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Die Wahrheit · 1910-10-07 · Heft 40 (7.10.1910) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 40 (7.10.1910)
Date
1910-10-07
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. 40. begäugniffe zum Ausdruck. Der Heimgegaugene hiuterläßt eine tieftrauernde Witwe und eine einzige Tochter, die Gattin des k. k. Postoffizial Berthold K u l k a. Jgla«. Wie uns von authentischer Seite mitgeteilt wird, hat sich Herr Rabbiner Dr. U n g e r wegen intensiver Schwerhörigkeit jede Feier anläßlich seines vollendeten Amtsjahres absolut v e rb c t e n. Lemberg. Am 18. September sand in Lemberg eine Sitzung der Exekutive der jüdisch-nationalen Reichspartei in Oesterreich statt. An derselben nahmen teil: Die Herren Dr. Salz. Präsident, Reichsratabgeordneter Stand (Wien), Dr. Frucht nnd Dr. Diamond (Czernowitz), W e i ß g l a s (Zastawna), Dr. Löwen herz und Dr. S ch r e i b e r (Lemberg), Tr o pp (Stanislau). Der Präsident der Reichsexekutive. Dr. Salz, eröffnete die Sitzung und widmere dem Schöpser der Reichsorganisation, dem verstorbenen Abg. Dr. Gabel, einen warmen Nachruf. Nach Vornahme der Konstituierung, Wahl eines Generalsekretärs, Schaffung eines Bureaus und Besprechung wichtiger Organisativnsfragen, wurde eine eingehende Debatte über die Ende des Jahres in Oesterreich stattsindende Volkszählung abgeführt. Es wurden folgende Beschlüsse gefaßt: Die Reichsexekutive wird die LandeSorganisarionen veranlassen, daß durch Volksversammlungen, Aufrufe und andere Agitationsmittel die jüdische Bevölkerung aufgeklärt und aufgesordert wird, bei der Volkszählung als Umgangssprache „jüdisch" anzusühren, im Falle der Verletzung des Rechtes der jüdischen Bevölkerung, ihre Umgangssprache frei und zwanglos anzugeben, durch willkürliches Vorgehen irgend welcher Funktionäre, sollen Maffenbeschwerden gegen dieses Vorgehen an das Reichsgericht überreicht werden. Bezüglich der vom jüdischen Klub eiuzuhaltenden Taktik wurde nach einem eingehenden Referate des Reichsratsabgeordneten Stand und nach durchgeführter Debarte einstimmig beschlossen, sofort bei Zusammentritt des Reichsrates eine gemeinschaftliche Sitzung der Reichsexekmive und des jüdischen Klubs nach Wien eiuzuberufeu, bei welcher die vom jüdischen Klub einzubaltende Taktik bindend festgestellt werden soll. Nach Beratung und Beschlußfassung über Angelegenheiten vertraulicher Natur wurde die Sitzung vom Präsidenten geschlossen. Literatur. Jsak Noah Mannheimer Bon dem im heurigen Union-Kalender veröffentlichten Effai „Jsak Noah Mannheimer" von Rabbiner Dr. M. R o s e n m a n n ist soeben i.n Berlage von R. L ö w i-t, Wien, ein Separatabdruck erschienen. „Negenbogeulenchten " Ein Festspiel von Mathilde Melkus. Die bekannte Dichterin und Jugendschriststellerin Mathilde Melkus hat aus Anlaß des 80. Geburrsfestes unseres Kaisers ein patriotisches Festspiel verfaßt, welches unter Zugrundelegnng bekannter Volksweisen ein patriotisches Festspiel bietet, das am 4. Oktober zum Namensseste unseres Monarchen in den Wiener und auswärtigen Schulen zur Aufführung kam. Das Festspiel, welches zugleich infolge seinex vornehmen Ausstatmng ein Andenken an das 80. Geburtssest unseres Monarchen bildet, ist um den Preis von 20 Hellern in allen Buchnnd Papierhandlungen sowie in der Buch- und Kuustdruckerei WallnerLGlaner, XX. Jägerstraße 56, erhältlich. Iow Kippurs ZauöermachL. Von Eduard Kaufmann. (Schluß.) Sie hatten den Wagen halten lassen. Sie selbst lenkten ihre Schritte nach dem herrlichen Parke. Ein sanfter Wintertag wars; schier hätte man an den Frühling denken können. Doch wir zählten erst Ende Februar. Die Lnft war laumild. Kein Mensch sonst au dem herrlichen Wintervormittag draußen im schneeschweren Parke. Nur der Greis nnd der Jüngling, ein seltsam Paar, schritten durch den Schnee. Und alles hatte einen Zug ins Kränkliche. Das Mahnen des Frühlings, dem noch die Kraft mangelt. Das kahle Weiß und die Stille; man hörte kaum die Schritte der beiden, denn der Schnee umhüllte sie, das Geräusch dämpfend. Etwas von stiller Wehmut schien ausgegossen, in der sich die ganze Natur badete. Trübe Gedanken erfüllten Georg Seilburg; fühlte so deutlich in der Natur den Abend des Lebens hier milde; wie aber sollte es ihm beschieden sein? Er konnte nicht länger an sich hallen. Plötzlich wandte er sich an seinen Begleiter. „Ich habe Ihnen einst versprochen, Ihnen von den Beziehungen zwischen Ihrem Vater und mir zn erzählen.' Heute soll's nun sein! Verstehen Sie, was Freundschaft zwischen zwei jungen Männern heißt, wahre Freundschaft! Sie herrschte zwischen uns beiden. Ihr Vater war ungeheuer reich, ich arm. Die Frenndesbande ketteten uns trotzdem fest zusammen. Und sehen Sie, ihm gelang alles; er wurde reicher, er war schön, beliebt, ich war von alledem verlassen. Nur seine Freundschaft genoß ich. Ich Tor, gewalsam habe ich sie zerstört, tötlich vernichtet. Bei einer großen Geschäftsspekulation habe ich ihn verraten; damit nicht genug; ich habe ihn verleumdet; alles schien gegen ihn nnd mir dem Lügner schenkte man Glauben, ihn schuldigte man. Das gab ihm einen Riß. der nicht mehr heilen wollte. Er sah sich in dem getäuscht, der für ihn alles gewesen, der ihm zu unermeßlichem Danke verpflichtet war. Er zog weg,, nach Rußland. Ich habe ihn dorthin getrieben, ich habe ihn getötet, aber mit ihm zugleich mich. Ach, warum brach ich die schönste Blüte meines Lebens; nie wieder fand ich Rnhe, Glück;, mein Geld ist wie ich selbst bin — tot. — Nur einmal hörte ich noch von Moses Kossov; als er mir schrieb, daß er in Rußland wohne nnd mir gerne verzeihe. Noch im Verbrechen, genoß ich seinen Edelmut. — Ja, junger Mann, jetzt sprechen Sie das Urteil über mich." In leidenschaftlichem Krampfe hatteer gesprochen, er fieberte; ein Stöhnen entrang sich seinem Herzen, qualvoll, herzzerreißend. Im kalten Schnee blieb Josef Kossov stehen. Jäh stieg in seinem Innern ein heißer Haß nnd Groll auf. Der also war es, der seinen Vater vertrieben, nach Rußland gejagt hatte.. Sein Mund wollte sich zn einem grausen Fluch öffnen, da aber sah er auf Seilburg, der totfahl dastaud, wie der Angeklagte, der sein Todesurteil erwartet. Er sah ihu uud gleichzeitig, dachte er an den Vater, der so edel verziehen. Und es wandelte sich der Groll in Mitleid. Er reichte Seilburg die Hand. Tief erschüttert blickte ihn der Greis an. „Mir ward nun das Glück zuteil, an dem Sohne gut zn machen, was ich am Vater verbrochen. Daß ich Sorge für Sie getragen, daß es Ihnen in Ihrem Leben an nichts fehle, ist ja selbstverständlich. Aber vielleicht haben Sie irgend einen besonderen Wunsch; ich wäre glücklich, diesen zu erfüllen." Und in irgend einem Winkel des Herzens erstand die Jugeudkrast und Glanz Josefs sehnsuchtsvoller Wunsch. Vielleicht. daß das Ideal zur Wirklichkeit werden konnte. „Ja, einen Wunsch habe ich, er ist groß uud ungewöhnlich. Sie sind reich, unendlich reich, verwendet! Sie Ihr Geld,- Jhren Brüdern zu helfen. Aber glauben Sie ja nicht, daß ich für Andersgläubige kein Herz habe. Auch dort herrscht Elend- und Jammer. Aber die Zahl der Helfer ist größer. Ja könnte man allen, allen in gleicher Weise helfen, es wäre das höchste, um dessentwillen es wert wäre, sein Leben zu leben." In edlem, reinstem Feuer leuchtete das Antlitz des jungen Menschenkindes. „Ich ahnte, Josef, was kommen werde. Darum habe ich öfters, als Sie glauben, daran gedacht. Manche schlaflose Nacht hat mir dazu Gelegenheit geboten. Aber immer wieder mußte ich mich fragen: „Wird es auch einen Nutzen haben? Die Antwort aus mein Sinnen uud Grübeln war inuner ein — Nein. Ja, geben Sie mir Bericht, junger Freund, daß mein Geld nicht nutzlos angewandt sein wird, dann — ist Ihr Wunsch erfüllt." Joses schwieg. Hätte er nur die Mittel, er wollte ihm gewiß beweisen, wie viel Tausende er glücklich hätte machen können. Und nur einen Menschen zu beglücken, wie reichlich wog dies Millionen Geldes auf. — Was hatten seine Worte genützt? Er sprach nie wieder darüber. Nach Mitte September. Nach vollständig verregnetem Sommer, hatte man sich vollen Ersatz vom Herbste versprochen und sich darin nicht getäuscht. Die Wettermacher versprachen auch weiter schöne Tage. Josef Kossov war nun schon über zwei Jahre im Hause Seilbnrg. Dieser forderte ihn auf, eine kleine Reise nach Italien zu machen; jetzt sei die günstigste Zeit hiefür. Lächelnd hatte er hinzugefügt: „Aber eilen Sie! Auf allzulange schließen die Propheten mit dem Wetter keinen Kontrakt." Freudig war Josef darauf eingegangen. Eifrigst rüstete er zur Abreise. Er war ja so froh erregt, nach Italien zu fahren. Wie aber mußte denen zumute sein, die im Sommer ihre Angehörigen besuchen konnten- Er aber! Er hatte ja nicht einmal die Gräber seiner Teuren. — In traurig gedrückter Stimmung verbrachte er den letzten Abend in seinem Zimmer. Er traf eben die letzten Vorbereitungen, als! die Hausfrau ihm ein Telegramm überreichte. Im ersten Augen-

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