Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 43 (4.11.1910)
- Date
- 1910-11-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 43. Am Versöhuungstage konnte er bereits das Gotteshaus besuchen. Gleich den übrigen Andächtigen legte er die Sterbekleider an. Einer der Besucher des Bethauses, der von Mitleid mit dem Manne ergriffen war, ließ Zucker, als mau beim Vorlesen der Thora angelangt war, zur Thora aufrnfen. Es ist dies eine besondere Auszeichnung. Wankenden Schrittes stieg Zucker die Stufe znm Altar hinan und beugte sich laut schluchzend über die heilige Schrift. Die ganze Gemeinde hielt im Gebet inne und blickte wie gebannt zu dem wie von Fieberschauern geschüttelten Mann empor. Dann spielte sich ein Vorgang ab, der allen Anwesenden unvergeßlich bleiben wird. Zucker raffle alle seine Kräfte zusammen, hob die heilige Schrift in die Höhe und rief mit lauter Stimme: „Ich schwöre es hier neben der Thora vor Gott und den Menschen, daß ich an dem Verbrechen, dessen ich beschuldigt werde und dessentwegen ich in Haft genommen wurde, unschuldig bin. An diesem heiligen Tage schwöre ich es vor Gott dem Allmächtigen, daß ich unschuldig bin. Erhelle den Geist meiner Richter, damit auch sie meine Unschuld sehen!" Bis ins Innerste erschüttert, hörte die Gemeinde den Eid. Zucker sank vor Schmerz und Aufregung beinahe zusammen. Er hatte nur noch soviel Kraft, von der Thora zurückzntreten, dann stürzte er mit einem Aufschrei zu Boden. Es verging längere Zeit, bis er sich soweit erholte, daß er sich, von einem Tempeldieuer gestützt, auf seinen Sitz zurückbegeben konnte. Dort blieb er bis znm Eintritt der Dunkelheit in inbrünstigem Gebet. * * * Ein merkwürdiger, leider nicht vereinzelter Fall beschäftigt gegenwärtig die kompetenten Gerichte der Stadt Arad in Ungarn. Der dortige jüdische Buchhalter Samuel F o e l d e s ließ sich von seiner Frau scheiden, die sich dann taufen ließ und die Frau eines Katholiken wurde. Das sechsjährige Töchterchen des Ehepaares ist anfangs der Mutter, durch einen späteren Gerichtssprnch dem Vater zngesprochen worden. Die Frau entführte nun das Kind ihrem Vater und ließ es taufen. Der verzweifelte Vater erstattete nun gegen seine ehemalige Frau die Anzeige wegen Kindesraubes und bat das Waisenamt, die nette Mutter zur Ansfolgnng des Kindes zu verhalten. Das Waisenamt beschloß wohl, diesem Ersuchen eventuell mit Amtsgewalt Geltung zu verschaffen, ob aber die Behörde die gewaltsame Taufe des Mädchens, welche gegen den Willen des Vaters erfolgte, ungültig erklären werde, bleibt abznwarren. * * 4: Als Ergänzung zu den vor einiger Zeit in unserem Blatte veröffentlichten Mitteilungen über die jüdische Abstammung europäischer Fürstenhäuser mag die folgende Ansführung des „N. Pester Journals" betrachtet werden: Nicht nur die englischen und schwedischen Herrscherhäuser können mit Recht oder Unrecht Inden zu ihren Stammvätern zählen, sondern auch von den Habsburger n wird berichtet, daß sie Ahnen jüdischer Abstammung hatten. Im frühen Mittelalter lebte in Rom die jüdische Familie Pierleoni. Sie häuften Reichtümer an, und ein Sohn dieses Geschlechtes, Pietro Pierleoni, entflammt von den Lehren des heiligen Bernhard, wurde Christ und Mönch in dem berühmten Kloster des heiligen Benediktns zu Clugny. Seine Gelehrsamkeit. seine Klugheit und sein neophytischer Feuereifer ließen ihn zu Einfluß gelangen und in tlicht zu langer Zeit stand er als Abt dem Kloster in Clugny vor und wurde so das Haupt der Vereinigung der Benediktinerklöster, welche unter dem Namen des Ordens der Cluniacenser eine gar wichtige Rolle in der damaligen Welt spielten; was Wunder also, daß der inzwischen znm Kardinal erhobene Abt Petrus Leonis, der als päpstlicher Legat in Frankreich und England auch die Interessen des Papstes Honorins.XL vertrat, zum Papst gewählt wurde. Als solcher nahm er den Namen Anaklet II. an. Das war im Jahre 1130, und 24 Jahre saß er auf dem Stuhle Petris. Auch die Familie des Abtes hatte sich inzwischen znm katholischen Glauben bekehrt, und kurz nachdem Anaklet nach Besiegung feines Gegenpapstes Jnnozent H. in Rom eingezogen und dort feine Herrschaft befestigt hatte, erhob er seine Sippe in den Fürstenstand. Nun erzählt die Sage weiter, daß nach einem Kreuzznge der Graf Albrecht III. von Habsburg nach Rom kam, sich in die Nichte des Papstes, die ehemalige Jüdin, verliebte und mit Einwilligung des päpstlichen Oheims sie als Gattin heimführte. Die beglaubigte Stammtafel der Habsburger bezeichnet die Frau Albrechts als Römerin und Verwandte eines Papstes, nennt aber nicht ihre Abstammung, . es ist daher znm mindesten höchstwahrscheinlich, daß diese eine Pierleoni war. Graf Albrecht III., der auch der Reiche hieß, starb 1199, ihm folgte sein Sohn Rudolf II., Graf von Habsbnrg, dessen Sohn der im Jahre 1240 verstorbene Albrecht IV., der Vater des nachmaligen Kaiser Rudolfs war. Von Kaiser oder vielmehr König Rudolf stammen alle jetzigen Habsbnrg- Lothringer. Da sämtliche Herrscherhäuser durch Heiraten mit den Habsbnrg-Lothringern verknüpft sind, so wäre durch sie in die Adern aller Dynastien jüdisches Blut gekommen. * 4- 4- Die jüdischen Reservisten in Rumänien, die ihren aktiven Militärdienst bereits absolviert haben und sich im Stande der Reserve befinden, haben ein Manifest veröffentlicht, in welchem sie gegen ihre politische Rechtlosigkeit Protest erheben. In diesem Manifest, das eine Anklage gegen die rumänischen Machthaber ist, heißt es n. A.: „Alle Anklagen gegen die Juden in der Gegenwart und in der Vergangenheit waren und sind von persönlichem Interesse diktiert; sie wurden diktiert von Böswilligkeit einerseits und von der Unkenntnis der wahren Verhältnisse andererseits und schließlich von der Sehnsucht mittelmäßiger Persöulichlichkeiten mit Hilfe der Volksbetörung emporzukommen. Auch die Berkenuung des wahren Nationalismus hat zu diesen Anklagen gegen die Juden geführt. Das Land der Rumänen ohne Unterschied der Konfession hat manchen harten Kamps zu bestehen gehabt. Haben die Juden während dieser Kämpfe weniger zu leiden gehabt, als die übrigen Bürger? Haben sie nicht dieselben Opfer gebracht wie die anderen? Haben sie nicht alle Forderungen, die an sie gestellt wurden, getreulich erfüllt? Haben die Inden im rumänisch-bulgarischen Kriege im Jahre 1877/78 nicht ihr Bliit vergasten und auf diese Weise den Ruhm und die Unabhängigkeit Rumäniens gefördert? Kann jemand auch nur eine Pflicht namhaft machen, welche die Juden seit jener Zeit vernachlässigt haben? Wenn sogenannte Nationalisten zu Euch kommen und Euch sagen, daß die Inden in Rumänien eine nationale Gefahr bilden, so fraget sie offen: Wie und warum? Fraget sie, welche besondere Institutionen unseres Landes durch die Inden gefährdet erscheinen? Mögen sie doch sagen, ans welche Weise die rumänische Nation durch die Anwesenheit der Inden leidet. Wir rumänische Reservisten jüdischen Glaubens, die derselben Flagge Treue geschworen haben wie ihr, wir, die wir jederzeit bereit sind, unserem Lande und unserem Herrscher im Frieden und im Kriege zu dienen, fühlen es, daß wir das Recht besitzen, als die Kinder dieser Nation, als wahre Rumänen angesehen zu werden, wie wir uns selbst als solche fühlen. Wir hoffen, der Tag wird kommen, da die wahren rumänischen Patrioten überzeugt sein werden, daß die rnmänischen Juden nicht nur weit entfernt davon sind, eine nationale Gefahr zu bilden, sondern ein nationaler Gewinn seien, welche die Entwickelung und den Fortschritt dieses Landes fördern." Ob diese energische und würdige Sprache der Entrechteten, von denen, die wissentlich gegen Recht und Wahrheit handeln, gehört wird? 4- * Die ärmere jüdische Bevölkerung in Odessa verlebt jetzt schreckliche Zeiten. Drei große Plagen: Tolmatschow, Pest und Cholera haben unter ihnen die schrecklichsten Verheerungen angerichtet. Der jüngste und schwerste Schlag wurde vorige Woche gegen sie geführt. Tolmatschow gab den Befehl heraus, daß der Handel mit alten Kleidern mit Rücksicht auf die verschiedenen Epidemien bis auf weiteres zu verbieten sei, daß überdies sämtliche ältere Kleider bei den Händlern zu konfiszieren und zu vernichten seien. Daß diese armen Inden nicht im Geringsten entschädigt wurden, braucht von Tolmatschow nicht erst betont zu werden. Durch diese Verfügung sind aber Hunderte von jüdischen Familien buchstäblich brotlos geworden. Als nun der jüdische Verein zur Unterstützung der Ortsarmen vor einigen Tagen über die Notlage dieser Juden beriet, versammelten sich die hart betroffenen Ältkleiderhändler vor dem Vereinslokale und riefen jammernd: „Gebt uns Brot, wir hungern mit unseren Kindern!" Es war ein schauerlicher Anblick! Die Vereinsvorsteher mußten die Beratung unterbrechen und die Demonstranten ans morgen vertrösten. Der Präsident der Odessaer Judengemeinde Kaufmann begab sich inzwischen zu Tolmatschow, um die Erlaubnis zu ertvirken, daß für 500 jüdische