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Die Wahrheit · 1910-09-23 · Heft 38 (23.9.1910) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 38 (23.9.1910)
Date
1910-09-23
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 38 Die Wahrheit Seite 7 Der Knlilemttismns tu Oekerveich Vöü-'Zeit zu' ZeiHist' es wohl 'angebracht, Den Blick von den einzelnen Erscheinungen des Tages abznlenken und die HauPtlinien'' der Bewegmig^' ms Auge zn fassen und darum wollen wir lnls' hente mit' der Frage beschäftigenWie siecht es ulkt' dein Anlisenlitismns ich Oesterreich überhaupt aus? " j. Das wichtigste /Ereignis ist uuzweifelhäft die selbst . den verblendetsten Menschen sichtbar werdende Korruption und F ä u l n i s in der stärksten antisemitischen Partei Oesterreichs, in der ch rist li ch s 0 z i ale n Gruppe. Die von Lueger geschaffene Organisation beftndet sich unleugbar in einer schweren Krisis. Durch den Tod des Wiener Volkstribnnen wurde der Partei die starke Hand entzogen, die die Christlichsozialen schließlich ans die Bahn der ruhigen Entwicklung gebracht hatte. Unter. Luegers Leitung war der Antisemitismus in den letzten Jahren zurückgedrängt worden, und dafür wandte man sich stärker dem Klerikalismns zn. Der Antisemitismus der christlichsozialen Partei äußerte sich zuletzt nur mehr in der Ausschaltung der Juden von den Stellen und Aemtern, die die Herren von Wien und Niederösterreich zn vergeben hatten, und in gelegentlichen Rückfällen einzelner vorlauter Elemente. Was wird mm in Zukunft geschehen? Das Prophezeien ist gewiß ein undankbares Geschäft, aber mau kann doch mit einiger Bestimmtheit sagen, daß der Tod Luegers ein neuerliches Anfleben des Antisemitismus zur Folge haben wird. Von den verschiedenen Gruppen, die sich innerhalb der christtichsozialen Partei absondern. wird die eine oder andere aller Wahrscheinlichkeit nach, ihren schmutzigen Ehrgeiz damit zu fördern suchen, daß sie wieder die alten antisemitischen Schlagworte auskramt. Anzeichen dafür sind leider, bereits reichlich vorhanden. Allein eine gewissenlose antisemitische Agitation in Wien würde jetzt gewiß nicht mehr den Schaden anrichlen. den sie vor zwei Jahrzehnten gestiftet hat. Es gehört zn den Eigentümlichkeiten-der Wiener, daß sie von Zeit zu Zeit neue Walzen im politischen Leierkasten wissen wollen. Die. öde, Hetze , gegen die Inden, die einst von Lueger zn einem großen Spektakelstück ausgestaltet wurde, ist den „Lenten vom Grund" gründlich zuwider geworden. Das erkennt man am besten an dem geringen Echo, das erfreulicherweise die Anfreiznngeu in den letzten Monaten erweckten, und an dem Rückgänge der ausschließlich antisemitischen Presse. Einzelne Mitläufer würden sich ja allenfalls für die antisemitischen Phrasenvrescherfinden, aber die traurigen Herrschaften dürften nicht lange experimentieren, weil es ihnen bald klar werden müßte, daß die Zeiten, wo die gröbste Dummheit und Begriffsstützigkeit billige Triumphe feierte, doch vorbei sind. Neben den Christlichsozialen kommen die deutschen Nass e n antisem iten in Betracht. Sie zeichnen sich mehr durch ungebührlichen Hochmut, als durch geistige und physische Bedentnng ans, Die Alldeutschen und die Deutsch-Radikalen haben in Wien überhaupt keinen Boden, und die Versuche, die in der letzten Zeit gemacht wurden,, unter neuen Firmen wie etwa ..Dentschsozial" usw. Anhänger zu werben, haben mit schweren Enttäuschungen geendet. Das Gefolge der Deutschnationalen rekrutiert sich in Wien lediglich aus einigen allerdings sehrlauten Studenten und arrs wenigen Privatbeamten. Einen größeren Anhang haben die dentschuationalen Rvssenantisemiten in den Sndetenländern gefunden, wo sie sich ihre meisten Mandate holten. Dort sind es aber hauptsächlich die nationalen Verhältnisse, die der Bevölkerung den Anschluß an die radikalste derttsche Partei wünschenswert erscheinen lassen. Immerhin können die Dentschuationalen nicht ihre ganze Kraft der Hetze gegen die Inden widmen, weil sie sehr viel Zeit dazu brauchen, sich gegenseitig zit besiegeln, zn verleumden und mit Kot zu bewerfen. Dieselben Herren, die sich den Israeliten und den Slawen gegenüber als Edelmenscheu erster Güte aufspielen, werfen sich gegenseitig Inferiorität vor; ein rechter Schönerianer würde die Hand eines waschechten Wolfianers gewiß nicht drücken. ,11111 sich sein edles Organ nicht zu beschmutzen. Zu ernsten Erwägungen zwingen die Verhältnisse im sogenannten deutsch-freisinnigen Lager. Dazu gehören in erster Linie die ehemaligen Liberalen, die deutschen Agrarier und die Angehörigen der einstigen deutschen Volkspartei. Während die Liberalen allezeit — bisweiten allerdings nur in der Theorie — die konfessionelle Gleichberechtigung verfochten haben, scheuten bie: andern genannten Gruppen nicht davor zurück, sich da und ' dorr je nach den Wahlchancen znm Antisemitismus zn bekennen. Mau kann wohl nicht behaupten, daß sie in derselben rüden Art aufgewiegelt hätten, wie die Chriftlichsoziaten und die. patentierten deutschen Rassenantisemiteu, aber ein bitteres Unrecht wirkt auch dann schmerzlich und gefährlich, wenn man es nicht laut schreiend, sondern gelassen redend verübt. Der Antisemitismus dieser Parteien äußerte sich vornehmlich darin, daß man den Inden im politischen Leben den Rücken, zeigte, sofern es sich nicht darum handelte, ihre Stimmzettel unter dem Vorwände nationaler Abwehr gegenüber den Slawen ober des Kampfes gegen die Klerikalen herbeizuschaffen. Im letzten Jahre haben sich die Liberalen, die sich zuletzt Deutschfortschrittliche nannten, die deutschen Agrarier nnd die Angehörigen der ehemaligen deutschen Volkspartei im Parlamente zusammengeschlossen, und zwar im Zeichen der „Jndeureiuheit". Merkwürdigerweise legte man diesen Begriff nicht im rassenpolitischen, sondern im konfessionellen Sinne des Wortes ans. Zwei gelauste Inden dentschliberaler Gesinnung wurden gnädig in den Verband ausgenommen, während man zwei liberale jüdische Abgeordnete der Stadt Wien außerhalb der Vereinigung ließ. Allerdings muß der Wahrheit gemäß konstatiert werden, daß bereits im Jahre 1907 die damals noch selbständig auftrerende deutsche Fortschrittspartei unter der glorreichen Führung des alten, > aber darum nicht weisen Iglaner deutschliberalen Abgeordneten Professor Dr. Gustav Groß dieselbe Taktik einschlug. Jede der vielen österreichischen Nationen hat, soweit in ihrem Siedlungsgebiete Inden überhaupt in Betracht kommen, ihre antisemitischen Politiker, die sich meist das klerikale Mäntelchen umwerfen. Stärker ausgebiidet ist der Antisemitismus bei den Polen und bei den Tschechen, wenngleich er .bei den beiden Bolksstämmen keine parteibildeude Kraft besitzt. Im österreichischen Abgeordnetenhause leistet sich ja auch das würdige tschechische Brüderpaar Josef und Wenzel Myslivec die gröbsten antisemitischen Ansfälle, und dabei sigurieren beide Männer als Angehörige der tschechisch-klerikalen Partei. Einige nette ^cemplare tschechisch-klerikal-antisemitischer Politiker weist die Prager Gemeindevertretung auf. Diese Herrschaften könnten direkt ans der Schule der Gregorig und Schneider kommen, so meisterlich verstehen sie die Sprache und das Gehaben, das ein Jahrzehnt hindurch dem „dummen Kerl von Wien" imponierte, ins Tschechischnationale zu übersetzen. Die Prager Stadtantisemiten, die nur den einen Vorzug haben, daß sie znm Glück spärlich gesät sind, schrecken selbst vor europäischen Blamagen nicht zurück. So wurde von ihnen im Prager Gemeiuderate verlangt, daß der berühmte altehrwürdige Prager Jndenfriedhof — eine der interessantesten Sehenswürdigkeiten des „goldenen Prag" — beseitigt werde. Das hieße ungefähr in Wien den Stefanstnrm, in Venedig den Dogenpalast und die Markuskirche und in Genua den vielbewnuderteu Friedhof entfernen. Die sonderbaren tschechischen Käuze mußten natürlich eine sehr energische Abweisung von seiten ihrer tschechischen Kounationalen und vor allem der tschechischen Realisten hinnehmen. Ein besonderes Kapitel wäre noch jener Spezies von — sagen wir — Voreingenommenheit gegenüber den Juden zn verzeichnen, die bei den Behörden und Aemtern gellend wird, wenir eine Stelle zur Besetzung gelangt. Es ist heute für einen Inden in Oesterreich nicht leicht möglich, die Laufbahn eines Staatsbeamten zu betreten; sicherlich aber wird er sein Borwärtskommen von einem Glanbenswechsel abhängig gemacht sehen. Die Gerechtigkeit gebietet wohl zu konstatieren, daß es einzelne Inden in relativ hohen Stellungen gibt — bei den Wiener Zentralbehörden wirkt unseres Wissens e i n jüdischer Hofrat —, allein die Zahl der emporkommenden Juden steht keineswegs im proportionalen Verhältnisse zur Gesamtziffer. 43 Jahre nach der feierlichen Verkündigung der Gleichberechtigung aller Konfessionen ist das ein gewiß nicht zu rechtfertigender Zustand.

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