Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1910-11-11 · Heft 44 (11.11.1910) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 44 (11.11.1910)
Date
1910-11-11
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3062972-3063520-3063564--06948-3073994
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 4. Die Wahrheit. Nr. 44. Das sind nicht jene, die ihre Kandidatur antragen, das sind jene, die nur mit großer Ueberwindung und mit Hintansetzung aller ungewohnten Prinzipienein Opfer für die gute Sache bringen. Steht dann ein solcher Mann, dem die Mehrheit ihre Interessen anvertraute, mitten im Kampfe, dann weiß er sein Wort zur rechten Zeit zu gebrauchen nnd er weiß sich und denjenigen, die er vertritt, den nötigen Respekt zu verschaffen. Er ist nicht liberal oder sozial und nebstbei auch Jude, sondern er ist vor allem nur Jude nnd ihm können auch die Gegner ihre Achtung nicht versagen. Wien hatte solche Männer im Gemeinderate und hat sie zum Teil noch. Die Leopoldstadt hätte einen solchen Mann, der vor allem Jude ist. in den Landtag entsenden müssen. Da s wäre n u s e r S i e g g e w e s e n. A. H. Lauda u. Man de» Inden im Reiche des Achaschmerosch. Eine Skizze von Dr. M. Grünfeld. - Eine Depesche ans Teheran, vom 31. Oktober, bringt die Nachricht: „Ans Schiras werden Unruhen gemeldet. Das In den viertel wurde überfallen." Schiras. wer denkt nicht bei der Nennung dieser Stadt an Rosenflor, Wein, nnd an die Dichter Sadi und Hafis, die einstens, vor Jahrhunderten, diese Stadt besungen haben? Dem diese Namen weniger geläufig sind, nimmt seinen Badenstedt zur Hand und liest in den Liedern des Mirza-Schaffy. — Wir aber gedenken, wenn von Persien gesprochen wird, dessen Schah-in-Schah (König aller Könige), — welche Ironie der Geschichte, — ferne von seiner Hauptstadt Teheran, das Brot der Verbannung ißt, während sein Reich Russen nnd Engländern eine willkommene Beute zu sein scheint, der Geschicke, die unser Volk in diesem Lande zu durchleben hatte. Die Wirren, von denen dieses einstmalige Reich des Achaschmerosch durchrüttelt wird, drohen, nach der oben zitierten Depesche, wie es nun einmal Jndeuschickial zu allen Zeiten und bei allen Völkern gewesen ist, unserem Volke zum Unheil zu werden. Vielleicht wird es nun einen weiteren Leserkreis interessieren, etwas über die jetzige Lage der Inden in dem Reiche zu hören, dessen König Achaschmerosch, von dem man wohl nie erfahren wird, mit welchem altpersischen Könige er gleichzusetzen sei, einstens über 127 Provinzen regierte „von Hodu bis Kusch" (Indien bis Aethiopien). Die Perser werden in den nachexilischen, biblischen Schriften, in den Büchern Daniel, Esra, Chronik und Esther genannt, aber auch bei Ezechiel werden sie als Mietssoldaten, neben den Lydiern, im Heere der Tyrier angeführt. Wir haben nicht die Absicht, hier einen, wenn auch nur kurzen Abriß der Geschichte der Juden unter den Persern zu geben. Hinweisen wollen wir nur daraus, wie dieses Volk des Zarathustra zweimal für die jüdische Geschichte und Entwicklung von einschneidender Wichtigkeit wurde. Einmal, da Kyros, „der Gesalbte des Herrn" 536 den Juden gestattete, wieder in die Heimat zurückzukehren, nachdem sie seit 586 im Exile gelebt hatten. Es folgen die Könige Dareios und Artaxerxes I.. Unter dem Ersteren wird der zweite Tempel wieder apfgebaut (516), unter Letzterem (465—425) leben und wirken, wie dies nun historisch feststeht, Esra und Netzemia. — Und znm zweitenmqle bekommen die Perser erhöhte Wichtigkeit für unser Volk, da die. Sassaniden das Partherreich (222) erobern. Sie werden nun Neu Perser in der Geschichte genannt. Es folgen die Jahrhunderte jener literarischen Tätigkeit bei den Juden, welche mit dem Talmud zum Abschlüsse gelangt. In den talmudischen nnd haggadischen Schriften werden als Hauptsitze der jüdischen Bevölkerung genannt: Ktesiphon, am östlichen Tigrisufer. Residenz des Perserkönigs Schabirr. Ardfchir: fn der Nähe Ktesiphons, gegründet von dem ersten neupersischeu Könige gleichen Namens. Apamea. Schakauzib am Tigris, Firuz-Schabur, Nares, mrd die vielgerühmten Stätten jüdischer Gelehrsamkeit Neh ardea am Euphrat, Pirmbed i ta und Sura oder Mata-Mechasia. Zn einer schriftlichen Abfassung des tattnndischen Materials werden wohl die Beschränkungen, denen die Juden in der. Ausübung ihrer Lehren unter den persischen Herrschern Jezdegerd III. (43.6) und Phiruz (bis 485) unterworfen waren, den Grund abgegeben haben. So sind die Perser und Nenperser in der Tat höchst tvichtig für die Entwicklung des jüdischen Geistes geworden. Doch, was ist aus dem einst so mächtigen Persien im Lause der Jahrhunderte geworden? Das Land mit seinen 1.645.000 Quadrat-Kilometern Flächeninhalt und 91/2 Millionen Bewohnern, ein Schalten ist es seiner einstigen Größe, überall erinnern Trümmer an der- | gangene Herrlichkeit, ein kraft- und machtloser Staat wurde es | mit seinen verfallenden Städten: Teheran, Jspahan, Schiras. K Die erstere Stadt wurde am Ende des 18, Jahrhunderts von § dem zuletzt regierenden türkischen Herrschergeschlechte znr Residenz 8 gewählt, Jspahan gleicht seitdem einem Trümmerfelde -und — 1 Schiras, — kein Hafis würde es heute besingen, höchstens könnte 8 er ein Klagelied anstimmen über eine gesunkene Größe. ' ' 1 Und die Juden in diesem Lande des Achaschmerosch? Es ja war im Jahre 1873, als Schah-in-Schah Naßr-ed-Din eine 8 Reise durch Europa unternahm (bekanntlich machte er eine zweite 8 europäische Reise 1878). Damals, im Jahre der Wiener Welt- 8 ausstelluug, als er auch nach unserer Hauptnnd Residenzstadt 8 kam, wurden ihm in den europäischen Harlplstädten Adresse^ 8 und Vorstellungen zugunsten der hartbedrängten persischen Inden überreicht. Sie blieben aber ohne Erfolg. — Sv wollen wir denn über die Lage der persischen Inden jetzt einiges mitteilen, was den Beweis liefern soll, daß, trotz der Bedrängnis, in der sich die Juden im Lande des Achaschmerosch befinden, auch an ihnen die Kraft des Glaubens sich bewährt hat und sie enge ziisammenhält. Die folgenden Mitteilnngen erhielt ich vor etwa 14 Jahren, im Jahre 1896, von. meinem nun verewigten Kollegen Dr. von Sowa, einem der größten Sprachgelehrten, dessen Forschungen über die Zigeunersprache grundlegend geworden sind. Er hat mir auch manches schätzbare Material über die Inden im Kaukasus geliefert. Auf Grund des mir gebotenen Stoffes habe ich seinerzeit Artikel über die Inden im Kaukasus und Persien in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" veröffentlicht. Ein in Konstantinopel lebender persischer Jude Newrez (hebr. Nissan) machte über die Lage seiner Glaubensgenossen in Persien dem in der türkischen Hauptstadt wohnenden Dr. Schwarz Mitteilungen, dieser schickte sie seinem in der Bukowina lebenden Neffen Dr. Maier nnd durch Ihn gelangten sie in die Hände meines verewigten Kollegen Sowa, der sie mir zur Veröffentlichung überließ. ...... Die Juden wohnen irr Persien meist in der Provinz Khörasan. Als eines der größten Feste feiern sie das Pnrimfeft, der Fasttag der Esther ist ihnen so heilig, wie der Versöhnungstag. Sie wissen von der Zerstörung des zweiten Tempel nichts und sind der Ueberzengung. daß ihre Vorfahren direkt aus Babylon nach Persien einwanderten. Seil dem Jahre 1838 müssen sie sich znm Scheine znm Mohammedanismus bekennen, obgleich sie im Geheimen Anhänger der Religion der Vater find und alle in der Bibel und im Talmud. vorgeschriebenen Bräuche 1 halten. Dieser persische Marranismus wurde dadurch herbei- , 8 geführt, daß man die Inden beschuldigte, sie hätten in dem genannten Jahre, am 10. Moharremtage, den schiitischen Heiligen Hussein verhöhnt. Da demnach die Inden zum Scheine sich zum Islam bekennen, muß - die Zeremonie der Trauung nach , mohammedanischer Art vorgenommen werden. Der- Chacham, in seiner PeJischen Kleidung - einem mohammedallischen Geistlichen gleichend, erklärt das Paar für verheiratet. Gäste führen, unter ' dem Klange von Flöten und Trommeln, Tanze ans. Hierauf versammeln sich diese Schein-Mohammedaner im Hanse 'der; Eltern hes Paares und dort geht die Trauung „nach dem" Gesetze Mosis nnd Israels" vor sich,' indem der Bräutigam, durch eine Münze oder Schmnckgegenstand seine Zukünftige sich^ „anheiligh" Es folgt die Verlesung der „Keihuba." Im allgemeinen istbei den Juden Persiens 'die Monogamie gebräuchlichI Es ist aber auch gestattet, im Falle der Kinderlosigkeit, sich ein. 8 zweites Weib zu nehmen. Die- Scheintrauungen der Juden 8 erinnern uns an die „Dachboden-Trannngen" unserer Väter 8 Mita

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.