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Die Wahrheit · 1910-11-04 · Heft 43 (4.11.1910) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 43 (4.11.1910)
Date
1910-11-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
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AieWahnHsit Redaktion und Administration: Wien, H/, Nvvaragasse 27 Telephon: Redaktion 5107/VIIl. Anabhängige Hertfchrift für jüöische ...I Gerngsprei»: Ganzjährig.K 14. : Halbjährig.K 7.— Administration 4938,11. K. k. österr. Postjparkasta- Scheck-Konto Nr. 100.918. Interessen. Für DiltilSbmuiite: 1 Ganzjävrig.K in. — In lernte: } _ Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller. Erscheint jeden Kreitag. | Für Ausland: Abonnementsnnd JniertionS-! Ganzjävrig ..... 8 Mark! betröge und in Wien zahlbar und klagbar. Motto: „Das Siegel (Lottes ist Wahrheit!“ 6 Ravet oder 1*5 Frcs. s Mr. 48. Wien, 4. November 1010. Inhalt: Aus der Wocke. — Nathan, Luzzatti und der Papst. — Kaiser Franz Josef J. Hnldlgungstempel. — Zur inrensiveren Pflege der hebräischen Sprache. — Juden als Diplomaten, Minister und Politiker. — Das Leben und Wirken der Juden in Oesterreich in vormärzlichen Zeiten. — Verschiedene Nachrichten. — Literatur. — Kundmachung. — Wiener Kantorenklub. — Die gepfändete Synagoge. — Austritte aus dem Judentum. Ans der Woche. Die Landtagswahl in der Leopoldstadt hat im ersten Wahlgange keine Entscheidung gebracbt und heute kommt es zur engeren Wahl zwischen dem sozialdemokratischen Kandidaten Franz S ch nhm e i e r und dem Christlichsozialen Hans Preyer. Bei der ersten Wahl am 28. Oktober wurden 24.153 gütige Stimmen abgegeben. Davon entfielen ans Preyer 10.832, auf Schuhmeier 8471 Stimmen. Außerdem erhielten: der der deutschfortschrittliche Kandidat Dr. Mittler 1962, der Freiheitlichsoziale Dr. S ch w a r z-H i l l e r 1480, der Jüdifchnationale Lncian Brunner 466, der Czeche Nuzicka, 417, der Deutschnationale Fischer 361 Stimmen. 164 Stimmen waren zersplittert. 980 Stimmzettel waren leer und wurden ungiltig erklärt. Angesichts dieses Stimmenverhältnisses kann man einen sicheren Ausgang der Stichwahl nicht prognostizieren, aber wenn, wie die Parole ansgegeben wurde und wie es wenigstens von den jüdischen Wählern sicher zu erwarten ist, sämtliche liberale Stimmen sich mit denen der Sozialdemokraten bei der engeren Wahl vereinigen, dann dürfte es doch gelingen, das Leopoldstädter Mandat.den Christlichsozialen zu entreißen. Daß diese sich nicht besonders sicher fühlen, beweisen die Drohungen, welche sie in ihren Wahlaufrufen gegen die Juden gebrauchen, wenn sie bei der Stichwahl für Schuhmeier stimmen sollten. Aber die Juden werden sich nicht einschüchtern lassen, sondern mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln jene Partei bekämpfen, die, wo es nur anging, ihre Existenzmöglichkeiten untergraben hat. Vom liberalen Standpunkte ans betrachtet, bot die Wahl am 26. Oktober kein besonders erquickendes Bild. Wiewohl es bekannt ist, daß viele Juden schon im ersten Wahlgange für den Sozialdemokraten stimmten oder leere Stimmzettel abgabeu, ist die Zahl der Stimmen, die die beiden fortschrittlichen Kandaten auf sich vereinigten, doch eine verhältnismäßig geringe und sie bestätigt die von uns schon wiederholt konstatierte Tatsache, daß der liberale Gedanke bisher in christlich bürgerlichen Kreisen noch wenig Anhang gefunden hat. Aber ein Moment scheint uns besonders erfreulich wie nicht minder bedeutsam für die Zukunft des zweiten Bezirkes. Es ist dies die , entschiedene Stellungnahme, die die Mehrzahl der liberalen und jüdischen Wähler mit dem Votum für Dr. Mittler gegen die anmaßenden Aspirationen der Freibeitlichsozialen und gegen den Starrsinn Dr. Ofners znm Ansdruck brachte. Die Verurteilung der Friedensstörer hat zu einer Regeneration der liberalen Partei in der Leopoldstadt geführt, deren sichtbare Erscheinungen bald zutage treten dürften. * * * Laut einer in voriger Nummer bereits angekündigten und an anderer Stelle dieses Blattes veröffentlichten Kundmachnng werden die Neu- und Ersatzwahlen für den Wiener Kultusvorstand am 27. November d. I. stattsindeu. Dieselben sind diesmal von ganz besonderer Bedeutung, da mehr als ein Drittel sämtlicher Mandate und fast die Hälfte der von der allgemeinen Kurie zu vergebenden zur Besetzung gelangt und die Wählerschaft durch die Wahl der Mältuer ihres Vertrauens bestimmenden Einstuß ans die Verwaltung der Gemeinde gewinnen kann. Die Kultusgemeinde wird in der nächsten Zukunft vor große Aufgaben gestellt werden, zu deren Bewältigung vor allem der Frieden in der Gemeinde und die Einigkeit im Vorstande, aber auch eine reiche Summe von Talent und praktischer Erfahrung innerhalb dieser Körperschaft notwendig ist. Damit ist auch die Richtschnur gegeben, welche die Wähler und das Wahlkomitee bei der Wahl der neuen Kandidaten leiten soll. Ohne in partikularistische Extreme zu verfallen, muß unter vollster Wahrung der Einheit der Gemeinde ans die Wünsche tmd Bedürfnisse der verschiedenen Schichtungen Rücksicht genommen werden, dabei aber als oberstes Prinzip gelten, daß nur die Qualifikativtl nicht aber die Zugehörigkeit zu einer Partei oder Klique den Anfprnch ans ein Vorstandsmandat begründe. * * * Aus Budapest wird der Prager „Bohemia" berichtet: In einem hiesigen jüdischen Bethause ereignete sich am Versöhuungstage eine erschütternde Szene. Seil den frühen Morgenstundetl verrichtete dort unter den übrigen Andächtigen ein Mann mit blaffen, abgehärmten Gesichtszügen und scheuen Blicken sein Gebet. Seine Stimme war von leisem Schluchzen erstickt und seine Nachbarn blickten mit tiefer Teilnahme auf den Mann, den eine schwere Sünde zu drücken schien. Die ihn kannten, begriffen sehr wohl feine Verzweistung. Es war Heinrich Zucker, der Eigentümer der Glaswarenniederlage in der großen Feldgaffe, der wegen Brandstiftung in Untersuchung steht. Er wurde erst dieser Tage gegen Erlag einer Kaution von 400.000 Kronen auf freien Fuß gesetzt. Den jüdischen Neujahrstag mußte er noch in der Gefängniszelle znbringen, und es heißt, daß er damals die Gefängnisverwaltung ersuchte, ihm einen Rabbiner beizugeben, damit er mit ihm bete.

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