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Die Wahrheit · 1910-09-23 · Heft 38 (23.9.1910) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 38 (23.9.1910)
Date
1910-09-23
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 Die Wahrheit Nr. 38. Alles in allem: der Antisemitismus betätigt sich heute in Oesterreich nicht mehr so wild wie in der Zeit von 1885 bis 1900. Für ihn gilt jedoch das Sprichwort, daß die stillen Wasser tief sind. Es wäre unverzeihlich, wenn man sich durch die äußere Ruhe täuschen ließe und in den Abwehrbemühungen erlahmen würde. Das Keberr und Wirken der Juden in Oesterreich in vormiir;lichcn Zeiten. Ein Beitrag zur Kultur- und Sittengeschichte. Vou Dr. M. H. Friedländer. (Fortsetzung.) Hat aber das Judentum von dem Momente an, als die Kenntnis der Thora wie die Achtung vor den Trägern derselben aus Israel geschwunden ist. da draußen an Ansehen und Achtung gewonnen? Mit nichten! Wenn jene Streber, denen es bloß darum zu tun ist. in nichtjüdischen Kreisen sich Ehrenstellen und Ehrenämter zu ergattern, glauben, sich dadurch.die Liebe und Achtung der Nichtjudeu erwerben zu können, indem sie im Innern der Gemeinden Jeschuruns jede rabbinische Autorität mißachten, irren sie gewaltig. Wie oft hört man in nichtjüdischen Kreisen in bezug auf das Judentum verwunderungsvoll ausrusen: „Was mag das für eine Konfession sein, die die Autorität des religiösen Oberhauptes so wenig schätzt, daß der erste beste Trödler und Hasenbalghändler, wenn er nur recht begütert ist, mehr Einstuß in der Gemeitide hat als der Seelsorger?" Und wie die Institution der Thora, ebenso tief im argen liegt die der Aboda, des Gottesdienstes. Wohl sind seit ungegefähr fünf Dezennien hüben wie drüben äußerst prachtvolle Gotteshäuser erbaut worden,' die ihres äußeren Schmuckes wegen schon geeignet sind, die Aufmerksamkeit der Nichtjuden auf sich zu lenken, daher wahrscheinlich diese neuen „Tempel" zumeist die Inschrift tragen: „Mein Hans werde ein Bethaus für alle Völker genannt." Hat aber das Judentum dnrch diese monumentalen „Tempel", die trotz ihrer bewundernswerten Pracht nicht nur die ganze Woche hindurch, sondern auch oft am Sabbath leer dastehen und zumeist nur von bezahlten „Batlonim“ besucht werden, an Ansehen und Achtung gewonnen? Mit nichten! Der Judenhaß ist leider heute, trotz der radikalen Reformen — wie Orgel und gemischten Chor — die in vielen Gemeinden eingeführt, trotz der Nachahmungssucht, von welcher viele unserer Stammesgenossen ergriffen, trotz der vielen Vereine, die ins Leben gerufen wurden, um die Assimilation zu fördern, jüdische Schulen anfzulösen und die zarte Jugend frühzeitig schon auszuliefern, trotz der laxen Behandlung der wichtigsten und heiligsten Gesetze der Thora, weit größer als zur Zeit, da noch Ausnahmsgesetze die Juden tief zu Boden drückten. Was Wunder also, daß die wahre, innige, ungetrübte Freude, die einst tinsere Väter am Sabbath wie an den hohen Festen im Kreise ihrer Angehörigen empfanden, aus Israel geschwunden ist. Im Innern der Gemeinde sind die Bande der Freundschaft gelockert, weil die meisten der modernen Juden nach Außen gravitieren, draußen in der großen Gesellschaft aber sieht man sie scheelsüchtig, zuweilen verächtlich an, indem man ihnen ihre Aufdringlichkeit zum Vorwurf macht. Was soll, was kann aber unter solchen Umständen ans der nächsten Generation werden? Soll das Judentum nicht seinem gänzlichen Verfalle entgegengeheu, soll es auch fürder imstande sein, sich seiner hohen Ausgabe als Mamleches Kobanim auf die würdigste Weise entledigen zu können, so müssen vor allem die maßgebendsten und einflußreichsten Persönlichkeiten in Israel sich für die Errichtung und Erhaltung konfessioneller Schulen eiusetzen und dafür sorgen, daß die Jugend frühzeitig in der Schule mit den Grundlehren der Thora von gediegenen, für die Lehre und Ehre Israels im hohen Maße begeisterten Lehrern vertraut gemacht und für das. sittlich Große und Schöne, für das Erhabene, Ideale und wahrhaft Göttliche angeregt, angeeifert und angespornt werde. Talmud Tbora keneged kullom, die öer Thora geweihte heilige Stätte, die Schule überragt alle anderem Anstalten und Institutionen. Schlußwort. Schon, in grauer Vorzeit bildete die „Judenfrage", dasheißt die Frage, woher es wohl kommen mag, daß Israels „dieses kleinste aller Völker", trotz grausamer Verfolgungen und Bedrückungen, denen es stets preisgegeben war, Kraft und Muk genug besaß, einer Welt in Waffen zu trotzen und seine zahlreichen Feinde überdauern zu kötinen, den Gegenstand öffent-- licher Besprechungen und Erörterungen. Bileam war der einzige, der da glaubte, den Schlüssel zur Lösung dieses Rätsels, wie überhaupt das eigentliche und wirkungsvollste Mittelgefunden zu haben, um dieses allen Nationen der Erde so sehr verhaßte Volk vernichten zu können. In der heiligen Schriftwird uns hierüber folgendes berichtet: Als Israel, nachdem es aus der Knechtschaft Aegyptens befreit wurde und glänzende Siege errungen hatte, geriet B a l a k, König von Moab, sosehr in Furcht, daß er in seiner Augst und Verzweiflung den heidnischen Propheten Bileam, der als der einflußreichste Diplomat der damaligen Zeit galt, bitten ließ, er möge zu ihmkommen, um durch die Macht seiner Beredsamkeit, wie durch den Zauber seines Wortes Israel moralisch zu vernichten, der Verachtung preiszngeben; er möge kommen, um mit einem Worte, den „Judenhaß" — den sogenannten „Antisemi- 1 i s m u s" — in den Herzen des moabitischen Volkes wachzurufen. „Es ist noch gar nicht lange her, hine am jozomimizrajim, so ließ Balak dem Bileam sagen, daß dieses Volk die Sklavenketten Aegyptens gesprengt, und schon bedeckt es den Schein der Erde hine chiso ,:es en hoorez. Wohin man kommt, trifft man die Söhne Israels, alles okkupieren sie,, auf allen Gebieten des geistigen und kulturellen Lebens, auf dem Gebiete der Kunst und Wissenschaft, des Hatidels leisten sie Großes und Bedeutendes und suchen so uns zu überflügelt!,, zu überragen, zu verdunkeln und in den Schatten zu setzen und sich zu bereichern, um ihrer Geldgier und Genußsucht stöhnen zu können. Komme daher und verwünsche mir dieses Volk, geißele öffentlich in deinen Reden und Vorträgen die Schwächew und Fehler dieses dem krassen Materialismus huldigenden' Volkes, vielleicht gelingt es mir dann, es zn besiegen, oder — was die Hauptsache ist — es aus dem Lande zu jagen,, ■weagorschenu min hoorez; denn ich weiß, daß du allein,, vor dem selbst Könige und Fürsten das Knie beugen, die Macht, besitzest, dieses mir so sehr verhaßte Volk unschädlich zu machen. „Ich weiß, wen du verherrlichst, der erfreut sich auch der allgemeinen Achtung und Verehrung, wen du aber verwünschest,, der ist gerichtet und vernichtet." Bileam aber, der kein Diplomat des 19. oder 20'. Jahrhunderts, sondern der biblischen Zeit war, entgegnete dem B a l a k, nachdem er sich endlich entschlossen hatte, seiner Ein--- ladung Folge zu leisten: Mo ekauw lau kabban el. Wie kann ich verwünschen^ wenn Gott nicht verwünscht? Ein Volk, das für den Glauben der Väter in solch hohem Maße begeistert ist, daß es alles für den Glauben, nicht aber den Glauben für alles hingibt, kann nicht durch Verwünschungen und Verleumdungen, nicht durch- Verdächtigungen und Verunglimpfungen niedergeschmettert, vollständig vernichtet werden. Ki merausck zurm erennu. Wenn ich in die Vergangenheit blicke und die Geschichte dieses Volkes studiere, so sehe ich, daß Israel einzig in seiner Art dastehe, uwagaujim lau jischaschov und seines Gleichen unter den Heiden nicht zn finden sei. Während das Heidentum dem Materialismus huldigt, der Genußsucht fröhnt, steht die jüdische Nation groß da, umflossen vom Strahleuglanze einer glorreichen Vergangenheit, geschmückt mit der Krone des Märtyrertums, und ein Volk, das für eine große erhabene Idee, für die Gottesidee, für die Gotteslehre, die Thora, nicht nur zu leben sondern auch zu sterben bereit ist. ein solches Volk ist unsterblich, unverwüstlich und unzerstörbar. Mi mono afar Jakob. Wer vermag die unverwüstliche Kraft des so oft in den Staub getretenen Volkes Jakob zu messen? Tomau8 nafschi maus-

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