Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 41 (14.10.1910)
- Date
- 1910-10-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Seite 7. Nr. 41 Die Wahrheit eine glänzende Karriere im Kolonialdienst und wurde 1904 Privatsekretär des Königs von Indien. Unter der, Regierung der Königin Viktoria bekleideten dreimal Inden das hohe Amt eines Lordmayors von London. Es war ein jüdischer Lordmayor, der sie anläßlich ihres 60. Regierungsjnbilänms bei dem großen Festznge beim Eintritt in die City empfing und ihr das goldene Schwert überreichte. . Auch der jetzige englische Premierminister Asquith kennt keine engherzigen konfessionellen Anwandlungen. Er ernannte das jüdische Parlamentsmitglied E. S. M o n t a g u 1909 zu seinem Privatsekretär. Sir John Fisher, der einer angesehenen jüdischen Familie entstammt, wurde in demselben Jahre erster englischer Seelord und bald daraus zum Peer ernannt. Unter dem neuesten Ministerium Asquith gibt es sogar zwei Inden, den Abgeordneten S a m u e l, der 1909 als -Kanzler des Herzogtums Lancaster mit Kabinettsrang der Nachfolger von Lord Fitzmanrice wurde und den Generalnotar Rnfils I s a a c. Auch in den englischen Kolonien, die eine selbständige Verfassung besitzen, sind schon Inden zu hohen Stellungen im Staatsdienst gelangt. So wurde Mr. Matthew L. M o ß 1905 in dem Ministerium von Western Anstralia Minister ohne Portefeuille und erhielt zugleich die Verwaltung des Rechtsdepartements dieses Staates. Moß, ein hervorragender Rechts- Anwalt. war schon zweimal Minister ohne Portefeuille. Max L a n g e r m a n n. der Präsident der israelitischen' Kultusgemeittden von Transvaal, wurde 1907 vom König von England in das Oberhaus vou Transvaal berufen. Er war unter den vom König ernannten fünfzehn Mitgliedern der einzige, der nicht in England oder Südafrika geboren war. Er 'kam, von Geburt ein Bayer, als junger Mann nach Kimberley, ging nach der Entdeckung der Goldfelder nach Johannesburg und gelangte dort bald zu einer führenden Rolle. In keinem Lande der Welt, wenn man von Spanien absieht, wurden früher die Juden so schlecht behandelt als in Italien. Es ist noch gar nicht viel länger als hundert Jahre her, da wurden in Rom iu der Osterwoche „Juden, hetzen" abgehalten. Das heißt, es wurde ein Hansen alter, kranker und gebrechlicher Juden zusammengestellt, die, bloß mit einem langen roten Mantel bekleidet, mit Mauleseln, Büffeln und Pferden Wettlaufen mußten, bis sie tot znsanunenfielen. Doch es kamen die Kämpfe um die Einheit des Landes: die Einigung selber kam, und mit ihr die Befreiung der Geister vom Druck mittelalterlichen Wahns. Und überall, wo es die 'Befreiung des Landes galt, halfen die Inden wacker mit, überall waren sie dabei. Auch unter den T a n s e n d von Mar s a l a, den Helden Garibaldis, befanden sich acht Jude n. Ein venetianischer Jude, M a n r o g o n a t o, hat an der Seite Daniele M a n i u s, des Diktators von Venedig, für die nationale Freiheit gekämpft. Er lehnte das Portefeuille eines .Finanzministers ab, war aber lange Jahre, selbst noch als siebzigjähriger Greis, Vizepräsident der Kammer. Als solcher konnte er an dem Sarge Manins sagen: «Hier, der selige Diktator, der in diesem schwarzen Sarkophag ruht, der Enkel des jüdischen Advokaten Medina, schläft er den Schlaf der .Unsterblichkeit im Schatten von San Marco." Wie Maurogonato als Hort der Freiheit Venedigs, so gelangten die Jndeil D'A ntou a für Toskana und Tu l l o M as s a r a u i, der für die Befreiung Mailands als Mazzinist gelitten, für Mailand in den Senat. D'Ancona war auch Finanzminister in Toskana. Und als der Traum der Italiener erfüllt und das Land einig wurde, da gelangten in vielen Fällen auch Inden zu den höchsten staatlichen Ehrenstellen. Man fand sie ebenso gut unter den. Ratgebern der Krone, wie an der Spitze aller öffentlichen Äemter. Wie viele italienischen Inden aber auch schon in den letzten Jahrzehnten Minister und Senatoren in leitender Stellung ^gewesen sind, niemals, so konnte ein jüdisches Blatt mit Genugtuung feststellen, hat es irgend jemand gewagt, sie in der Presse oder im Parlament als Inden anzngreifen, wie das bei uns noch heute jedem Juden passiert, der nur irgendwie eine Sprosse auf der sozialen Leiter emporsteigt. Der hochsinnige König Hum b er t, der einem schändlichen Meuchelmord zum Opfer siel, vertraute dem jüdischen General .Ost t o l e n g h i die militärische Ausbildung des Thronerben an. Unter seiner Regierung war der 1900 verstorbene jüdische Senator Jsacco A r t o m, der Sekretär und Hauptmitarbeiter Cavonrs. lange Zeit italienischer Gesandter in Kopenhagen, Signor S e y r e bekleidete das gleiche Amt in Seyre, während der Graf iH i e r s ch e l de M i u e r a b i Botschaftssekretär in London war. Auch die letzten beiden Herren waren Inden, desgleichen die Sektionschess M a l v a n o und Romain Jacnr. Luigi L n z a t t i war mehrere Male Hnmberts Finanzminister. Auch der jetzige König von Italien hat oftmals Juden die Leitung der Staatsgeschäfte auvertrant. Seinen Lehrer, den General Giuseppe O t t o l e n g h i, ernaunte er 1902 zu seinem K r i e g s m i n i st e r, eine Ernennung, die damals in der ganzen Welt das größte Aufsehen erregte. Kaiser Wilhelm II. legte seiner Zeit dem Kriegsminister Ottolenghi eigenhändig zwei hohe Ordenszeichen an. L n z a t l i war anch unter ihm verschiedene Male Schatzminister. Im Jahre 1906 wurde Riva Unterrichtsminister. Der Cavaliere de P o l a c c o wnrde 1901 zum Vertreter Italiens in Bulgarien ernannt. Auch der italienische Ministerpräsident Sidney S o nn i n o, der am 10. Dezember 1909 schon zum zweiten Male an die Spitze des Ministeriums berufen wnrde, ist von jüdischer Abstammung. Er wilrde am 11. März 1847 in Alexandria (Aegypten) als Sohn eines italienischen Juden lind einer protestantischen Engländerin geboren. Die Familie stammt aus dem Toskanischen. Sonnino hat frühzeitig schon englische und deutsche Bildung iu sich aufgenommen. War er doch ein Freund Karl Hillebrands und sein Mitarbeiter an dessen deutscher Zeitung „Italic:". Vorübergehend ist Sonnino in der Diplomatie tätig gewesen, in der Zeit wo Graf Nigra Botschafter in Paris war. Seit 1880 gehört er der Kammer als Mitglied der Rechten an. Von 1893—1896 war er Finanzminister. Seine Ministerpräsidentschaft war jedoch nicht von langer Dauer, im Frühling 1910 schon wurde er gestürzt. Der Nachfolger Sonninos, der schon erwähnte Luigi L n z a t t i, entstammt aber ebenfalls einer berühmten jüdischen Familie, die Italien seit Generationen Rabbiner, Aerzte, Dichter und Gelehrte geschenkt hat. und er hat seine Zugehörigkeit zur jüdischen Rasse nie verleugnet: L u z z a t t i ist jetzt 70 Jahre alt, und seit 40 Jahren kennt man ihn als einen der hervorragendsten Politiker, Gelehrten und Finanziers seines Landes. Seit vier Jahrzehnten Abgeordneter, Protektor der Universität Rom, fünfmal Schatzminister, ist Luzzatti der Schöpfer aller geltenden italienischen Handelsverträge, der Urheber aller großen Renlenkonversionen und Finanzoperationen des Landes, der Bater seiner praktischen Sozialpolitik, seines Genossenschaftswesens, der Darlehenskassen, eine Quelle von fortwährend hervorsprudelnden neuen Gedanken, Vorschlägen und Ideen, die er im Gegensatz zum italienischen Nationalcharakter zäh und energisch in die Tat umzusetzen versteht. Kein Zweifel also, daß hier eine hervorragende Persönlichkeit an die Spitze der Regierung getreten ist. In internationaler Hinsicht ist sein hervorstechendster Zug gewiß seine Neigung rür Frankreich. Er war der Herold der Wiederannäherung nach Crispis Sturz 1896, er hat den Handelsvertrag von 1899 geschlossen, bei dem man den politischen Zweck sogar wirtschaftliche Interessen opferte. Luzatti ist seither stets der zuverlässigste Freund der „lateinischen Schwesternation" geblieben. Aber man muß gleich hinzufügen, daß er dieser Gesinnung nie eine Spitze gegen den Dreibund gegeben har, im Gegenteil: als Mitarbeiter Rudims, Giolittis und Sonninos hat Luzzatti, wie die konservative „Schles. Ztg." bei seiner letzten Berufung treffend bemerkte, den treubundtreuesten Kabinetten mit tatkräftiger Förderung ihres Slandpnnktes angehört, und wo er zum Beispiel an Deutschland und deurscher Politik Kritik geübt hat, geschah es ausschließlich in Handels- und sozialpolitischen Fragen. Zum Bürger m e i ft e r von Rom wurde im Jahre 1907 ein Jude, Ernefto Nathan, gewählt. Sämtliche sechzig Stimmen des liberalen Blocks des Gemeinderates sielen auf diesen bewährten Patrioten und Politiker, früher Großmeister des italienischen Freimaurerbnndes. Diese Wahl mußte in der Zeit der Vorstöße des Vatikans gegen die modernen Ideen die