Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 39 (30.9.1910)
- Date
- 1910-09-30
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 39. Die Wahrheit Leite 5. hat die erste gerichtliche Instanz zu Gunsten der Eltern entschieden und die Klage der so wenig liebe- und pietätvollen Töchter glatt abgewiesen. Was man seitdem in der „Arbeiterzeitung" und im „Denlschen Volksblatt" alles über das „finstere ltnb grausame Kaftanjudentum" in Galizien lesen konnte, übertrifft sogar die berüchtigten konfusen Behauptungen des jüdischen Antisemiten. Dr. Teodor Lessing. Und nun ist es den vereinigten Bemühungen der Lueger- und Ellbogen- Diamant-Partei dieser Tage gelungen, einen Erfolg der abtrünnigen Schwestern beim obersten Gerichtshof zu erlangen. Das Krakauer Landesgericht ist beauftragt, eine Revision des Prozesses vorznuehmen und alle Einzelheiten des Familienfalles nochmals genau zu prüfen. Natürlich können die genannten Blätter mit Einzelheiten aufwarten. Und man läßt sich diese geeignete Gelegenheit, mit „Enthüllungen aus dem dunklen Galizien" zu dienen, gewiß nicht entgehen. Und nun gibt es noch naive Gemüter, die da glauben, die österreichischen „Genossen" hätten nichts besseres zu tun, als ans dem Internationalen Kongreß Resolutionen zu Gunsten der Juden zu fassen. . . Im Wiener „Fachblatt für Fleischer und Selcher" vom 10. d. M. richtet der Obmann der Fleischer-Genossenschaft. Valentin Jedek, an die Genosfenschaftsmitglieder das Ersuchen, eine Versammlung einznbernfen, um zu beraten, „wie den Vorschriften der mosaischen Koilfession inbezug auf Koschersteisch Rechnung zu tragen wäre, ohne die Fleischhauer zu schädigen". In dem genannten Fachblatte beschwert sich Herr Jedek darüber, daß der harte Kampf, den die Fleischhauer um ihre Existenz führen müssen, jenen, welche Koschersteisch ansschrotten, noch durch das Wiener Rabbinat erschwert wird. Die Schächter beziehen in Wien 2 Kronen für den Schnitt, gleichviel, ob das Tier koscher ist oder nicht. Außer dieser Schächtgebühr erhalten die Schächter auch noch Fett, Leber u. dgl. „Man bringt auch dieses Opfer", heißt es in dem Aufrufe, „weil man sonst der Willkür und der Laune dieser Leute ansgeliefert ist." Herr Jedek schließt mit den Worten: „Diesen, einer Großstadt unwürdigen, geradezu skandalösen Verhältnissen ein Ende zu machen, ist an der Zeit. Und da das verehrliche Rabbinat, obwohl dies im Interesse der Angehörigen der mosaischen Konfession liegt, die vielfachen Klagen vollständig ignoriert, so müssen wir Fleischhauer selbst daran gehen, Ordnung zu schaffen." Es ist wohl für jedermann klar, wohin Herr Jedek mit seinen Angriffen auf das Rabbinat steuert. Er will einen Sündenbock für die Fleischteuerung finden, und da es wieder einmal gegen die Juden geht, erwartet er in den Kreisen seiner Gesinnungsgenossen allgemeine Zustimmung. Dagegen müssen wir natürlich auf das entschiedenste protestieren, aber trotzdem kann nicht geleugnet werden, daß Herr Rabbiner Meyersohn in der Behandlung der Koschersteischsrage bisher keine besonders glückliche Hand gezeigt hat. Klagen auf allen Seiten. Weder die Konsumenten, noch die Fleischhauer, noch die Schächter sind zufrieden und zudem eine ziemlich hohe Belastung des Budgets der Kultusgemeinde, die ein ganzes Heer von Schochtim erhält für Dienstleistungen, die nach Ausspruch kompetenter Fachleute ein Drittel derselben verrichten könnte. Da sollte denn doch der Kultusvorstand sim in dieser Frage nicht nur beim Rabbinat sondern auch bei Fachmännern Rat -und Aufklärung suchen. * * Von Jofef Kain z, dem vorige Woche leider so früh Heimgegangenen großen Künstler, erzählt ein Freund des Verstorbenen in der „N. Fr. Presse" folgetiden schönen Zug wahrhafter und edler Menschlichkeit: „Von einer anderen Art dieser Herzensimpulsivität, die aber mit einem Denkprozesse in Verbindung war und aus einer überzengnngsstarken Lebensanschanung hervorbrach, belehrte mich ein Vorfall, dessen Zeuge ich war, gelegentlich jenes Massendnrchzuges russischer Juden, die, vor den Schrecken der Pogroms flüchtend und über die österreichisch-ungarische Grenze getrieben, durch Oesterreich den Weg nehmen mußten, sich neue Heimatsstätten zu suchen. Der Zwangstrieb der schreienden Not alarmierte die öffentliche Wohltätigkeit, daß sie nach allen in solchen Fällen möglichen Hilfsmitteln griff. Natürlich auch nach den nie versagenden Lockungen der Tonnnb der Sprechkunst. Ein großes Konzert mit pompösestem Programm wurde im großen Musikvereinssaale arrangiert und Kainz zur Mitwirkung gebeten. Ich war zufällig bei ihm, als ihm diese Einladung durch zwei Komiteeherren überbracht wurde, mit denen er sich in ein lebhaftes Gespräch über das blutig-grelle Ereignis einließ und es von der kulturellen wie von der politischen Seite erörterte. Denn er gehörte zu den nicht allzu zahlreichen Bühnenkünstlern, deren Horizont nicht von dem dekorativen Theaterhintergrnnd begrenzt ist und die den Blick und den Sinn offen haben für die Universalität der Weltvorgänge. Dabei hatte er eine Unerschrockenheit der eigenen Meinung, der nie bangte, sich in offensten Widerspruch mit herrschenden Strömungen und Gewalten zu setzen. Im Laufe der Konversation beschäftigte er sich auch mit dem Konzertprogramm und fragte, ob man denn nicht daran gedacht habe, einen unserer großen Gesangvereine zum Beitritt aufznforderu, und er nannte einen bestimmten Verein. Als ihm nun darauf geantwortet wurde, das habe man nicht riskiert, weil man sich keiner Ablehnung habe anssetzen wollen, da der Zweck des Konzertes den Vereinsmännern wahrscheinlich nicht passen würde, brauste Kainz in einer Weise aus und eine Entrüstungsstamme loderte in ihm empor, wie wenn ihm eine persönlichste Ungeheuerlichkeit widerfahren wäre: „Was, wenn Menschen in solcher Not siltd, wird erst darum gefragt, welcher Art Menschen es sind und woher die Not gekommen?!" Zornig rannte er im Zimmer auf und ab, und als die Herren sich dann seinen Entschluß erbaten, schrie er sie förmlich an: „Da fragen Sie noch? M i l g e w i r k l hätte i ch j a i n j e d e m F a l l e, jetzt aber, nachdem ich das gehört habe, doch gar — jetzt zwei- und dreimal, Wenns nötig ist!" Er trat gar hitzig für alles ein, was ihm als Menschheits- und Meuschlichkeitsrecht erschien." * Das in Bozen erscheinende klerikale Blatt „Der Tiroler" hat jetzt erst die liefere Ursache für den Brand des Hotels am Karersee entdeckt. Wie es schreibt, hat der Herrgott selbst den Brand veranlaßt für die Sünden der Fremden, die in ihm wohnten und angeblich die „Mutter Gottes" beleidigt haben: „Am 15. August d. I. wurde das große Hotel am Karersee ein Raub der Flammen, und immer lauter hören wir in der ganzen 11mgegeud den Ruf: „Das war eine Strafe Gottes!" Mehrere Hunderte von Fremden hielten sich zur Sommerszeit in jenem Hotel auf, unter denen eine große Anzahl dem Volke Israels entstammte. Schon länger soll (!) eine Sippe dieser Fremden (aus Juda-Pest?) gerade den 15. August, das Fest Mariä Himmelfahrt benützt haben zur Verhöhnung der Marieuverehrung. Besonders arg wurde dies am 15. August 1909 getrieben, wo dies fremde Gelichter sich erfrechte, in blasphemischer Weise eine Spottprozession zu halten auf die Himmelfahrt Marias. Es wurde nämlich eine „Dame" in Prozession um den Karersee herumgetragen, und bereits hatte diese nämliche Gesellschaft beschlossen, heuer zur Verhöhuug der Krönung Mariens eine solche Dirne am 15. August auch noch zu krönen. Aber die Langmut Gottes scheint zu Ende gewesen zu sein; es griff eine höhere Macht ein und setzte diesem empörenden Frevel selbst die Krone auf, die fürchterliche Feuerkrone, unter der am selben Feste, den 15. August 1910, das ganze Hotel am Karersee, das solche infame Lästerer in seinen Mauern barg, bis auf den Grund zusammeubraunte. Daß die Verwaltung dieses Hotels oder das Dienstpersonal über den Skandal nicht besonders informiert sei, wollen wir gern zugeben". Ueber diese fraglos acl hoc erfundenen Geschichten auch nur ein Wort zll verlieren, wäre wohl müßig. * * $ In den Kreisen der konservativen Gesinnungsgenosieit der „Kreuzzeitung" scheint sich eine Abkehr von den ihnen nahestehenden antisemitischen Parteien zu vollziehen. Das genannte Blatt macht nämlich in.einer Polemik gegen das Organ des Evangelischen Bundes folgende bemerkenswerte Aeußerungen über den Antisemitismus: „Soweit der Evangelische Bund sich zum Schutze des evangelischen Glaubensinhaltes unserer Kirche auf unsere Seite stellt, werden wir ihn als Bundesgenossen schätzen und ehren; aber die Erregung k o n f e s s i o n e l l e r Leiden- -7