Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 44 (11.11.1910)
- Date
- 1910-11-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Die Wahrheit Seite 5. 44. im vormärzlichen Oesterreichwenn sie keine „Familie" besaßen. Auch hier nichts Neues unter der Sonne. Die persischen Juden sprechen einen Jargon, gemischt aus persischen, arabischen, und chaldäischen Worten. Ihre Schrift ist der unserer Quadratschrift ähnlich. Herr Dr. Schwarz sah einige sehr alte Pergamentrolleu, auf denen die Schrift eiugraviert und gebeizt war. Die Rollen enthielten Abschnitte aus der Bibel und den Propheten. Der Altertumsforscher Dr. Makai in Petersburg entzifferte die Schriflznge. Newrez, der persische Jude, las geläufig unsere hebräische Druckschrift und übersetzte sie geläufig. Diese Notizen stanimen ans dem Jahre 1884. Damals berichtete ein jüdischer Reisender, welcher in Teheran die Prinzen unterrichtete, über die geheimen Juden Khorasans. Diese wissen von der Existenz anderer Juden gar nichts. Bis zum zehnten Lebensjahre werden die Kinder in der mohammedanischen Religion erzogen, dann werden sie in das Geheimnis eiugeweiht, daß sie Juden seien und beginnen Hebräisch zu lernen. Die Dienstboten sind alle geheime Inden. Am Abende, nach der Ankunft des Hausherrn, wird gegessen, wenn die persischen Diener das Haus verlassen haben. Das Mahl wird mit Beobachtung des rituellen Zeremoniells abgehalten. Der Fleischer ist zugleich Sckwchet. bei ihm kaufen alle das Fleisch. Am Sabbath sind die Geschüstsläden osien, der Eigentümer des Ladens aber vermeidet es, Geschäfte abznschließen oder er verschiebt sie für den nächsten Tag. Für Pessach werden Mazzoth gebacken, nach Möglichkeit auch die Möbel erneuert. Am Rosch- Haschana wird, ans einer kleinen Kindertrompete Schofar geblasen, (!) damit der Ton nicht in auffallender Weife gehört werde. Zu Snkkoth wird im Garten eine Sukkah errichtet und dort sieben Tage gegessen. Viele persische Juden, auch der genannte Newrez. tragen am rechten Oberarm eine Mesusa und ein kleines Psalmformat umgebnnden. Sowie Newrez auch den jüdischen Namen Nissan führte, erhalten alle Kinder persische und jüdische Namen. —- Die Frauen sind gänzlich unwissend. Sie können weder lesen noch schreiben. Die nötigsten Benediktionen lernen sie auswendig. Keuschheit ist ihre Haupttugeud. Es mag hier angeführt werden, daß unser Gewährsmann Newrez die Farbe der Haare seiner Frau nicht kannte, obgleich er schon viele Jahre verheiratet war. Von der Außenwelt wissen diese Juden gar nichts; weder Männer noch Frauen. Sie spielen nicht, trinken nicht, die alltäglichsten Erscheinungen machen auf sie bedeutenden Eindruck. So haben wir es hier mit persischen Marranen zu tun, die seit 1838 in einer eigenen Welt leben. Für die Richtigkeit aller dieser Angaben können wir uns natürlich nicht verbürgen. Als ich an einem dieser düsteren Novembertage in älteren Schriften und Manuskripten wühlte, fielen mir auch diese Aufzeichnungen in die Hand, die mich an meinen Freund Dr. von Sowa erinnerten und die ich nun wieder veröffentliche, da die Lage der Inden nach der im Eingänge zitierten Depesche eine höchst bedenkliche geworden zu sein scheint. Jedenfalls ist das Land des einstigen Achaschwerosch jetzt abermals ein interessantes geworden. Was wird man von diesem Persien noch hören? Wünschen wir nur, daß die Lage unserer dortigen Glaubensgenossen keine verhängnisvolle werde. Sie haben in diesem merkwürdigen Lande die mannigfachsten Geschicke erlebt in der langen Zeit, da sie dahin von Babels Ströme einwanderten bis auf unsere Gegenwart. in der sie sich nur unter Lebensgefahr zur angestammten Religion bekennen dürfen. Kord Rothschild. Lord Rothschild feierte am 8. November seinen 70. Geburtstag, und da er einer der. interessantesten und einsinßreichsten jüdischen Magnaten ist, die in der Jetztzeit leben, so dürften die folgenden kurzen Notizen über ihn. die Dr. I. Chotzner in der „Ällg.-Ztg. des Judentums" veröffentlicht, für die Leser dieses Blattes von einigem Interesse fein. Lord Rothschild-wurde am oberwähnten Tage des Jahres 1840 in. London geboren, und-ist der Sohn des Barons Lionel de Rothschild, der im Jahre 1879 in derselben Stadt verschied. In seinen Jugendjahren genoß er eine liberale Erziehung und mit klassischem und modernem Wissen ausgerüstet, bezog er die Universität in Cambridge. Einer seiner dortigen Studiengenossen und intimen Freunde war der Prinz von Wales, der nachher als Eduard VII. den englischen Thron bestieg, und nach einerkurzen glorreichen Regierung im Monat Mai das Zeitliche segnete. Diese Freundschaft wurde von König Eduard während seines ganzen späteren Lebens aufrecht erhalten. Er bewies dies dadurch, daß er Lord Rothschild häufig mit seinen Privat-Besuchen beehrte, und ebenso oft ihn zn sich eiulnd. Lord Rothschild war 20 Jahre laug — von 1865 bis 1885 — Mitglied des englischen Unterhauses und im letztgenannten Jahre wurde er von der englischen Königin Victoria zu der Würde eines Lords erhoben, die ihm einen lebenslänglichen Sitz im englischen Oberbanse (Eonse of Lords) verschaffte. Als Governor of the Bank of England und Direktor verschiedener englischer und auswärtiger bedeutender Institute ist selbstverständlich seine Zeit recht sehr in Anspruch genommen, trotzdem aber findet er stets Muße, das Wobt seinergesamten Glaubensgenossen mit Rat und Tat fördern zu helfen. Lord Rothschild ist Präsident der sogenannten United Svnagogue und in dieser Eigenschaft wird er allgemein als der Repräsentant aller Inden in England angesehen. Obschon fast alle bedeutenden jüdischen Institute in London von ihm in liberaler Weise untei stützt werden, so hat er immer eine Vorliebe für die im Osten von London bestehende Jewish Free School bewiesen. Die fragliche Lehranstalt ist eine der größten im englischen Weltreiche und wird von Tailsendcn von Schülern besucht, die fast ausschließlich die Kinder von russisch-jüdischen Immigranten sind. Die meisten dieser Zöglinge sind, wenn sie die fragliche Anstalt verlassen, mit vielem praktischen Wissen ausgerüstet, so daß es ihnen nicht schwer fällt, in England und auswärts einträgliche und ehrenvolle Stellungen in verschiedenen Branchen des menschlichen Tuns und Schaffens zu erlangen. Als Lord Rothschild vor einigen Jahren znm Mitglied der Kommission gewählt wurde, die sich mit der proponierteu Einführung ins englische Parlament, der sogenannten „Alien- Bill“ beschäftigte, bekämpfte er letztere mit großer Wärme. Seine ernsten und tiefgefühlten Worte blieben aber resultatslos, und die Bill wurde späterhin, wie bekannt, als Landesgesetz eingeführt. Die reichen Wohltaten, die Lord Rothschild jahraus, jahrein spendet, sind keineswegs auf bloß jüdische Institute beschränkt, denn er macht darin keinen Unterschied zwischen Rasse und Religion. Jude oder Christ, Mohammedaner oder Hindu sind alle bei ihm gleich, und in welchem Lande immer Hilfe nötig ist. da läßt Lord Rothschild seine Hilfe angedeihen. Er handelt in dieser Beziehung im Geiste der Propheten des jüdischen Altertums, die stets Brüderschaft und Gleichheit predigten. Welchen Einstuß Lord Rothschild auf dem Gebiete der englischen, und vielleicht auch der auswärtigen Politik ausübt, ist natürlich nur denen bekannt, die hinter der Szene stehen und das Staatsruder lenken. Doch ist es wohl leicht anznnehmen, daß. wie sein königlicher Freund Eduard VII. den Titel „Der Prinz des Friedens" — aibs? ntr — sich erwerben, er ebenfalls für eine solche Politik recht eingenommen ist, die die Tendenz hat, einen bleibenden Frieden unter den verschiedenen Nationen der Welt zu schaffen und zn befestigen. Inden als Diplomaten, Minister nnd Politiker. (Fortsetzung.) In Holland gibt es gegenwärtig ebenfalls einen jüdischen Minister, nämlich den Professer Karl A i s e r, den berühmten Rechtslehrer an der Universität. in Amsterdam'. Er wurde 1904 zum Staatsminister ernannt. 1875 war er Staatssekretär und 1893' Mitglied des Staatsrats. Bei dem Friedenskongreß ■Brr-'