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Die Wahrheit · 1910-09-23 · Heft 38 (23.9.1910) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 38 (23.9.1910)
Date
1910-09-23
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 36. Die Wahrheit Seite 9. jeschorim, föimteit auch wir uns mit der Krone des Märtyrertums schmücken, wären auch wir fähig, uns-für die erhabene Gottesidee, für den reinen, geläuterten Gottesglanben bereitwilligst zu opfern, dann usski ackrisi komauhu, würden auch wir gleich jenen einer schönen glorreichen Zukunft entgegengehen und nicht spurlos ans der Geschichte schwinden." .Ich habe dich gerltsen lokauw ojwai, meine Feinde zn -verwünschen, der Verachtung preiszngeben — rief Balak entrüstet ans — und du segnest und verherrlichst sie. Wohl kann ich es nicht leugnen, daß die Gottesidee eine erhabene und Israel in seiner Gesamtheit ein großes edles Volk sei, allein die einzelnen Juden haben ihre Fehler, sie sind engherzig, intolerant, unduldsam, fanatisch und abergläubisch. Fasse nicht das Judentum in seiner Gesamtheit, sondern das Tun nnd -Lassen der einzelnen Jllden ins Auge — efes kozeku tirek -weckullau lau soeek — dann wird es dir wohl ein leichtes sein, über die Gesamtheit den Stab zn brechen. Du brauchst nur die Fehler der Einzelnen zu generalisieren und sie sind alle geschlagen. Wekonau li misckom. Von diesem Standpunkt aus betrachtet, wirst du sie auf die leichteste Weise verwünschen können." (Fortsetzung folgt.) Verschiedene Nachrichten. Wien. Die Eiuschreibuilgeil in die hebräische Bibelschule für Mittelschüler finden Sonntag, den 24. September d. I.. um 9 Uhr vormittags, I. Seitenstetrengasse 2, 2. Stock (Religionsschule), statt. Wien. (Verein „Io II 1a 8 Llansorirn.") Gottesdienste für die Jugend siuden an den hohen Feiertagen statt: I. Seitenstectengasse 2 (Religionsschule), II. Ferdinandsftraße 23 (Beth Hanndrasch), II. Malzgasse 16 (Talmud-Thora), II. Tempelgasse 3 (Bibelschule), VI. Kollergerngasse 1. XVIII. Schopenhanerstraße 39 (Kleines Berhaus). XIX. Probnsgasse.2 (Waisenhaus), XX. Klosternenburgerstr. 14, 1. Stock. Die Verteilung der unentgeltlichen Eintrittskarten erfolgt in den betreffenden Lokalen. Erwachsene haben keinen Zutritt. Betstunden wie in den Bethänsern der israel. Kultnsgemeinde. Wien. (Festlicher I n g e n d - G o t t e s d i e n st.) Wer am verflossenen Sabbath in den einzelnen Bezirken in der Näbe unserer großen Gotteshäuser sich aufhielt, konnte über das massenhafte Zuströmen der festlich gekleideten Knaben und Mädchen sich nicht genug freuen und in die Tempel selbst hätten wir große Meister des Pinsels zur Betrachtung des schönen Bildes der frischen weihevoll gestimmten Jugend uns gewünscht. Das voll freudiger Erwartung den Tempel füllende Jnng- Jsrael zil sehen, im Geiste festznhalten und später aus die Leinwand zu zaubern, wäre des Schweißes der Edlen wert gewesen. Durch die Kinder werden auch deren Eltern, die nicht mitgekommen waren, dem Väterglanben näher gerückt. Eine Freude jedes ehrlichen Tempelbesuchers, daß die in der Sommerszeit meist schwach besuchten großstädtischen Gotteshäuser zum ersten Male wieder dicht besetzt waren. Und nur eines Winkes bedurfte die Jugend seitens ihres Religionslehrers und freudig waren sie alle herbeigeeckt. Wir wohnten im altehrwürdigen, innen in Weiß und Gold — nach des sel. Baurates und Vorstandes W. Stcaßuys Entwurf — gehaltenen Stadttempel der ersten Jngendandacht bei, hörten die freudig vibrierenden, ihre Gebete Vortragenden Kinderstimmen und lauschten mit unserer Jugend den ihr dort gebotenen religiösen Vorträgen. Voller Teilnahme hörte hier die junge Gemeinde nach Erklärung des Textes von dem Verluste dreier bedeutender Männer in den äbgelaufenen Ferien, des Baurates W. S t i a ß n y, des Hofrates Professors O s e r und des ehrw. Rabbiners Dr. David. Bei der Schilderung des Wirkens dieser um unsere Großgemeinde hochverdienten Männer durch den Vortragenden, Professor Moriz A n t s ch e r l, konnte man manche stille Träne den unschuldigen Kinderaugen entquellen sehen, es war unverfälschter Dankestribut. dem Andenken edler Männer dargebracht. Nach empfangenem Priestersegen und dem Schlußgebet — die kantorale Funktion hatte Herr Kaukor Menkes — trennte sich die junge Gemeinde nur schwer von den altehrwürdigen heiligen Räumen, die ihr schon frühzeitig so lieb und teuer geworden sind. Wien. Freitag, den 16. d. M. wurde Herr' Oberkantor Salomon S i l b e r m a n n zu Grabe getragen. Mit ihm schied ein Mann aus den Reihen der Kantoreuschaft, der den Typus eines Kantors im Sinne S u l z e r s darstellte, dem Sulzer selbst das beste Zeugnis ausgestellt hat. Begabt mit einem herrlichen dunkeln Bariton von berückender Klangfarbe, wußte er namentlich in seiner Jugend auf seine Zuhörerschaft sehr eiuzuwirken. Obwohl selbst polnischer Abstammung schien ihm das sogeuaunte Polnischsingen nicht das Ideal eines modernen Kantors, fand er es mit den Begriffen eines solchen nicht vereinbar. Salomon Silberrua n n hatte seine Studien am Berliner Konservatorium bei Professor Stern absolviert, worauf er in mehreren Gemeulden Oesterreichs, darunter Tarnow, Kremsier, Goltsch-Jenikau und Krems, überall anerkannt, wirkte. Vom Glück war dieser brave, rechtschaffene Mann wenig begünstigt, seine Laufbahn bildete eine Kette von Ungemach, unverdienten Kränkungen und schiveren Schicksalsschlügen, und erst die letzten Lebenslahre wurden ihm durch die Dankbarkeit seiner braven Söhne, von denen der älteste Kapellmeister in Stockholm ist. verschönt. An seinem Leichenbegängnisse beteiligten sich die Kantoren Baffer, F r i e d l ä n d e r, S m o t r i tz k y. S e g a l l. Weiß und Schiller, ferner die Knltnsbeamten Förster und Kraus. Die kanroralen Funktionen versahen die Oberkantoren Fuchs und B a s s e r in ergreifender Weise, während Herr Rabbiner Dr. Bach dem Verblichenen tiefempfundene Worte des Abschiedes widmete. Baden. Am vergangenen Freitagabend hatten wir Gelegenheit Herrn Oberkantor Leon R o s e n z w e i g — bis nun in Großwardein in Wirksamkeit — beim Gottesdienst m der hiesigen Synagoge zu hören. Herr R o s e n z w e i g, der im Besitze einer sonoren nnd umfangreichen Stimme und eines gleichsam bedeutsamen Fachwissens ist, fand durch seinen fesseliiden Vortrag sowohl der modernen als traditionellen Rezitativs allgemeine ungeteilte Anerkennung und stehen wir Nicht an, den Badener Knltnsvorstand zu dieser trefflichen Aqnlsition nach langer vergeblicher Probezeit herzlichst zu beglückwünschen. Herr Rose u zwei g, der für die weiteren Fuiikrioueu in Aussicht genommen ist, wird au den herannahenden, hohen Feterragen noch in erhöhtem Maße in der Lage sein, erschöpfende Proben seiner Leistungsfähigkeit geben zu können. 8. Czernowitz. Am 15. September 1910 hat die Konstituierung des KultusrareS narrgefuilden und sind hiebei folgende Funktionäre gewählt worden: 1. Zum Präses Herr Dr. Benno Straucher, 2 zum Präies- Stellvertreter Herr Dr. Adolf L e l r e r, 3. zum Obmann der Knlrussekrion Herr Josef B l u m. 4. zum Obmann der Unterrichtssektion Herr Salomon W e i n st o ck. zum Obmann der Wohlrärigkeitsfektion Herr Dr. Jakob Ausländer, zum Obmann der Finanzsekrion Herr Bernhard F l e m m i n g e r und zuiti Obmann der Spitalsnnd Friedhofssektion Herr Dr. Berthold Frucht. Naab. Am 9. d. M. ist unser altverehrter Oberkautor, Herr Adolf Szanto, nach vieljähriger ausgezeichneter, und anerkannter Wirksamkeit in uuserer Gemeinde im 58. Lebensjahre gestorben. Mit ihm ist einer der hervorragendsten Repräsentanten des Kantorenrums dahingegangen. Das Leichenbegängnis fand am 11. d. M. unter überaus großer Beteiligung der Gemeinde statt. Berlin. Das Leichenbegängnis des durch einen tragischen Unglücksfall plötzlich dahingeschiedenen Geschäftsführers der deutschen Konferenzgemeinschaft der „Alliance Jsraelite Universelle", M. A. Klausner, der eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der dentschen Jndenheit war, hat am 11. d. M. unter kolossaler Teilnahme starrgefniideli. Trotz des schlechten Wetters zog eine unübersehbare Menschenmenge nach dem jüdischen Friedhof in Weißensee und nur ein Teil der Tranergäste konnte in der Friedhoshalle Platz finden. Nach Bortrag der üblichen Trauergesänge durch Kantor und Chor gab Rabbiner Dr. Eschelbacher »nt tränenerstickter Stimme dem tiefen Schmerze und der Trauer der Hinterbliebenen sowohl wie der Berliner Jndenheit ergreifeilden Ausdruck. Darauf sprach Rabbiner Dr. Weiße im Namen der „Alliance". Er schilderte die großen Verdienste des Verblichenen um diese Gesellschaft; seine hingebungsvolle Opferfreu'oigkeit, wenn es galt, das harte Los seiner Brüder zn lindern, sein innerstes Mitempfinden mit dem Leidenden, seine glänzende. vielfältige Begabung, die er rastlos in den Dienst des Judentums gestellt harte. Gesenkten Hauptes steht die Trauergemeinde; die Gesichter drücken riefe Ergriffenheit aus. Dann setzte sich die Menge langsam in Bewegung, um sich mit den vor der Halle Wartenden zu einem Zuge zu vereinen. Lautes Schluchzen erschallte, als der Sarg in die Gruft gesenkt wird. Rabbiner Dr. Eschelbacher legte als Erster ein Häuflein Erde darauf. Es folgten dann die nächsten Angehörigen, die Spitzen der Gemeinde und der großen jüdischen Organisationen, sowie viele Vertreter der Literatur und Wissenschaft. Zom Kippurs Zauvermacht. Bon Eduard Kaufmann. Die Dämmerung war über das Städtchen am Flusse herabgesuukeu. Nebel stiegen vom Wasser aus. lvallten empor wie dickmassige Wolken, erst rascher, dann langsamer. Daraus zerflossen,- verrauchten sie. Vom melancholischen trübgranen Himmel ging ein staubseiner Regen herab, eintönig, einschläfernd. Ein dumpfes Platschen, wenn der Fuß über den durchweichten Boden schritt. Es war kalt, feuchlkalt; überall ein Herbsteln. etwas vom Tode. Durch den Nebel drang hie nnd da gedämpst der Lärm des Städtchens; aber das Brausen des Flusses verschlang ihn eifersüchtig. Zuweilen flackerte das Licht einer Petroleumlampe auf. Man sah nur die Flamme, wie sie im Nebel um sich züngelnd schwebte. Etwas Gespensterhaftes lag darin; und man erwartete, daß alles plötzlich in rotgelbe Flammen anfgehen müsse. Ans der Brücke über den Fluß stand ein junger Mensch, eng ans Brückengitter geschmiegt. Seine Hände umklammerten krampfhaft das Eisen. Er hörte das Rauschen, sah das Gleiten des Wassers. Und er war herzzerreißend unglücklich. Er blickte ins Wasser; es rollte, j rollte weiter, friedlich unbekümmert in aller Ewigkeit. Sein! starrer Schmerz lockerte sich zum bangen Weh. Dann löste er sich, mildleicht ward ihm zu Mute. Er sah dem Fließen des Wassers nach, das auch gluckste, als habe es seinen Jammer verschluckt, und er vergaß. Plötzlich rasselte ein Wagen daher.

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