Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 39 (30.9.1910)
- Date
- 1910-09-30
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Die Wahrheit Nr. 39. scha ft e ii m i ß b i 1 Ti g e n w i r überall. Die konser- I vative Partei hat sich in ihrer großen Mehrheit ja auch davon ttöerzeugt, daß sich der a n t i s e m i tisch e P a s s n s i h r e s P r o g r a m m e s p r a k t i s ch u i ch t nt e h r r e ch t f e rtigen läßt. Sind doch auch im Jüdentume konservative Kräfte lebenDig und wirksamwie uns die' erfreuliche- Tätigkeit zahlreicher jüdischer Männer tut praktischen Leben, in Wissenschaft und Kunst täglich zeigt, während die im Iudentmne so ausfallenden destruktiven Kräfte sich leider in leichem Maße auch bei rassenreineü Deutschen entwickelt haben." Welcher Wandel da eingetreteu ist, das tritt erst recht deutlich zutage, wenn man sich den antisemitischen Passus im sogenannten Tivoliprogramme der Konservativen vom Jahre 1892 ansieht. Derselbe lautete: „Wir bekämpsen den vielfach sich vordrängenden und zersetzenden jüdischen Eiusiuß ans unser Volksleben. Wir verlangen für das christliche Volk eine christliche Obrigkeit und christliche Lehrer für christliche Schüler." Der Entwurf des Programmes hat auch den Satz enthalten: „Wir verwerfen die Ausschreitungen des Antisemitismus." Dieser Satz wurde jedoch ans dem Tivoliparteitage der Konservativen mit großer Mehrheit gestrichen und nur sieben Stimmen wareit gegen die Streichung. Selbst die Ausschreitungen des Antisemitismus wurden somit aus dem damaligen Tivoliparteitage von den Konservativen nicht zurückgewiesen, während heute geradezu eine Verurteilung des Antisemitismus durch eines der einflußreichsten Parteiorgane proklamiert wird. Allerdings scheint dieser Umschwung nicht durch innere Ueberzeugung, sondern durch politische Erwägungen herbeigeführt worden zu sein, und es ist nicht ausgeschlossen, daß bei anderer politischer Konstellation das Blatt sich wieder nach der anderen Seite wendet. * * * An diese Aenßerung der „Kreuzzeitnng", gegen welche übrigens andere konservative Blätter, wie die „Deutsche Tageszeitung", das Organ der Agrarier, und der „Reichsbote", das Organ der protestantischen Orthodoxie, Einspruch erheben, knüpft die „Vossische Zeitung " folgende Reminiszenz: Kaiser Friedrich als Kronprinz. hatte den Antisemitismus als eine Schmach für das deutsche Vaterland verurteilt. Als die Waldersee-Versammlung mit Stöcker stattgesnnden hatte, ließ der Kronprinz von San Remo aus die „Vossische Zeitung" um einen vertraulichen Bericht über den Eindruck, den jene Vorgänge machten, ersuchen. Nachdem er den Bericht gelesen hatte, schickte er an die „Vossische Zeitung" zur Veröffentlichung eine Depesche des Inhalts, daß er erklärt habe, er werde den Muckern von Berlin schon zeigen, daß er noch nicht ans dem letzten Loch pfeife. Nur eine kurze Regierungszeit war dem erleuchteten Fürsten und edeln Dulder beschieden. Die „Vossische Zeitung" glaubte ihm und der Gesamtheit zu dienen, wenn sie die Aeußerung nicht veröffentlichte. Kennzeichnend für seine Gesinnung war sie. Der Taschlichkorso am Ue»»j ahrstage. Wer am ersten Nachmittag unseres Neujahrsfestes jenen Teil des Wietter Donaukanals passiert, der den I. und H. Bezirk durchquert, dem bietet sich dort ein eigenartiger Anblick. An beiden Ufern des vom Hauptstrome abgeleiteten Wasserlaufes, auf dem Kai und der gegenüber liegenden Donanstraße, bewegt sich um diese Zeit eine bunte, feiertäglich geputzte Menschenmeuge, die, einzeln und in Gruppen auf und ab promenierend. den Anschein erweckt, als ob es einer der jetzt so landläufigen Demonstrationszüge, oder ein. Straßenkorso von Fußgängern sei, der heute in der Nähe des Donaukanals inszeniert wird. Doch siehe da — plötzlich geschieht etwas, was den Beobachter ernüchtert und auf den Gedanken bringt, daß es sich um einen religiösen Akt handeln dürfte, den die gläubigen Juden heute an ihrem Neujahrsfeste mit diesem Straßenumzug ins Werk setzen. Ein patriarchalisch aussehender alter Herr löst sich ostentativ vom Zuge los, nähert sich eifrigen Schrittes dem Strome, wirft, dort angelangt, noch einige forschende Blicke nach -rückwärts und — verrichtet schließlich an einsamer Stelle ein stilles, inbrünstiges Gebet. Es ist das sogeNamüe Taschlichgebet. das über seine Lippen kommt, ein Zeremoniell, mit dem er der Weihe des Tages den Tribut zollt. Die Menge aber, die wogt, unberührt und unbeirrt von diesem Zwischenfalle, noch stundenlange im gleichen Korsotempo weiter und. weiter, und nichts deutet darauf hin, daß es ein religiöser Akt ist, der sie hieher geführt. Wir sind weit entfernt diesem symbolischen Brauch, der sich ans der alten Zeit bis in unsere Gegenwart intakt erhalten. etwa mit diesen Zeilen an den Leib rücken zu wollen, denn wir stehen auf dem Standpunkt: min btf mjia „Jedem religiösen Brauch in Israel liegt ein sinn- und lehrreicher Gedanke zugrunde"; allein die Begleiterscheinungen, die bei dem geschilderten Taschlichakte so grotesk und so auffällig hervortreten, die fordern selbst den indifferenten Beobachter zur Kritik heraus. Die beiden Neujahrstage bilden die ersten der 10. Bnßetage, sie sind der Rene, der Einkehr und der geistigen Erhebung geweiht ltnb sollen demnach möglichst mit öffentlichem Gottesdienst und gottesdienstlichen Handlungen ansgesüllt werden. Zn diesen religiösen Akten zählt auch der in Rede stehende Taschlichakt. pios nnaw man ba pbim io. heißt es in unserem Neligionskodex (Orach Chaijim Ab. 583) „Man geht am Nenjahrstage zu einem Strom und verrichtet dort das Taschlichgebet" -ppb pna an dk mai ergänzt der Kommentar „Man tut aber gut, einen Strom ausznsnchen, der sich außerhalb des Weichbildes der Stadt befindet/" was wohl sagen will, daß man dieses Gebet, in dem wir den Allgütigen um Verzeihung unserer Sünden und um die Versenkung derselben in die Meerestiefe bitten, möglichst fern vom Getriebe und Getümmel des Stadtverkehres still, geräuschlos und in tiefer Andacht verrichte. Kanu man aber das, was sich am Wiener Donaukanale abspielt, im großen und ganzen einen stillen, geräuschlosen andachtsvollen Akt, überhaupt das Prototyp einer religiösen Handlung nennen? Wir rüsten ja bekanntlich schon Wochen und Monate vorher für die hohen Feiertage und bringen so manche Opfer, um dieselben im Gotteshause mtb Familienkreise möglichst weihe- und würdevoll zn begehen, warum sollten wir gerade bei dem Taschlichakte, der ja doch mit zn den religiösen Zeremonien des Tages zählt, weder Ernst noch Würde bekunden?! Verrichten wir dieses kurze Gebet an geeigneter Stelle mit Herz und Andacht, lassen wir aber den geränschvollen, Aufsehen erregenden Straßennmzng, der geeignet ist, den Akt zn prosanieren und uns abzulenken von der heiligen Stimmung des Tages, an dem über uns zn Gericht gesessen wird, an dem vom göttlichen Richterstnhle aus unser Geschick für das kommende Jahr festgestellt und verzeichnet und über unsere Zukunft entschieden wird, an die wir so viele Wünsche und so schöne Hoffnungen knüpfen. Daniel Sk ntezky, Religionslehrer. Uerfchiedene Uachrichten. Wien. Die Eillschreibungen für den Unterricht an der Bibel- und Talmudschule der israel. Kultusgemeinde, H. Tempelgasse 3 und II. Ferdinandsstraße 23, finden Sonntag, den 2. O k t o b e r l. I. v o n 11—12 Uhr vormittags u n d Donnerstag, den 6. Oktobervon 5—6 Uhr abends im Bet-Ha-Midrasch-Lokale, H. Ferdinandsstraße 23, statt. Wien. Herrenhausmitglied Hofrat Professor G r ü n h u t hat einen schweren Verlust erlitten. Am 27. d. M. ist seine Gattin, Frau Julie G r ü n h u t, geb. Meisels gestorben. Die Verblichene war reich begabt an Geist und Gemüt, von regem Interesse beseelt für Kunst und Poesie, für alles Schöne, Wahre uud Gute und von sittlichem Adel der Gesinnung. Durch Kränklichkeit seit vielen Jahren zur Zurückgezogenheit genötigt, lebte sie in dem engen Kreise ihrer Familie. .Mit Hofrat Grünhut trauern um die Verstorbene drei Töchter, Frau Mathilde Sieghart, dir Gemahlin des Gouverneurs der Bodenkreditanstalt, Geheimen Rates Dr. Rudolf Sieghart, Frau Irene B a r d a ch, die Gemahlin des Baurates E. Bardach, und Fräulein Nora G r ü n h u t. Wien. (Allerhöchste Auszeichnung.) Der Kaiser hat den Herausgeber des der Hebung des Fremdenverkehres durch 21 Jahre mit Erfolg gewidmeten Kurortealbums Herrn Gustav Breuer durch Annahme der neuen Prachtausgabe, enthaltend das neueste, von