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Die Wahrheit · 1910-10-28 · Heft 42 (28.10.1910) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 42 (28.10.1910)
Date
1910-10-28
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr 42. Die Wahrheit Seite 5. finde die Freude in der Arbeit. Sie treibt dir zwar den Schweiß von der Stirne, sie erinnert dich an das Paradies, das die Menschen einst verloren, aber sie schafft dir ein neues Leben, wenn dn dir sagen kannst: Ich habe meine Pflicht getan. Die Menschen werden nie zufrieden sein mit ihrem Lose, das lehrt uns die Erfahrung, aber sie vermögen doch einen Teil der Zufriedenheit, welche die eigentliche Quelle der Freude ist, darin zu finden, wenn sie erkennen, daß Arbeit unsere Bestimmung ist. Uralt ist nufere Religion, im alten Boden wurzelt ihr Baum, aber die Früchte dieses Baumes muten uns so an, als wären sie jüngst gepflückt worden. Sie heißen: Gedenken—Versöhnen— Freuen. Dr. M. Grünfeld. Dr. Leopold Stein als Denker nnd Grjieher Israels.^ Von Dr. Adolf Kohut. (Nachdruck verboten.) Der gerade vor einem Jahrhundert — am 5. November 1810 — in Vnrgpreppach in Uuterfranken (B a y e r u) geborene und am 2. Dezember 1882 in Frankfnrt a. M. verstorbene hervorragende Kanzelredner, Verbesserer des Gottesdienstes nnd hochbegabte Lyriker, Dramatiker und Uebersetzungskünstler ans dem Orientalischen, Dr. Leopold Stein, hat es wohl verdient, daß seiner anläßlich seines Säknlartages mit Pietät gedacht werde. Gehörte er doch zu jenen israelitischen Meistern im 19. Jahrhundert, die durch ihre außerordentliche Kanzelberedtsamkeit, ihre ansgebreiteten Kenntnisse aus den Gebieten der profanen und theologischen Wissenschaften nnd seinen glühenden Eifer für Israel und seine Lehren das deutsche Judentum aus seinem Jahrhunderte langen letargischen Schlaf ausrüttelten und es durch Bildung und Kultur zu neuem, frischem und gesundem Leben erweckten. Schuf er doch als Dichter nnd Uebersetzungskünstler gerade für die jüdische Jugend Werke von bleibendem Wert, die seinen Namen auch der Nachwelt überliefern werden. War er doch auch als Charakter vorbildlich durch seine geläuterten und unerschütterlichen religiös-ethischen Grundsätze, seine Liebe znm Frieden und sein heißes Bestreben, die bürgerliche und soziale Stellung seiner Glaubensgenossen zu heben nnd zu fördern. Speziell durch seine hohe Fähigkeit, die Goldbarren des geistigen Schatzes in Talmud, Midrasch und Hagada durch seine virtuosen Uebersetzungen, bezw. Nachdichtungen in volkstümliche und kitrsierende Geldmünzen nmzusetzen, hat er sich als Erzieher Israels bewährt. Das Wort, das er in seiner Schrift „Der Freitag Abend" einst ausgesprochen, gilt auch für ihn vorzugsweise . . . „Wir zehren alle von den heiligen Idealen unserer Jugend, diese sind das Feuer, welches ein Strahl vom Himmel im Jünglingsherzen entzündet nnd das nicht auslöscht durchs ganze Leben." Als Sohn eines Rabbiners geboren, wurde er schon früh von seinen Eltern für das rabbinische Studium bestimmt, so daß der 13jährige Knabe schon bei seiner Konfirmation imstande war, eine selbstverfaßte talmndische Abhandlung vorzutragen. Mit 15 Jahren kam er auf die damals berühmte rabbinische Hochschule zu Fürth, an deren Spitze der gelehrte Rabbiner Wolf H a m b u r g e r stand. Nachdem er in Erlangen und Bayreuth seine Gymnasialstndien absolvierte, besuchte er die Universität zu Würzburg, wo er philosophischen nnd literarischen Studien oblag. Dabei übte er sich in einem von ihm gestifteten Rednerverein in homiletischen Vorträgen. Noch nicht 18 Jahre alt, wurde er damit betraut, die nene Synagoge der fränkischen Landgemeinde Diedenhofeu durch zwei Sabbath-Predigten einznweihen, die durch ihren reichen Inhalt und herzgewinnenden Vortrag selbst die Bewunderung der anwesenden protestantischen Geistlichen erregte.ff^Z 1835 finden wir ihn als Rabbiner in Burgnnd Altenknnstadt, zwei sehr gewerbetätigen Orten in Oberfranken. Dort wirkte er besonders aus die religiöse Bildung der Jugend nnd suchte die Würde der Religion nnd die warme Anhänglichkeit an die Lehren der Väter durch einen veredelten und gemeinverständlichen Gottesdienst nnd durch belehrende religiöse Vorträge zu heben. Als erstes Produkt dieser Bestrebungen auf dem Gebiete des Synagogenknltns veröffentlichte er sein liturgisches Werk: „Chissuk Habbajitb“, das er selbst als Bausteine für eine Neugestaltung unserer Gebete und gottesdienstlicher Gesänge bezeichnet. Aus dem Schatze der vortrefflichsten hebräischen Synagogenmelodien wählte er die schönsten ans nnd legte ihnen deutsche Texte unter. Wie herrlich ist nicht das ergreifende Lied „O Tag des Herrn" von ihm, das an Stelle des „Kol Nidre“, das in den Herzen von vielen Tausenden und Abertausenden liberalen Israeliten die Liebe zu dem angestammten Glauben aufs Neue erweckt hat — von vielen anderen herrlichen Synagogenliedern, die er übersetzt oder zeitgemäß bearbeitet hat, zu geschweigen. Berühmt ist seine Uebersetznng, bezw. Bearbeitung der Hagada und segensreich wirkten seine Gebetbücher für Sabbath und Festtage, sowie für Neujahr nnd Versöhuungstag. In neuer Ausgabe erscheinen gerade jetzt diese weihevollen Andachtswerke, von der Dresdner jüdischen Gemeinde herausgegeben. Bon seinem ländlichen Rabbinatssitz ans besuchte er oft den hochgefeierten deutschen Sänger Friedrich R ü ck e r t, der dem jungen deutschen Rabbi die herzlichste Teilnahme zuwandte nnd in seinen Almanachen mehrere hübsche Gedichte Steins veröffentlichte. 1844 znm Rabbiner nnd Prediger nach Frankfnrt a. M. berufen, wirkte er epochemachend durch seine Kanzelreden in der dortigen alten Synagoge. Ein berufener, anserwählter nnd gottbegnadeter Redner, meisterte er das Wort und entzündete durch seine begeisterten und begeisternden Ausführungen überall die Flammen des Enthusiasmus. Später, im Jahre 1862, als der Kampf der orthodoxen Richtung sich unliebsam äußerte, trübte sich das Verhältnis Steins znm Vorstande, so daß er sich veranlaßt fühlte, sein Amt niederznlegen nnd eine blühende Unterrichtsaustalt zu begründen. 1866 rief er die „Westendnnion", das heißt eine freie Reformbewegnng ins Leben. Wegen häufiger Störung seiner Gesundheit mußte er sich 1880 vom öffentlichen Leben zurückzieheu und lebte seitdem nur seiner Familie und seiner ausgebreiteten schriftstellerischen Tätigkeit. Noch kurz vor seinem Tode wurde ihm die Freude zuteil, daß seine zahlreichen Verehrer aus fern und nah seinen 70. Geburtstag und zugleich sein 50jähriges Amtsjubilänm festlich begingen. Zahlreiche Abordnungen gemeinnütziger Anstalten, deren Mitglied nnd zum Teil Begründer er war. zeichneten diesen Tag durch Adressen, Ansprachen und sinnige Geschenke aus. Diese Huldigungen boten ihm eine erhebende und beglückende Erinnerung für den kurzen Rest seines segensreichen Daseins. Leopold Stein verfaßte zahlreiche tiefempfundene, stimmungsvolle und zu Herzen gehende lyrische Gedichte, sowie mehrere mit lebhaftem Beifall ansgeuommene und zum Teil auch aufgeführte Schauspiele aus dem Leben, der Vergangenheit und der Geschichte Israels. So zum Beispiel „Die Hasmonäer". „Der Knabenraub zu Carpentras" und „Haus Ehrlich". Sein eigentliches Lebenswerk war das umfangreiche dreibändige Werk „Die Schrift des Lebens", worin er den Inbegriff des gesamten Judentums in Lehre Gottes, Verehrung und Sittengesetz schriftgemäß volkstümlich nnd zur Kenntnisnahme für Israeliten und Nichtisraeliten darstellte. Wie meisterhaft er es verstand, die rabbinisch-talmndischen Parabeln, Gleichnisse und Erzählungen in metrischem Gewände wiederzngeben, beweisen seine „Morgenländischen Bilder in Abendländischem Rahmen". Mag hier aus der Fülle des wahrhaft Schönen nnd Erbaulichen nur ein einziges Gedicht als Stichprobe mitgeteilt werden :? D i e °d r e i sF r e u n d e. Einst ward vor des Richters ernsten Stufen Ein schwer belasteter Schuldner berufen: Und er hatte drei Freunde, zu denen er lies, Der Arme, und bittend um Beistand rief. Der erste — sein Liebling — ihm stets der Nächste; Er hegte ihn zärtlich, hielt ihn für das Höchste — Der zuckte die Achseln, der falsche Wicht Begleiter zum Hause hinan» ihn nicht. — Und der zweite? — Er sprach: „Ties schmerzet mich, O Freund, dein Los — ich begleite dich —

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