiznführen und heben die Notwendigkeit eines einheitlichen Vorgehens hervor. Alle sind darin einig, daß Herr Prof. Kellner Gelegenheit habe, im Rahmen des bestehenden jüdischen National-

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