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Die Wahrheit · 1910-11-04 · Heft 43 (4.11.1910) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 43 (4.11.1910)
Date
1910-11-04
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 43. Die Wahrheit rette o. Familien, die vom Handel mit alten Kleidern leben und jetzt , aller Mittel entblößt sind, eine öffentliche Sammlung veranstaltet! werden könne. Tolmatschow gestattete großmütig eine Spenden-! fammlnng bei jüdischen Banken und Vereinen.! * I * In Portugal wurde über Nacht das Königtum gestürzt | und die Republik an Stelle desselben gesetzt. Damit ist ein mehr als vierhundert Jahre andauernder Kamps, oder besser gesagt, ein Ringen in eine neue Phase gelieren. Jene schwarzen Mächte in der Kutte, die jüdisches Blut in Strömen vergossen, Scheiterhaufen für die unglücklichen Marannen entzündeten, dieselben Mächte haben es verstanden, das blühende Land einer Wüste gleichznmachen und ein intelligentes Volk bis zur Roheit zu verdummen. Sie haben jahrhundertelang Land und Volk ansgesaugt, haben das einst meerbeherrschende Portugal zum Basalen eines anderen Staates gemacht und das Volk ans die niedrigste Kulturstufe herabgedrückt. Die portugiesischen Juden, die verstreut überall, nur nicht in Portugal leben, werden ans die Nachrichten von dort wehmütig der alten Heimat gedacht haben und der Leiden sich mit Schmerz erinnern, die ihren Ahnen von den Krallen der bestialischen Machthaber am Tajo beigebracht wurden. Ungesübntes Jndenblnt läßt die Völker ans der Pyrenäischen Halbinsel seit Jahrhunderten nicht zur Ruhe kommen. Die verkohlten Leichen ans den zahllosen Scheiterhaufen, die zersetzten Gliedmaßen ans den Marterkammern, sie alle rütteln an den Grundfesten der portugiesischen Gesellschaft und heischen Sühne. Und die Nemesis waltet ihres Amtes. Vielleicht ist jetzt die Geschichte an der Arbeit, das übergroße Unrecht gntznmachen, von welchem selbst der König Don Pedro eingestehend bemerkte, als er die portugiesische Synagoge in Amsterdam besuchte, daß es Portugal gntznmachen schuldig geblieben ist. Diese schwarzen Mächte also, die zwei Jahrhunderte hindurch den arbeitsamsten Teil der portugiesischen Bevölkerung auf die Marterbank schleuderten, seine schwer erworbenen Güter sich aneigneten, das Land ins Verderben stürzten, hetzend durch die verdummte Menge einherschritten, scheinen nun abgewirtschaftet zu haben. Ob aber in dieses arg vernachlässigte Land nunmehr Ruhe einkehren wird, bleibt abznwarten. Bis dahin wird Portugal mit seinem Nachbarstaate als abschreckendes Beispiel stehen bleiben für jene Länder, die selbst in imseren Tagen sich an Judenverfolgungen nicht genug zu tun vermeinen. * * Der Bericht der I c a - E x p e d i t i o n zum Studium der K o l o n i s a t ion sm ög li chkeiten in Mesopotamien liegt bereits dem Zentralrate der Jca vor. Die Beratung desselben wird nach den Sommerferien statlstnden. Der Expeditionsbericht bestreitet nicht die Möglichkeit, Mesopotamien mit Juden zu kolonisieren, sondern spricht sich nur dagegen aus, daß die Kolonisierung früher vorgenommen werde als die Bewässerungsanlagen ausgeführt sind. Die Expeditionskommission spricht ferner die Ansicht aus, daß in einzelnen Teilen Kleinasien schon heute mit der Kolonisierung von Juden beginnen könnte. Die türkische Zentralregierung steht einem solchen Projekte sympathisch gegenüber, und wenn auch nicht geleugnet werden kann, daß die Lokalbehörden jüdischen Kolonisationsbestrebungen keine Sympathien entgegenbringen, so habe das wenig zu bedeuten, da die Lokalbehördeu den Instruktionen der Zentralregierung folgen würden: Die Kommission spricht auch die Hoffnung aus, daß in absehbarer Zeit auch den Juden gegenüber dasselbe Gesetz in Anwendung würde gebracht werden, das heute muselmännischen Immigranten, die sich aus freiem Boden ansiedeln, weitgehende Begünstigungen gewährt. Von anderer Seite wird hinzu berichtet, daß zwischen dem englischen Ingenieur William Willcoks und der türkischen Regierung eine Aussprache stattgefunden habe, die damit endete, daß Willcoks auch weiterhin mit der Durchführung der Bewässerungsanlagen betraut wurde. Was jedoch die Besiedelung Mesopotamiens betrifft, bat die türkische Regierung bereits eine Gesetzesvorlage ausgearbeilet, durch welche eine systematische Besetzung der fruchtbaren Teile Mesopotamiens durch Araber inauguriert wird. In diesem Gesetze werden den Arabern freier Boden und weitestgehende Unterstützungen zugesichert. Finanzminister David B e y hat auf seiner Inspektionsreise in Mazedonien in verschiedenen Reden auf diese Aktion der Regierung hingewiesen und wiederholt betont, daß die Regierung in ihrer Agrarpolitik sich ausschließlich von dem Prinzipe leiten lasse, daß der ottomanische Boden den Ottomanen erhallen bleiben .müsse. -i- * Wie dem „Mainzer Israel" von seinem Dnbliner Korrespondenten gemeldet wird, haben die Juden Irlands ein viel schwereres Leben als in England. Die Arbeit ist eine harte und steht mit dem Erträgnisse in gar keinem Verhältnisse. Der Jude ist hier auf ein sehr begrenztes Gebiet von nneinträglichen Beschäftigungen angewiesen, die ihn naturgemäß nur mit einer geringen Zahl der ihn umgebenden Bevölkerung in Verbindung bringt. Daher kommt es, daß das Verhältnis zwischen der christlichen und jüdischen Bevölkerung kein sehr liebevolles ist. Eine Folge hievon ist. daß den Inden in Irland die sogenannte große Gesellschaft, wie auch die bedeutenderen öffentlichen Aenner verschlossen bleiben. Die jüdischen Gemeinden sind klein, besitzen fast gar kein Vermögen und versügen nur über einige unbedeutende Wohlfahrtseinrichtungen. Die Ursache des letztgenannten traurigen Zustandes liegt zunächst in den allgemeinen sozialen Verhältnissen, dann aber arcch in der Uneinigkeit unter den irländischen Inden selbst, die besonders im Süden des Landes zu Streitigkeiten religiöser Natur führen, da manche reformatorische Stürmer der im allgemeinen gesetzestreuen jüdischen Bevölkerung auf jede Art und Weise das religiöse Leben zu erschweren sucht. Uathau, Knzzatti nnd der Papst. Der jüdische Bürgermeister von Rom, Ernesto Nathan, machte vor kurzem viel von sich reden. Anläßlich der Wiederkehr des Tages, an welchem die Italiener in Rom einzogen, gedachte er des ökumenischen Konzils des Jahres 1870 und verherrlichte das Andenken des Kanonikus Dollinger, des Begründers des Altkatholizismns, welcher die päpstliche Unfehlbarkeit bekämpfte. Gleichzeitig beschuldigte er den Vatikan, daß er die berechtigten menschlichen Ziele bekämpfe und den Fortschritt und die Zivilisation aufhalte. Gegen diese Rede hat der Papst und die gesamte katholische Presse Stellung genommen, worauf der Bürgermeister eine Erklärung veröffentlichte, in welcher er seine Behauptungen nochmals wiederholte und vollkommen aufrecht erhielt. Selbstverständlich wurden die Gegensätze hierdurch nur noch mehr verschärft, und schon begegnet man in der jüdischen Presse Stimmen, welche das Vorgehen Nathans mit Rücksicht auf seine Eigenschaft als Jude als eine Taktlosigkeit bezeichnen, was von den klerikalen Blättern mit sichtlicher Genugtuung registriert wird. Die Sache lohnt sich demnach, daß wir sie etwas näher betrachten. Als Signor Nathan zum Bürgermeister von Rom gewählt wurde, da bemerkte man. daß die vatikanischen Zeitungen ihn weniger angriffen als irgend einen anderen Bürgermeister von Rom. Das war um so merkwürdiger, als jene Zeitungen durchweg antisemitisch sind, jo daß man eher das Gegenteil erwartet hätte. Der „Osservatore romauo" gab dafür folgende Erklärung: Seine Heiligkeit der Papst ist viel günstiger gesinnt gegen einen Juden, der sich niemals zum Katholizismus bekannt hat. als gegen einen Katholiken, der abtrünnig ist von der Kirche. Des weiteren bemerkte man, daß die päpstlichen Zeitungen, so oft sie von der städtischen Verwaltung sprachen, den jetzigen Bürgermeister wegen seiner Tüchtigkeit lobten. Das war überraschend für die meisten Leute. Man hätte es nie für möglich gehalten, daß der Papst jemanden belobigen könne, der nicht von ihm abhängig ist. Später war man noch mehr überrascht. Das war zur Zeit des großen Erdbebens in Italien, als Tausende von Menschen den Tod fanden und Zehntausende dem Verhungern

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