Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 40 (7.10.1910)
- Date
- 1910-10-07
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 40. Oestert.-Ungar. Kantoren-Zeitung Seite 11. Die Herren Kollegen werden höflichft und dringendst ersucht, den Abonnementsbetrag sowie -ie eventuellen Rückstände umgehend einzusenden. Schnwo Iisroel. Wenn inan den zahlreichen Berichten, die die meisten Jüdischen Blätter im Laufe des Jahres über die Zustände in den Gemeinden Ieschurnus bringen, > eiiugermaßen Aufmerksamkeit -schenkt, da muß einem um die Zukunft des Judentums, um die .Zukunft eines Volkes, das den Stürmen der Jahrtausende zu trotzen vermochte, bange werden. In der Gemeinde A ist es der 'Träger der Thora, der sich teils aus Unkenntnis, teils ans Jndifferentismus über die wichtigsten israelitischen Vorschriften, Satzungen und Zeremonien leichten Herzens hinwegsetzt und somit öffentliches Aergeruis verursacht. In der Gemeinde B. ist man wieder mit dem Lebenswandel des Scholiach Zibbur höchst unzufrieden. In der Gemeinde C. wo weder der Rabbiner bezüglich seiner Gelehrsamkeit und Frömmigkeit, noch der Chasan bezüglich seines moralischen Lebenswandels und seiner gediegenen Fachkenntnis zur Klage Veranlassung gibt, ist es wieder der gefürchtete Rösch Hakohol, der den Angestellten — vom Rabbi bis zum Schames — das Leben sauer und bitter, den Kampf um das Dasein so schwer als möglich macht, so daß sie unmöglich ihre Pflichten ungestört gewissenhaft erfüllen können. In der Fortfchrittsgemeinde D. haben die Angestellten weniger 'Ursache mit den Machthabern unzufrieden zu sein. Die meisten Mitglieder dieser Gemeinden sind trotz ihrer Reichtümer so -fromm, daß sie ihren äußerst prachtvollen „Tempel" dem einstigen heiligen Tempel in Jerusalem gleichstellen, daher sie es nur einmal int Jahr — wie einst der Hohepriester in Jernscholajim — wagen, nämlich am Jaum Kippur, das Innere dieses Heiligtums zu betreten. Das ganze Jahr hindurch kümmern sie sich nicht um den Kultus' der Gottesdienst wird die ganze Woche hindurch in einer kleinen, neben der Vorhalle des .„Tempels" angebrachten Betstnbe abgehalten, dem die Batlanim und die Angestellten beiwohnen müssen. Wohltätigkeitssinn kann diesen Gemeinden jedoch nicht abgesprochen werden. Weit trauriger sieht es in dieser Beziehung in der Gemeinde E. aus. Hier kümmern sich überhaupt die Reichen nicht im entferntesten um das ganze Gemeiudewesen, daher der Parnes sich als Alleinherrscher gebärden und seinen Ehrgeiz wie seine Rachsucht befriedigen kann. Infolge der Teuerung der Lebensmittel entsteht auch in der, Landgemeinde E. eine Hungersnot. Es darben die Armen, es jammern die hilflosen Witwen, es weinen und klagen die verlassenen Waisenkinder, der finstere Parnes läßt ihnen durch feixten Schames sagen, sie sollen vor den hohen Feiertagen zur Verteilung kommen. Nun sie warten, und wenn sie bis dahin noch nicht ganz verhungert sind, kommen sie zur Verteilung und erhalten, wenn sie Protektion haben, ein Almosen, das kaum hinreicht, zwei Tage davon zu leben — hat ein solches Judentum eine Zukunft? Sind die Worte der heiligen Schrift (II. B. M. 22, Vers 20—23) wirklich schon als veraltet, unzeitgemäß und von der Kultur der Zeit überholt zu betrachten? Unwillkürlich wird man, wenn man diese Schilderungen der Zustände in den jüdischen Landgemeinden liest, an die Worte, die einst der berühmte Maggid Rabbi Herschele Woidislaw in der Einleitung - eines Vortrages, den er in P. gehalten, gesprochen hatte. Er sagte: ..Es steht in der Mischna: Auf drei Dingen ruht die Welt: Auf Thora, Gottesdienst und mildem Werke. Worauf aber steht die P. . r Jndengemeinde? Das Thvrastndinm ist im Verkommen, die Gotteshäuser stehen leer, die Wohltätigkeit nimmt in P. ab. Worauf also um des .Himmels willen steht die P. Judengemeiitde? Das wurde mir heitte Nacht klar. Meine Köchin hatte nämlich ein Reindl (Tiegel) das auf drei Füßen stand gekauft, da brach ein Fuß ab. Sie legte, so gut es sie konnte, Holz unter, ist etwas llngeschickt dabei und bricht den zweiten Fuß ab. Nun ward sie zornig und wollte schon das ganze Gefäß hinwerfen, da fällt auch der dritte Fuß ab und nun steht das Reindl fest, just darum, weil -es keinen einzigen Fllß hat, aber ein Reindl ist es nicht mehr. So stehet die P . . r Jndengemeinde, ohne Thora, ohne Gottesdienst, ohne Mildtätigkeit, aber eine. Jndengemeinde ist sie eben nicht." Was würde erst R. Herschele Woidislaw heute sagen? Er würde zweifellos mit dem Propheten Hosea in der nächsten Haftora ausrufen: „Scbuwo Jisrol! O Israel kehre zurück zu deinem Gotte, dennbn bist durch deine Sünden gesunken." .Iwri anochi. Adolf Aanto, Oberkantor in Raab. Der ixt der Vollkraft seiner Amtswirksamkeit plötzlich verschiedene Herr Adolf S z a n r 6, Oberkanror der Raaber israelitischen Kulrusgemeiude, entzückte noch anx Freitag abends in einem solennen Gottesdienste seine ui tiefer Andachr versnnkenen Geineindenritglieder. Und als er mit höchster Hingebung das Herz xrnd Gemüt beioegende Gebet: „Elohenu welohe awausenu, reze bimenuchosenu“ lieblichst intonierte, ahnte er nicht, daß er einen Tag später, Samstag nachts plötzlich das Zeitliche segnen xmd der vom himmlischen Vater erbetenen Rnbe gar so schnell selbst teilhaftig werden würde. Mit ihm verschied das berühmte Haupt einer gediegenen Künstlerfamilie. Seinen ältesten Sohn, Theodor S z ä lt t ö, den weit bekannten Klaviervirtuoien und Komponisten, welcher bereits in allen Hauptstädten Europas und Amerikas mit großem Erfolg konzertierte, traf die Trauerkunde in Paris, wo er mit seiner Schwester, der berühmten Opernsängerin Lili S z a tt t ö, Frau des gefeierten Tenoristen Sigismund S a s, gastierte. Die sich einer berückenden Schönheit erfreuende jüngere Tochter Ilona S z a ix t o, Frau des Ministerlalsekretärs Dr. Alexander Karsai, eine Zierde der Bndapester illustren Gesellschaft, eilte mit ihren Brüdern — zweien Beamten der „Hazai Takarekpeuzt&r21 und zweien Juristen — an die Bahre ihres vielgeliebten Vaters. Tief ist die Trauer der sich allgemeiner Wertschätzung und Liebe erfreuenden Familie, rief die Trauer der Knltusgemeinde, welche selbe dadurch bekundete, daß sie eine Parte versendete, am Tempelgebäude eine Tranerfahne airfhissen ließ, ferner dadurch, daß sie das Innere des Tempels schwarz drapieren ixnd die Leiche des so plötzlich Dahingeschiedenen dahin überführen ließ. wo Oberrabbiner Herr D r. M o r i tz Schwarz in Gegenwart der versammelten Knlrusgemeinde und zahlreicher andersgläubiger Verehrer in seiner warm empfundenen Rede tiefgerührt die unvergänglichen Verdienste schilderte, welche sich der Verblichene xxm die Hebimg des Gottesdienstes der Györer israel. Gemeixxde erworben. In markanten Worten hob der Redner die Berufstreue, den Pflichteifer, das künstlerische Streben und den edlen modernen Geschmack hervor, welchen er mit all denjenigen hervorragenden Karaktereigeuschaften und Tugenden harmonisch verknüpfte, die ihn zu einem „Scheliacb. Zibur“ im strikten Sinn des Wortes prädestinierten. Als Schüler des großen Sulzer, des Altmeisters des jüdischsynagogalen Gesanges, richtete der Verklärte sein Hauptstreben auf die würdevolle Einfachheit und künstlerische Niveau des Gottesdienstes, dessen gesanglichen Teil er von allen den fremden Elementen säuberte, welche in manchen Gemeinden den Gottesdienst vernnzieren und verunstalten. Souverän herrschte er als Meister auf diesem Gebiete nicht nur durch seine künstlerische Veranlagung und sein gründlich xnusikalisches Wissen, welches er mit seltenem Fleiße stets erweiterte, sondern auch — und dies ist besonders hervorzuheben — durch sein gediegenes hebräisches Wissen, durch sein waruxes Empfinden, welches im Vortrage der Gebete kraftvoll zum Ausdruck gelangte. Mit seiner Berufstrene und seinem Kunstsinn verbaud der Verblichene auch einen seltenen innigen Familiexxsinn. Rührend war seine Hingebung, seine Aufopferung seiner wackeren Gattin und seinen Kindern gegenüber, welch letzteren er eine zweckbewußte und gediegene Erziehung augedeihen ließ. In herzerhebenden edlen Worten drückte der Oberrabbiner den Dank der Gemeinde, der Schule, der Gemeindeinstitntionen. welchen er sein Wirken widmete, ans. und schilderte die allgemeine Trauer, welche die Achtung xmd Wertschätzung, deren sich der Verklärte kraft seiner Biederkeit und Herzensgüte erfreute, selbstverständlich erscheinen ließen. Von diesen herrlichen, ergreifenden Worten aufs tiefste gerührt, blieb kein Auge trocken. Zu Tränen gerührt, beteiligte sich auch beim letzten Trauerchoral eine Gesangsschülerin und Verehrerin des Heimgegangenen. Frau Johanna S ch m i e d l, Fabrikantensgattin. Sodann intonierte Herr P r inz, zweiter Kantor, in herrlichem Bariton den Geleitgesang xmd die Chervra Kadischa waltete ihres Amtes. Das günstige Wetter war den Leidtragenden der Familie und der Gemeinde hold, io daß sich der Friedhof vollkommen füllte. Dort wurden ihm die letzten Ehren bezeugt . . . Im Friedhof fungierte Kantor Lxxdwig Weiß, xvelcher ixuuxnehr der älteste Knlrnsbeamte der Gemeinde ist. G. Wilh. Szögyi. Vereins-Zahnarzt Dr. Max Weisz. Wien, II., Circusgasse 47. Ordination ion 9—6. Telephon 18399.