Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1910-11-04 · Heft 43 (4.11.1910) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 43 (4.11.1910)
Date
1910-11-04
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3063520-3063563--06937-3073982
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Seite 6 Die Wahrheit Nr. 43 nahe waren. Damals wendete die Regierung alle Mittel an, nm den Unglücklichen zu helfen. Die Stadt Rom tat viel Gutes, und auch der Papst, als Einwohner von Rom, trug das Seinige bei zur Linderung der Not. Um jene Zeit wurde Bürgermeister Nathan indirekt eiugeladen in den Vatikan zu kommen. Er kam. Ein derartiges Ereignis hat sich noch niemals zugetragen, seitdem der Papst seiner weltlichen Macht verlustig gegangen, ist. Ein Bürgermeister von Rom, der vom Papste nicht bestätigt war, sollte den Vatikan besuchen l Viele Katholiken ärgerten' sich darüber, besonders da der Bürgermeister Jude war, aber der Papst ist unfehlbar — mau mußte sich also jeder Kritik enthalten. Dann geschah ein anderes großes Ereignis: der Jude Luzzatli wurde italienischer Ministerpäsideut. Natürlich bedeutete dies eine schwere Kränkung für die frommen Katholiken, aber die Zeitungen des Papstes zeigten auch diesmal wiederum eine merkwürdige Haltung — sie griffen den neuen Ministerpräsidenten nicht an, sie hatten weder an seiner Person noch an seiner Vergangenheit das Geringste anszusetzen, wie sie es bei anderen zu tun pflegten. Als dann später Lnzzatti im Parlament von den Rechten der Geistlichkeit sprach, wurde ihm sogar in den Zeitungen des Papstes höchstes Lob ausgesprochen. Dann konnte mau bemerken, wie hohe vatikanische Beamten ständig Besuche abstatteten bei Nathan und Lnzzatti, und man sagte zum Spaß, Italien werde bald zwei hohe Beamte verlieren. weil der Papst sie zur Taufe veranlassen würde. Aber der Papst dachte in Wirklichkeit gar nicht daran, Lnzzatti und Nathan zu tausen — er wollte sie vielmehr nur für sich zu gewissen politischen Zwecken gewinnen. Vorläufig weiß man noch nicht genau, was der Papst von ihnen wollte und was er ihnen als Gegenleistung versprochen hat. Soviel aber steht fest, daß sowohl Lnzzatti als Nathan eines schönen Tages den hohen vatikanischen Besuchern erklärten, sie sollten sich nicht mehr unterstehen zu ihnen zu kommen. Wenn der Papst etwas verlange, solle er sich nicht an Lnzzatti und nicht an Nathan, sondern an den Ministerpräsidenten resp. an den Bürgermeister wenden. Das Stillschweigen dieser beiden hervorragenden Staatsmänner über das Verlangen des Papstes wird von der italienischen Bevölkerung, die ihrem Königshause treu ergeben ist, nicht gerade in einem für den Papst günstigen Sinne ansgelegt. Charakteristisch ist, daß der Papst den Juden zeigen wollte, daß er sehr tolerant sei und daß er keinen Unterschied mache zwischen Inden und Christen. Ans diesem Gründe erschien einmal im „Osfervatore romano" ein Artikel, in welchem die intime Freundschaft des Papstes mit dem Inden Jakur geschildert wurde. Diese Freundschaft datierte aus der Zeit, wo der Papst noch einfacher Bischof war und wo er die Familie dieses Inden oft besuchte und in leutseliger Weise mit ihr verkehrte. , Aber alle diese Dinge machten, wie es scheint, auf Lnzzatti und Nathan keinen besonderen Eindruck und sie wiesen die geplante Annäherung entschieden zurück. Mau glaubt nun allgemein, daß die oben erwähnte Rede Nathans die erste Antwort sei auf die, wie gesagt, bis jetzt noch itnbekannten Forderungen des Papstes, und man erwartet mit Bestimmtheit, daß Lnzzatti und Nathan über kurz oder lang sich öffentlich darüber äußern werden, was man eigentlich von ihneit gewollt hat. Diese Darstellung, so schreibt die Straßburger „Israel. Wochenschrift", entnehmen wir einem amerikanisch-jüdischen Blatte, dem wir natürlich die Verantwortung über die Richtigkeit derselben überlassen müssen. In jedem Falle aber wird man gut tun, mit seinem Urteile über das Vorgehen Nathans znrückznhalten, bis weitere authentische Nachrichten vorliegen. Znr intenstveven Wege der hebräischen Sprache. Der Festmonat Tischri ist zu Ende und für unsere Jugend ist die eigentliche Arbeitszeit jetzt gekommen. Einer Disziplin möchten wir gerne das Wort reden, der Sprache unserer Bibel und unserer Gebete. Gerade die hohen Festtage zeigen uns so recht, wie wichtig die Kenntnis der heiligen Sprache füruns ist und welch hohen geistigen Genuß es gerade dem Kenner des Hebräischen gewährt, einem feierlichen Gottesdienste in unseren großen Synagogen beizuwohnen. Nicht nur aus diesem Gründe, sondern, um überhaupt in den Geist .der . Bibel einzudringen und um sie so recht zu verstehen, bedarf unsere Jugend einer intensiveren Kenntnis des Hebräischen, die in den zweiwöchentlicheu obligaten Schulstunden unmöglich zu erlangen ist. Zn diesem Zwecke erhält unsere Gemeinde Bibelschulen. subventioniert anch die von Vereinen errichteten hebräischen Sprach- und Bibelschulen in den einzelnen Bezirken, und Sache der Eltern ist es, ihre Heranwachsenden Kinder, falls sie ihnen keinen gründlichen hebräischen Privatunterricht im Hanse erteilen lassen, in diese Schulen, die das bestmögliche leisten, zu schicken und sich vom Fortschritte ihrer Pflegebefohlenen zu überzeugen. Man wende nicht ein, es fehle au Zeit, der gute Wille kann da Wunder wirken und die guten Erfolge, von denen sich die Inspektoren beim Besuche der Bibelschulen, aber anch die Eltern jederzeit — es braucht nur Liebe zur Sache dazu sein — überzeugen können, bleiben gewiß nicht ans. Jedes Volk erhält seine Guter und Schätze und wir sollten nicht dasselbe mit der heiligen Sprache tun? Unserer Jugend gehört die Zukunft und gilt anch von der Sprache unserer Bibel das große Wort: „Was du von deinen Vätern ererbt hast, erwirb es, um es zu besitzen!" __ Moritz 31 ... . Kaiser Kran; Joses I. Knldigmrgslempet. Im Sitzungssaale der israel. Knltnsgemeinde, I., Seitenstettengasse 4, fand Montag, den 31. Oktober, i/tJ Uhr abends eine Sitzung des Baukomitees zum Bane des vom israelitischen Bethausverein „Am Volkert" im H. Bezirke. Ecke der Pazmaniten- und Pillersdorfgasfe geplanten neuen Tempels statt. Das vorbereitende Aktionskomitee steht unter dem Protektorate des Präsidenten der Knltnsgemeinde Dr. 3llsred Stern, das Ehrenpräsidium hat Herr Oberrabbiner Dr. G ü d e m a n n übernommen und an der Spitze des Baukomitees stehen der Obmann des Bethausvereines „3lm Volkert" Herr Knltns- Vorsteher Adolf S ch r a m e k und Herr Elkan Baue r. Der Plan für den Ban wurde vom Architekten Herrn Ignaz Reiser ansgearbeitet. Der Zweck der Sitzung war, auch außerhalb des Vereines stehende Persönlichkeiten zum Eintritt in das Bankomitee und zur Propaganda für das neue Gotteshaus zu gewinnen, das zur Erinnerung an den 80. Geburtstag Sr. Majestät des Kaisers mit Allerhöchster Bewilligung den Namen: „Kaiser Franz Josef I. H u l d i g u n g s te mp e l" führen soll. Erschienen waren: Der Präsident der Knltnsgemeinde Dr. Alfred Stern, Oberrabbiner Dr. M. Güdemann. Adolf Schramek, Obmann des Tempelvereines, Elkan Bauer, Obmann des Baukomitees, Rabb. Abeles, Michael Glogan, Dr. Josef Bloch (Wochenschrift), Samuel Adler. Adolf Glaser, S. Ehrenreich. Simon Wessely, Hermann Ehrenfeld, Leopold Otto, S. Hoffmann. Heinrich Gassner, W. Bandler, 3ldolf Pollitzer, Heinrich Weiner, Architekt Ignaz Reiser, Architekt Modern. Dr. Nt. Kohn, Julius Beck, Dr. Moriz Löwy (Wahrheit), Gustav Fraukl. kais. Rat Dr. Theodor Lieben, Dr. E. Adler, Moriz Rosenblatt. Josef Weiner, Hermann Eltbogen, Bernhard Fische^, Josef Fischer. Bernhard Pick, Sam. Goldmann, Dr. S. R. Landau (National-Zeirnng), Josef Seher, S> 3l. Wasservogel, I. Braun, Baumeister Melcher. Nach Begrüßung der Erschienenen legte der Vorsitzende, Herr Adolf Schramek. die Notwendigkeit des Tempelbanes gerade in diesem von jüdischer Bevölkerung stark besetzten Bezirksteilc dar und verwies auf die vielfach empfundenen Mißstände des Minjanimwesens, denen durch Errichtung des neuen Gotteshauses dauernd abgeholfen werden soll. Es soll hier eine das Judentum auch nach außen hin würdig repräsentierende Andachtsstätte errichtet werden, die Alt und Jung Erbauung und Belehrung bieten wird und durch Anregung des religiösen Sinnes bei der Jugend als wirksames Mittel

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.