Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 39 (30.9.1910)
- Date
- 1910-09-30
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3063520-3063559--06890-3073931- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 39. Die Wahrheit Seite 9. - . Durch Stnndengeben brachte er sich lange Zeit fort. In Den ewigen Kampf nms niedrigste Dasein erwachte in ihm mit -immer stärkerem Drang die Sehnsucht — nach Höherem. Wie sollte es denn sonst wert sein, zu leben, Mensch zn heißen, wenn er wie ein Tier dahinlebte? Schäumend, gährend erstand der Wunsch, so wie der Vater wirken zn können. Aber das wirkliche Leven umspannt diese Ideale mir eisernen Reisen, daß sie sich duckten und in irgend einen Winkel znrückzogen, um dort zn warten — bis einst die Auferstehung käme. Joses Kossov hatte sich in dem Hanse eines Fabrikanten, in dem er unterrichtete, so beliebt gemacht, daß der angesehene Geschäftsmann ihn in das große Exporthaus Georg Seilbnrg empfahl. Der Chef des Hatlses empfing ihn. Kommerzialrat Seilbnrg war in der Stadt eine vielbesprochene Persönlichkeit. Auch .Joses hatte von ihm gehört. Nun. sah er sich einem alten, gebrochenen Mann gegenüber, dessen Antlitz tiefe Spuren des Schmerzes und Leidens trugen. Das ist jenes innere Weh, das oft in ein jugendlich blühendes Gesicht so grobe Furchen gräbt; denn der eiserne Pflug des Jammers reißt tiefe Wunden. Josef stellte sich vor. Als er den Namen Kossov nannte, flog ein eigentümlich flimmerndes Zucken über Georg Seilbnrg. Wehmut schien darin enthalten. Kossov, wiederholte er leise. Sinnend blickte er vor sich hin. Ein trauriges Lächeln umhuschte den Mund. Durchs Fenster sah er und das blaue Auge schien sich m der Unendlichkeit zu verlieren. Er hatte ganz vergessen, daß semand anwesend war. Dann zuckte er zusammen. „Also, Sie sind Josef Kossov, von dem mir der Fabrikant Nendorser gesprochen hat. So, na also, da wollen wir es halt versuchen. Sie sind angestellt, um des Namen Kossov willen." Als er den Namen anssprach, lag eine leise Zärtlichkeit darin. Wohl staunte Kossov über die Worte Seilburgs; jedoch, er grübelte nicht allzulange darüber nach. Für ihn war ja das Wichtigste, daß er in diesem Weltgeschäfte eine Stellung hatte. Er trat ein. erwies sich als ungemein tüchtig; nach einigen Tagen ließ ihn der Chef rufen, sagte ihm, daß er definitiv angestellt sei. „Warten Sie noch einen Augenblick; was ich Sie noch fragen wollte?! Ja, sind Sie ein hiesiger?" „Nein, ich stamme ans Rußland. Ueber Seilbnrg kam eine seltsame, fieberhaft glühende Erregung. „Wie heißt Ihre Vaterstadt?" Seilbnrg war so bleich geworden, daß Joses erschrak. Die Erreg,mg war so groß, daß er die Laute hervorstieß; und sie erhielten einen höhnischen, harten Beiklang. .,Dann haben Sie vielleicht auch einen Mann, namens Moses Kossov gekannt." Es klang so boshaft, als ob er die Antworten Kossov nicht glauben konnte und nun noch die letzte Lüge erwarte. „Kossovs, Herr Kommerzialrat, haben in dem kleinen Städtchen nur drei Familien gelebt: Moses Kossov kenne ich nur einen; und dieser eine war mein Vater — er senkte die Stimme, die weich geworden. Seilbnrg lachte erst ans, gemein, verletzend. Plötzlich verstummte er. „Beschreiben Sie mir Ihren Vater, ich habe einen Moses Kossov gekannt; vielleicht ist es der." Einige Zeit zögerte der junge Mann; denn er sah eine Entweihung darin. Als aber Seilburg ihn nochmals dringend aufforderte, tat er es. Im Bureau des Chefs herrschte Stille, nur die Luft atmete samtweich. Beklemmend war dieses unheimliche Schweigen. Der alte Mann schien wie versteinert; sein Blick bohrte sich in den Boden, starr, unverwandt stand er lange Zeit. Ein Anfschlnchzen ging dann durch seinen Körper. „Ihren Vater kannte ich, er war mein Freund; daß ich ihn überleben würde, hatte ich nie geglaubt. Junger Mann, Sie sollen mir von nun an doppelt teuer sein." Und er reichte ihm die Hand. — —--—- In der Stadt kursierten wieder einmal die abenteuerlichsten Gerüchte; diesmal galten sie dem Kommerzienrate Georg Seilbnrg. „Sie, wissen noch nicht? Ja, es ist tatsächlich so, Herr- Doktor! Er liegt im Sterben." „Eigentlich, meine Gnädige, ist mir dieser Mensch ganz gleichgültig; wir verlieren ja nicht viel an ihm." „O doch, den Tratsch über ihn; er war ja zeitlebens ein Sonderling." „Sonderling?! So nennen Sie ihn mit Unrecht! Wenn er nicht Millionen hätte, würde man ihn einfach schmutzig heißen. Ein so reicher Mensch und soll sich gar nichts gönnen und auch den andern nicht. Jetzt kann er sich alles mitnehmen!" „Ich bin nur neugierig, was mit seinem Geld geschieht. Was meinen Sie, Herr Doktor?" „Ich weiß wirklich gar nicht." — „Warten Sie. da geht die Frau Regiernngsrat Stein, die wird Genaueres darüber wissen." „O, grüß' Sie Gott, liebste Frau Rat, wie geht's? Was macht der Herr Gemahl? — So! Und die Kinder? Alles wohlauf, das ist gescheit. — Was sagen Sie nur zur Seilburgaffäre!" „Ich habe bis jetzt nichts darüber gehört, Frau Rat, sagte die Gnädigste mit der unschuldigsten Miene. Die Leute reden so viel darüber, ich bitte Sie, wer weiß denn, was an alledem wahr ist." „Nun, ich kann Ihnen schon Genaues erzählen. Es ist nuglanblich, aber wahr! Seilbnrg hinterläßt seine Millionen einem Angestellten seines Hauses!" „Der ist ja nicht normal," Frau Rat. „Dasselbe habe ich und mein Manu gesagt; aber es ist so, wie ich Ihnen erzähle." Der wußte besonderes, wußte es natürlich ans wohlunterrichteter Quelle. Dabei lächelte er io geheimnisvoll, daß man ihm unbedingt Glauben schenken mußte. — Dann kam die große Ueberraschnng. Georg Seilbnrg ist vollständig genesen. — Man war entrüstet, daß dieser Mensch noch jetzt die Spannung so unromanhast gelöst. „Das ist so Seilburgs Art", zischelten all die, die ans wohlunterrichteter Quelle . . . Von dem Gerede der Welt war nichts ins Krankenzimmer Georg Seilburgs gedrungen. Da war immer dasselbe friedliche Bild. Seilbnrg lag blaß in seinem Bette, während das Licht gedämpft einfiel und ein schläfriges Zwielicht schuf. Neben dem Kranken saß Joses Kossov und erzählte von dem Leben seines Vaters; und Seilbnrg konnte nie genug davon hören. Er wußte nicht, wie es gekommen, wie er so plötzlich den Jüngling lieb gewonnen hatte. Aber mit warmer Kraft wars unversehens geschehen. Er konnte Josef nicht mehr missen; er lächelte bei dem Gedanken, daß er jetzt ohite den Jüngling kaum mehr leben könnte. Solche Menschen wie Moses Kossov und dessen Sohn konnte er nicht verstehen. Wie war es nur möglich, daß der Sohn sich darnach sehnte, nach Rußland zurückzukehren und seinen Brüdern zn Helsen! Er hatte doch so Furchtbares dort erlebt. Statt daß er fluchte, liebte er. Vielleicht war daran die schwärmerische Jugend schuld. Doch Kossow war in harter Schule gereift, aus deren Boden doch selten solche Ideale erwachsen. Und dann! Moses Kossov, dieser reise, ernste Mann, der fand ja in solchem Schaffen erst Jugend! — Er dachte und verstand sie nicht. Das waren eben andere Menschen. — Vielleicht wäre er glücklich geworden, hätte er ihnen gegliche n (Fortsetzung folgt.) Moses. Bon Babette Fried, Prag. (Fortsetzung.) Und das Kind war allen teuer geworden. Selbst unbeteiligte Stammesgeuossen zitterten für sein Leben. War ja im Volke die Hostnnng verbreitet, daß dieses Kind dazu ansersehen sei, die im Volkesmnude als Sage fortlebende Profezeihuug von der einstigen Befreiung aus unerträglicher Sklaverei zn erfüllen. Und dieser erhoffte Befreier sollte blinder Tyrannenwut zum Opfer fallen? Nimmermehr! Dem mußte vorgebeugt werden. Aber wie?