Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 40 (7.10.1910)
- Date
- 1910-10-07
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 40. Die Wahrheit Seite 9. -'blick glaubte er an einem Irrtum; von wo sollte er eine Depesche erhalten. Er las die Adresse, las sie nochmals, aber sie stimmte genau. Jetzt erst dachte er ans Oeffnen. Er verstand den Inhalt nicht, als Rätsel dünkte er ihm. Ans seiner Heimatstadt kam die Drahtnachricht. „Kommen Sie. wenn Sie einen Funken Mitleid haben, sofort zu einem sterbenden Unglücklichen. Karl Halkowski." Er dachte lange nach. Der Name war ihm völlig fremd. -Er konnte doch seine Reise nicht aistheben und nach Rußland fahren! Er suchte diese Gedanken zu unterdrücken; aber sie kamen umso stärker. Denn im stillen sagte er sich, warum konnte er denn nicht seine Pläne ändern? Er wollte es sich nicht klar zu Bewußtsein, kommen lassen, doch vergebens! Immer wieder pochte es drinnen, immer wieder sah er den Sterbenden, der flehend nach ihm umherblickte. Es ließ ihm keine Ruhe mehr. Und dann! Vor kurzem hatte er sich beklagt, er könne die Seinen nicht besuchen. Aber wenigstens die Stätte, an der sie gelebt und gewirkt hatten. Ja, das wollte er. Sein Entschluß war gefaßt. Es war eine seltsame Schicksalsfügung, daß Joses Kossov am Abende des Versöhnnngstages sein Heimatsstädtchen betrat. Wenig hatte sich verändert, doch für ihn war es so ganz anders geworden. Wohl tauchte hie und da eine Erinnerung an seine frohe Kindheit auf, aber der Abschluß war zu finster, .zu düster gewesen und er verdunkelte alles übrige. Er dachte an die Toren, dachte an den Sterbenden, dessentwegen er gekommen war. Er fragte mehrere Vorübergehende, wo Karl .Halkowski wohne. Keiner wußte es. Es war zu spät abends, als daß er weitere Erkundigungen hätte anstellen können. Müde von der Reise begab er sich ins Hotel. Auf dem Wege dahin sprach er einen alten Mann an, um Halkowskis Wohnort zu erfahren. Aber der Alle wußte von -einem Halkovski nichts. „Wollen Sie so gut sein, mir das Jndenviertel zu zeigen?" fragte Josef den Gesprächigen. „Es gibt keines mehr." „Einst wohnten doch viele Inden hier!" „Die leben nicht mehr, alle sind sie gemordet, Herr; morgen ist der Gedenktag. Geheimnisvoll erzählte der Greis die Geschichte, doch anders, als sie sich in Wirklichkeit zngetragen. Abergläubisch ängstlich wies er zum Himmel. „Herr, um Mitternacht badet der Himmel im Blute; denn soviel ist damals vergossen worden, daß das Blut noch nicht verraucht ist." „Aber jetzt geht es euch doch besser!" Scheu blickte sich der Alte nach allen Seiten um. „Ihr seid ein Fremder, junger Herr. Euch will ichs sagen. Sie werden es nicht glauben, bei meiner Ehr', ich hab's selber nicht geglaubt, die Inden fehlen uns. Bei meiner Ehr'!" Am nächsten Morgen erfuhr Hermann Kossov die Adresse Halkovskis. Als er sich wunderte, daß so wenige diesen Mann kannten, erklärte man ihm, der Kranke sei erst vor kurzem hiehergezogen. Kossov begab sich zu dem bezeichneten Hause. Ans sein Klopfen öffnete ihm eine alte Frau. „Kann ich Herrn Halkowski sprechen?" „Der gnädige Herr empfangt niemanden." „Zeigen Sie ihm dies." Er reichte ihr das Telegramm. Mach wenigen Sekllnden kehrte sie zurück und führte ihn in ein kleines Zimmer. Im Bette lag ein Mann, wohl über 60 Jahre. -Er mußte schwerkrank sein. Auf den ersten Blick bemerkte dies Josef. Gespannt hatte der Kranke nach der Türe geblickt. Mühsam schwer richtete er sich empor. Grauenhaft war der Anblick, wie aus dem zerknüllten, von tausend zittrigen Falten durchquerten Weiß das struppige Gesicht hervorstach. Mit eisernem Griffel hatte das Leiden ätzend scharf seine leichtentzifferbaren Runen eingebohrt. Flehentlich winkle er Josef, sich zu nähern. Ihn schauderte, als er das tostahle Gesicht mit den schwarzen Ringen um den Angen sah und die kranken abgemagerten Finger, die oben so breit waren. Der Kranke war in sein Kissen znrückgesnnken. „Ich wußte, Moses Kossovs Sohn werde kommen. Ich danke euch. Ich weiß ja, ich habe nur wenige Zeit mehr zu leben. Darum iviü ich eilen, sonst kommt der Tod mir zuvor. Ihr gedenkt noch des großen Judenmordes. Herr, wißt Ihr, wer ihn angestiftet, wer gehetzt, das Feuer geschürt? Ich war es, ich, ja ich. Ich Tor, ich ließ die anderen morden und wähnte, ich bliebe dadurch rein, fleckenlos. Fleckenlos? Zum Massenmörder war ich geworden. Alles Blut habe ich vergossen. Ich habe sie getötet, gemordet. Ich kannte Euren Vater. Wußte, daß er reich sei. Sein Geld sollte mir gehören. Es gelang'. In Laus und Braus lebte ich. Aber dann kam es. In einer Nacht, ruhig hatte ich geschlafen, wachte ich auf und da war es plötzlich da. Mörder, schrie es in meinem Innern. Im Dunkel der Nacht erwachte mein Gewissen. Seither kannte ich nicht Ruhe, nicht Rast. Gepeinigt, gemartert hat es mich. Bei Tag erlangte ich au Kräften, was die Nacht verzehrte. Ich berührte nicht mehr das gestohlene Geld! Mit der Arbeit versuchte ich es. Es wurde besser; aber die Ruhe kam nie wieder. Da plötzlich erfahre ich, ein Sohn Kossovs lebe noch. Das gab mir neuen Feueratem. Ich ^ebte, um zu suchen. Sie sind nun da! Der Himmel war gütig' Sie sind so edel und kommen. Ein Verbrecher wie ich, verdient das nicht. Das Geld kann ich Ihnen geben, die Eltern, die Teuren nicht wieder. Er sprach es und all die Qualen, all die Martern schienen mit tausend Zungen schmerzvoll zu stöhnen. In Josefs Herz fluteten die Erregungen wild durcheinander. Bor ihm lag der Mörder, öer die anderen und dadurch sich selbst gemordet. Er dachte an die Eltern, dachte au das harte Leben, das ihm dieser Mensch verursacht hatte und ein wildes Gähren erhob sich. „Jom Kippur", durchblitzte es ihn. Mit seiner ganzen Macht waltete der Tag der Versöhnung. Engelreicher Frieden senkte sich ans ihn und erfüllte ihn mit tiesseliger, milder Stille. Er reichte Halkovski die Hand. Jude und Christ hatten sich versöhnt. Die lichte Sonnenflnt drang ins Zimmer, daß es leuchtend helle ward. „O, daß doch alle sich so versöhnten, dachte Kossov. Und an demselben Tage, da vor Jahren mit Mostes Kossov sein ideales Streben ins Grab versunken, erstand es lodernd in glühendem Feuer bei seinem Sohne. Nun hatte er die Mittel, nun wollte er Georg Seilburg Beweise bringen. Dann aber konnte er weiter wirken. Sein Wunsch war erfüllt. Seilburgs Millionen waren dann sein und seinen Brüdern. Moses. Bon Babette Fried, Prag. (Fortsetzung.) In einer Provinz des Reiches lebte aber ein Volksstamm, welcher vor vielen Jahren sich freiwillig hieher begeben und unter ben Schutz des damaligen Beherrschers eines Vorfahren des jetzigen Königs, gestellt hatte. Diese Leute gingen ruhig und friedlich ihrer Beschäftigung nach, leisteten willig alle Abgaben gleich den anderen Untertanen des Königs, taten alles, was man von ihnen begehrte. Und dennoch lastete die Ungnade des Königs schwer auf ihnen. Falsche Ratgeber, denen das gerade, schlichte Wesen dieser Fremden unangenehm war. hatten den König gegen sie aufgebracht, so daß ihnen außerordentliche, nicht zu bewältigende Arbeiten aufgelegt worden. Ja, es kam so weit, daß ihr Leben bedroht wurde. Die Prinzessin unterbrach die Erzählerin. ..Aber die Kinder, Leah! Was ifts mit den Kindern, Mädchen?" „Gleich komme ich dazu, gütige Herrin! Gedulde dich nur ein wenig.'* Die Hebräerin fuhr fort: Unter allen Verfolgungen, mit denen der König den geistigen und körperlichen Aufschwung des unglücklichen Volkes unterdrücken wollte, war ein Gesetz, welches an Grausamkeit alles Dagewesene übertroffen hatte: Alle neugeborenen Knäblein wurden von eigens dazu angestellten Schergen getötet. Da half