Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1910-10-28 · Heft 42 (28.10.1910) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 42 (28.10.1910)
Date
1910-10-28
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3063520-3063562--06924-3073968
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 4. Die Wahrheit Nr. 42 Zu wählen sind: Neuwahl von 4 Vorstandsmitgliedern mit 6jähriger Mandatsdauer für die Herren David Ritter von Gutmauit, Moritz Edlen von Kuffner, Wilhelm Kuffner, welche mit Ende Dezember d. I. infolge Mandatsablanf ans dem Vorstande scheiden, jedoch wieder wählbar sind; ferner für den vor Ablauf feines Mandates ans dem Vorstände ansgefchiedenen Herrn Leopold von Lieben. Eine Ersatzwahl mit 4jähriger Mandatsdaner für den aus dem Vorstande ausgeschiedenen Herrn Dr. Josef Breuer. Eine Ersatzwahl mit 2jähriger Mandatsdaner für den aus dem Vorstande ansgeschiedenen Herrn Bernhard Pol lack Edlen von P a r n a u. Näheres enlhalten die Kundmachungen, die wir in nächster Nummer veröffentlichen werden. Gedenke«—Versöhnen—Frenen. Zeitgemäße Betrachtungen über unsere Festeszeit. Wenn man. als Lehrer insbesondere, Gelegenheit hat, Gedanken und Stimmungen unserer Jugend kennen zn lernen, so kann man Aenßernngen über unsere Religion und ihre äußere Hebung hören, die dem Denkenden Stoff zn mannigfachen Betrachtungen geben. Nur im fortwährenden Verkehr mit der Jugend wird man sich daher darüber klar, wie notwendig es in unseren Tagen ist, mit den Belehrungen über das Wesen unserer Religion nicht ansznsetzen. Man lernt viel, wenn man die Jugend gründlich kennen lernt, soll aber auch nicht anfhören, sie zn belehren. Das ist und bleibt die Hauptaufgabe für alle, die es angeht, in unserer Zeit. Sehr häufig muß ich nun hören, und auch andere Lehrer werden dies erfahren haben, daß Jünglinge, besonders solche, die sich mit der modernen Literatur viel befassen, die Bemerkung machen: Die jüdische Religion knüpfe zn wenig an die Gegenwart an, sie führe uns in eine alte, abgestorbene Welt, wenn man nicht sogar härtere Ausdrücken, wie Versteinerung, Verknöcherung, fossile Lehren und Gebräuche, u. dgl. zn hören bekommt. Da heißt es, widerlegen, belehren und aufklären, nicht feige zurnckweichen und sich keine Blöße geben. Ich denke nun, gerade die Festeszeit, die wir jetzt feierlich begehen, gibt uns Stoff genug, die Jugend in die Tiefen der Erkenntnis einznweihen, welche unsere Religion verbreitet, sie auf Höhen zu führen, von denen sie einen weiten, freien Ausblick erhält und zn zeigen, wie sie, allerdings im Altertum wurzelnd, doch ihren Lichtschein auch auf die Gegenwart wirft und ihr nichts Menschliches fremd ist. Da feierten wir den Rosch-Haschana-Tag. Die Töne des alten Schofars rufen uns ein Wort zn, das ein sehr moderner Gefchichtsphilosoph gesprochen haben könnte, es heißt: Gedenken. Alles Gegenwärtige hat seine Wurzel im Vergangenen, und es würde der als ein höchst eigentümlicher Denker bezeichnet werden müssen, welcher nicht die Erscheinungen der Gegenwart aus der Vergangenheit erklärte. Der historische Sinn darf einem, wenn auch auf modernem Boden wurzelnden Geschlechte, niemals abhanden kommen, will es nicht ans Irrwege geraten. Es ist ein tief philosophischer Gedanke, der seinen Ansdruck erhält in den Worten: „Gedenke der Tage der Vorzeit, dann wirst du erkennen die Jahre von Geschlecht zu Geschlecht." Kein moderner Philosoph hat dies gesagt, es findet sich dieser Satz in der uralten Bibel. Müssen wir es ausdrücklich bemerken, daß gerade wir Inden ohne historischen Sinn, viele der neuesten Erscheinungen unserer Gegenwart nicht verstünden? Wer kann vom Weltgericht, das die Weltgeschichte darstellt, mit eindringlicheren Worten sprechen als wir? Die große Posaune, welche das unabänderliche Geschick verkündet, das über Menschen und Völker waltet, niemand hat Gelegenheit ihren Schall so vernehmlich zu hören, wie wir. „Tag des Gedenkens" heißt unser Nenjahrstag. Welch' charakteristische Bezeichnung. „Gedenke, was dir Amalek getan hat." Auch ein solches Wort, das vielfach mißverstanden wird. Es soll keine Rachegedanken in uns erwecken, sondern uns erheben und trösten. Sehet, wie Amalek zugrunde gehen muß. Denn niemals kann das Bestand haben, was auf Ungerechtigkeit aufgebaut ist. Es muß untergeben, denn alle Schuld rächt sich ans Erden. Gibt es nicht Anknüpfungspunkte in der Gegenwart genug, um dies zu beweisen? Wir müssen nicht ins graue Altertum schweifen, nein, das Schlechte liegt so nahe, daß wir an ihm beweisen können, wie es seinen Halt verlieren muß. Und so ist dieser Tag des Gedenkens fast als eine neue Einrichtung zn bezeichnen, die ans Schritt und Tritt uns Gelegenheit bietet, an das Gegenwärtige anznknnpfen. Das Gedenken mag oft bittere Gefühle in uns erwecken. Daher folgt ihm das Versöhne n. Wie viel Lieblosigkeit herrscht doch in dieser Welt des Kampfes „aller gegen alle!' Niemals vielleicht in allen Zeitlänfteil zeigte sich die tierische Natur des Menschen in den sozialen Konflikten so deutlich, wie in unseren Tagen. Immer wilder ivird der Kampf, immer selbstsüchtiger der Mensch, immer zahlreicher werden die Bedürfnisse und immer schwieriger wird es, sie zn befriedigen. Und da feiern wir einen Tag, der uns Vergeben, Vergessen, Verzeihen znrnft. Ein Ruf ist's, ivie ans einer anderen Welt. Aber, wie notwendig ist es, diesen Ruf gerade jetzt zn beherzigen. Versöhnen: der höchste Idealismus wird mit diesem Worte bezeichnet. Wie notwendig ist uns aber wenigstens ein Tropfen dieses idealen Oeles, besonders in unseren Tagen. Hätten wir Jilden diese Versöhnung nicht, die Welt wäre uns ein ditnkler Kerker, eine unerträgliche Kette der Verbitterung, eine düstere Mauer nnansgesetzten Elends. Wir haben viel zn verzeihen, denn es wurde an uns seit Jahrtausenden unsäglich gefrevelt. Oer Bersöhnnngstag mag eine uralte Einrichtung sein, aber sein Licht beleuchtet auch unsere finstere Gegenwart, es bringt Helle in das Dunkel des Materialismus, der alles zn verzehren und vernichten droht. Mehr als die Denker aller Völker über das Wesen des Seins gedacht, gesprochen, geschrieben haben, drückt das Wort von der Versöhnung aus. Sie verschönert das Leben, erhebt es znm Gipfel des Idealismus, der es ivert macht, dieses Leben dnrchzukämpfen. Die Versöhnung betrachtet das. was man Sünde nennt, vom Standpunkte der menschlichen Schwäche, als Irrtum, als Fehler, als Torheit. Und lange schon vor Lombroso hat Moses gesagt: „Rechne es uns nicht als Sünde an, ivas wir in der Torheit nuferes Herzens gefehlt haben." Sind dies nicht geradezu moderne Gedanken? Können diese versteinern, verknöchern, fossil werden? Dringen wir nur in das Wesen dieser Gedanken tiefer ein, und wir werden es begreifen, wenn schon unsere alten Denker gesagt haben, die Religion ersetze dem Inden alles, was große Philosophen gedacht haben, sie bietet ihm das Brod des Lebens, die Nahrung des Geistes dar. Und nun hört man ferner: Unsere Zeit verlangt nicht allein den düsteren Ernst der Gedanken, sie verlangt nach dem Leben, und das eigentliche Leben ist doch nur das in der Freude. Das Judentum kennt die Freude nicht, es kennt nicht die Genüsse des Daseins, es ist von Freudlosigkeit umgeben. Es wäre freilich schon zn begreifen, wie es sich anders bei einem Volke verhalten könnte, das ein M irtyrinm von Jahrtausenden dnrchgemacht hat. Fern sei es von uns, dieses hier schildern zu wollen. Aber ist es nicht wunderbar, daß die uralte Bibel uns ein Fest feiern lehrt, das nur der reinen Frende geweiht sein soll? Freuen sollst du dich, wenn der Herr dich segnet in deinem Erträgnisse und deinem Händewerke. Wie viel läßt sich über diesen Satz sagen? Welch ein helles Licht wirst er auf unsere Zeit der sozialen Gegensätze und Kämpfe. Unsere Zeit ist eine Zeit der Arbeit. Diese wird hochgeschätzt und ihre Hervorbringnngen bewundert. Die Arbeit hat die größten Fortschritte gefördert, das Leben zn einem bequemen gemacht, ob sie aber das Leben wirklich zn einem glücklichen, freudigen gestaltete, das mochten wir mit Recht bezweifeln, wenn wir die Erscheinungen der Zeit betrachten und verstehen.^Die Arbeit hat vielmehr die schwersten Kümpfe hervorgebracht: das soziale Elend, das uns täglich mit hohlen Angen entgegenstarrt. Die Lohnkämpse nnserer Tage beweisen dies zur Genüge. Sie teilen die ganze Gesellschaft in zwei sich wild befehdende Klassen, in die der Genießenden und die der Arbeitenden. Es ist nicht viel Frende bei dieser Arbeit zn finden. Eine tiefe Kluft zieht sich durch Leben und Welt. Wird es möglich sein sie zn überbrücken? So die Gegenwart. Und unser altes Buch? Es lehrt uns: Freue dich und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.