Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 44 (11.11.1910)
- Date
- 1910-11-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Die Wahrheit Nr. 44 im Haag 1899 fungierte er als Vertreter Hollaitds. Wiederholt ist er auch zum Schiedsrichter verschiedener Staaten gewählt worden, so bei einem Streit zwischen Rußland und Amerika und zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten. Vor kurzer Zeit feierte er im Haag sein goldenes Doktorjnbilänm. Im Trevesaal wurde ihm in Gegenwart der Minister des Innern und des Aenßern gehuldigt. Der frühere-Minister de Beaufort überreichte ihm den Ertrag einer Sammlung ans zwanzig Ländern für den Ankauf einer Spezialbibliothek aus dem Gebiete des internationalen Privatrechts, die unter dem Namen Assersammlnng im Friedenspalast aufbewahrt werden wird. Ans Deutschland wurden dem Jubilar gleichfalls viele Ehrungen zuteil. Von O e st e r r e i ch-U n g a r n märe zu erwähnen, daß auch in den Adern des Ministerpräsidenten F r h r. v o n A e h r e n t h a! jüdisches Blut fließt. In Ungarn gibt es gegenwärtig einen jüdischen Minister. Es ist dies der Honved- Minister Samuel H a z a i, der vor feiner Magyaristernng Kohn hieß. Er ist der erste jüdische Minister in Ungarn. Höhere Ministerialbeamte hat es dort jedoch eine ganze Anzahl gegeben. So den Redakteur und Schriftsteller Josef V e c z i. der 1905 Honorar-Ministerialrat wurde. Er war auch Abgeordneter und hatte wiederholtGelegenheit öffentlich für das Judentum einzntreten. Mutig bekämpfte er stets im Parlament und in der Presse die antisemitischen Lügen. Ferner die Ministerialräte Ballai vom Haudelsministeriunl. MichaelSzanto vom Justizministerium und den Sektionsrat E d m u n d Kl e i n im Miuisterpräsidium. Bemerkenswert wäre dann noch, daß gegenwärtig selbst im türkischen Parlament fünf Juden sitzen, die von den Vilajets (Provinzen) Salonik. Aidin, Konstantiuopel, Jerusalem und Bagdad gewählt wurden. Der Vertreter von Aidin, ein Rechtsanwalt namens N i f s i m M a z l i a h. bekleidete seit Jahren das Amt eines Hanptsekretärs des jung-türkischen Komitees „Union et Progres“, und als solcher sand seine Kandidatur die lebhafte Unterstützung des Komitees. Die türkische Kammer hat übrigens am 12. Juli 1909 grundsätzlich fast einstimmig die sofortige Einstellung der Nichtmohammedauer in die Armee genehmigt. Damit. ist wohl der wichtigste Schritt zur völligen Gleichberechtigung der Inden in der Türkei getan. Wenn auch in dem freien Amerik a der Antisemitismus noch hie und da in Blüte steht, wenn es dort auch große Hotels gibt, die keine Inden aufnehmen, und Hausbesitzer, die nicht an Juden vermieten, so sind dies doch nur. wenn auch betrübende, Einzelerscheinungen. Das Volk der Vereinigten Staaten kennt einen solchen Rassenhaß nicht, ebensowenig die Regierung der Vereinigten Staaten. Sie fragt bei der Besetzung der höheren Staatsstellen nicht nach der Konfession, schließt keine Juden wegen ihres Glaubens aus. So nahmen die folgenden Inden hohe Ehrenstellen in den Vereinigten Staaten ein: Jakob Holländer. Professor der Nationalökonomie an Der John-Hoykins-Universität, der 1903 Finanzminister von Portorico war und die Insel durch eine geschickte Steuergesetzgebung aus allen finanziellen Nöten befreit hatte, wurde 1905 vom Präsidenten Roosevelt nach San Domingo gesandt, um die Finanzlage dieser Republik zu studieren. Oskar Strauß wurde 1906 Handelsmiuister in den Bereinigten Staaten von Nordamerika, er hat verschiedene staatswissenschaftliche Werke verfaßt, obwohl er von Hans aus Kaufmann war. Er war auch zweimal amerikanischer Botschafter in Konstantinopel. Als solcher setzte er es u. a. durch, daß das Verbot des Verkaufs von Bibeln und Traktätchen in der Türkei aufgehoben wurde. Präsident Cleveland dankte ihm für diesen Erfolg, und auch der evangelische Bund in England ließ ihm durch Vermittlung Lord Salisburys eine Anerkennung zukommeu. Die Familie des Ministers stammt aus Bayern. Sein Bater Lazarus Strauß beteiligte sich 1848 an der Revolution und flüchtete nach Amerika. 1909 wurde Oskar Strauß wieder -als Botschafter nach Konstantinopel gesandt. Strauß war der -erste jüdische Minister in den Vereinigten Staaten. Allerdings war Judah Benjamin.Kriegsminister und dann Staatssekretär. aber in den K o n.f ö d e r i e r t e n Staaten unter Jefierson Davis. Auch früher schon haben Juden, wiederholt bedeutende Posten im amerikanischen Staatsdienst ansgefüllt. So waren Morde rai Noah im ersten Viertel des vorigen Jahr iderts Konsul in Tunis, Edwin de Leon Generalkonsul in Aegypten, Salomon Hirsch Gesandter in den Türkei, Benjamin Peixoto Konsul in Bukarest, Max Judd Generalkonsul in Wien. Lewis Einstein Gesandtschaftssekretär in Paris und London. Der populärste jüdische Staatsmann in den Vereinigten Staaten dürfte Simon Wolf sein, der 1906 seinen siebzigsten Geburtstag feierte. Auch er stammte ans Bayern. Unter General Grant nahm er einen wichtigen Staatsposten ein und wurde später Generalkonsul in Aegypten. Auf seinen Rat hatte Grant, als Rumänien die ganze zivilisierte Welt durch Judenverfolgungen heransgefordert nnd sogar Rußland veranlaßt hatte, sich dem europäischen Protest gegen diese barbarischen Maßregeln anzuschließen. einen Inden — Peixoto — zum amerikanischen Konsul ernannt, um so den Bojaren eine Lektion zu erteilen. Wolf blieb im Gegensatz zu vielen Germanen auch in Amerika ein guter Deutscher, er war tätig für das deutsche Waisenhaus, Mitglied des Schützenvereines und vieler anderer deutscher Vereine. W i l l i a m L o e b, der früher Privatsekretär Roosevelts war, wurde nach dem Amtsantritt Tafts Hafenkolleklor von New-Iork. eine Stelle, die sehr angesehen und einflußreich ist und ebenso hoch wie ein Ministerposten, nämlich mit 12.000 Dollar dotiert wird. Er machte sich wohlverdient durch die Aufdeckung von großen Zollunterschleifen und wurde in allerjüngster Zeit als republikanischer Kandidat für das Gonvernenrsamt im Staate New-Iork in Aussicht genommen. Nunmehr wenden wir uns dem lieben deutschen Vater lande zn nnd müssen hier mit tiefer Beschämung konstatieren, daß Deutschlands Diplomatie noch immer in strenger konfessioneller Exklusivität verharrt und noch weit entfernt von jener vorurteilsfreien Gesinnung ist, wie wir sie in England, Amerika und Italien finden. In Deutschland kann ein; Jude weder Gesandter noch Minister werden, er müßte sich denn vorher laufen lassen. Und dann selbst dürfte es ihm schwer fallen, das Monopol bei der Besetzung hoher staatlicher Ehrenstellen, das seit langer Zeit ausschließlich der hohe christliche Adel ansübt, zn durchbrechen. Am ärgsten ist es natürlich in Preußen. An das Wort des Fürsten Bülow: „Preußen in Deutschland voran!" dürften — wenn man von feudalen Politikern ä la Freiherrn v. Bnrasdorff im Herrenhause absieht —- nicht allzu viele Leute glauben. Von jüdischer Abstammung war freilich der Jnstizminister Heinrich F r i e d b e r g, der vertrante Berater Kaiser Friedrichs, der ihm gleich beim Antritt seiner Regierung den Schwarzen Adlerorden und damit den erblichen Adel verlieh. Ebenso war der frühere preußische Landwirtschaftsminister Rudolf F r i edental als Jude geboren. Aber einen veritablen jüdischen Minister hat es in Deutschland nur ein einziges Mal gegeben, und zwar in dem liberalen Mnsterländle Baden. Dieser einzige jüdische Minister war der von 1868—1893 amtierende Finanzminister Moriz E l l st ä t t e r, der im Jahre 1905 starb. Er' durfte 1854 seines Glaubens wegen in Baden keine Rechtsanwaltschaft ausüben und ging deshalb zur Diskontogesellschaft in Berlin, wo er. mit Miqnel und Mathy zusammen praktizierte. Mathy war Ellstätters Vorgänger im Amt und berief 1864, nachdem der Minister des Innern inzwischen die Emanzipation der Inden dnrchgeführt hatte, den in Dnrlach als Rechtsanwalt etablierten ehemaligen Kollegen von der Diskontogesellschaft" als Rechtsreferenten ins Finanzministerium. Nach vier Jahren wurde Ellstätter Minister, und seine Wirksamkeit als Reorganisator des gesamten Finanzwesens ist einer der Grundpfeiler gewesen, auf der Baden seine nationale Politik in so vorbildlicher Weise für ganz Deutschland durchführen konnte. Auch in der deutschen Diplomatie, in der es allen Leuten/ die nicht zu den „Edelsten der Nation" gehören, fast unmöglich ist, vorwärtszukommen, gibt es natürlich so gut wie gar keine Inden. Zn nennen wäre nur der Geh. Legationsrät Dr. Wilhelm C ah n, der am 15. März 1909; seinen 70. Geburtstag