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Die Wahrheit · 1910-11-11 · Heft 44 (11.11.1910) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 44 (11.11.1910)
Date
1910-11-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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cifyrfjcit Redaktion n»d Sldiuinislration: Wien. II/, Novaragasse 27 Telephon: Redaktion 5107/VIIl. Unabhängige Aertfchrift für jüöische Gezugs-preis: Ganzjährig.K 14.— Halbjährig.K 7.— Administration 4938/11. Ä. k. österr. Vostsparkassa- Scheck-Konio Nr. 100.918. Antennen. Für JluttU'Sbeuiute: Ganzjährig.K 10 - Inserate: Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller. Erscheint jeden Kreitng. Jiir Ausland: Abonnementennd JnsertionS- Ganzjährig.8 Mark betröge sind in Wien zahldar und klagbar. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ 6 Rubel oder I« Frc». Ur. 44 Wien, 11 Uovemder ii»tn Inhalt: Der Sieg in der Leopoldstadt. — Bon den Juden im Reiche des Achaschwerosch. — Lord Rothschild. — Juden als Diplomaten, Minister und Politiker. — Das Leben und Wirken der Juden in Oesterreich in vormärzlichen Zeiten. — Verschiedene Nachrichten. — Literatur. — Austritte aus dem Judentum. Der Sieg in der Keopoidstadt. Trotzdem wir den nachfolgenden Aussührungen nicht in allen Beziehungen beipflichten können,halten wir es dennoch für angezeigt, dieselben zu veröffentlichen, um die durch die Wahl geschaffene Situation möglichst anszuklären und auch die Stimmungen wiederzugeben, von welchen manche jüdische Wählerkreise in der Leopoldstadt beherrscht werden. Die Redaktion. Es war ja vorauszusehen, daß es zu einer Stichwahl kommen werde, und nur ganz Aengstliche glaubten au einen Sieg der Christlich-Sozialen. „Lueger ist ja auch im ersten Wahlgang gewählt worden!" hörte man sie sagen. Ja, das war eben der Lueger; aber Preyer — wer ist Preyer? Daß ein solch unbeschriebenes Blatt schon am ersten Wahltag über 10000 Stimmen hatte, läßt auf die große agitatorische Macht des herrschenden Regimes schließen und der Sieg des Sozialdemokraten in der Stichwahl ist umso höher auzuschlagen, als ja die Gegner alle möglichen Wahlpraktiken anwandten, während die anderen den geraden, ehrlichen Weg gingen. Es ist ein ehrlicher Sieg. Weit mehr als die Hälfte der großjährigen Bevölkerung in der Leopoldstadt ist gegen den christlichen Sozialismus und nun muß man sich sagen, daß es gar nicht so unmöglich gewesen wäre, dieses Mandat für einen Juden zu erobern. Im niederösterreichischen Landtag sollte wenigstens ein Jude sitzen. Denn die jüdische Bevölkerung Wiens, die im Reichsrat zwei Mandate erhalten hat, müßte mit vollem Recht in der Landstube mindestens einen Vertreter haben. Nirgends hätte ein Jude ein chancenreicheres Feld als eben in der Leopoldstadt. Geben wir uns nur keiner Selbsttäuschung hin. Von den 12700 Stimmen, die der christliche Sozialdemokrat Franz S ch u h m e i e r erhielt, sind 7000—8000 reine, jüdische Stimmen. Hätten sich diese Stimmen im ersten Wahlgange auf einen geeigneten jüdischen Kandidaten vereinigt, so wäre dieser in eine sehr aussichtsreiche Stichwahl gekommen. Auf einen geeigneten Kandidaten! Ja. auf den kommt es eben an. Ist dieser geeignete Kandidat Dr. Mittler? Ist es Dr. Schwarz-Hiller, oder Lucian Brunner? So ist es denn bei der Zerfahrenheit des jüdischen Lagers so weit gekommen, daß man gar keinen Menschen in ganz Wien hat, der ein geeigneter jüdischer Landtagskandidat wäre! So weit ist es gekommen, daß das Gros der jüdischen Wählerschaft, angewidert von dem Streite im liberalen und zionistischen Lager, von vornherein dem Sozialdemokraten die Stimme gab. Man sprach davon, daß 5000 Juden im ersten Wahlgange für Schnhmeier stimmten. Nimmt man jene Stimmen hinzu, die auf Mittler, Schwarz- Hiller und Britnner entfielen, so hat man jene Stimmenanzahl, mit der Schuhmeier in die Stichwahl kam, ans der er als Sieger hervorging. Die Drohungen der „Reichspost" können uns völlig kalt lassen. Aber unter uns dürfen wir uns ganz still eingestehen, daß ein Schuhmeier denn doch nicht nach unserem Geschmacke ist. Die Judenfreundlichkeit der internationalen Sozialdemokratie steht wie die österreichische Gleichberechtigung auf ganz schwachen Beinen und der wienerische Schuhmeier sieht es auch nicht gerne, wenn ein Jude mehr Geld hat als er. Gewiß konnten die Juden nicht anders Vorgehen. Und wie die Dinge lagen, war es für sie moralische Pflicht, alles daranzusetzen, um die alte Schmach von sich zu waschen und die Erbschaft Luegers nicht wieder einem waschechten Antisemiten znsalleu zu lassen. Aber vielleicht ziehen sie doch eine Lehre aus diesem harten Kampfe. Vielleicht werden sie nun einsehen, daß eine zielbewußte agitatorische Tätigkeit auf dem Boden der Leopoldstadt einen jüdischen Sieg fast in sichere Aussicht stellt. Wenn die Mehrheit der Wähler gegen den Antisemiten stimmte, wenn von dieser Mehrheit zwei Dritteile jüdische Stimmen sind — warum soll die jüdische Bevölkerung Wiens nicht alles aufbieten, um wenigstens dies eine Mandat für sich zu erobern, damit wenigstens ein unerschrockener Mann im Landtag sitze, der ihre Interessen wie seine eigenen vertritt und nicht wie ein Geschäft, das man je eher je lieber abschütteln möchte. Es gibt viele tüchtige, erprobte Männer, die das Judentum im Wiener Landhaus mit viel Geschick vertreten würden. Warum kommen immer solche, die ihr Judentum hinter dem Douauklub, oder hinter Baron Hock verstecken? Auch Luzian Brunner trägt das Ldium des Zionismus an sich, der bei den Wiener Juden nicht gar zu sehr beliebt ist. Geht aus und sitchet nach jenen Männern, die mitten im tätigen Leben der Großstadt stehen; die sich in jedem Kreise eine Beliebtheit, eine Anhängerschaft zn gewinnen wissen, die ihr Judentum nicht verstecken, aber auch nicht zn sehr hervorkehren; die den geraden, verständigen Weg der Verträglichkeit, den Weg der Redlichkeit und des Biedersinnes gehen. Gibt es noch solche in Wien. Gewiß gibt es solche. Aber man muß sie suchen.

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