Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 41 (14.10.1910)
- Date
- 1910-10-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Nr. 41. Die Wahrheit hat, hat mm das Londoner Rabbinat unter Vorsitz des Großrabbiners Dr. Adler im Einverständnisse mit der Londoner Schechitoh-Kommission den Beschluß gefaßt, als Gegengewicht gegen die willkürliche Steigerung der Koscherfleischpreise die Einführung von Koscher-Fleifch ans Argentinien möglich zu machen. Vorige Woche ist auch tatsächlich die erste Schiffsladung solchen Fleisches in London angekömmen. Die Firma, welche seitens des Rabbinates mit dem Import des Koscherfleisches aus Argentinien betraut wurde, mußte sich verpflichten, die vom Londoner Rabbiuate nominierten vertrauenswürdigen Schächter nach Argentinien zu entsenden, das Fleisch dort unter Aussicht eines gleichfalls vom Rabbinate bestellten Aufsehers koscher zu machen und den Transport von einer Verrranensperson des Rabbinates überwachen zu lassen. Es ist selbstredend, daß der Importeur sich auch verpflichten mußte, das Fleisch zu entsprechend billigen Preisen ausznhacken. Der erste Versuch soll zlir Fortsetzung dieses Verfahrens ermutigt haben. Zur Jahrhundertfeier der Berliner Universität können wir mit Genugtuung konstatieren, daß in der glänzenden Reihe hochbedentender Männer, die im Laufe des Jahrhunderts ihres Bestehens an derselben gewirkt haben, allch die Inden im Verhältnis zu ihrer Zahl mit nicht wenigen großen Namen vertreten sind. Im Verhältnis zn ihrer Zahl und in Berücksichtigung der Zurücksetzung, die sie noch heute selbst bei Besetzung wissenfchaftlicher Lehrstühle, trotzdem die Wissenschaft wenigstens keine konfessionelle Unterscheidungen kennen sollte, erfahren. Wir nennen nur einige Namen, die uns gerade einfallen: Traube, Lazarus, Steinthal. Mendel, Senator, Landau, Munk, Fuchs, Jastrow, Kronecker. Nur sehr, sehr wenige haben als ordentliche Profesoren lehren dürfen, auch wenn sie außerordentliche Männer der Wissenschaft waren bezm. sind. Der Heidelberger Jurist Mittermaier, der bereits im Jahre 1860 auf dem 50jährigen Stiftungsfeste der Berliner Universität prophezeien konnte, baß zu dem Jubelfeste Berlins von 1910 „ganz andere Abgeordnete noch erscheinen werden", die von der deutschen Volksvertretung gewählten Abgeordneten, hat zum Glück für die deutsche Nation richtig prophezeit. Aber sein in derselben Rede geäußerter Wunsch, daß endlich die konfessionellen Streitigkeiten verschwinden und nicht länger die Gemüter entfremden und alle deutschen Bürger vereinigt, freundlich sich achten, ist leider noch nicht in Erfüllung gegangen. Just diejenigen, die die Vaterlandsliebe und das Deutschtum gepachtet haben wollen, haben am meisten dazu beigetragen, daß dieser Wunsch nicht in Erfüllung gegangen ist. Zur Ausschließung der Inden vom Reserveofstziersstande und ihrer sonstigen Zurücksetzung in der Armee will der Verba nd der deutschen Inden mit Rücksicht auf die unbefriedigende Antwort des preußischen Kriegsministers auf die zn Anfang des Jahres an ihn gerichtete Eingabe und auf seine Aenßerungen in der Reichstagsdebatte, die im Gegensatz zn den vorjährigen des Herrn von Einem die militärischen Vorgesetzten in ihrer Zurücksetzung der jüdischen Einjährigen zn bestärken geeignet sind, im Lause des Winters in. einer Reihe öffentlicher Versammlungen Stellung nehmen. Die erste Versammlung soll in Berlin im großen Saal der „Philharmonie" am Sonntag, den 13. November stattfinden. Die Versammlungen wird der Verband in Gemeinschaft mit dem „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" einbernfen. Als weitere folgt der in Berlin veranstalteten eine Versammlung in Breslau am 24. November im dortigen Saal der Gesellschaft der Freunde. Ferner sind solche vorläuflg für Frankfurt a. M. und für Köln geplant. An den Versammlungen werden auch bekannte nichtjüdische Par la mentarier als Redner teilnehmen. 4- * Den jüdischen Täuflingen hat die russische Regierung in letzter Zeit besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Zu diesem Kapitel wird der „N. I. K." aus Odessa berichtet: Das in puncto Judenfrage erfindungsreiche und kampfeslustig voranschreirende Odessa hat sich nunmehr auch auf dem Gebiete der vom Anfklärungsminister Schwarz anscheinend ganz ausgebenteten Schulpolitik Lorbeeren geholt. Freilich mußte man, um dieses Gebiet von neuem patriotisch fruchtbar zu machen, diesmal zu den Täuflingen Zuflucht nehme». Und so hat denn vor kurzem der hohe Senat der Odessaer Universität dem Minister für Volksaufklärnng die prinzipielle Frage unterbreitet, ob nicht Abiturienten jüdischer Abkunft, die zum griechisch-katholischeu Glauben übergetreten sind, bei der Aufnahme in die Universität gewissen Einschränkungen unterworfen wären. Der Herr Minister unterließ es nicht, diese Frage einem „eingehenden Studium" zu unterziehen, und gelangt zum Ergebnis, daß die Anwendung der Prozentnorm auf die hoffnungsvollen Neophyten der griechisch-katholischen Kirche angebracht sei. Demgemäß ging der Herr Minister daran, ein neues, spezielles Reglement für diese Kategorie jüdisch-christlicher Abiturienten anszuarbeiten. Im wesentlichen gipfelt das neue Projekt darin, daß zum griechischkatholischen Glauben übergetretene jüdische Abiturienten diesbezüglich in zwei Kategorien zerfallen: in Personen, die vor Eintritt in die Mittelschule getauft wurden, und solche, die erst nach Absolvierung derselben das neue Religionsbekenntnis annahmen. Die ersteren sollen ihren christlichen Kommilitonen ganz gleichgestellt werden, während für die letzteren die jüdische Prozentnornt zur Anwendung gelangen soll. Damit wird offenbar der Zweck verfolgt, einen Teil der jüdischen Jugend in Rußland zur Taufe in frühem Alter zn verleiten. Wie soll es nun mit denjenigen sein, die das Licht der neuen Lehre auf der Gymnasialschulbank erblickt haben — darüber herrscht vorläuflg Unklarheit. Die Frage wird wohl Anlaß und Stoff für so manche Erläuterungen, Verordnungen und Zirkulare geben. Uns mag das Geschick der bildnngsdürftigen Ueberläufer kalt lassen. Für die allgemeine Lage in Rußland ist aber dieses neue Produkt bnreaukratischer Schöpfungskraft überaus charakteristisch. Wie praktisch man in Amerika auch jeder leisesten Regung des Antisemitismus an den Leib rückt, das zeigt folgende Begebenheit. die unter dem Schlagwort „Kein jüdisches Geld für Antisemiten" aus Newyork berichtet wird. Das „Nassau Hospital" in Long Island bildet heute den Sprechstoff der jüdischen Wohltäter Newyorks, die an dem Aufbau sowohl als auch an der Anfrechterhaltuug desselben finanziell große Verdienste haben. Der Superintendent dieses Spitales erhält heute die erste wohlverdiente Lektion von Herrn M. L. Schiff, dem Sohne des Jacob H. Schiff, indem dieser in einem an das Spital gerichteten Schreiben jede weitere Stütze energisch ablehnt und sie von der unbedingten Enthebung des Superintendenten von seinem Amte abhängig macht. Dr. Hotcheson, ein Kernamerikaner, ist der noble Leiter (Superintendent) des Spitales. der vor Monaten eine Annonze in die hiesigen Zeitungen rückte, in der tüchtige Spitalärzte gesucht werden. Ein jüdischer Arzt namens Dr. N. Guttmann war einer der um den Posten sich bewerbenden Kandidaten, der jedoch vom Superintendenten die briefliche Erklärung erhielt, daß das „Nassau Hospital" keine Inden als Aerzte wünsche, Herr Dr. Guttmann übergab das antisemitische Dokument zwecks Veröffentlichung an die Presse, welche jedoch, mit Ausnahme des„Eoening Journal", die Sache totschwieg. Das „Eveniug Journal", eines der liberalsten Biätter Amerikas, setzte sich seinerzeit mit dem Superintendenten gründlich auseinander und forderte die reichen und wohltätigen Juden zur Zurückziehung ihrer Stipendien fürs „Nassau Hospital" auf. Es wurde in der Tat eine Untersuchung eingeleitet, die die Anssagen des Herrn Dr. Guttmann vollinhaltlich bestätigt und Dr. Hotchesons Vergangenheit als Antisemit klipp und klar ans Tageslicht gefördert haben. Stillschweigend war es bei Herrn Schiff schon lange eine beschlossene Sache, daß er diese Anstalt nicht Mehr stützen werde, der Krach kam aber erst heute heraus, weil Herr Dr. Hotcheson sich erfrechte, Herrn Mortimer Schiff um neue Geldeinsendungen anznsuchen. Herr Schiff erläßt an sämtliche jüdische Wohltäter Amerikas einen Aufruf, seinem Beispiele zu folgen. „Gegenwehr, nicht Abwehr" wird es von nun ab auch in Amerika heißen. -i- * *