Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 42 (28.10.1910)
- Date
- 1910-10-28
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Nr. 42. Doch nur bis zur Pforte kann ich.mitgehen; Was folgt, das mußt du allein bestehen! — Und nun zum Dritten kommt er zuletzt, Den er am geringsten von allen geschah: — Der sprich:: ,,Wie nahe geht mir dein Geschick; Bon deinem Beistand bleib ich nichr zurück. Wohl darfst mein Vermögen du nicht überschätzen, Hab reiche Mittel nicht einzusetzen; Doch was geschehen kann, das soll geschehen! Ich werde mit dir zum Richter gehen; Ich kenne ihn; er ist streng, doch gut. Drum sei nicht so angstvoll, faste Mut! Er wird dich nicht sprechen ganz frei von der Schuld, Doch gnädig uris schenken Nachsicht und Huld/- Und wer ist der Richter? Der Herzensergründer! — Und wer ist der Schuldner? Der Mensch, der Sünder! — Allein die Freunde? — O merke: und hört Und werdet für eure Lebzeit belehrt! Der erste der Freunde, das ist dein Geld, Auf den dein Herz ja am meisten hält. Er geht, wenn du scheidest, auch keinen Schritt, Der Falsche, aus deinem Hause mit. Der Zweite, das ist der Familienbund; Der rut dir noch herzliche Liebe kund Und begleitet dich mit betrautem Blick; Allein vom Grab kehrt er auch zurück. Doch der Dritte, so oft hintangesetzt, Nicht selten von dir so geringe geschätzt, Er nennet sich: Tugend. Wohltärigkei:; Er folget dir über die Grenze der Zeit, Er ist Anwalt dort vor Gericht; Und reicht das Verdienst vor Gott auch nicht, Abullndern wird es doch unsere Schuld — Herr! Gott! o schenke uns Nachsicht und Huld! Immnnisterttng gegen Antisemitismus. Im Verlage Albert Langen in München ist eine Uebersetznng von Karl Ewalds reizendem Bnche „Mein kleiner Junge" erschienen, das ebenso starken künstlerischen Eindruck hinterläßt, als pädagogische Werte enthält. Es ist zwar weder neu, über seine Kinder Bücher zu schreiben, -das haben auch Otto Ernst, Geiser stamm und andere vollbracht, noch sind die darin gekennzeichneten Erziehungsgrundsätze originell, da man sich in verständigen Kreisen schon lange bemüht, die Individualität des Kindes solange wie möglich zu schützen, an Stelle der Furcht vor dem Erzieher die Freundschaft zu setzen, au Stelle der bindenden Lehre die erwachende Einsicht. In Ewalds Buche ist es nun drollig zu sehen, wie der Vater die fremden, seine Erzieh nngsweise störenden Einflüsse zu paralysieren bestrebt ist. So z. B. kann er nicht hindern, daß sein Söhnchen sich einmal daran beteiligt, einen Jndenjnngen, der nichts anderes verbrochen hat, als anderer Abstammung zu sein als die eingeborene Bevölkerung, dnrchznprügeln. Um ihn nun ein für allemal gegen antisemitische Ansteckung zu immunisieren, muß er seine Entrüstung über den Vorfall höchlichst übertreiben und eine ganze Komödie aufführen, was nur uns sichtbar ist und deren Darstellung der Heiterkeit nicht entbehrt, während sie ans den Jungen ihren Eindruck nicht verfehlt. Sie sei hier als Probe für das ganze Buch mitgeteilt: - Es herrscht große Prügelei und Spektakel unter den Kindern auf dem Hof. Ich höre sie Jude rufen, gehe zum Fenster und fehe meinen kleinen Jungen zuvorderst unter den Bailditen, schreiend, fechtend, mit geballten Fäusten und ohne Mütze. Ich fetze mich ruhig wieder an meine Arbeit, sicher, daß er über kurz oder lang sich bei mir einfinden und mir sein Herz ausschütten wird. Kurz darauf ist er auch schon da. Er stellt sich, nach seiner Gewohnheit, an meine Seite und sagt gar nichts. Ich sehe ihn verstohlen an . . . Er ist in großer Gemütsbewegung und stolz und froh wie einer der furchtlos feine hohe Schuldigkeit getan hat. „Was für eine» Spaß ihr da unten gehabt habt!" „Ach," fagt er bescheiden . . . „Es war nur ein Indenjunge, den wir geprügelt haben." Ich fahre in die Höhe, daß mein Stuhl nmstürzt. „Ein Judenjnnge . . . den Ihr geprügelt habt . . . Was hat er getan?" „Nichts ..." Seine Stimme ist nicht ganz sicher, denn ich sehe so sonderbar aus. Und das ist erst der Beginn Denn jetzt ergreife ich meinen Hut, laufe zur Tür hinaus und rufe: „Komm .. . komm. . . wir müssen ihn suchen und ihn um Verzeihung bitten." Mein kleiner Junge rennt mit mir. Er versteht nichts von alledem, aber er ist sehr eifrig. Wir suchen im Hof, wir rufen, wir schreien! Wir stürzen hinaus auf die Gasse, biegen in wilder Hast um die nächste Straßenecke. Atemlos fragen wir drei vorübergehende Menschen, ob sie nicht einen armen mißhandelten Jndenjnngen gesehen hätten. Alles vergebens. Der Judenjnnge und alle Banditen sind wie weggeblasen. Dann sitzen wir wieder oben in meiner Stube ... dem Laboratorium, wo meine Seele kristallisiert wird aus den großen Ereignissen unseres kleinen Lebens heraus. Meine Stirn ist gerunzelt, mit dem Finger trommle ich verzweifelt auf den Tisch. Der Junge hat beide Hände in den Taschen und weichet kein Auge von mir. „Na," sage ich dann resolut . .„ da läßt sia, ja jetzt nichts mehr machen. Ich hoffe, du begegnest eines Tages dem Jndenjnngen, damit du ihm die Hand geben unb ihn um Verzeihung' bitten kannst. Du mußt ihm sagen, daß dn es nur getan, weil du dnmnl warst. Aber darum willst du ihm in jedem andern Falle, wo ihm Unrecht geschieht, beistehen und die prügeln, die ihm Aergernis bereiten, solange dn dich rühren kannst." Ich sehe meinem kleinen Jungen an. daß er bereit ist, nach meinem Wunsche zu handeln, Denn noch ist er ein Landsknecht, der nicht nach der Fahne fragt, wenn es nur Kampf und Beme gibt. Meine Aufgabe ist es, ihn zu einem braven, wehrpflichtigen Mann ausznbilden, der sein schönes Vaterland verteidigt, und darum fahre ich fort: „Laß dir erzählen ... die Inden sind ganz wunderliche Menschen. Du weißt doch: David, von dem Schmira (seine Freundin Smira) in der Schule gelesen hat . . . der war ein Judenjnnge. Und das Jesuskind, das alle Menschen lieben und verehren, trotzdem es schon zweitausend Jahre tot ist . . . war auch ein Jndenknabe." Mein kleiner Junge steht, die Ellenbogen auf meine Knie gestützt, während ich erzähle. Die alten Hebräer steigen vor unseren geistigen Augen in hellerem Glanz und größerer Macht auf als in Schmiras Bibel. Sie reiten vor uns auf ihren Kamelen in bunten Trachten und mit laugen Bärten. . . Moses und Josef, seine Brüder, Simson und David und Saul. Wlinderliche Abenteuer erfahren wir. Die Mauern Jerichos fallen vor unseren Augen durch die Posaunen ... „Und was noch?" sagt mein kleiner Junge in einem Ton, der ihm eigen war, als er noch viel kleiner war, und der ihm jetzt noch immer auf die Zilnge kommt, wenn ihn etwas packt. Wir hören von der Zerstörung Jerusalems^ und wie die Juden ihre kleinen Jungen bei der Hand nahmen und von Ort zu Ort wanderten, verhöhnt, verachtet, mißhandelt. Wie sie weder Haus noch Land besitzen durften, sondern nur Kanfleute sein, und wie die christlichen Räuber ihnen all ihr Geld abnahmen, das sie sich zusammengespart hatten. Wie sie trotz alledem ihrem Gotte die Treue hielten und an ihren alten, heiligen Bräuchen hingen inmitten der fremden Menschen, von denen sie gehaßt und verfolgt wurden. Der ganze Tag gehört den Inden. Wir sehen uns einige alte Bücher an, die ich am allerliebsten lese, und die von einem Inden mit einem so wunderlichen Namen geschrieben sind, daß ein kleiner Junge ihn sich gär nicht merken kann. Wir erfahren, daß der berühmteste Mann, der zurzeit in Dänemark lebt, ein Jude ist. (Gemeint ist Georg Brandes.)