Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 41 (14.10.1910)
- Date
- 1910-10-14
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 41. Die Wahrheit Seite 9. Märtyrertum adelt und Geduld und Treue, so ist dieses Volk adelig vor vielen anderen." In ähnlicher Weise hatte Zunz das Martyrium des jüdischen Volkes in seiner 1855 erschienenen vorzüglichen Schrift „Die synagogale Poesie des Mittelalters" charakterisiert: „Wenn es eine Stnsenleiter der Leiden gibt, so hat Israel die höchste Staffel erstiegen; wenn die Dauer der Schmerzen und die Geduld, mit welcher sie ertragen werden, adeln, so nehmen es die Inden mit den Hochgeborenen aller Länder auf; wenn eine Literatur reich genannt wird, die wenige klassische Trauerspiele besitzt, welcher Platz gebührt dann einer Tragödie, die anderthalb Jahrhunderte währt, gedichtet und dargestellt von den Helden selber." Ob die künftigen Geschlechter von der jetzigen in Freiheit -erzogenen Generation so werden sprechen können, ist sehr fraglich; denn sehr viele glauben, Religionsfreiheit heißt, sich frei machen von beit Ketten der Religion, daher sie anch um irgend eines materiellen Vorteiles willen, leichten Herzens den Glauben, für -den ihre Väter mit ihrem Herzblnte gekämpft, verschachern und das Judentum verraten. Und selbst viele von denen, die dem Judentum noch nicht den Rücken gekehrt, entweihen es dadurch, daß sie sich im Innern gegenseitig, zum Gaudium der äußern Feinde zerklüsten, befehden und bekämpfen. Fr. Verschiedene Nachrichten. Wien. Sonntag, den 16. Oktober d. I. um 8 Uhr vormittags, finden die Einschreibungen für den Barmizivah-Vorbeceitungskurs in der Religionsichnle, I., Seitenstettengasse 2. II. Stock statt. Dieser unentgeltliche Kurs ist nur für nnbemittelte Schüler bestimmt. Wien. (Generalversammlung.) Die diesjährige -ordentliche Generalversammlniig des „Kaiser Franz Josef-Ferienheim" findet Donnerstag, den 20. Oktober d. I., um 6 Uhr abends, rm Bereiusbureau, IX. Türkenstraße 17, mit folgender Tagesordnung statt: 1. Tätigkeit»- und Kassabericht für die Bereinsjahre 1908 und 1909. 2. Revisionsbericht. 3. Neu-, bezw. Ersatzwahlen. Hievon werden die Mitglieder und Gönner des Vereines mit dem Bemerken in Kenntnis gesetzt, daß eine gesonderte Einladung nicht erfolgt. Wien. (Eine A nregun g.) Mit Recht bemängelte unser ehrwürdiger Herr Oberrabbiner beim diesjährigen Anfangsgottesdienst für -junge Studenten, die zum Beispiel schon den 13jährigen Konfirmanden mangelnde Kenntnis der Segenssprüche vor der Thora. Er forderte insbesondere das Elternhaus ans, dem Religionsunterrichte b e s o nd e r e Aufmerksamkeit z u z u w e n d e n, nachdem von der Schule ans das Möglichste geschehen. — Es sei uns nun gestattet, anzuregen. daß in allen Mittelschulklassen alle Schüler nach einem bestimmten Turnus diese beiden kleinen und so wichtigen Segenssprüche vor der Thora — noch manches Stück unserer Liturgie sollte während der ganzen Unterrichtszeit geübt werden — in j e d e m Jahrgange bei Beginn des Religionsunterrichtes auswendig herznsagen hätten, Gutta cavat lapidem. Sapienti sat. „Isch. jehudi.“ Wien. Mittwoch, den 5. d. M. feierte das im XX. Bezirke allgemein bekannte und geachtete Ehepaar, Herr Josef und Frau Marie Kohn das Fest der silbernen Hochzeit. Herr Kohn, welcher als Sekretär des verstorbenen Reichsratsabgeordneten Rudolf Auspitz sich vielfache Verdienste um die Humanitären und kulturellen Institutionen unserer Gemeinde erworben hat. widmet seit dem Tode seines Chefs fast seine ganze Zeit in -selbstlosester Weise den Interessen unseres Bezirkes. Seine Gattin zählt zu den prominentesten Mitgliedern des Fcanenvereinsvorstandes, dessen Bestrebungen sie auf das werktätigste fördert. Das Jubelpaar, für welches die allgemeine Sympathie bei diesem Anlasse zu beredtem Ausdrucke kam, wurde von Deputationen des Tempelvereines (Obmann Herr Hermann E l t b o g e n) und des Vereines -„Die Brüder" (Obmann Herr Heinrich Weiner), deren Vorständen Herr Kohn angehört, in seiner Wohnung feierlich begrüßt und durch -Ueberreichung von Ehrengeschenken erfreut. Bemerkt sei, daß das Ehepaar dem Jnbeltag durch größere Spenden an die Bezirksvereine die richtige Weihe gab. Wien. Sonntag, den 16. Oktober, 3% Uhr nachmittags, findet im türk, israel. Tempel, H., Zirknsgasse 22. die Trauung des Fräulein' Flora N i s s l m mit Herrn Dan S. Albachary statt. Wien. Für den verewigten Religionslehrer, den ein. Rabbiner Leopold B n x b a n m. wurde Sonntag, den 9. d. M. auf dem Wiener -Zentralfriedhofe ein Grabstein, von seiner Familie in Form einer „Mazewa“ mit einer sehr gelungenen hebräischen Inschrift gestellt. Der Enthüllung wohnte eine stattliche Schar von Freunden, gewesenen Schülern und Kollegen bei. Nach stattgehabter Andacht sprach Professor A n r s ch e r l über den Verewigten und sein von den besten jüdischen Familien anerkanntes Wirken beim Religionsunterrichte der Jugend, eine Domäne, die der fel. Buxbaum ganz und voll beherrschte. Als zweiter Redner hob Herr Rabbiner G o l d st e i n das große jüdische Wissen des Verstorbenen hervor mnd seinen schönen Charakter und schloß die Feier mit dem traditionellen -Grabgebete. Bei einbrechendem Abend verließen die Anwesenden das große Totenfeld und drückten sie alle nochmals der tiefgebeugten Witwe und deren Angehörigen ihre innige Teilnahme aus. Austerlitz. Am 8. d. M. fand im hiesigen Tempel die Barmizwahfeier des Bürgerschülers Orro Kerpen, Enkel der hochgeachteten Frau Weil und Neffe des Herrn Med. Univ. Dr. Weil statt. Der Barmizwa trug die Segenssprüche und die Hasrora sehr verständnisvoll vor. — Am 2. d. M. wurde hier nnter großer Beteiligung Frau Fanny Koritschan zu Grabe getragen. Die plötzlich und unerwartet Heimgegangene, eine Esches chajil im wahren Zinne des Wortes, wird von ihrem Gatten und zwei Töchtern lief betrauert. Die üblichen Tcanergesünge verrichtete Kantor Stern mit dem Chore m erhebender Weise. Mähr -Budwitz Sonntag, am 2. Oktober, 12% Uhr mittags, fand die feierliche Einweihung unsere» nenerbanten Tempel» statt, um dessen Zustandekommen sich das rührige Tempelbaukomitee mit dem Obmann Herrn Alois Freund an der Spitze, besonders verdient gemacht hat. Den Plan entwarf der hiesige Baumeister Herr Josef N e j e z, der anch den Ban in musterhafter Weise ansführte. Nachdem die Thorarollen unter Psalmgesang ans dem alten Becsaale zur neuen Synagoge gebracht worden ivaren, hielt der Knltnsverein-vorsteher Herr Max Fried eine böhmische Ansprache an die Versammelten und an den Bürgermeister, dem weißgekleidete Schnldmädchen den Schlüssel des Tempel» überreichten. Während des Einzuges spielte Herr Respizient Reicht ein erhebendes Präludium, worauf der Chor das „Boruch habo“ in exakter Weise anstimmce. Daran knüpfte Herr Kantor und Religionslehrer Adolf Kohn seine Begrüßungsrede und ein inniges Dankgebet. Nach den üblichen Umzügen wurden die Thorarollen in die Bnndeslade gestellt und das S’u scheorim. und Ez chajhn gesungen, wobei sich die mitwirkenden Damen: Frau Tilda Fried. Fräulein Therese Pächter, Fräulein Karoline Schwarzbart. Fräulein Frieda K o h n. Fräulein Anna Fried, und besonders Fräulein Fanin P ü ch t e r als Solistin anszeichneten. Das Nertomid wurde durch Herrn Rabbiner Dr. Max H u ß aus unserer znständigen Kultnsgemeinde Schaffa angezündet, worauf Herr Rabbiner Dr. H. Schwengel aus Nenhans in Böhmen in böhmischer Sprache ein erhebendes Weihegebet und eine formvollendete Festrede hielt und das Kaijergebet sprach. Nach Reziriernng des Psalm 30. hielt Herr Dr. H n ß ebenfalls eine Weiherede mit darauffolgendem Kaisergeber in deutscher Svrache, worauf der Chor die Bolkshymne sang. Nun wurde das Halelujoh von Snlzer gesungen, das Minchagebet verrichtet und mit dem Adon olom die erhebende schöne Feier geschlossen. Anwesend waren: Der Bezirkshauptmann, der Bezirksrichter mit den Beamten, der Bürgermeister mit den Gemeinderüten, die Schuldirektoren, sowie Delegierte der Knltnsgemeinden Schaffa, Znaim, Trebitsch und Jamnitz. Diesen, sowie den hochherzigen Spendern, besonders dem Kuratorium des mähr.-jüd. LandeSmassafondes, welche zu diesem heiligen Werke wesentlich beigerragen haben, sei hiemit der tiefgefühlteste Dank gesagt. London. Lady Louisa de Rothschild, eine Enkelin Mayer Amschel Rothschilds, ist am 22. dieses Monats auf ihrem Landsitze zu Aston Clinton, Buckingham (Engl.) im Alter von 90 Jahren gestorben. Sie war eine Tochter Abraham Montefiores, des Großvaters des Mr. Claude Montefiore und Sir Francis Montefiore. Im Jahre 1840 heiratete sie Sir Anthony de Rothschild, der im Jahre 1876 starb. Lady de Rothschild hat sich für viele Institutionen der jüdischen Gemeinden in England interessiert und die Ideale der Philanthropie, welche ihre Familie so anszeichnen» immer hochgehalten. Nicht nur fiat sie fast alle jüdischen Gemeindeanstalten freigebig unterstützt, sondern auch mehrere arme jüdische Familien mir Pensionen bedacht. (I. I. K.) New-Aork. Der von den hauptsächlich sich ans polnisch-jüdischen und italienischen Elementen zusammensetzenden ca. 70.000 Damenschneidern hiesiger Stadt zu Anfang Juli begonnene Streik har zu Schluß letzter Woche endlich eine gütliche Beilegung erfahren. Während der letzten Wochen des Ansstandes war es seitens der rabiaten Elemente unter den Streikenden zn Gewalttätigkeiten gegen arbeitswillige Arbeiter und zu Ruhestörungen gekommen, welche zur Verhaftung und Verurteilung von Hunderten von Ruhestörern geführt hatten. Natürlich war auch bei den Famillen der Streikenden bald Not und Elend eingekehrt, wie sich das anläßlich der in letzter Woche von Hausbesitzern in Hunderten von Fällen bei Gericht nachgesuchten Exmissionsbefehle zeigte. War der Lohlverlust der Streikenden groß gewesen, so war der Geschäftsverlust der Fabrikanten, von denen nicht wenige sich zur Verlegung ihrer Werkstätten nach benachbarten Orten und Staaten veranlaßt sahen, noch umfangreicher. Fenilleton. Moses. Von Babette Fried, Prag. (Fortsetzung.) Als das vorgeschriebene religiöse Zeremoniell beendet war, schickte sich die Prinzessin an, nm im Strome ein erfrischendes Bad zu nehmen. Noch Hanen die Dienerinnen sie nicht ganz entkleidet, als die Prinzessin etwas gewahrte, daß ihre vollste Anftnerksamkeit in Anspruch nahm, und ihre Neugierde erregte. „Dort im dichten Schilse befindet sich ein Gegenstand, den ich gerne in der Nähe sehen wurde," sagte Basja zn ihren Dienerinllen.