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Die Wahrheit · 1910-10-07 · Heft 40 (7.10.1910) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 40 (7.10.1910)
Date
1910-10-07
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Die Wahrheit eite 6. 9lt. 40: seiner Größe fortwährend in den Staub der Gossen ziehen. Dieser Mangel an gutem Geschmack wird jedoch reichlich ausgewogen durch eine Uebermacht antisemitischer Instinkte. Sie allein machen, je nach der Stärke ihrer Ausbildung, die im deutschen Vaterlande so weit verbreitete Stimmung gegen diesen Dichter erklärlich: das laute Verdammen, die schweigende Abneigung, den fast perversen Haß. Das Unglück will,-daß: gerade der Mann um seines Judentums willen am allermeisten beschimpft wird, der von der altjüdischen Religion einmal wehmütig ironisch bemerkte, man habe nichts als Schimpf und Schande davon. „Ich sage Ihnen, es ist gar keine Religion, sondern ein Unglück." Er hat mit diesen Worten sein eigenes Schicksal geweissagt. Dieses sein Unglück verfolgt über das Grab hinaus ihn fort und fort, bis in den Schatten eines weltentlegenen Eilandes — und verjagt ihn auch von dort. Als junger Mensch, in seiner Sünden Maienblüte, unternahm Heine, den allerdings gründlich Jehlgeschlagenen Versuch, dem Unglück zu entrinnen. Zn diesem Zwecke kaufte er sich ein sogenanntes Entreebillet zur europäischen Kultur, einen Taufschein. Mit Recht hat er später bedauert, dafür Geld ansgegeben zu haben. Denn seine neuen Glaubensgenossen sahen trotz der Taufe nach wie vor in ihm den Jndenstämmliug, dem das evangelische Glaubensbekenntnis nur eine Lippenleistung gewesen mar. Kein Mensch erblickt heute mehr in Heine einen Lutheraner; mit Ausnahme freilich seiner Nichte Maria E m b d e n - H e i n e, der Prinzessin della R o c c a. die in ihren Erinnerungen apodiktisch erklärte: „Wieviel in Deutschland auch darüber geschrieben worden ist, welcher Religion Heine angehört, kann ich zur Beruhignug (!) aller versichern, daß er Protestant war." Kurz nach dieser Ehrenrettung ihres Onkels aber erklärte sie fast ebenso apodiktisch: „Er war eigentlich Phanteist und glaubte an gar keine Religion." Indem er jedoch aus der Gemeinschaft Israels austrat und Christ wurde, zog er sich die gehässige Feindschaft der strenggläubigen Juden und ihrer orthodoxen Priester zu, die, wenn es sich um Ketzer und Abtrünnige handelt, vor den katholischen Fakultätskollegen, ebensowenig in zelotischer Beschränktheit wie in fanatischer Verfolgungssucht zurückstehen. Gegen Spinoza haben sie in der spanischen Synagoge zu Amsterdam ihre Dolche gezuckt, und von den zarten Gefühlen, die sie für den Dichter der Toledaner dispntativ im finstern Busen hegen, macht sich der Außenstehende nur schwer eine zntrefiliche Vorstellnilg. Aber obwohl die Gläubigen der strikten koscher» Observanz ihn von ihren schwarzen Rockschößen abschütteln, obwohl seine Zugehörigkeit znm Christentum sogar in einem Kirchenbuche bescheinigt steht, erscheint er uns doch als wahrer Jude, ja. wir erblicken in ihm den Typus des modernen Inden überhaupt. In Heines Jngendjahre fällt der Beginn der Kämpfe zwischen den jüdischen Neologen und der Orthodoxie. Er hat sich lebhaft dafür interessiert. Schiffs Aufschneidereien in seinem Büchlein über Heine und den Neuisraelitismns sind als solche zu bewerten. Unser Dichter, wohl vertraut mit jüdischem Ritus und Zeremonialgesetz und auch des Hebräischen nicht unkundig, hat in Briefen an seine Freunde öfters über die damalige Tagesfrage, die Synagogenreform, gesprochen. Den Konstikt innerhalb der deutschen Judenheit charakterisiert er in einem Schreiben an W o h l w i l l, einen Lehrer an der Schule des Hamburger Reformvereines, gar nicht uneben: „Wir haben nicht mehr die Kraft zu fasten, einen Bart zu tragen, zu hassen und aus Haß zu dulden. Das ist'Ms Motiv zu unserer Reformation ... die einen wollen dem Judentum treue Dekorationen und Kulissen geben, und der Souffleur soll ein weißes Bäffchen statt eines Bartes tragen. Andere wollen ein evangelisches Christentum unter jüdischer Firma." Sein Wunsch, in der Frage sich einen unparteiischen höheren Standpunkt anzueignen, erkennt man daraus, daß er als Student zu Berlin sich dem im Jahre 1819 von Eduard Gans, Moser und Leopold Z u n z gegründeten Verein für Kultur und Wissenschaft des Judentums anschloß und eifriges Mitglied wurde. Dieser Knlturverein hatte die löbliche Absicht, Schulen, Seminarien und Akademien für jüdische Zwecke zu stiften, Gewerbe, Künste, Ackerbau und Wissenschaft unter den Juden zu fördern. Ein Aufsatz, den er für die Zeitschrift seines Vereines entwarf und der den tragischen Juden sch merz ausdrücken sollte, gab den ersten Anlaß zu . seinem bekannten unvollendeten Roman, dem Rabbi von Bachärach. Es verlohnte sich zu hören, was er darüber seinem Busenfreunde Moser am 24. Juni 1824 berichtet: „Ich treibe viel Chronikeustuditlm und besonders viel Mstorica judaica, letztere wegen Berührung mit dein Rabbi und vielleichtauch wegen inneren Bedürfnisses. Ganz eigene-G^fühle bewegen mich, wenn ich jene traurigen Annalen durchblättere, eine Fülle der Belehrung nnd des Schmerzes! Der Geist der jüdischen Geschichte offenbart sich mir immer mehr ... Er wird aber sehr groß, wohl ein dicker Band, und mit unsäglicher Liebe trage ich das Werk in der Brust." Indes scheiterten, wie vorauszusehen, die Bestrebungen des Knlturvereines zunächst finanziell an der Teilnahmslosigkeit des Publikums, an das er sich naturgemäß wandte, an der traurigen Indifferenz des banalsten aller banalen Philister, des jüdischen. Eine üble Rolle spielte dabei der Gründer und tatkräftige Agitator des Vereines, Gans, der das sinkende Schifflein schleunigst verließ und spornstreichs znm Christentum ubertrat, als er eine Professorenstelle an der Berliner Universität erhaschen konnte. Bekannt sind die bitteren Verse, die Heine dem später znm königlich preußischen Hofjuristen avancierten Stndiengenosfen widmete: „Du hast mm Aemter, Titel, Würden, Orden, Hast Wappenschild mit panaschiertem Helm. Du bist vielleicht auch Exzellenz geworden — Für mich jedoch bist du ein armer Schelm." Weniger bekannt ist sein im Lapidarstil gehaltener Ausspruch, als er von der christlichen Proselytenmacherei seines ehemaligen Vereinsbruders hörte: „Tut er es aus Ueberzengung, so ist er ein Narr; tut er es ans Gleißnerei, so ist er ein Lump." . . . Im Einklang mit dieser zweifelnden Bewunderung, die er den Religionswechselgeschäftsleuten entgegenbrachte, steht die pikante Aenßernng gegenüber Alexander W e i l l: „Die Juden zu Jesus schwören! Sie werden einen falschen Eid leisten; denn niemals wird ein Jude an die Göttlichkeit eines Inden glauben, nicht einmal Neander und Stahl, wie sehr sie sich auch sträuben." Heine gehört keineswegs zu jenen Leisetretern, die nicht an ihre jüdische Abstammung erinnert werden möchten nnd deshalb anfs peinlichste alles vermeiden, was mit jüdischen Dingen in Zusainmenhang gebracht werden könnte. Diese Charakterfreiheit zeigte sich am erfreulichsten bei seiner herzhaften Stellungnahme zu der Damaszener Blntaffüre vom Jahre 1840. Auf Anstiften des französischen Konsuls in Damaskus des Grafen R a t l i - M e u t o n, wurde eine Anzahl Inden unter dem heute noch nicht abgenützten Vorwände, zur Herstellung ihrer Paffabrote das christliche Blut eines alten Kapuziners verwendet zu haben, auf die Folterbank geschleppt nnd zu Tode gequält. Dieser Ratti-Menton handelte aber nur im Aufträge der französischen Klerikalen und ihres frommen Anführers M o n täte m b e r t, der das jesuitische Hetzblatt „L’Univers“ leitete und sich keine kleine Ehre daraus machte, jene heilige Prinzessin Elisabeth ans Ungarland zur Cousine zu haben, die aus lauter Frömmigkeit ihren eigenen Urin getrunken haben soll. Als nun die französische Regierung aus Furcht vor der klerikalen Parlamentsmehrheit und dem frnmben Grafen Montalembert nicht rasch und energisch genug gegen die syrischen Missetäter einschritt, da griff Heine zur Feder; und er eröffnet«: gegen den verantwortlichen Minister und die Depntiertenkammer eine so heftige Kampagne, daß sie selbst im Lande der absoluten Preßfreiheit größtes Aufsehen erregte: erst seine messerscharfen, mit ätzender Ironie dnrchtränkten Artikel bewogen den jüdischen Deputierten B e n o i t F o u l d, den lauen Thiers zu interpellieren. Am meisten aber empörte es Heine, daß die Inden selber bei diesem gleichsam nationalen Unglück eine so stumpfe Gleichgültigkeit an den Tag legten. Im Vorbeigehen versäumt er es auch nicht, seinen Zorn den getauften Juden ebenfalls spüren zu lassen (an sein eigenes Getanftsein denkt er gar nicht

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