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Die Wahrheit · 1910-10-14 · Heft 41 (14.10.1910) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 41 (14.10.1910)
Date
1910-10-14
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 41. Die Wahrheit Seite 5. Einen Ehreninarsch eigener Art sahen kürzlich die Straßen der nordamerikanischen Metropole. Tie New Imker jüdischen Hausierer aller Kategorien haben eine imposante Freudenkundgebung anläßlich der Genesung des Bürgermeisters G a y n o r nach dem! gegen ihn vor einiger Zeit verübten Attentates veranstaltet. In fast endlosen Zügen marschierten diese typischen Gestalten der Newyorker Straßen im Festgewande durch die Hauptstraßen bis zur City Hall, dem New Imker Rathanse, um dem populären jndensreuudlichen Bürgermeister begeisterte Ovationen darzubringen. Dem New Imker Peddlers halten sich auch ihre Kollegen von Brooklyn, B r u n s v i l l e und Hartem angeschlosscn, so daß der Marsch, an dem sich ungefähr 8000 Personen beteiligten, zu den imposantesten Kundgebungen zu Ehren des Bürgermeisters gezählt werden kann. Der Führer dieses Ehrenmarsches, Mr. Jakob Bier, ein galizischer Jude, der bereits Bürger des freien Amerika ist. Der Bizebürgermeister Mitchell empfing eine Abordnung der Peddler und dankte namens des Bürgermeisters für die ihm erwiesene Ehre. Die LaitblMle. drr Feststranß nnd — Misere Kinder. Keines der drei Feste, die den Namen ir^i trbtr führen, fällt an einem so günstigen Zeitpunkt, wie das Sukkotsest, denn nur an diesem Feste kann sich Israel im stolzen Bewußtsein wiegen, sich unmittelbar vorher mit Gott, sich selbst und den Nebenmenschen versöhnt und ausgeglichen zu haben. Aber auch der Umstand, daß das Fest durch die beiden Zeremonien: Sukkah und Lnlaw den Charakter eines Toppelsestes trägt, brachte es mit sich, daß man demselben im Judentume zu allen Zeiten in allen Kreisen ein erhöhtes Interesse entgegenbrachte. Und doch hat gerade dieses Fest, was die Betätigung an den Zeremonien betrifft, in unserer Zeit vieles von seiner Ursprünglichkeit eingebüßt. Man ist nämlich in gewissen Kreisen der Meinung, daß es bei diesem Feste auch ohne Sukka und ohne Lnlaw geht und daß mau diese Zeremonien getrost den Funktionären der Gotteshäuser überlassen kann. Selbstverständlich bestreben sich in solchen Kreisen die Eltern auch ihre Kinder für diesen Modus zu präparieren und ihnen plausibel zu machen, daß mau auch ohne dieses Requisit das Fest feiern und ein guter Jude sein kann. Und so steht für solche Kinder das, was ihnen der Religionslehrer aus der Bibel über das Sukkotsest beigebracht hat, bloß auf dem Papier und wenn sie zufällig irgendwo eine Sukka oder einen Lnlaw erblicken, läßt sie dieser Anblick kalt, gleichgiltig und unberührt. Wie schön wars doch nur in der früheren Zeit und welche Vorbereitungen wurden da allenthalben für das Sukkotsest getroffen. Wir brauchen ja nicht weit zurückzugreisen, wir brauchen uns ja nur an u n s e r e Jugendzeit zu erinnern, um das Bild vor Augen zu haben, wie unser Vater, wenn schon nicht früher, so doch am ersten Morgen nach dem Jomkippur in eigener Person um die Aufstellung der Sukka sich bemühte, wie gerne wir Kinder ihm dabei Handlangerdienste leisteten und wie eifrig wir daran gingen, die Ausschmückung für das Innere der Sukka in Angriff zu nehmen. Welche Freude bemächtigte sich unser, wenn wir eines Tages den herrlichen Feststranß im Elternhause erblickten, wie sorgfältig pstegten und betreuten wir ihn und mit welcher Sehnsucht erwarteten wir die Stunde, wo derselbe von Hand zu Hand wandernd, uns allesamt zum Lobe Gottes verpflichten sollte. Nun ist es anders, traurig anders geworden. Man sieht jetzt selbst in jenen Häusern, die fast ausschließlich von Juden bewohnt werden und selbst dort, wo sich der Aufstellung einer Sukka kein Hindernis entgegenstellt, keine, oder nur äußerst selten eine solche sich erheben, und auch den Feststranß hat das gleiche Schicksal ereilt, er schmückt nicht mehr, wie ehedem, jedes jüdische Familienheim und bildet, gleichwie die Laubhütte, schon lange nicht mehr die Festesfreude der jugendlichen Kinder. „Sukka und Lnlaw kosten Geld, und bei den heutigen Zeitverhältnissen muß man, wie bei allem, auch in Sachen der Religion sparen." So pflegen manche Eltern sich zurechtfertigen, wenn man sie im Interesse ihrer Kinder über die Vernachlässigung dieser Zeremonien zur Rede stellt. Allen Respekt vor dem Sparsamkeilssinn solcher Familienoberhäupter! Ja, aber ist! es denn nicht allbekannt, daß es mit dieser Tugend seine eigenen Wege hat, daß man bei nichts so gerne und so sehr spart und kargt, wie in Sachen der Religion!! Und selbst zugegeben, daß manchem Vater auch dieses Opfer, das er seinen Kindern bringen sollte, aus materiellen Gründen zu groß ist, aber warum macht er dann nicht von einer Gelegenheit Gebrauch, die ihm die Betätigung an den Snkkotzeremonien ermöglicht, ohne daß er in seinen Säckel zu greisen braucht? 2rr po u-rr c*zrn’ „Wir stehen verwaist und verödet da und kein Vater bringt sein Kind zn uns." so rufen die in den Gotteshäusern dem Publikum zur Benützung freistehenden Sukkas und Lulaws den Besuchern zn, wenn sie an ihnen so gleichgiltig vorüberhasten und sie keines Blickes würdigen. Und darum, Ihr um die Zukunft Eurer Kinder so besorgten Eltern, gebet ihnen das. was sie für die Zukunft nicht entbehren können; gebet ihnen jene moralische Stütze, die sie für den zilkünstigen Lebensweg io dringend bedürfen; gebet ihnen die Religion. Weil aber das Gotteshaus die geeignetste Stätte ist. woselbst das religiös-sittliche Empfinden geweckt und die schönsten moralischen Eindrücke fürs Leben gewonnen werden, darum führet auch Eure Kinder dorthin, aus daß auch sie es zumindest an dieser Stätte mit ansehen und begreifen lernen, wie Israel seinem Gott zu dienen und bei der Erfüllung voil religiösen Pflichten leinen heiligen Namen zn lobpreisen und zn verherrlichen sichi bestreben soll. Daniel S k n t e z k y. Religionslehrer. Heine als Jude. (Schluß.) Wenn man die bisher mitgeteilten Tatsachen und Erklärungen überblickt, so muß der Widerspruch in die Angen fallen, der in Heines Verhältnis zum Judentume liegt. Er hängt io wenig an der jüdischen Religion, daß er in dem Momente, wo sie ihm lästig wird, sie abwirft und zu einer anderen religiösen Gemeinde übergeht. Dennoch bleibt er so sehr Jude, daß er. ohne sich selbst zu schonen, die Apostaten anss rücksichtsloseste verhört, für die Rechte seiner Stammesgenossen mit der ganzen Wucht seines weitwirkenden Wortes eintritt und altjüdischer Geschichte und Literatur seine Neigung schenkt. Ter Widerspruch blieb dem Dichter selber nicht verborgen, und einem Freunde gegenüber hat er sich über seine Unklarheit in seiner Stellung als Jude auch ausgesprochen. Meißner überliefert folgende Worte Heines: „Ich konnte mich den Juden nicht ausschließlich opfern, wie zum Beispiel Gabriel Rießner und andere; ich gehe in keiner Partei aus. Es wäre abgeschmackt-, wenn ich, wie man mir nachsagte, mich schämte ein Jude zu sein, aber es wäre ebenso lächerlich, wenn ich behauptete, ich wäre einer." Er befand sich offenbar in einem Zwiespalt, in dem er an die mosaische Religion nicht glaubte, folglich kein Jude war, trotzdem aber ein Jude war und es sein wollte. Dieser Widerspruch in seinem Wesen als Jude ist echt modern und erhebt ihn znm Typus eines modernen Juden. Wie ist dieser Wiedersprnch zu verstehen? In Heines Entwicklungsgang hat wie in einem Mikrokosmus die ganze historisch-politische Entwicklung der deutschen Judenheit während des 19. Jahrhunderts sich mit einer Treue abgezeichnet, die dem Kundigen ein fast ästhetisches Wohlgefallen bereitet. Das Ideal des vom Glauben der Völker abgefallenen Juden, der znm Taufbecken schreitet, ist vollständige Anpassung und rastloses Ausgehen in der großen Masse, der christlichen Volksgenossen. Nur dieses gesellschaftspolitische Ziel, kann den Täufling dazu veranlassen, das unangenehme Odium eines formellen Religionswechsels auf sich zu nehmen. Daß ein derartiges endgültiges Untertanchen auch Praktisch durchführbar fei, das bildete die selbstverständliche, stille Voraussetzung zn dem gewagten Schritte. War diese Voraussetzung richtig, dann war ein allmähliges, langsames Einsickern und Verdampfen des jüdi-

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