Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 38 (23.9.1910)
- Date
- 1910-09-23
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10. Die Wahrheit Nr. 88. Am Brückenkopf blieb er stehen. Ein greller Lichtstreif ward sichtbar. Dann rasselte das Fuhrwerk weiter. Der Zöllner hatte seine Pflicht getan. Er aber erwachte aus seinem Vergessen, die starren Hände lösten sich vom naßkalten Gitter. „Ewig so fortträumen!" Sehnsuchtsvoll blickte er in die Fluten. Mit einem Male aber durchzuckte es ihn markig kraftvoll, ein aufschäumendes Lebensgefühl durchjauchzte ihn. „Leben!" schrie es in allen Fasern. Er schritt über die Brücke; schwer, gedämpft hallten die Schritte in die Nacht. Jenseits des Flusses blieb er stehen. Bor ihm lag die Kreuzung. Der eine Weg führte ins Städtchen, der andere ins Nachbardorf. Mechanisch hatte er jenen betreten wollen. In. die Stadt? Was wollte er dort, wo er kein Heim, keinen Menschen sein nennen konnte. Alles, alles halten sie ihm weggerisfen! Grimmige Bitternis überkam ihn. Der kühle Regen nieselte herab. Ihn fröstelte. Unmöglich konnte er im Freien nächtigen. Lieber wollte er ins Dorf, das zwei Stunden weit lag und Otzko aufsnchen, dem der Vater soviel Gutes getan; der würde ihn schon aufnehmen. Mitten durch die traurig graue Nacht eilte er, der jüngste Sohn des fürstlich reichen Moses Kossovs am Abende des Versöhnungstages. Die schaurigen Bilder des Tages leuchteten in ihm auf, als er einsam dahinschritt. Er konnte es nicht fassen, diesen jähen Wechsel, dieses rasche Erlöschen des Glücks. Mit seinem ganzen Zauber war Jom Kippur angebrochen, hatte die Menschen mit Frieden und 'Entsagung erfüllt, ihren Sinn auf Versöhnung gelenkt. Galt es doch eine dreifache Versöhnung: mit Gott, sich selbst und den Nebenmenschen. Die aber war die schwerste, eben weil sie nur Menschen waren. Sollten sie ja all denen verzeihen, die ihnen Unrecht getan, denen, die sie haßten, die ihre Feinde im Leben waren. Und doch, tausende taten es, vollbrachten es mit freudiger Ueberwindung. Denn Jom Kippur waltete mit seiner Zaubermacht, die die Herzen weihevoll umhüllt. Auch im kleinen Städtchen Moses Kossovs war's so gewesen. Wie ausgestorben hatte das Judenviertel ausgesehen. Stiller Friede umschlang es, sonniger Feiertagsfriede umschimmerte Straßen und Häuser. Mittags, wenn die Sonnenglut vom Himmel auf. die Getreidefelder herabströnit und wir ganz allein da draußen sind, sind wir so sehnsuchtsvoll beklemmt und doch grenzenlos weit gestimmt. So wenn wir durch die Stille der Gassen schritten. Niemand zu sehen, kein Laut dringt ans Ohr. Und es scheint wie in jenem Märchen, in dem es heißt: „Und in tausendjährigen Schlaf war alles versunken." So versonnen, mittelalterlich gnckl jedes Ding erstaunt in die Welt, als habe es sich die Augen gerieben, die noch schlaftrunken sind. Nur in der Synagoge herrschte Leben. Keiner fehlte dort; ließ es sich doch niemand nehmen, an diesem großen Tage sich vom gemeinirdischen Alltagsleben abzukehren. Sie beteten, beteten endlos. So deutlich sah er, wie er neben seinem Vater und den beiden Brüdern gestanden; die Weihe der Verklärung lag über alle. Eben hatte der greise Rabbiner mit leiser betender Stimme gesprochen; hatte vom Frieden auf Erden gepredigt, von der -Liebe der Menschen. Leise bebend waren die Worte verklungen, fanden den lautesten Widerhall bei jeglichem. Und dann! Ja, da war der greise, kranke Judenjakob erschienen. „Sie sind da, rauben, plündern. . ." Mehr hatte man nicht verstanden. Tot brach er zusammen. Doch sie ahnten das Fürchterliche. Alle hatten sie auf seinen Vater geblickt, als müsse von ihm Rettung, Erlösung kommen. Wie dann der Edle gesprochen, wie er sie entflammt, ihre Teueren, ihr - Heim, sich selbst zu verteidigen. Und als sie noch zögerten, erinnerte er sie, wie die Inden einst am Sabbath angegriffen worden und gekämpft hatten. Und dann! Mitten am Wege stand er still! Das entsetzliche Bild tauchte vor ihm auf, wühlte von neuem in dem jungen schmerzdurchzuckten Herzen. Alle waren sie niedergemordet, gemetzelt, geschlachtet worden. Wie die Bestie, die einmal Blut gekostet, wüteten die Verfolger, labten, erquickten sich am Blute der Unschuldigen. Sein Vater, seine Mutter, die beiden Brüder erschlagen, tot; sie waren nicht mehr. Sie hatten doch nichts verschuldet, sie waren ja die edelsten, besten Menschen gewesen, immer auf andere bedacht. Für andere hatten sie sich geopfert. Nun lagen sie getötet, und er war allein. Der Schmerz krampfte ihn zusammen, würgte ihn, daß er zu ersticken fürchtete. So wund, zerrissen war'S in seinem Innern. Er klammerte sich an einen Baum, preßte seine Stirne an die rauhe, nasse Rinde, daß es ihn schmerzte. Und dieser körperliche Schmerz tat ihm sehr wohl. Erschöpft schleppte er sich weiter. Als er ins Dorf kam. War es schon spät nachts. Der Wind war zum Sturme angeschwollen, der die schwarzen Wolkenfetzen .vor sich hinjagte. Bisweilen ward der Mond sichtbar. Dann überzog ihn wieder der schwarze Trauerflor, als täte ihm die weiße Helle weh. — Um Mitternacht aber, so erzählten die Leute jener Gegend, leuchtete der Himmel in blutigem Not ans und es widerhallte vom Stöhnen der Sterbenden, die Vergeltung herabgefleht um die Mitternachtsstunde des Tages der Versöhnung. Josef Kossov traf Otzko nicht mehr an. Die Kunde von dem Entsetzlichen war ins Dorf gedrungen, hatte die wenigen Familien aus ihrem Heim getrieben. Nur der stumme David war geblieben. In seiner engen Stube saß er, brütete vor sich hin. Dann und wann zog über das runzelige, verwilderte Gesicht ein wehes Zucken. Lange stand Josef Kossov am Eingänge, wollte den Stummen nicht anfscheuchen. David stand auf, keuchte schwer zum Fenster; er zuckte zusammen, als er den langen dunklen Schatten draußen bemerkte. Vielleicht glaubte er, die Verfolger seien da, sein Ende sei gekommen. Ueber sein Gesicht huschte eine Verklärung, die dem Krüppel göttliche Glorie gab. Da trat Josef ein. Er mußte nicht erst erzählen; aus seinem Auge glänzte warmfühlender Anteil. Der Alte war Moses Kossov zu großem Danke verpflichtet; Kossov hatte ihn gerettet, als er nach Sibirien als politischer Agitator hätte verbannt werden sollen. Er wies nach, daß der Unglückliche stumm war, nicht dieses Gebrechen nur vorspiegle. Der Dank war still, aber umso heißer. Treu bewies er es an dem Sohne feines Wohltäters. Als sie kamen, die Brüder ans dem Westen, um zu helfen und Josef Kossov fanden, nahmen sie ihn mit nach dem Kultureuropa. Der stumme David reichte dem Wegziehenden traurig die Hand; dann zog er sich in die Stube zurück und sein Leben dämmerte von neuem dahin. Für Moses Kossovs jüngsten Sohn kam jetzt ein fremdes Leben. Er, der Verwöhnte, der bisher nur Reichtum und Ueberflnß gekannt hatte, lernte jetzt nicht gerade Entbehren, aber das trockene, schnurgerade Leben des täglichen Brotes kennen: arbeiten, ziehen an der Schnur, daß sie nicht locker werde, und dann müdmatt das spärliche Essen verzehren, damit am nächsten Tage das Rad gleichmäßig weiterlanfe. In diesen Stunden aber hatte er ein kostbares Gut, an dem er sich stärkte, die Erinnerung an seinen Vater. Ueberreich wie er gewesen, hätte er in einem anderen Lande freier, besser leben können, seine Freunde hatten ihn aufgefordert, Rußland zu verlassen. Aber der wahrhaft Gute sagte dann immer, er lasse dadurch die Juden des Städtchens schutzlos zurück. Wie oft hatte ihn Josefs Mutter an die Familie gemahnt, „Bis die Kinder älter werden." Sie waren alle herangewachsen, doch Moses Kossov und die Seinen waren geblieben. Unermüdlich hatte er mit aller Kraft geholfen; drohte den Juden ein unheilvoller Erlaß, waren sie in Kummer und Unglück, Moses Kossov war immer bereit, denn er war ein kluger Kopf und reicher Mann. Aber er besaß noch ein Drittes. Ein gutes Herz, das warm fürs Judentum schlug. Deshalb liebten ihn alle und dies war ihm hinreichender Lohn für seine Mühen, sein Schaffen. An diesen Vater dachte in den traurigen Stunden Josef und das Erhabene des Vaters warf in seine Seele klaren Widerschein. Er hatte denen, die ihn um sein Glück gebracht, geflucht; aber mit der Zeit dachte er milder, und als Jahre vergingen, hatte er ihnen verziehen. Ein schönes Licht hatte die Erinnerung an den Vater in ihm entzündet. Der Wunsch beseelte ihn, die anderen vor demselben Schicksal, das ihn ereilt, zu bewahren. Andere glücklich machen! Das war das herrlichste im Menschenleben. Wenn er so dachte, dann zuckte er plötzlich zusammen: wie sollte er, der Schwache, Armen helfen? Ungestillte Sehnsucht zog bei ihm ein. (Fortsetzung folgt.) I