Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 39 (30.9.1910)
- Date
- 1910-09-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3063520-3063559--06885-3073926- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seile 4. Die Wahrheit Nr. 39. wir unser« Mitmenschen zn, daß anch sie der Schofarklang der Menschlichkeit, der Gerechtigkeit und freien Entwicklung aller guten Ideen auf der Wacht gegen die Finsternis und den Rückschritt finde, im Kampfe gegen alle jene, die unter der Hülle der Menschenfreundlichkeit und scheinbaren Verteidigung der Volksrechte und Beschützung religiöser Gefühle und Ueberliefernngen, das Volk hiutergehen und ansbeuten und die Religion schänden. Im Kampfe gegen diese Freibeuter mögen alle Konfessionen einig Vorgehen, um das höchste Gut, die wahre Religiosität, die notwendige Gewissens- und Wissensfreiheit zn wahren und zu hüten! Das gebe uns Gott im neuen Jahre! Dr. L. H i r s ch-Krnmmau. Aus der Woche. Selten hat sich im Laufe der letzten zehn Jahre eine so günstige politische Konstellation ergeben, um der antisemitischen Partei ein Mandat zn entreißen, wie es gegenwärtig bei der Leopoldstädter Landtagswahl der Fall ist. Die Rückwirkung der Hraba-Affaire, die allgemeine Unzufriedenheit über die enorme Teuerung der Lebensmittel, die Härten der vom Landes-Ausschusse beschlossenen neuen Biersteuer, und zuletzt anch die Teilung in der Partei selbst betreffs der Kandidatenfrage — dies alles hätte zusammengewirkt, um die freiheitlich-bürgerlichen Parteien im Bezirke, vorausgesetzt daß sie unter einer Flagge kämpften, zumindest in der Stichwahl, zn sicherem Siege zn führen. Allein selbst die geringste Hoffnung ans Einigung ist heute geschwunden. Sie wurde vernichtet durch die Herrschsucht der Freiheitlichsozialen und die Hartnäckigkeit ihres Führers Doktor Ofner. Einen Verrat an der Sache des Freisinns hat er jüngst in einer Wählerversammlnng die Zerspluiernng genannt, aber damit nur ein Urteil über sich selbst und seinen Anhang gesprochen. Denn gerade Dr. Ofner ist es gewesen, der jede Diskussion über die Aufstellung eines gemeinsamen Kandidaten ablehnte und damit jede Verständigung mit dem „Donauklub", dem der größte Teil der jüdischen Wählerkreise Gefolgschaft leistet, unmöglich gemacht. Das wird man sich merken müssen und besonders die jüdischen Wähler werden diese Tatsache bei Abgabe ihres Votums im Auge behalten. Welches Interesse kann übrigens den jüdischen Wähler mit einer Partei verbinden, deren Programm, vollPhrasen über Freiheitnnd allgemeine Menschenrechte, den katholisch Geschiedenen wohl seine Sympathien bekundet, aber trotzdem sie ein Mandat nur durch Juden erreichen kann, den jüdischen Standpunkt vollkommen negiert, ja sogar den religiös überzeugten Juden in die Mauern des Ghetto zurückweist? Unter solchen Umständen kann für den jüdischen Wähler, der mit seinem Votltin bei der Wahl seiner innersten Ueberzengnng Ausdruck leihen will, kein Zweifel mehr bestehen. Da die Aufstellung eines Kandidaten mit rein jüdischem Programme gar keine Chancen böte und eine weitere Zersplitterung der Stimmen nur die Aussichten des antisemitischen Gegners verbessern würde, soll er einzig und allein den Kandidaten des „Donauklub", Gemeinderat Dr. Alfred Mittler wählen. Gemeinderat Dr. Mittler, dessen fortschrittliche Gesinnung unanfechtbar ist, hat sich durch eine Reihe von Jahren als glänzender Debatter und unermüdlicher, manchmal auch erfolgreicher Kämpfer gegen die Uebergriffe der herrschenden Partei im Wiener Rathause bewährt und er wird auch sicherlich, wenn es ein besonderes Interesse seiner jüdischen Wähler wahrzunehmen gelten sollte, mit der ihm eigenen Energie und Unerschrockenheit als Jude frei und offen für seine Glaubensgenossen eintreten. 4- * * lieber die engen Beziehungen zwischen Sozialismus und Antisemitismus macht der „Israelit", besonderes unter Berücksichtigung der österreichischen Verhältnisse, folgende treffende Bemerkungen: „Einige nationaljüdische Zeitungen regen sich darüber auf, daß der jüngsthin zu Kopenhagen abgehaltene Internationale Sozialistenkongreß, der in einer geharnischten Resolution die unterdrückten Polen und Finnen seiner Sympathie und werktätigen Hilfe versicherte, von den Inden ganz schwieg, als gäbe es keine Juden und keine Judennot in der Welt. Uns mutet diese Entrüstung doch etwas naiv und weltfremd an. um so mehr, als der Referent über dieses Thema und Verfasser der oben erwähnten Resolution, Dr. Ellbogen, zu jenen „konfessionslosen" Sozialdemokraten Wiens zählt, die von Judentum nur dann sprechen, wenn sich Gelegenheit bietet — und sie bietet sich im parteikampflustigen Oesterreich sehrhäufig — Waffenbrüderschaft mit den Antisemi ten zn schließen. Nicht als ob uns ein Eintreten von dieser Seite für unsere unterdrückten Brüder besonders erwünscht wäre. Anch im Osten ist es nicht der Umsturzgedanke, an den die überwältigend große Masse der Trengebliebenen ihre Hoffnungen knüpft, vielmehr weiß man anch hier aus Erfahrung, daß einzig ans der friedlichen Eulwickluug der Freiheitsidee i m Rahmen der auf Recht und Menschlichkeit b egründeten gesellschaftlichen Ordnung den Juden Heil entstehen könne. Und den Wenigen unseres Stammes, die, zn unserem Leidwesen, in weiter Umgehung der jüdischen Welt und der Fülle der ans derselben uns erwachsenden Aufgaben, sich mit großer Geberde zu Wortführern fremder Ideen und fremder Not aufspielen, kann man, im Grunde genommen, nur Dank dasür wissen, daß sie bei ihrer solcherart entfalteten öffentlichen Tätigkeit ihr Judentum so behutsam als nur möglich verschweigen. . . Aber ad notam muß darum zur Orientierung und Aufklärung unkundiger Kreise bei dieser Gelegenheit das unnatürliche Zusammenarbeiten von Sozialismus und Antisemitismus denn doch genommen werden, um so mehr, als diese Erscheinung von der jüdischen Oeffentlichkeit noch viel zu wenig beachtet und gewürdigt wird. Wie könnte man sich anch anders in jüdischen Kreisen noch über eine jndenreine sozialdemokratische Resolution verwundern und entrüsten? Zumal in Oesterreich, wo das Parteiorgan, „Die Arbeiterzeitung", nicht nach Muster des reichsdentscheu Genossen, des ..Vorwärts", sich mit kleinen Sticheleien gegen die „hebräischen Händler" nnd gelegentlichen Ausfällen gegen das „jüdische Kapital" begnügt, sondern offen und bewußt in Antisemitismus macht. Wozu hätte man anch einen Dr. Ellbogen nnd noch einige v e r w i e n e r t e Galizier in der Partei, wenn man sich nicht mit galizisch jüdischen Problemen — im Sinne des seligen Luegers — befassen wollte? Man bedenke, die Enquete steht vor der Türe. Alle Welt spricht vom Elende der galizischen Inden.. Tausende jüdische Schanker sind brotlos. Fragebogen sind versandt, die alle Punkte enthalten, welche der Hilssaktion zu Gunsten der Notleidenden als Grundlage dienen sollen. Nur die „Arbeiterzeitung", die gestempelte Beschützerin des Proletariats, kennt das jüdische Elend nicht. Die brotlosen jüdischen Schanker nnd die darbenden jüdischen Arbeiter und Handwerker lassen sie genau so kalt wie die verzweifelten Eltern durch das Kloster entführter Mädchen. Sie, die „Kämpferin für Recht nnd Freiheit", hat weit Besferes zu tun. Und spricht sie einmal von den Juden in Galizien, so kann sie sich die Sache ungleich leichter machen: sie versieht die Ausfälle des „Deutschen Volksblatt" gegen die „galizischen K a f t a n j n d e n" mit einigen passenden Kraftausdrücken aus dem sozialdemokratischen Lexikon und tischt sie so, in das Sozialistische übertragen, in neuer verböserter Auflage anch ihren Lesern auf. Und die Gelegenheit dazu ist wieder einmal sehr günstig, geradezu verführerisch. Der Fall der S ch w e st e r n Kluge r, die gegen den Willen der Eltern in so renitenter Weise ihr „Selbstbestimmnttgsrecht" geltend machten, ist unsern Lesern bereits bekannt. Zur drastischen Bezeichnung der sozialistischantisemitischen Gemeiuarbeit seien in unserem Zusammenhang nur noch einige Namen aus der Geschichte des Falles genannt: Der Abgeordnete, der das tragische Familiendrama auf dem Forum des Parlamentes in die breite Oeffentlichkeit gezerrt hat, war der Sozialist Dr. Diamant nnd ihm hielt vom ersten Augenblicke an treu die Stange die gesamte antisemitische wie die s o z i a l d e m o k r a t i s ch e Presse Oesterreichs. Bekanntlich