Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1910-10-14 · Heft 41 (14.10.1910) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 41 (14.10.1910)
Date
1910-10-14
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3062972-3063520-3063561--06913-3073956
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 6. — - -.Die Wahrheit . . Nr. 41. scheu Elementes in einem großen Organismus denkbar. Aber diese Voraussetzung hat sich als falsch herausgestellt: die Juden können genau so wenig verschwinden, als die Christen sie verschwinden lassen wollen (oder auch umgekehrt). An dieser einen Tatsache zerschellen alle an die Judenemanzipation geknüpften Hoffnungen und Befürchtungen der Philo- und Antisemiten. An dem Schicksal der .kulturell vorgeschrittensten Juden bewahrheitete, sich diese Erfahrung aus der. Stelle, am überwältigsten bei dem hervorragendsten Kopfe, eben bei Heine. Vollständigen Aufgeheu ist schlechterdings nicht möglich. Daran können auch einige, die Regel bekräftigenden Ausnahmsfälle nicht ändern, wo.unter furchtbaren intellektuellen Opfern das Ziel der Sehnsucht erreicht wurde. Vestigia terrent. Es ist nämlich nicht jedes, noch so beschnittenen Juden Sache, für die Füchse des Vereines deutscher Studenten die Rolle des christgermanischeu Musterknaben zu mimen, oder nationalistische Wochenschriften heranszugeben. in denen man verbrennt, was freiheitlich Gesinnte anbeten, und anbetet, was Heine ersäufen oder verbrennen wollte. Wie aber Heine jenen Widerspruch in sich zu überwinden gesucht? Die Antwort lautet: durch rückhaltloses Bekenntnis zum nationalen Judentum. Als ein Freund ihm erzählte, man behaupte, er habe sich dem Jndemnme wieder zugewandt, soll er erwidert haben: „Ich mache kein Hehl ans meinem Judentum, zu dem ich nicht znrückgekehrt bin, da ich es nie verlassen hatte." Diesem Ausspruch ist die innere, die geschichtliche Glaubwürdigkeit nicht abznsprechen. Las bezeugt die Krone der Schriften, die über sein Verhältnis zum Judentum zuverlässige Auskunft geben, die Geständnisse. Hier sind die Erörterungen über die Riesengestalt des Moses, über die Bibel und das Volk der Bibel bewußt in den Vordergrund gerückt. Hier findet sich die mit feierlichem Pathos vorgetragene Anerkennung jüdischer Volksgröße, die man, wenn man wollte, als Widerruf der Taufe anffassen könnte. „Ich sehe jetzt, die Griechen waren nur schöne Jünglinge, die Juden aber waren immer, Männer, gewaltige. unbeugsame Männer, trotz achtzehn Jahrhunderten der Verfolgung und des Elends. Ich habe sie seitdem besser würdigen gelernt und wenn nicht jeder Geburtsstolz bei den Kämpfen der Revolution und ihrer demokratischen Prinzipien ein närrischer Widerspruch wäre, so könnte der Schreiber dieser Blätter stolz daraus sein, daß seine Ahnen dem edlen Hanse Israel angehörten, daß er ein Abkömmling jener Märtyrer, die der Welt einen Gott und eine Moral gegeben und auf allen Schlachtfeldern des Gedankens gekämpft und gelitten haben." Mit hinreißender Beredsamkeit preist er die Freiheits- und Gerechtigkeitsliebe, die aus den mosaischen Bestimmungen über das siebente Jahr des Brachzwangs und über die Einführung des Jubeljahres leuchte. „Freiheit war immer des großen Emanzipators letzter Gedanke ... die Sklaverei haßte er über alle Maßen" nsw. Kein Heinebiograph wird gn einem Verständnis solcher Stellen gelangen können, ohne auf des Dichters Verhältnis zum Judentum näher einzugehen. Er entdeckte also (ganz im Gegensätze zu B ö r n e) die bewegenden Gedanken der Neuzeit im Judentum; aus dem jüdischen Gesetz, aus der jüdischen Geschichte liest er das Prinzip der Freiheit und Gerechtigkeit heraus. Ungefähr um dieselbe Zeit wie die Geständnisse verfaßt er sein letztes größtes Dichtwerk, den Romauzero, den heutzutage glücklicherweise nur noch gemütstiefe Weiber dem Liebesgezirpe des lyrischen Intermezzos hintansetzen. Im Romanzero nun ist es, wo er, angeregt durch die „Religiöse Poesie" von M. Sachs, dem Dichterphilosophen Inda Halevi, seinem Stammesgeuossen und Kollegen in Apoll, ein würdiges Denkmal setzte. Aus diesem Gedichte lodert die ganze Glut seiner Liebe zum nationalen Judentume: „Lechzend klebe mir die Zunge An dem Gaumen, und es welke Meine rechte Hand, vergaß ich Jemals dein Jerusalem —" Und in schmerzhaft trauriger Erinnerung der spanischjüdischen Poetenschule bedauerte er die allgemeine Unkenntnis der hebräischen Sprache und spottet über die Pensionatserziehung der höheren Töchter, die über Pharaonenmnmien und chinesischen Pagodenkaiser die Kunde vergäßen von Jb n I s r a, Gab i r o l und H a l e v i, jenem Triumvirat der Dichtkunst, das dem Saitenspiel Davids einst entlockt die schönsten Laute. „Nationalerinnerungen^ schreibt H eine in den Norderneyer Reisebildern, siegten tiefer in der Menschen Brüst, als man gewöhnlich glaubt. Man wage es nur, die allein Bilder wieder anszugraben/ und über Nacht blüht hervor die alte Liebe mit ihren Blumen." : Inden als Diplomaten, Minister nnd Politiker. Kein geringerer als Fürst Bismarck hat einmal gesagt, daß die Inden sich durch besondere Befähigung nnd Intelligenz für Staatsgeschäste anszeichneten. Es haben denn auch in fast allen Kultnrstaaten Eliropas — Rußland natürlich ausgenommen, wenn man dies überhaupt zu den Knltnrstaaten rechnen will — Juden im Staatsdienste hervorragende Stellungen als Minister, Botschafter, Staatssekretäre nsw. eingenommen und als solche ihren Heimatländern hervorragende Dienste geleistet. Erwähnt sei zunächst das stolze England, das Mutterland einer wirklich konstitntionallen Verfassung, das Reich, in welchem die Regierung nichts anderes ist, als das ausübende Organ eines freien Voltes. Hier steht natürlich an erster Stelle: Benjamin D i s r a e l i, der große englische Staatsmann, der Begründer des modernen Imperialismus im Britenreiche, gegen den, einer seiner hauptsächlichsten politischen Gegner, John B r i g h t, seinerzeit keinen schwereren Vorwurf erheben konnte, als den. „daß in seinen Adern kein Tropfen britischen Blutes stieße." Disraeli, der nachherige Lord Beaconsfield, hat sich auch bis an sein Lebensende als Jude gefühlt, obwohl er in seinen Knabenjahren in die anglikanische Kirche anfgenommen worden war. Die Staatsmänner aus germanischem Blute konnten ihm diesen „Geburtsfehler" auch nie vergessen. Als man in den Tagen des Berliner Kongresses in Bismarcks Gegenwart Lord Beaconsfields Abstammung bekrittelte, äußerte der Kanzler über ihn das bezeichnende Wort: „Der alte Jude ist der Mann des Tages". Disraelis Verdienste um sein englisches Vaterland sind unvergänglich in die ehernen Tafeln der Geschichte eingegraben. Vor allem wird ihm es das britische Volk nie vergessen, daß er es war, der durch seine Bill vom 15. August 1867 das Wahlrecht aus eine breitere, gerechtere Grundlage stellte. Durch Herabsetzung des Zensus verdreifachte sie die Zahl der städtischen Wähler und vermehrte die Zahl der ländlichen um ein Drittel. Das war ein neuer großer Fortschritt und dieses demokratische Gesetz verdankte die englische Nation einem konservativen jüdischen Staatsmanne. Alsdann wäre noch zu erwähnen der verdienstvolle Sir Matthew Nathan. Er wurde mit 42 Jahren im Jahre 1903 Gouvernenr von Hongkong. Er hatte zuerst als Offizier im Jngenieurkorps gedient und mehrere Feldzüge mitgemacht. Dann wurde er 1895 Sekretär der Kolonialverteidignngskommission und erhielt als Anerkennnng seiner Tätigkeit in diesem Amt den Michael Georgsorden. 1889 wurde er Gouverneur von Sierra Leone, später von der Gvldküste. Er war der erste Jude, der im Kolonialdienst die Gonverneurstellnng erreichte. Bezeichnend ist, daß er im Anfang dieses Jahrhunderts militärischer Ättachee bei der englischen Botschaft in Berlin werden sollte, aber seiner Religion wegen von der preußischen Regierung nicht angenommen wurde. In seiner Eigenschaft als Gonvernener von Hongkong empfing er den Prinzen Adalbert von Preußen. Dann wurde "er Gouverneur von Natal und übernahm damit einen Posten, den vor ihm schon ein anderer Jude Sir Matitijahu, innegehabt hatte. 'Im Jahre 1909 endlich ward er in Anbetracht seiner hervorragenden administrativen Verdienste znm Sekretär des G e n era lp o st a m ts ernannt. Damit gelangte zum ersten Male ein Jude an die Spitze dieses wichtigen Amtes. Sein Bruder Robert Nathan machte ebenfalls

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.