Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 40 (7.10.1910)
- Date
- 1910-10-07
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. Die Wahrheit Nr. 40. kein Widerstand. Die^ Mütter mußten blutenden Herzens ihre neugeborenen Knäblein den Mörderhänden überliefern." „Uitb sie taten dies wirklich, gaben sich nicht selber den Tod, ehe sie ihr Kind, ihr mit Schmerzen geborenes Kind Preisgaben?" »Selbst der Tod der Mutter hätte das Kind nicht retten können. Das Gebot des Königs gestattete keine Ausnahme." „Sprich, Mädchen, welches Land war es, wo dies Schreckliche geschehen, und wie hieß der König, der so Grausames besohlen?" „Meine Gebieterin befiehlt, daß ich diese Namen nenne. Ich muß gehorchen. Also wisse: Das Land, woselbst dieses Schreckliche geschieht, ist das Land Aegypten, und der König ist Pharao, dein glorreicher Vater!" „Und jenes Volk, sprich, welchem Volke geschieht dies?" ..Jenes Volk ist der Stamm der Hebräer, dem auch ich entsprossen bin/' Schon während der Erzählung Leahs hatten sich deren Gefährtinnen angsterfüllte Blicke zngeworfen. Sie wußten wohl, was die kühne Erzählerin ihrer ahnungslosen Herrin im Rahmen eines Märchens erzählte, und sie fürchteten, daß diese Verwegenheit strenge, vielleicht gar mit dem Tode bestraft werde. Furchtlos aber stand Leah ihrer Gebieterin gegenüber. Sie hatte erreicht, was sie schon längst gewünscht, wozu ihr immer nur die Gelegenheit gefehlt hatte: die Prinzessin von den ihr verborgen gehaltenen Vorgängen zu benachrichtigen und in ihr eine gütige Fürsprecherin am Königshose zn gewinnen. Sie war mit sich zufrieden. Furchtlos stand Leah der Fürstin gegenüber. Vielleicht hätte selbst ein Todesurteil sie nicht aus der Fassung gebracht. Die Pharaonentochter aber bedeckte das Gesicht mit den Händen und weinte bitterlich. In Pausen ries sie schluchzend aus: „Die armen, armen Kinder! Wie kann man nur ein Kind töten, wie kann nur eine Mutter ihr Kind töten lassen? Ich, die stolze Tochter Pharaos verzehre mich in Sehnsucht nach einem Kinde, und Tausende unschuldige Kinder werden hingemordet eines blinden Wahnes wegen! Ach, wenn ich nur ein einziges dieser Kinder mein eigen nennen könnte, es an mein Herz zu schließen und mütterlich zu lieben!" Verzweiflung bemächtigte sich der unglücklichen Königstochter. Die Gefährtinnen Leahs blickten diese zürnend an. Das Mitleid mit ihrer Unbesonnenheit war geschwunden, die Angst um deren Schicksal hatte sich in Wut und stille Verwünschungen verwandelt. War sie es ja, ivelche diesen Sturm von Gefühlen bei ihrer Herrin hervorgerusen hatte, und wohin dies führen konnte, davon wußten die Sklavinnen von Besjah, der launenhaften Pharatochter, zu erzählen. Dazu gesellte sich noch der Umstand, daß Leah sich selbst als eine Tochter Israels, als Abkömmling des verachteten Hebräerstammes bekannte. Die meisten von ihnen aber waren geborene Fürstinnen, deren Väter von dem mächtigen Aegypterkönige einst bezwungen wurden. Sie selbst wurden als Kriegsbeute nach Aegypten gebracht, um der Tochter Pharaos zn dienen. Bis jetzt hatten sie die ebenso schöne als kluge Leah als von gleicher Herkunft und vom gleichen Schicksal betroffen betrachtet und sie demgemäß behandelt — und jetzt stellt es sich heraus, daß sie eine Hebräerin auf eine gleiche Stufe mit sich, den geborenen Fürstinnen, gestellt hatten. Die ihr von den bisherigen Freundinnen zngeworsenen feindlichen Blicke belehrten Leah darüber, wessen sie sich von diesen fortab zu versehen habe. Aber unerschrocken blickte das kühne Mädchen umher, keine Gefahr fürchtend. Leah vertrante dem Gotte ihrer Väter, der einstmals diesen verkündet hatte, daß sie Sklaven in einem fremden Lande sein, .und viel Schweres leiden werden; daß dieser Gott sie einst mit mächtiger Hand und starkem Arm herausführen werde. Sie hatte ihr Leben daran gewagt, um der Liebliugstochter Pharaos die Grausamkeiten zu schildern, die an einem schuldlosen Volke begangen wurden, ohne daß die junge Fürstin eine Ahnung davon gehabt hatte. Ins Innere des Harems drang ja das Wehgeschrei der ihrer Kinder beraubten Mütter. Keine ernste oder gar betrübende Nachricht durfte die Schwelle ber Frauengemächer überschreiten, und ohne die furchtlose Entschlossenheit des israelitischen Mädchens wären diese Grausam-- ketten niemals der jungen Fürstin bekannt geworden. R Diese faß noch immer da von Schmerz und Teilnahme- » aufgelöst, und nur zeitweise rufend: „0, die armen, armen Kindlein!" Da erhob sie sich von ihrem Sitze und sprach in feierlichem Tone: „Bei dem Leben Pharaos, meines Vaters und denr Haupte von Alfrenias, meiner teuern Mutter, schwöre ich, daß. diese Menschenschlächterei eine Ende haben muß!" Die Ankunft des nnbischen Haremwächters unterbrach die diesen Worten eiugetretene Stille. „Herrin! Es ist die Stunde da, am heiligen Strome bie~ Andacht zu verrichten." » Basja erhob sich. „Gehen wir, Mädchen!" sagte sie fast tonlos. „Aber es überfällt mich ein Grausen davor, dem lebenspendenden Flusse meine Ehrerbietung zn beweisen, wenn ich daran denke, wieviele schuldlose Opfer er bereits verschlungen und wieviele Kindlein noch in seinen Fluten untergehen werden, bevor ich erreiche^ was fortab das Ziel meines Lebens sein wird." Schweigend, den Schmerz der Herrin ehrend, wandelten die Mädchen zn beiden Seiten der Sänfte, welche von vier^ Eunuchen getragen wurde. So kamen sie am Ufer des Flusses an. (Fortsetzung folgt.) -Aufruf! Der Bethausverein „Am Volkert" hat bereits einen sehr geeigneten, im zweiten Bezirke an der Kaiser Josefsstraße gelegenen Baugrund zm7 Erbaunng eines würdigen und großen Gotteshauses mit einem Fassungsraume von mehr als 850 Personen käuflich erworben. Der Erstehungspreis einschließlich des mit 115.000 Kronen vereinbarten Baugrundes wird auf etwa 360.000 bis 360.000 Kronen prälinriniert. Derzeit verfügt der Bethausverein nur über ein bescheidenes Kapital, das keinesfalls hinreicht, um mit dem Baue zu beginnen. Da dieses zur Erinnerung an. den achtzigsten Geburtstag unseres rnhmgekrönten Monarchen zu erbauende Gotteshaus für ewige Zeiten den Rainen „K a i s e r F r a n z I o s e f I. H u l d i g u n g s t e m p e I" führen soll, und da der 2. Dezember 1910, der Tag der Thronbesteigung unseres allseits verehrten Kaisers, für die Grundsteinlegung in Aussicht genommen ist, erlaubt sich der gefertigte Vorstand des Bethausvereines „Am Volkert" unter Hinweis auf das Begleitschreiben des Oberrabbiners Herrn Dr. Bl. G ü d e m a n n an den bekannten und stets bewährten Edel- und Wohltätigkeitssinn des Gesamtsudeutums im allgemeinen und der Wiener jüdischen Bevölkerung insbesonders zu appellieren, um durch hochherzige Spenden das Gelingen des Baues dieses als ewiges Wahrzeichen für die unter der glorreichen Regierung unseres erlauchten und hocherhabenen Herrschers gesetzlich sichergestellte Gleichberechtigung und unverrückbare Gleichstellung der Judenschaft mit den übrigen Staatsbürgern und für die freie Betätigung und Ansübung unserer Religion dienenden Gotteshauses zu fördern. Für den Bethausverein „Am Volkert" §| der Schriftführer: der Obmann: E^Dr. Moriz Kohn. Adolf Schramek. * * -r- Der Israelitische Bethausverein „Am Volkert". II. Fugbachgaffe 7, hat bedingungsweise einen an der Kaiser Josefstraße liegenden Baugrund erworben, um auf demselben ein würdiges. 850 Personen fassendes Gotteshaus zu errichten. Die Leopoldstadt besitzt das größte Kontingent unserer Gemeinde. Es ist daher ein höchst verdienstliches Unternehmen des genannten Bethausvereines, wenn er denjenigen jüdischen Bewohnern dieses Bezirkes, die in dem sonstigen Gemeindedethaus nicht Platz finden, eine ständige und würdige Andachtsstätte bereitet, so daß sie nicht gezwungen sind, besonders an den hohen Feiertagen, in gelegentlichen Zusammenkünften ihre Andacht zu verrichten. Möge der Verein durch den bekannten Wohltätigkeitssinn unserer Gemeinde in die Lage versetzt werden, sein verdienstliches Unternehmen auszuführen. Ich richte deshalb an alle verehrlichen Mitglieder unserer Gemeinde die herzliche Bitte, das gute Werk durch zahlreiche Beiträge zu fördern. Wien, 10. September 1910. Dr. M. Güdemann m. p. Oberrabbiner.