Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 39 (30.9.1910)
- Date
- 1910-09-30
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10. Die Wahrheit Nr. 39. In ihrer Herzensangst, als sie zitternd jeden Moment die Schergen Pharaos erwarteten, kam der unglücklichen Mutter der Traum ins Gedächtnis, den die kleine Mirjam kurz vor der Geburt des Brüderchens halte. War nicht bisher alles in Erfüllung gegangen, was die Erscheinung des unvergessenen Stammvaters Josef, des gekrönten seiner Brüder, verkündet hatte? Und hatte er nicht auch verheißen, daß Wasserfluten dem künftigen Befreier nicht verderblich werden können? Wohlan! Sie wollte es versuchen. Vertraute sie doch den Liebling ihres Herzens, die Hoffnung ihres Volkes, lieber den Fluten des Stromes an, als ihn widerstandslos den tyrannischen Mördern ausznliefern. Die Wellen des Stromes konnten erbarmungsvoll zurückweichen, die Ungeheuer der Tiefe schonend vorbeiziehen. Das Herz eines ägyptischen Söldners aber kannte gegenüber den Jammer einer israelitischen Familie keine Schonung, kein Erbarmen. Ein Binsenkörbchen war bald geflochten und vor dem Eindringen des Wassers geschützt. Unter strömenden Tränen und frommen Segenswünschen ward das drei Monate alte Kind diesem schwanken Fahrzeuge anvertraut, und in das dichte Gebüsch versteckt, welches am Rande des Sromes üppig emporschoß. Nicht weit von dieser Stelle, auf einer kleine Anhöhe saß tiefbekümmert Mirjam, sich selbst anklagend, an diesem traurigen Schicksale Schuld zu tragen. Wie gerne hätte sich die Verzweifelnde selber iu die Fluten des heiligen Stromes geworfen, wenn damit der Liebling zu erretten gewesen wäre. Aber dies war nicht der Fall. In der elterlichen Hütte, oder im Hause eines anderen Israeliten war das Kind jedenfalls verloren. Denn der ägyptische Wüstling hatte bereits dessen Vorhandensein erspäht und würde nichts unversucht lassen, um es aufzuflndeil und zu vernichten. Da gab es nur einen Weg der Rettung: es der himmlischen Vorsehung anzuvertranen. Es mar auch kein anderer Platz so geeignet dazu, als die krokodilfreie Einbuchtung des Stromes an der Stelle, welche die Tochter Pharaos mit ihrem Gefolge zum Baden aufzusuchen pflegte. Hieher hatte die verzweifelte Mutter ihr Jüngstes gebracht. Eine innere Stimme sagte ihr, daß jener Traum in Erfüllung gehen werde, der Traum von dem in Liedern und Sagen ihres Volkes hochgepriesenen Josef, welcher verkündete, daß der Knabe, den sie damals noch unter ihrem Herzen getragen, zu großen Dingen ausersehen sei und ihm weder Feuersgluten noch Wasserfluten etwas anhaben werden. Darum vermochte sie es über sich, ihn den Fluten anzuvertrauen. Mirjam aber blieb in der Nähe, um das fernere Schicksal des Brüderchens zu erfahren. H. Heiße Sonnenglut brütete über Stadt und Land. Die Sonne versendete ihre glühenden Strahlen über die ausgetrocknete ägyptische Landschaft, der wolkenlose Himmel schien einer flammenden Decke gleich sich über die Ebene zu wölben. Der Wüstenwind hauchte entsetzliche Gluten aus. Selbst in der Stille und Abgeschlossenheit des königlichem Harems war alles dem Verschmachten nahe. Basjah, die Tochter Pharaos, lag seufzend auf ihrem Ruhebette, von ihren Sklavinnen umgeben, die ihr mit dem im Saale angebrachten großen Palmenfächer unablässig Kühlung zuwehten. Aber alles vergeblich. Die ihr zugewehte Luft war drückend schwül. Die verwöhnte Königstochter verwünschte die unerträgliche Hitze, grollte ihren Dienern, welche kein Mittel dagegen wußten, zürnte schließlich sich selber, welche unter dieser Sounenglut so viel leiden mußte. . „Ach wie lange dauert es noch, bis der Tag sich neigt, und die Kühle des Abends es mir gestattet, zum Flusse herabzusteigeu und in dessen Fluten den matten Körper zu erfrischen. Wie lange wird mir die Zeit werden, wenn der schlaffe Körper selbst zu den Spielen mit Euch zu träge ist!? „Leah, du gute", mit diesen Worten wendete sich Basjah an eine ihrer Sklavinnen, „dn kannst so schön Geschichten erzählen. Erzähle mir eine, damit mir der qualvolle Tag abgekürzt werde. Aber kein Märlein von leblosen Dingen oder Tieren ohne Herz und Vernunft, erzähle uns eine Geschichte von lebenden, warmherzigem Menschen, oder noch besser von Kindern. Weißt du etwas vom Kindern zu erzählen, Leah?" „Ich werde versuchen, meine Gebieterin zufrieden zu stellen," antwortete die hebräische Sklavin der Königstochter.. „Also von Kindern, meine Leah." Wie liebe ich doch die. Kinder, und doch haben mir die Götter solche versagt. In den Tempeln von Osiris und Isis, deni mächtigen Götterpaare habe ich Opfer über Opfer gebracht, und 'doch ist meine Ehe kinderlos geblieben. Ach, mein Leben ist so öde, weil liebeleer Mein Gemahl sieht in mir nur die Tochter Pharaos, deren. Liebe ihn dem Throne nahe gebracht, er verehrt mich — aber das ist mir nicht genug. Ich dürste nach Liebe, nach glühender Liebe des Gatten, nach der zärtlichen Liebe eines Kindes. Ach,, wenn ich ein Kind hätte, würde sich mir das Herz meines Gatten wieder in Liebe zuwenden." Die Mädchen versuchten es, durch tröstende Worte den. Gram ihrer Gebieterin zu verscheuchen. Es gelang ihnen ebensowenig, als sie es vermochten, ihrer Herrin Kühlung zuzuführen. Da wandte sich Basja an ihre Lieblingsdienerin mit dem Worten: „Hast du dich auf eine schöne Erzählung besonnen,. Leah?" „Ob sie schön ist, die Geschichte, die ich von Kindern zu. erzählen weiß, das muß der Entscheidung meiner gütigen Gebieterin überlassen bleiben. Die Geschichte, die mir vorschwebt, und welche ich auf den Befehl meiner hohen Herrin erzählensoll, ist gar traurig, und ich bitte um Gnade für meine Kühnheit, eine so traurige Sache vor dem Ohre meiner edlen Fram hier vorzutragen." „Diese sei dir im vorhinein zugesagt. Es handelt sich' doch um ein Kind, Mädchen?" „Ja, nicht aber um ein Kind, sondern um viele, un-- zählige." „Umso besser!" sagte die Prinzessin aufgeräumt. „Erzähle,, meine Tochter!" Leah begann: „Weit von hier, dort jenseits der Wüste,- lebte in einem großen Reiche ein mächtiger König. Er wohntein einem glänzenden Palaste, welcher inmitten der herrlichstem Gärten stand. Eine Menge von kühlen Quellen bewässerten den Garten und speisten das ganze Land mit ihrem köstlichen Naß. Große Schätze standen dem Könige zu Gebote; sein Landbrachte alles hervor, was zum Leben notwendig war, und benachbarte Länder mußten ihren Bedarf an Lebensmitteln iu diesem gesegneten Lande kaufen, so daß daselbst Ueppigkeit und Ueberfluß an allem war. Dabei regierte der König weise undgerecht gegen seine Untertanen. Alle lebten ruhig und friedliche unter seinem milden Szepter und unter weisen Gesetzen. Die Güte des Königs und seiner Großen erstreckte sich aber bloß auf denjenigen Teil seiner Untertanen, welche Kinder des Landeswaren, und ans deren Mitte die königliche Dynastie hervor--- gegangen war. - (Fortsetzung folgt.) Austritte aus dem Judentum. F r e i b e r g e r Netti, Privatbeamtin, geb. 25. Mai 1875 in Wieu TOI. Alferstraße 7. Fleischer Sophie. Private, geb. 9. Dezember 1891 in Wien, X.-. Rieplstraße 9. Hanak Julius, k. k. Realschullehrer, geb. 6. Juni 1880 in Wien, IV. Johann Straußgasse 9. Häutler Emil, Reisender, geb. 1. September 1683 in Schlapanie^ IV. Wiedner Hauptstraße 35. Hanna Maria, geb. Neumann, geb. 18. August 1891 in Wien, XIX. Häliptstraße 77. S in e k Hans, Gymnasiast, geb. 11. September 1690 in Wien, V, Zentagasse 3. Berger Paula, Sprachenlehrerin, geb. 6. Mai 1884 in Wien, VI. Stumpergasse 48. Hermann Hugo, geb. 18. Mai 1681 in Habern, Bezirk Chotebore, H. Novaragasse 44. Zweig Walter, Dr., prakt. Arzt, geb. 30. Oktober 1872 in Brünn, I. Stadiongasse 6.