Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 40 (7.10.1910)
- Date
- 1910-10-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 40. Die Wahrheit Seite 5. b o t e u wird, von den natürlichen Rechten jedes lebenden Wesens Gebrauch zu machen und an jedem beliebigen Orte des Erdballes zu leben, nicht anders als a b s p r e ch e n d verhalten, denn jederzeit habe ich die Gewaltaten, die der Mensch am Menschen verübt, für eine Quelle jeglichen U n g l ü ck s der Menschheit angesehen. Die Gewalttat, die in der Beschränkung des Wohnrechtes besteht, muß ich außerdem als n n sinnig und ihren Zweck nicht erreichend ansehen." NJB. Selten dürfte in einem Elaborat, das ernst genommen sein will, und auf die Leser obendrein den Eindruck einer anständigen Gesinnung seines Urhebers machen soll, so viel Kleinlichkeit, Lächerlichkeit, Albernheit, Verlogenheit, Tartüfferie und kindische Naivität, so viel Verschwommenheit und so viel Widersprechendes in buntem Gemisch zusammenzufinden sein, wie in der Zusammenstellung der Aufgaben und Ziele des NJB., die ein Mann, der die Keckheit besitzt, sich Cato zu nennen, in den „Deutschsoz. Bl." vom 17. September veröffentlicht hat. Ehe diese abfällige Kritik begründet wird, soll die Bedeutung der mysteriöseti Buchstaben erklärt werden. NJB. bedeutet „N i ch t - I n d e n - B u n d" und soll ein Gegengebilde der „Alliance Jsraslite" sein. Cato will sich von Israel erziehen lassen und durch seinen „Nicht-Juden-Bnnd" allen „Nichtjnden" das Rassegesühl anerziehen, das die Natur vermeintlich „dem Volk der Juden bei seiner Geburt mitgegeben hat". Cato fühlt das dringende Bedürfnis, alle arischen Völker davor zu bewahren, „daß sie nicht unfehlbar zu Tod und Untergang in fremdem Blut — soll heißen jüdischem Blut —• bestimmt seien." Die Idee, daß die vielen Hunderte von Millionen der sogenannten arischen Völker, also sämtliche Völker Europas, Amerikas, Australiens und eines großen Teiles Asiens, von beit Paar über den ganzen Erdball verstreuten Inden gewissermaßen physisch verschlungen, nusgesogen werden sollen, ist so ungeheuer grotesk, daß man von ihr allein schon schließen kann, wofür Cato reif ist. Beiläufig ist es nicht wahr, daß den Juden jemals die Rasse von besonderem Werte war. Nach dem alten Testament hat Gott die Menschen in seinem Ebenbilde erschaffen, nicht bloß die Juden. So wenig legten die Juden Wert auf die Rasse, daß sie die Gerechten aller Völker der ewigen Seligkeit für wert hielten. Sie haben in alten Zeiten, da sie noch ein besonderes Volk bildeten, sich von allen anderen Völkern abgesondert gehalten, nicht weil diese zu anderen Rassen gehörten, sondern weil sie Götzendiener waren und meist sich durch das Gefühl der monotheistischen Juden empörende Sitten und Gebräuche unrühmlich auszeichneten. In späteren Zeiten und in vielen Ländern noch heute wurden beziehungsweise werden die Juden noch aufeinander angewiesen und förmlich znsammengeschweißt. Doch das nur beiläufig. Ist die erwähnte Grundidee Catos grotesk, so ist nicht minder lächerlich der Gedanke, daß, weil es eine jüdische Allianz gibt, anch eine nichtjüdische Allianz nötig sei. Es ist doch wohl erklärlich, daß eine Gemeinschaft, die überall in der Minorität sich befindet, fast überall gedrückt und verfolgt wird und infolgedessen in manchen Ländern - in moderner Bildung und in wirtschaftlicher Beziehung rückständig ist, von einer Vereinigung edeldenkender Glaubensbrüder nach Möglichkeit herangebildet und unterstützt wird. Man könnte sich sogar sehr gut denken, daß auch edeldenkende Nichljnden, denen die Leiden der Inden das Herz rühren, sich zu einem Bunde zusammeutnn, um ihnen zu helfen, wie man sich zusammentnt, um den von Ueberschwemmungen, Erdbeben und selbst politischem Druck Heimgesuchten beizustehen, wenn diese auch von anderer Nationalität oder anderen Glaubens sind. Daß aber anch Nichtjnden, das heißt fast die ganze zivilisierte Welt, eines besonderen Schutzes gegenüber einer verschwindenden Minorität bedürfen sollten, das wird wohl keinem normal denkenden Menschen eingeredet werden können. Der NJB. geht gleich aufs Ganze. Er will Männer, Frauen und junge Leute über sechzehn Jahre aus allen Nationen, Parteien und Konfessionen anfnehmen, vorausgesetzt, daß sie nicht von jüdischer Abstammung oder Rasse und untei Eltern (und Großeltern?) kein jüdisches Blut anfzuweisen haben. Ja, der urkomische Bund will „sogar von Fall zu Fall" bei „solchen Halbjuden, die, gauz uichijüdisch im Verhalten und Gesinnung, weder jüdisch ndch halbjüdisch, sondern nichtjüdisär geheiratet haben", wegen der Ausnahme in den NJB. mit sicl> reden lassen. Was aber noch mehr für die Weitherzigkeit des NJB. spricht und nebenbei sür sein Bedürfnis, Mitglieder zu ködern, das ist, daß er sogar solche anfnehmen will, die den Jahresbeitrag von 5 Mark nicht zu zahlen in der Lage sind. Welche großartigen, edlen Ziele stellt sich nun dieser in der Theorie wellnmfasfende Bund, dieser Universal-NJB.? Er soll — mau höre und bewundere! — „dafür sorgen, daß einzelne Berufe den Nichtjnden nicht ganz entrissen werden und sich immer bei zuständigen Stellen beschweren, wenn zum Beispielen der juristischen, ärztlichen Laufbahn oder im Lehrkörper der Hochschulen Nichtjnden weniger zahlreich vertreten sind, als sie nach ihrer Masse im Volke zu beanspruchen ein Recht haben". Warum der NJB. seine Sorgfalt nicht auch ans das Offizierskorps, auf den Verwaltungsdienst, ans die Diplomatie verwenden will, ist Geheimnis. Vielleicht will er sich nicht überbürden, und er hält es anfänglich noch für zu schwierig, die Zahl der preußischen jüdischen Offiziere, Botichafler, Oberpräsidenten, Landräte, Bürgermeister usw. herabzusetzen. Der Welt-NJB. soll ferner spionieren und boykottieren. Die Mitglieder sollen nicht bei Juden wohnen, essen, einkaufen, von jüdischen Lehrern nicht lernen und von jüdischen Aerzten sich nicht behandeln lassen. Ob der Bund auch das von dem Inden Ehrlich erfundene Medikament 606 verschmähen und seinen Mitgliedern verbieten wird, sich von Syphilis kurieren zu lassen? Dieser Boykott soll sich übrigens nicht nur ans „israelitisch getaufte!", sondern anch auf christlich getaufte Juden erstrecken. Großartig, erhebend und zahlreich wie diese Aufgaben sind, sie sind noch längst nicht gauz anfgezählt. Der NJB. wird anstreben, daß Nichljnden in der Justiz auf ihren Wunsch nur von Nichtjnden gerichtet werden dürfen, wird sich dagegen wehren, daß bei Gerichten die Namen der Nichtjuden immer voll ausgeschrieben unter die Presse geraten, wo doch die Namen der Inden gewöhnlich mit Schweigen übergangen werden, wird die Dichter, die Nichtjnden in ihren Werken schlecht behandeln, um Aenderung ersuchen usw. usw. Trotzdem will der NJB. kein antisemitischer sein, will er sich „von jeder antisemitischen Richtung fernhalten". Es widerstrebt uns, auf die zahlreichen anderen Torheiten einzugehen, um so mehr, als anzunehmen ist, daß der NJB. niemals die Oeffentlichkeit ernstlich beschäftigen wird. Der Weltbund wird wohl niemals aus seiner Heimlichkeit heraustreten, die den Mitgliedern zugesichert wird, bis der Bund einen größeren Umfang hat. Sie werden anch nicht, wie Cato etwas größenwahnsinnig sich einbildet, Nibbs oder Nibber gescholten werden und nicht in die Lage kommen, den Spottnamen als Ehrennamen zu tragen. Es wird kein noch so Unerfahrener, wie Cato sich einbildet, aus seinen Vorschlägen „Sturmglocken" heranshören. „Friedensglocken" werden sie nur insofern sein, als sie der catonischen Mißgeburt znm Grabesfrieden läuten. Heine als Jude. In der Halbmonatschrift „Das freie Wort" (Frankfurt a. M., Jahrg. 11, S. 431—487) schreibt Max W est h a user unter obigem Titel folgendes: „Es ist eine Schmach und zugleich trostlos bezeichnend für die rückständige geistige Bildung des deutschen Bürgertums, wie das Andenken des Dichters Heinrich Heine in deutschen Landen besudelt werden darf. Kein anderes zivilisiertes Volk würde es sich gefallen lassen, daß seine politischen und literarischen Wortführer einen solchen Mehrer seines Ruhmes und