Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 41 (14.10.1910)
- Date
- 1910-10-14
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10. Die Wahrheit Nr. 41. Dieser Wunsch war, wie jeder andere ein Beseht. Bald hatten die Mädchen das Binsenkörbchen herbeigeholr, und es vorsichtig geöffnet. Vor den erstaunten Augen der Königstochter zeigte sich dessen sonderbarer Inhalt: Ein weinendes Knäblein. „Das ist gewiß eines der dem Tode geweihten hebräischen Kinder!" rief die Fürstin mitleidsvoll aus. „Du wenigstens sollst dem unheilvollen Verhängnis entrissen werden. Du sollst mein Kind werden, du armer verstoßener Knabe! Dank euch, ihr Götter! Ihr habt meine inbrünstigen Gebete erhört und dargebrachten Opfer gnädig angenommen. Meine Sehnsucht ist befriedigt." Da näherte sich Mirjam, welche bisher in angemessener Entfernung war und diesen Vorgang beobachtet hatte, der Frauengruppe und fragte schüchtern: „Wünschet, meine Königin, daß ich eine säugende Frau herbeihole, damit sie das herzige Kind stille?" „Gewiß, mein Kind, eile und bringe mir eine Mutter her, die sich dieses meines Kindes annehme." Die Begierde, ihrer trauernden Mutter die Nachricht von! der Errettung des ausgesetzten Kindes zu hinterbriugeu, verlieh dem schwachen Mädchen Flügel. In kurzer Zeit kam sie wieder in Begleitung einer Frau, welche sich erbat, das weinende Kind an die Brust zu nehmen und zu stillen. Mit kaum unterdrückten Neide sah die Prinzessin zu, mit welchem Behagen das Kind die ihm gereichte Nahrung schlürfte und mit welcher Innigkeit die Frau das ihr fremde Kind ans Herz drückte. Diese Zärtlichkeit schien der Prinzessin genügende Gewähr zu sein, daß sie über das Schicksal des Kindes ruhig! fein könne, wenn sie es diesem gutmütigen Weibe in Pstege; übergebe.; Darum wandte sie sich an dieses mit der Frage: * „Willst dn dieses Kind bei dir aufuehmen, es pflegen ■ und nähren, so als wäre es dein eigenes?" I Wie gern wäre Jachebed der gütigen Fürstin zu Füßen! gestürzt, hätte den Saum ihres Gewandes geküßt und ihre überströmenden Dankesgefühle in Worten ausgedrückt. Aber in dieser entscheidenden Stunde hieß es vorsichtig sein, darum sagte sie bloß: ... i „Gerne, meine Königin!" I „Ich will deine Mühe reichlich belohnen; wache darüber, daß dem zarten Knäblein kein Unfall zustoße." „Mein ganzes Leben ist dem Dienst meiner edlen Königin geweiht. Aber können nicht die königlichen Beamten in dem Glauben, es wäre mein eigenes Kind bei mir eindringen und das Leben deines mir anvertraitten Sohnes bedrohen?" „Dn hast recht, liebes Weib, dem muß vorgebengt werden. Das soll ihn vor jedem böswilligen Angriff schützen." Bei diesen Worten zog die Prinzessin den goldenen Siegelring von ihrem Finger, band ihn an einer Schnur fest, und hing diese dem Kinde um den Hals. „Mit diesem Kleinod habe ich dich zu meinem Eigentum bezeichnet, und Mosche soll fortab dein Namen sein, denn aus dem Wasser habe ich dich gezogen, damit dn mein Sohn werdest. So haben es die Götter beschlossen." III. Moses wurde also seiner wahren Mutter zur Pflege übergeben, die jedoch in aller Augen nur als seine Pflegerin galt, nachdem ihm die Rechte eines Adoptivsohnes der Prinzessin Basjah eingeräumt werden sollten. Nun durfte Jachebet ihr Schmerzenskind, um das sie so viel gelitten und so große Angst ausgestanden, bei sich - behalten, es Herzen und pflegen, ohne befürchten zu müssen, daß es ihr einst aus den Armen gerissen und getötet werde. Der Ring, mit dem Basjah, die Pharaostvchter, ihre Briefe zu siegeln pflegte, waren ein genügender Schutz gegen jede Gewalttat. Kurz nach diesem für die ganze Welt nnd für alle Zeiten bedeutungsvollen Ereignisse rüstete sich die Prinzessin, um sich zu dem auf so wunderbare Weise erworbenen Sohne zu begeben. Sie konnte den Augenblick gar nicht erwarten, das ihr von den Göttern zngesandte, längst erbetene Kind auf ihre Arme zu nehmen, es zu Herzen und zu küssen, und an denn Anblicke seines sonnigen Lächelns Herz und Geist zu erfrischen.- Zudem wollte sie sich persönlich davon überzeugen, ob es in diesem Hebräerhause auch gut aufgehoben sei, wollte auctlalle Anstalten dazu treffen, damit ihr Sohn und Erbe auch äußerlich mit allem umgeben sei, was einerseits zur Bequemlichkeit desselben sowie an dessen Pflegerin notwendig sei, andernteils auch das Hans, woselbst der Liebling untergebracht war,, mit allem Glanz zu umgeben, wie es sich für ein Mitglied der königlichen Familie, als welches Moses nun betrachtet wurde, geziemt. Als der Zug, welcher Prinzessitt Basjah begleitete, vor der Hütte Amrams des Lewiten, angelangt, war, verließ dm Prinzessin ihre Sänfte und wollte an die Türe pochen und Einlaß begehren. Doch was war das? Die Türe stand weit offen, und heraus aus dem Innern der Hütte drangen verzweifelte Hilferufe. Es waren weibliche Stimmen, welche Rettung vor einem feindlichen Ueberfall erflehten, darunter mischte sich eine rauhe gebieterische Männerstimme, welche hart und unbeugsam zwischen diesen Jammertönen erscholl — eine Männerstimme — deren Ton das Blut in den Adern der Fürstiti erstarren machte. Wie bekannt war ihr doch diese Stimme, und hier am allerwenigsten hatte sie geglaubt, sie zu vernehmen. Mit einer bei ihr ungewohnten Hast entfloh Basjah der sie begleitenden Dienerschaft, indem sie gebot, daß alles zurück-- bleiben und sie allein eintreten lassen. Tief mußte sich die Fürstin bücken, um ihre hohe, majestätische Gestalt durch diese Türe zu bringen. Da stand sie in der niederen Stube, wo sich ihr ein unerwarteter Anblick darbot. Ein, seiner Kleidung nach, der vornehmen Kriegerkaste angehörige ägyptische Mann, rang mil einem sich verzweiflungsvoll wehrenden Mädchen, während die Mutter der kaum den Kinderjahren entwachsenen Jungfrau am Boden lag, nnd die Knie des ihr an Kräften weit überlegenen Mannes bittend umfaßt hiell. Einen Blick nur hatte Basjah auf diese Gruppe geworfen,, und sie erkaniite, daß ihre Ahnung sie nicht betrogen hatte. Da wandte sie sich au den frechen Eindringling und rief ihm in ernsten befehlenden Tone zu: „Verwegener! Verlasse augenblicklich die Stätte, woselbst dn dich so ungebührlich benommen hast. Du hast den Stand, dem du von Geburt angehörst, und den du durch deine Vermählung erhoben hast, zu schänden gewagt, indem du wehrlose Frauen überfielest, und eine keusche Jungfrau verderben wolltest. Danke es der Liebe, welche ich einstmal für dich Unwürdigen gefühlt, daß ich dein Haupt nicht durch Henkershaud fallen lasse. Dein Leben ist verwirkt. Gehe jetzt, und wage es nicht, mehr, vor meinen Augen zu erscheinen!" Wie vom Blitze getroffen, keines Wortes mächtig, starrte der Fremde die unerwartete Erscheinung an. Dann ermannte er sich, imb stürzte zu ihren Füßen nieder. „Erbarmen, Verzeihung, meine Gemahlin! Ein Zufall' führte mich hieher." „Füge deinem Verbrechen nicht das der Lüge hinzu. Daswäre ruchlos, todeswürdig." Der elende Feigling ließ nicht nach, seine Gemahlin um Nachsicht anzuflehen. Er bediente sich eines Mittels, das bisher niemals seine Wirkung auf ihr Gemüt versagt hatte: „zärtlicher Liebesworte." ' „Basjah, meine geliebte Basjah, mein holdes Weib 5 Nicht umsonst führst du den Namen einer Gottestochter. Das Attribut der Götter ist ja Güte und Erbarmen. Zeige dich dieses deines glorreichen Namens würdig und verzeihe deinem liebenden Gatten. Wenn dn mich von deinem Angesicht verstößest, 5ann kann ich nicht mehr leben und die Fluten des- Nils werden alsbald über meinem Haupte zusammenschlagen." Diesmal aber ließ sich die Tochter Pharaos von diesen gleißenden Worten nicht erweichen. (Schluß folgt.) Der Sukkot - Feiertage halber erscheint die nächste Nummer Freitag, den 28. Oktober.