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Die Wahrheit · 1910-11-04 · Heft 43 (4.11.1910) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 43 (4.11.1910)
Date
1910-11-04
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 43. Die Wahrheit Seite 7 Hur Bekämpfung der leider immer mehr zunehmenden Abfallbewegnng betrachtet werden muß. Mir großer Opferwilligkeit haben die Mitglieder des Vereines bereits eine Summe von zirka 30.000 Kronen au» eigenen Mitteln aufgebracht, aber dieser Betrag sei nur ein kleiner Bruchteil der erforderlichen Baukosten und er appelliert daher an die Anwesenden, in den weiteren Kreisen der Wiener Glaubensgenossenschaft Gönner und .Förderer für dieses gottgefällige Werk zu gewinnen. Oberrabbiner Dr. Güde m a n n unterstützte mit wirkungsvollen Worten die Ausführnngen des Vorsitzenden. Wenn auch die Mnnifizenz für religiöse Zwecke sich gegenwärtig nicht so .glänzend bewähre wie in früheren Zeilen, so hoffe er dennoch, daß der Appell des Bankomitees an den jüdischen Gemeinsinn wicht erfolglos bleiben werde. Präsident Dr. Alfred Stern betonte gleichfalls die Unzulänglichkeit der bestehenden Gotteshänser, die nicht nur an den hohen Feiertagen, sondern auch bei besonderen festlichen Anlässen nnd selbst bei Freitag-Abend-Gortesdiensten sich fühlbar mache. Er wolle wohl heute die Stellungnahme des Knltusvorstandes zu dem geplanten Werke nicht präjudizieren, aber die Bestrebungen des Vereines werden im Knltnsvorstande nicht nur allseitiger Sympathie begegnen, sondern es werde auch gewiß die Knltnsgemeinde, soweit es die vielseitig in Anspruch genommenen Gemeindemittel erlauben, einen entsprechenden Beitrag zu dem Tempelbane leisten. Zu weiteren Anregungen und Erklärungen ergriffen noch das Wort die Herren Michael G l o g a u. Dr. S. Land a u, Ad. Glaser, Langer, Architekt Reiser. Hermann Ellbogen, Josef Fischer und nachdem die Debatte beendet war, schloß der Vorsitzende die Versammlung mit einem Danke an die Anwesenden und mit der Bitte, zur Förderung des Dempelbanes noch Kräften beizntragen. Inden als Diplomaten, Minister nnd Politiker. (Fortsetzung.) Dem obenerwähnten Jsacco Artom, der von dem Hauptorgan der piemontesischen Klerikalen heftig angegriffen war, hat Cavour in einem an den Leiter der „Opinione," Giaccomo Dina, ebenfalls einem Inden, gerichteten Schreiben folgendes ehrenvolle Zeugnis ausgestellt: „. . . Es gibt keine Handlung in meinem politischen Leben, über die ich mich mehr freue als die. daß ich mir zu vertrauten und wirksamen Mitarbeitern in der Ausführung der delikatesten nnd schwierigsten Geschäfte, zuerst Herrn Konstantin Nigra und dann Herrn Isaak Artom habe a n sw ä h l e n können, einen jungen Mann a n d e r e r R e l ig i o n, aber gleichermaßen von ausgezeichnetem und frühreifem Verstand, unermüdlichem Eifer nnd goldenem Charakter. Dieses öffentliche Zeugnis, das ich Herrn Artom schuldig zn sein glaube, wirlst dessen bin ich gewiß, von allen denen, die ihn kennen, nnd besonders von seinen Vorgesetzten bestätigt werden, deren völliges Vertrauen er stets genossen hat, sowie von seinen Kollegen, welche ihn, wie sichs gebührt, achten und schätzen. Die öffentliche Meinung wird über die niedrigen Angriffe seitens solcher ihr Urteil fällen, die sich nach Zeiten zurücksehnen, . in denen die K n l t n s v e r s ch i e d e n h e i t genügte, um von den öffentlichen Aemtern die unterrichtetsten und befähigsten jungen Leute f e r n z u h a l t e n." Wie schade, daß Bismarck, von dem oft behauptet worden ist, er hätte sich in mehr als einer Beziehung Cavour znm Vorbild genommen, wohl Inden zn Mitarbeitern genommen hat, aber stets erst dann, wenn sie ihre Religion abgeschworen hatten! Uebrigens trat, wie wir einem Aufsatz von Professor Dr. Ermanno Levinsohn-Rom in dem Okloberheft der Zeitschrift .,Jm Deutschen Reich" entnehmen, 1868 Artom zn T r e i t s ch k e in persönliche Beziehungen, als er damals italienischer Gesandter in Karlsruhe, für das italienische Unterrichtsministerium einen Bericht über die Universität Heidelberg, an der Treitschke lehrte, anzufertigen hatte. Später waren sie noch in Gedankenaustausch gelegentlich des Aufsatzes Treitschkes über Cavour, und zur Zeit des Kulturkampfes über das Verhältnis von Kirche nnd Staat. In denselben „Preußischen Jahrbüchern" (25. Dezember 1876), aus welchen Treitschke wenige Jahre später seinen Bannstrahl gegen die Juden schleuderte, veröffentlichte er ein Schreiben Artoms und bezeichnete ihn, allerdings ohne Namensnennung, als „einen ausgezeichneten italienischen Staatsmann" und als seinen „Freund." Wer weiß, ob Treitschke. als er sich um 1880 dem modernen Sport dt>s Antisemitismus znwandte, vom Vorstande des Vereines deutscher Studenten Absolution für feine Beziehungen zu dem Juden Artom erlangt hat? Uebrigens stammt ans Artoms Feder auch die italienische Ausgabe von Gneists „Rechtsstaat." Auch in dem kleinen Jnselreiche Düne »t ark gibt es weder eine Bevorzugung der Stünde, noch der Konfessionen, die staatsbürgerliche Gleichberechtigung aller Klassen der Bevölkerung ist ausnahmslos dnrchgeführt. Der Adel hat seine privilegierte Stellung schon seit einem halben Menschenalter eingebüßt, er ist als Stand im öffentlichen Leben ganz verschwunden. Diese Verbürgerlichung der Gesellschaft hat eine erfreuliche Mischung der Stünde nnd eine Ueberbrücknng der Klassengegensätze zur Folge gehabt. Infolgedessen ist denn auch die dänische Staatsverwaltung so mit bürgerlicher Empfindung durchtränkt, daß ihr bnreankratische Uebergriffe ebenso fremd sind wie die subalterne Gesinnungsriecherei. die nach unten schnauzt und nach oben gehorsamst den Rücken krümmt. Die Juden indessen bilden in Dänemark nur einen sehr geringen Prozentsatz der Bevölkerung. Unter fast drei Millionen Einwohnern gibt es noch nicht 4000 Inden. Deshalb ist die Zahl der in öffentlichen Aemtern stehenden Israeliten natürlich nicht groß. Trotzdem aber hat es atlch hier eine Anzahl von Juden in den höchsten Staatsstellungen gegeben. So gehörte dem 1909 zur Regierung gekommenen radikalen Ministerium Zahle als Finanzminifter Eduard Brandes, der Bruder des bekannten Literaturhistorikers Georg Brandes, an, der einer jüdischen Familie entstammt. Um das P o st w e s e n hochverdient machte sich der dänische Postmeister Joseph M i ch a e l s e n. Er war als Sohn armer jüdischer Eltern geboren, beschäftigte sich eine Zeitlang mit journalistischen Arbeiten und wurde dann, nachdem er die Universität absolviert hatte, in der Postverwaltung angestellt. Als praktischer Mann fand er die damalige Portoabrechnung zwischen den Staaten zn kompliziert und glaubte 1868 eine praktische Lösung gefunden zu haben, nämlich ein gleiches Porto für Briefe nach allen Ländern hin. Im April 1868 wurde vom dänischen Auswärtigen Amte eine von Michaelsen in französischer Sprache verfaßte nnd seinen Vorschlag enthaltende Schrift allen ansländischen Regierungen und Postverwaltungen zugestellt, und im Dezember 1868 wurde Stephans bekannte Denkschrift veröffentlicht, der Michaelsens Vorschlag zugrunde lag. Anläßlich feines 80. Geburtstages im Jahre 1906 wurde Michaelsen sehr geehrt. Der König ließ ihm die goldene Verdienstmedaille überreichen, eine Medaille ist zn seiner Ehre geprägt worden, und feine Büste in Marmor gehauen, wurde im Nationalmusenm im Schlosse Frederiksborg ausgestellt, während seine Bronzebüsie im neuen Zentralpostgebände Platz fand. Her m a n n T r i e r. ein bekannter dänischer Pädagoge und Kommunalpolitiker, der 1898 znm Präsidenten der Bürgerrepräsentanz gewühlt wurde, ward 1901 auch Präsident des dänischen Folkethings. Er wltrde fast einstimmig gewühlt, es war das erstemal in Dänemark, daß die zwei höchsten Ehrenstellen. welche die Gemeindevertretung der Hauptstadt und die Volksvertretung zn vergeben hatten, in einer Hand vereinigt wurden. Nicht so günstig wie in England nnd Italien liegen natürlich die Verhältnisse in F r a n k r e i ch, dem Lande der Dreyfus-Schmach. Immerhin hat es auch dort mehrere jüdische Minister gegeben. Es war dies Isaak Adolf C r s m i e u x und Raynal. Der entere bekleidete sogar zweimal Ministerposten; das erstemal im Jahre der Februarrevolution. 1842, war er als Mitglied der provisorischen Regierung Jllstizminister. das zweitemal 1870 trat er ebenfalls als Justizminister in das Mini-

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