Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 39 (30.9.1910)
- Date
- 1910-09-30
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 39 . Oesterr.-ungar.! Die Herren Kollegen werden höflichst und dringendst ersucht, den UboNneprentsdetrag sowie die eventuellen Rückstände umgehend einznsenden. Ans dem öftnug. Kantoren-Uerein. In der' vorige Woche unter Vorsitz des Präsidenten Ms. Rai Josef Singer stattgehabten 'Vorstandssitzung wurde der einstimmige Beschluß gefaßt, daß der Verein ehestens an die Gründung einer Kaütorenschule schreiten und die nötigen Schritte .zur Erlangung der hiezu notwendigen Konzession bei den kompetenten Behörden einleiten solle. Mit Hilfe de Kantorenschule wird jedenfalls das Freibentertnm, das sich überall breit machte und durch seine mangelhafte fachliche und moralische Qualifikation den Kantorenstand ungemein schädigte, wirksamer bekämpft werden können. Für den einstimmigen Beschluß im Vorstande waren auch die traurigen Erfahrungen maßgebend, die man gerade in jüngster .Zeit bei diversen Konkurrenzen zu machen Gelegenheit hatte. Eine eingehende Diskussion wurde auch über mannigfache Aktionen gepflogen, die während der Sommermonate dem Vorstande Gelegenheit boten, im Interesse der Gesamtheit sowie einzelner Vertreter des Kantorenstandes an verschiedenen Stellen .zu intervenieren. In Erwiderung kollegialer Grüße wurde an Oberkantor Bela G n t t m a n il, der sich derzeit bei vortrefflichem körperlichen Wohlbefinden und in völlig intakter stimmlicher Disposition zur Nachkur in Vöslau (Hotel Schwarz) befindet, ein herzliches Begrüßungsschreiben gerichtet. * * * Im Kantorenklub, der den ganzen Sommer hindurch sich .eines regen Besuches erfreute, fand die letzte Zusammenkunft vor den Feiertagen Dienstag, den 27. d. M.. statt. Der Vorsitzende, Vizepräsident Oberkantor Bane r, hielt zunächst den jüngst Heimgegangenen Kollegen S z a n t o-Raab, Silber m a n n- Wien (früher Krenisier), Feldman n-Brünn, 2 ifschitz- Szabadka unter Würdigung ihrer Bedeutung und Tätigkeit auf lantoralem Gebiete einen stimmungsvollen Nachruf und hierauf wurden Organisationsfragen des Klubs, die ans die fernere Tätigkeit desselben während der Wintermonate Bezug haben, erörtert. Die nächste Zusammenkunft findet erst nach den Snkkothfeiertageu.' und zwar Montag, den 31. Oktober, statt. Näheres hierüber wird noch bekanntgegeben werden. 8elichoth. Jugenderinnerung von Oberkantor Armin Wilkowitsch. Waren auch wirklich jene Zeiten, denen ich so oft nachsinne. und nachtränme, so wunderschön? . . . War es fürwahr ein Glück, welches ein Herz dauernd befriedigen konnte, als die frommen Beter Honigseim von meinen kindlichen Lippen saugten, wenn ich mit süßer, geschmeidiger Altstimme Solo sang? . . . Waren es regelrechte Lorbeeren, die auf mein schwarzgelocktes Haupthaar gedrückt wurden, wenn die vornehmen, gelehrten Männer des Kahals meine dürren, sonngebrännten Wangen kniffen und mich verhätschelnd sprachen: „Hundert Jahr sollst du leben! Du sangst heute „woil" und Herz erquickend!" Die Frauen riefen einander zn: „Gesegnet sei der Mutterleib, der solche Frucht unterm Herzen trug!" . . . Waren es wirklich schöne, wonneseelige Zeiten! . . . Oft durchschwirren diese Fragen meine Gedanken, ich kann sie nicht los werden! War ich damals glücklich? War ich zufrieden damit, wenn der Chasan liebkosend meine Locken krällselte und mir zuflüsterte: „So, mein Kind, Hab ich's gemeint! Du sangst nach dem Geheiß meines Herzens und nach der Regung meines Gefühles . . . Ja, ja! beschwichtige ich meine ungeduldigen, unzufriedenen Gedanken; glücklich war ich, überaus glücklich. Doch ein Tor, der sich selber narrt! Ein Trugbild nur ist's, welches vom Glorienschein der dahiugerasten Jugend glänzt und leuchtet — ein Fata Morgana!.. Wie oft littst du Hunger, trotzdem Honig aus deinen Lippen floß; wie oft waren deine Schuhe geborsten, gleichsam der der Gibeoniten, trotz des Goldes, das dn in deiner Kehle besitztest? Kantoren-Zeitung Seite 11. Sie waren ja begeistert und entzückt von meinem Gesäuge, sie hätten meine Taschen mit Kupfer- und Sikbermünzen gefüllt . . . Ach, was denkt ihr! Da war's ja doch Sabbat, heiliger Sabbat oder Feiertag! Wer durfte da Geld in dle Hand nehmen?'An den Wochentagen aber plagten sich die armen Juden." mit gebeugtem Rücken und sorgenbeladenem Haupte trotteten sie einher. Wer dachte da noch an das woilsingende Jüngele? . . . Hatte ich keinen Kvftkag und war ich auf der Chasante Glinst angewiesen, ach, wie mager waren da die Mahlzeiten! Aber nicht immer durfte sie geizen, auch einen guten Imbiß mußte sie zuweilen hergeben, besonders vor den hohen Feiertagen, wo es galt, die Gemeinde von der hohen Mission des Chasans zu überzeugen. Es war der Vorabend des ersten Selichothtages. das erste Präludium zn den „furchterregenden Tagen" war bereits verklungen, schon sangen wir vor einer laniendköpfigen. andächtigen Gemeinde die Siegeshymne (ns:#?) und die feierliche Stimmung zu den herannahenden Tagen des Gerichtes bemächtigte sich bereits der Gläubigen Israels. Nun galts aber um drei llhr nachts einen glänzenden Gottesdienst mit vielen, ellenlangen Gesangspiecen abznhalten. Wir gingen aber nicht zeitig zn Belle, wie es vernünftig gewesen lväre, sondern hielten für den bevorstehenden Gottesdienst die Generalprobe ab. Der Samowar summte eintönig auf dem Tische und Blltterbrödchen lagen auf einer hölzernen Anftragstasse hoch anfgeschichtet.... Es hieß auch, Kartoffel in der Montur mit Heringschnitten werden nach der Probe aufgetragen werden. Es war nur ein Märchen. Der Gemeinde Vornehmsten sind zur Generalprobe erschienen und lauschten mit Enthnsiasmns unserem Gesänge. Sie hatten bereits ihr Gönnertum für die Sängerschaar knndgetan. ihr Verständnis für unsere hehre Kunst an den Tag gelegt, indem sie ganze Znckerhüte und Teepäckchen bester Sorte in das Chasanshans sandten, damit wir uns an dem labenden Trank erquicken. Aber nach der Generalprobe steckte mir — zum Zeichen der Huld — so mancher ein Fünfkopekenstück in die Tasche. Die Pendeluhr an der Wand kündete die elfte Stunde und nitn hieß es: zur Ruhe gehen! Etwa zwanzig Personen wurden in einer nicht zn geräumigen Stube gebettet: auf Tischen, Bänken, Stühlen oder einfach auf dem ungedielten Fußboden. Die paar Stunden, hieß es, schläft jeder wie er eben kann. Nach Hanse kann niemand mehr gehen. Wer sollte sie auch alle um Halbdrei Uhr nachts zusammentrommeln! Bald schlief alles fest und ein Schnarchen, wie oou einer Sägemühle. ging in verschiedenen Tonarten und Tempis durch die dunsterfüllte Stube. Der bleiche Mond ging am wolkenlosen Fstmamente auf und ließ seinen Silberschein reichlich ans die Erde herabfließen. Milliarden Demanten gleich glitzerte und flirrte der Sterne Heer. . . . Alles, alles schlief. Nur meine Augenlider wollten sich nicht schließen. Mit offenen Augen lag ich an der Seite eines Sangesbruders, eines etwa 10jährigen Knaben. Er schnarchte den anderen gleich, aber ich achtete seiner nicht. Mein zartes Köpfchen glühte vor Ungeduld und mein heißes Herzchen pochte den Takt dazu . . . Nur noch einige Stunden, sagte ich mir, und ich singe das schöne Solo. Ach, wie herrlich ist's, dieses L’chu n’raneno! Das Herz schmilzt mir, wenn ich es singe! So lag ich lange, lange auf dem harten Lager, die Pendeluhr schlug zwölf, eins und noch nahm mich der Schlaf in feine weichen Arme nicht ans . . . Doch sieh! Mein Schlafgenosfe regt sich! Was mag denn der haben? —Er erhebt sich, richtet sich kerzengerade auf und verläßt das gemeinschaftliche Lager. Ich fühle, daß es mir heiß, ungemein heiß wird, Schweißtropfen rinnen mir von der Stirn . . . Der kleine Sänger umkreist den Tisch, gelangt bald wieder zu unserer Lagerstätte. Er legt sich wieder nieder, ohne mich zu berühren, erhebt sich aber wieder . . . und so wiederholt er diese Prozedur in fast gleichmäßigen Intervallen. Mit der Vollkraft ihres blassen Lichtes gnckt die Mondscheibe durch das Fenster herein und ich armes, kleines Seelchen lag bebend an allen Gliederchen da. Bum, bum, klopfte es plötzlich an das Fenster, daß die Scheiben klirrten. „Auf zu Selichoth!" rief eine Fistelstimme mit Nasallauten. Ach, wie wartete ich auf diese erlösende Stimme! So sehnsüchtig, wieder fromme Jude auf das Posaunengeschmetter des Messias . . . Wie ich das Solo sang? Ich glaube, nicht sonderlich schön!