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Die Wahrheit · 1910-09-30 · Heft 39 (30.9.1910) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 39 (30.9.1910)
Date
1910-09-30
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8. Die Wahrheit dir. 39. gestalten, And hoffen, daß das herrliche, in einem Garten gelegene Haus, von denen, für die es als Stätte der Andacht, Einkehr und des Friedens erbaut wurde, wie von allen, die Verständnis und Neigung für einfache, erhebende Kunst zeigen, zahlreich besucht werde. Dr. H. Prag. Eine interessante Erbschaftsaffaire, in der es sich um 180 Millionen Krönen handelt, berichtet das „Prager Tagblatt": Vor etwa anderthalb Jahren starb in Newyork im Waldorf Astoria-Hotel der als „Bierkönig" bekannte Alfred Londsdale plötzlich an einem Schlagaufall nn 62. Lebensjahre. Er hiuterließ ein Vermögen von 36 Millionen Dollars, das sind 180 Millionen Kronen. In seinem Nachlasse fand sich keinerlei testamentarische Verfügung hinsichtlich seines Vermögens, das teilweise in London, zum anderen Teile in Amerika deponiert ist. Deshalb wurden zwei Rechtsanwälte, Dr. Smith in London und Dr. Tennyklesf in Newyork, zur Verwaltung der Erbmasse bestimmt. Zur Eruierung der Erben des verstorbenen Multimillionärs erschienen ini „Jewish Chronicle" in Newyork und im.„Jewish Newspaper" in London Aufrufe, damit die Hinterbliebenen ihre Ansprüche geltend machen. Nach langem Suchen hat mau nun auch die Verwandten des vorstorbeuen Multimillionärs gefunden, und zwar einen Bruder Josef G l o tz e n st e i n in Kalisch, zwei Neffen namens B i e l i n s k i, ebenfalls in Kalisch und eine Nichte C i l l i, welche nach Prag geheirater hatte, und deren Mann Josef Neumann einen kleinen Hausierhandel unterhält. Sämtliche Verwandle sind sehr arme Leute. Dies machte sich jetzt besonders fühlbar, da sie nicht einmal soviel Geld aufbringen konuten, um sich in den Besitz der Erbschaft zu setzen. Vor allem galt es, nachzuweisen, daß sie mir dem Multimillionär wirklich verwandt seien. Die armen Erben fanden in dem Advokaten Benno Schwarz in Berlin und Dr. U n i s ch o w s k i in Warschau freundliche Helfer. Dr. Schwarz schloß einen Vertrag mir dem Bankier U l l m a n n in Franzensbad, L ü f t s ch i tz in Wien und Neuland in Berlin, wonach diese sich verpflichteten, gegen einen entsprechenden Anteil an der Erbschaft sämtliche Kosten des Verfahrens zu decken und vor allem für die Intervention in Amerika 100.000 Mark beiznstellen. Am 20. Oktober werden sich Neuland und Ultmann nach London begeben, um das dort deponierte Vermögen zu beheben, um dann auch in Newyork bei Gericht die Ansprüche der Erblasser durchzusetzen. Das Vermögen des verstorbenen Multimillionärs ist in verschiedenen Brauhäusern in Newyork, Texas und Canada angelegt. Prag. (Jüdischer S ch u l v e r e i II in Prag.) Wiewohl dieser Verein es bisher vermieden hat durch irgendwelche große Veranstaltungen nach außenhiu die Ausmerksamkeit der Oeffentlichkeit auf sich zu lenken, hat er sich doch durch emsige stille Arbeit bei einer Reihe von Kultusgemeiuden Sympathien erworben, welche in der Zuwendung von Subventionen zum Ausdruck gelangt sind. Daß aber der Verein auch das Vertrauen dieser Korporationen genießt, beweist der Umstand, daß eine ganze Reihe von Kultusgemeiuden sich an den Ausschuß in Angelegenheit der Besetzung der in diesen Gemeinden freigewordenen Rabbiner- und Lehrer-Posten gewendet hat. So ist der Verein hente in der Lage, einen Posten in der nächsten Nähe von Prag unter recht annehmbaren Bedingungen zu vergeben. Nur ist für diesen Posten . die Kenntnis der tschechischen Sprache unumgänglich erforderlich. Es haben sich jedoch auch Gemeinden gemeldet, in welchen die Kenntnis der tschechischen Sprache nicht unbedingt nötig ist. Der Ausschuß ist selbstverständlich gerne bereit, etwaigen Bewerbern alle nötigen Auskünfte zu erteilen und ihnen bei den Verhandlungen mit den Gemeinden an die Hand zu gehen. Für etwaige Zuschriften genügt die Adreffe: „Jüdischer Schulderem in Prag". Galgocz. 26. September. (P e n s i o n i e r u ng n n d Ehrung eines Kantors.) Der in Fachkreisen eines ansgezeichneten Rufes sich erfreuende Oberkautor unserer Gemeinde, Herr Moses Kr i euer, schied nach 42 jähriger, hier 29 Jahre — in Ehren vollbrachter, gottgeweihter Tätigkeit aus seinem Amte. Diesen Anlaß benützte die dankbare Gemeinde, um dem wackern Kultusbeamten die wohlverdiente Anerkennung und Ehrung zu bezeugen, und den Akt seines Scheidens feierlich zu gestalten. Am Sabbat 81271 *3 den 24. d. M., wurde Herr Kriener mit feierlichem Aufrnfe zur Thora geladen. Nach Verlesung des Abschnittes sprach der neuerwählte Oberkantor, Herr S a l z m a n u, einen vom Oberrabbiner Josef R o s e n s e l d für diese Gelegenheit in klassischem Hebräisch verfaßten Niselrsbsraoli mit erhobener Stimme. In das Amen stimmte die Gemeinde mit Innigkeit ein. Nach beendigtem Mussavgebete begaben sich die Tempelbesucher in die im ersten Stocke befindliche Gemeindekanzlei, wohin Herr Kriener durch eine Deputation abgeholt wurde. Bei seinem Erscheinen wurde er mit herzlichen Eljenrufen begrüßt. War er es doch, der vielen Anwesenden ihren glücklichen Ehebund mit den feierlichen Tönen „Ni adir“ mit seiner volltönenden, herzergreifenden Stimme eingeleitet, bei Familienfesten erheitert, bei Traneranläsien getröstet. Im Gemeindesaale waren zu seiner Begrüßung erschienen: Herr Oberrabbiner Joses Rosenfeld, der gesamte Vorstand und die Gemeinderepräsentanz unter Führung des Gemeindepräses. Herrn Jakob Fuchs, der Vorstand und der Vertretungskörper der Chewrah Kadischah, der israel. Lehrkörper und viele der Freunde des scheidenden Oberkantors, so daß der Saal gedrängt voll war. In einer schön angelegten, auf das Gemüt der Zuhörer tief einwirkenden Rede begrüßte Herr Gemeindepräses Jakob Fuchs den Gefeierten zu dem neuen Abschnitte seines Lebens, sprach ihm seine Anerkennung für seine langjährigen redlichen Dienste aus, und wünschte ihm, daß er der wohlverdienten Ruhe im Kreise seiner Familie sich noch lauge, lange erfreuen möge. Darauf überreichte ihm Herr Fuchs einen wertvollen silbernen Pokal mit auf demselben gravierten hebräischen Widmung und teilte ihm den Beschluß der Gemeinde mit. wonach Herr Kriener im unverkürzten Bezüge seines Gehaltes bleibt. Die hierauf bezüglichen Protokolle werden vom Sekretär Herrn Maximilian Vajda verlesen und Herrn Kriener übergeben werden. Der pensionierte Oberkantor dankte in einer von passenden biblischen Zitaten durchwirkten Rede, träneuumflorten Auges und von Rühruug erdrückten Stimme für diese außerordentliche Würdigung und Belohnung seiner Wirk-' samkeit. Hierauf verlas Herr Vajda die zwei erwähnten Protokolle, weicht Herr Vorsteher Fuchs dem Gefeierten überreichte. Nach einem warmeu Händedrucke, den mit dem Gefeierten zu wechseln jeder sich bestrebte, nahm die schöne würdevolle Feier ein Ende. — m.—n. Oedenbnrg. Am 20. d. M. fand hier im „Hotel Pannonia" die - Trauung des Herrn Jeuö Weisz, Oberkantor aus Neutra, statt. Von. Kollegen und Freunden liefen zahlreiche Glückwünsche ein. Die Neutraer israel. Kultusgememde ehrte ihren beliebten Oberkantor durch ein.sehr wertvolles Geschenk. Den Trauungsakt, der sehr imposant verlief, vollzog Oberrabbiner G r ü n w a l d, die kantorale Funktion versah Kantor' Glanz. (Jüdisches Theater.) Am 5. Oktober 1910 wird das Jüdische Theater im „Hotel Stefanie", II. Taborstraße 12, unter Leitung des Herrn Siegler wieder eröffnet. Unter den engagierten Mitgliedern befinden sich die Damen Frau Siegler, Fräulein W e i n t r a n b, Frau S. Weinberg, Fräulein M e n g e s, Frau Stein und die Herren Siegler. R e i ß in a n n. P o d z a m c e, R o s e n st e i n,. Deutsch, Stein, Weinberg, B u r d e r, Graf ü. a. Die aus dem Vorjahre in gutem Andenken stehende Leitung hofft den gesteigerten Erwartungen eines kunstsiuiiigen Publikums im vollem Maße gerecht zu werden. — Näheres die Tagesplakate. Jom Kippurs Zairöermacht. Bon Eduard Kaufmann. (Fortsetzung.). „Sie wünschen?" „Ich erlaube mir zu fragen, ob der Posten in Ihrem Hause schon vergeben ist?" Die Antwort kam nicht gleich. Es folgte eine Musterung, von Kopf bis zum Fuß, „Haben Sie Empfehlungen." „Nein." Man bedauerte, lächelte verbindlichst. „Es ist uns sehlleid, der Posten ist nicht mehr frei." Josef Kossov war viel zu aufrichtig, als daß er diese- Worte für unwahr gehalten hätte. Aber diese Szene wiederholte sich zu oft. Und er erwachte zil dem Bewußtsein des Jämmerlichen im Leben, das den Empfindenden so tief verletzte In einer kleineren Bank war eine Stelle offen, so hatte er gehört. Er ging hin. Mit einer Zuvorkommenheit ward er behandelt, daß er staunte. Ans seine Frage, ob er den Posten, antreten könne, antwortete man ihm: es werde der Bank zur Ehre gereichen. Die Beamten erwiesen eine solche gestriegelte Freundlichkeit, sprachen so oft „Bitte, bitte schön, bitte sehr", daß er nicht mehr danken konnte. „Sie werdet! in kürzester Zeit, in wenigen Tagen, trefflich eingearbeitet sein, sie machew die Sache schon jetzt vorzüglich." Josef Kossov war überglücklich. Freudetrunken ging er durch die Stadt; spät abends kam er nach Hause. So wohl und leicht hatte er sich schon lange nicht gefühlt. Das weiche Behagen, das ihn umschmeichelte, erfüllte die Stube. Er legte sich zu Bette, hüllte sich wohlig ein und träumte vor sich hin- Die Kerze stackerte unruhig, schuf häßliche, verzerrte Schatten- Josef merkte sie nicht; er sah zur lichten Zimmerdecke sinnend, lichtbeschwingte Gedanken nmgaukelten ihn; zum erstenmale seit der Eltern Tod war er glücklich. Glückselig huschte über ihn samtweicher Schlaf. Bald erwachte er wieder. Die Kerze war eben erloschen, milchig zog sich der Rauchfaden durch das- Dnnkel des Zimmers. Ruhig lag Joses da. Da schrillte durch die dunkle Stille die Glocke. Steinhart, unheimlich kalt klang es. Nach einigen Minuten hörte er an seiner Tür pochen r „Ein Brief ist für den jungen Herrn gekommen!" Bebend las er ihn. Euer Wohlgeboren! „Wir bedauern sehr, Ihnen absagen zu müssen. Leider sind Sie für unseren Posten ungeeignet. Mit nochmaligem Bedauern, in besonderer Hochachtung." Höhnisch grinsend kletterten die Schatten über die Wand- Er trat ans Fenster, blickte in die klare Nacht. Es fröstelte ihn, ein Schauer durchlief feinen Körper, daß er zitterte. Alles war ruhig, wie versteinert. Geschah denn gar nichts? Rührten fick Menschen und Natur nicht gegen solchen Frevelhohn? Still spann sich die Nacht fort, warf ihr dunkles Zanbernetz über, alles. Da überkam den jungen Menschen wieder Ruhe, sachte wirkte der kühlende Balsam der unwandelbar stillen Nacht. B«flFgaEBggilWI«Bg!8g^^ Hfl

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