Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 40 (7.10.1910)
- Date
- 1910-10-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 4. Nr. 40. Die Wahrheit fände. Jedenfalls wäre mit der neuen Verordnung der erste; Schritt zur Besserung der Lage der israelitischen Mittelschüler getan — vorausgesetzt, daß sie von den Schulleitungen auch immer und überall gehandhabt wird. * * . Wie dem „Israel." aus Lemberg berichtet wird, soll die I. K. A., die infolge der Enquete auf die Notlage der galizischen Juden aufmerksam gemacht wurde, beschlossen haben, eine Hilssaktiou einzuleiten, um die schreckliche Not der galizischen Inden zu lindern. Wie man aus gut informierter Quelle erfährt, ging die I. K. A. auch sofort ans Werk und beschäftigte sich eingehend mit dieser Frage, sammelte bei verschiedenen Institutionen und Einzelpersonen das diesbezügliche Material, mit der Absicht, solches einer ad hoc nach Lemberg einzuberufenden Konferenz der jüdisch-philantropischen Gesellschaften vorzulegeu. Auf Anraten der Wiener „Allianz" zog es die Jka vor, mit der Einberufung der erwähnten Konferenz bis nach der Enquete zu warten, damit der galizischen Landesregierung nicht der Wind aus den Segeln genommen wird. Nun aber, da die Enquete wiederum auf unbestimmte Zeit verschoben wurde, will die Jka nicht länger warten, zumal die akute Schäukerfrage ein sofortiges Eingreifen erfordert, und geht jetzt daran, nächstens eine Konferenz der verschiedenen Gesellschaften sowie bekannter jüdischer Persönlichkeiten Galiziens nach Lemberg einznberufen, an der sich wahrscheinlich auch der Vorstand der Pariser Jka und Vorsteher anderer großer Organisationen persönlich beteiligen werden. Die Beratungen dieser Konferenz sollen dem Ausfiudigmachen von neuen Arbeits- und Erwerbsmöglich- \ keilen für die notleidenden galizischen Juden gewidmet sein. Inzwischen stnden in mehreren Städten Galiziens Versammlungen statt, um zur ausgeschriebenen und immer wieder verschobenen Enquete über die Judenhe.it Stellung zu nehmen. Bei einer in G o r l i c e stattgefnndenen Versammlung hob Advokat Dr. Stern hervor, wie wenig Interesse die Enquete unter deit Juden erweckte und wie ein einheitliches Vorgehen in dieser Frage und in allen jüdischen Fragen notwendig wäre. Die Versammlung beschloß, sich unmittelbar an die größeren Knltusgemeinden und im Wege der Presse an alle jüdischen! Gemeinden zu wenden und diese ausznfordern, die dargebotene Gelegenheit, nicht nnbeuützt vorübergehen zu lassen. Es wurde auch ein achtgliedriges Komitee gewählt, welches einer demnächst einzuberufenden Volksversammlung Bericht zu erstatten hat. * * Die Verführungen jüdischer Mädchen zur Taufe nehmen in Galizien immer grausamere Formen an. Das Kloster der Felizianerinnen bei Krakau verschlingt die armen Opfer und keine Macht vermag sie mehr von dort zu retten. Hier zwei Fälle aus der jüngsten Zeit, die in ihren Einzelnheiten an russische Verhältnisse mahnen: Ein jüdisches Mädchen aus Taruopol ist eines Tages plötzlich ans dem Elternhause verschwunden. Der alte kränkliche Vater macht sich aus die Suche nach dem verschwundenen Kinde. Die Spitren führen bis tiach Deutschland. Von Kattowitz nach Berlin und Charlottenburg. Ueberallhin kommt er zu spät. Seine Tochter wurde inzwischen immer anderswohin gebracht. Aus der Fahrt von Berlin nach Charlottenburg fällt der unglückliche Vater in seiner Aufregung aus dem Eisenbahnkoupee. Die Folge des Unfalles ist, daß dem armen Menschen beide Fuße amputiert werden müssen. Jetzt übernimmt die alte Mutter das Suchen und Forschen nach dem Kinde. Endlich erfährt sie. daß ihre Tochter auf Umivegen zu den Felizianerinnen nach Krakau gebracht wurde. Sie klopft an die Klostertür, erhält jedoch keinen Einlaß. Nur wenn die Polizei den Auftrag erteilt. Auf das Gesuch itm Beistand eines Polizeiorganes erhält die Mutter die unerhörte Antwort, daß sämtliche Polizeibeamte mehrere Tage hindurch in Anspruch genommen feien und daher erst in einigen Tagen znr Verfügung stehen können. Inzwischen wird das entführte Mädchen sicherlich von Krakau weggeführt werden. Nicht minder kraß ist der zweite Fall. Ein jüdisches Mädchen aus Narol befindet sich im Kloster der Felizianerinuen. Da das Mädchen minderjährig ist, entscheidet das Bezirksgericht in Ziezsanow, daß das Mädchen herausgegeben werden müsse. Auf Grund dieses Urteiles verlangt' Dr. Rafael Landau, der sich solcher armer Opfer stets bereitwilligst annimmt, vom Krakauer Gerichte die Durchführung des Urteiles vom Ziezsanower Bezirksgerichte. Ganz gegen die gesetzliche Befugnis weigerte sich das Krakauer Bezirksgericht, das Urteil zu vollstrecken und sandte die Akten nach Ziezsauow zurück. Inzwischen haben die Felizianerinuen natürlich von den Vorgängen erfahren und haben auch dieses unmündige jüdische Kind in ein anderes Kloster gebracht. Diese offenkundige Förderung, deren sich die Felizianerinuen bei ihrem Seelenfange seitens der Behörden und Gerichte erfreuen, hat es zur Folge, daß die Taufe der ans allen Teilen Galiziens entführten jüdischen Mädchen in Krakau vollzogen wird und daß das Krakauer Nabbiuat in seinem jüngsten Monatsausweise die Taufe von 40 jüdischen Mädchen in einem einzigen Monat zu verzeichnen hatte. Das ist eine schreckliche Ziffer, wenn man bedenkt, daß nicht alle Fälle in Krakau zur Anzeige gebracht werden. * '* * Heber die christlichsoziale Partei in Oesterreich fällt die „Kreuz-Ztg." in einem Artikel: „Die deutschen Parteien in Oesterreich" ein sehr absprechendes Urteil: „Diese, in ihrer Zusammensetzung deutsch, hat sich bekanntlich aus der ursprünglichen Reformpartei zur an t i s e m i tischen und aus dieser zu ihrer jetzigen Stelluug als christlichsoziale Partei entwickelt. Ihr ursprünglicher A n t is e m i t i s m n s war eigentlich A n t i k a p i t a l i s m n s und daher gegen die Vertreter des Kapitals und gegen die diesem dienende Presse gerichtet. A u s dem Bedürfnisse nach j ® e [ b ergab sich die Notwendigkeit der Beschaff u n g desselben beiden Banken, und der laute A n t is e m i t i s m u s wurde, nachdem er seinen Zweck, große Massen zu gewinnen, erfüllt hatte, aus ein N e b e u g e l e i s e g estch oben, während sich der christlichsoziale Charakter der Partei durch engere Wechselbeziehungen zur klerikalen Partei immer mehr ausprägte." Ein vernichtenderes Urteil über den Geschäftsantisemitismus ist wohl noch niemals aus konservativem Munde gefällt worden. Sollte diese Charakteristik nicht aber auch i auf manche antisemitische Gruppe in Deutschland zutreffen? Nach der Schulstatistik besuchen in Württemberg 1051 israelitische Schulkinder, also ca. 60 Prozent der israelitischen Schüler, höhere Lehranstalten. In einzelnen Real- oder höheren Töchterschulen der größeren Städte ist der Prozentsatz der jüdischen Schüler ans bekannten Gründen sogar ein sehr erheblicher. Das Katharinenstift in Stuttgart (höhere Töchterschule) hat in einzelnen Klassen 50 und mehr Prozent israelitische Schüler. An der Realschule in Horb weisen die einzelnen Klassen nicht unter 60 und bis 80 Prozent israelitische Schüler auf. Aehnliche Verhältnisse finden wir an verschiedenen anderen Orten. Trotz dieser Bevorzugung der höheren Lehranstalten durch israelitische Schüler findet sonderbarer Weise in dem so toleranten und liberalen Württemberg kein e i n z i g e r I s r a e l i t im höheren Schuldienste Verwendung. Der Lehrerstand an Gymnasien, Realschulen und höheren Töchterschulen, au staatlichen, wie an städtischen Anstalten, für welch letztere übrigens der Staat ebenfalls das Besetzungsrecht ausübt, ist durchaus judeureiu, und israel. Lehrkräfte finden absolut keine Berücksichtigung. Diese nur auf Herkommen beruhende Zurücksetzung der Juden, die jeder gesetzlichen Grundlage entbehrt, verstoßt direkt gegen die in Württemberg verfassungsmäßig verbürgte Gleichstellung. & * Der Autor einer neu erschienenen Broschüre über die B es ch r ä u k u n g des Wohnrechtes der Juden in Rußland erhielt von Leo Tolstoi nachstehenden Brief: „Ich habe Ihre Broschüre gelesen und finde, daß die U ng e r e ch t i g k e i t der B e s ch r ä n k U n g des jüdischen W o h n r e ch t e s in Ihrer Broschüre für alle, die den Argumenten des gesunden Verstandes zugänglich sind, mit voller Ueberzeugungskraft dargelegt ist. Ich kann mich zu jener Anordnung der Regierung, laut welcher Menschen v e r-