Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 38 (23.9.1910)
- Date
- 1910-09-23
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Die Wahrheil Nr. 38. der Freiheit schlug, da fand eiu großer Augenblick ein nicht r minder großes jüdisches Geschlecht vor! Der erste, der am 13.-März den Mul hatte, der Freiheit das Wort zu reden, war ein Jude: Adolf Fi sch Hof! Das^ erste zensurfreie. Blatt — damals eine der Ulhnsteu Taten stammte von einem Juden, dem vielgefeierten Dichter Ludwig August - F r a n k e l — und unter den ersten 15 Opfern der Freiheit warem-nicht weniger als zwei Juden : der Techniker Karl Heinrich Sp itzer aus Bisenz und der Webergeselle Bernhard' Her schm a n u :— als ob die am meisten unterdrückten jüdischen Stände : die Intelligenz und das Gewerbe das Fallen ihrer Fesseln mit Blut erkaufen mußten. Ueberaus kritisch war damals die Zeit auch für das Judentum. Es galt die Sympathien der Oeffentlichkeit dem Judentum zu gewinnen und zu erhalten. Da erwies sich Mannheimer als taktvoller Politiker ersten Ranges.— In der Kapelle des Allgemeinen Krankenhauses in der Alserstraße wurden am 17. März die 15 Särge der ersten Gefallenen anfgebahrl, darunter auch die der zwei jüdischen Opfer. Der katholische Geistliche Professor Füster sollte die Leichen einsegnen. Mm geschah etwas Ungewöhnliches. In vollem Ornate, begleitet vom Oberkantor Sulz er, erschien Mannheimer in der katholischen Kapelle, um dort bei den jüdischen Opfern seinePsticht als Seelsorger zu erfüllen. Hören wir. was uns vom wohlverläßlichsten Zeugen, von dem erwähnten katholischen Geistlichen Professor F ü st e r darüber berichtet wird: «Als wir," erzählt Professor Füster. „vor die Kapelle im Allgemeinen Krankenhanse kamen, erblickte ich den Oberrabbiner Mannheimer und den Kirchensänger Sulz er in ihiem Ornate in der Ferne bei den Särgen der gefallenen Inden in einer gewissen Bescheidenheit stehen, die mich tief rührte. Ich ging vor dem gesamten Publikum zu ihnen und sprach mit Fleiß sehr laut, damit es alle hörten: .Meine Herren Kollegen", wir sind alle hier in demselben Amte, um denen, die für Freiheit gefallen sind, die letzte Ehre zu erweisen. Wollen wir sie ihnen nicht gemeinschaftlich erweisen? Wollen sie uns nicht das Vergnügen machen, sich an uns anznschließen, damit wir gemeinschaftlich ihnen allen unsere Achtung bezeugen?" „Die beiden Ehrenmänner reichten mir die Hand und schlossen sich nur Freude an uns katholische Priester an, sie nahmen mich in die Mitte und der lange Gang auf den Friedhof war einer meiner s ch ö n st e n. Altes und Neues Testament reihte sich unter die Fahne der Freiheit. Das Volk sah mit Verwunderung und Freude auf die geistliche Gesellschaft, es war ihm eine unbekannte Erscheinung, jüdische und katholische Priester in ihrem Kirchenornate gemeinschaftlich ihre geistlichen Funktionen ausüben zu sehen." Um halb 3 Uhr setzte sich der unabsehbare Zug in Bewegung. Ans dem Friedhofe angelangt, wurden sämtliche 15 Särge in eine große Grube gemeinschaftlich gesenkt, worauf bei dem sich erhebenden Grabeshügel die Leichenreden begannen. Mannheimer hielt die erste Ansprache, eiu Meisterstück religiöser und politischer Beredsamkeit. Nun stand er in der Mitte der politischen Ereignisse. Seinem Tagebuche entnehmen wir, daß er am 24. März dem Steueransschuß zugezogen wurde und dort eine Rede über die konfessionelle Frage hielt, daß er dem Komitee zur Unterstützung der Verwundeten und Hinterbliebenen der Märzgefallenen angehörte und bei demselben im Namen der Jndenschaft 2101 Gulden erlegte; daß er am 31. März eine „Erklärung über die Judenfrage" veröffentlichte und dem Ausschüsse einen „Gesetzentwurf" in diesem Sinne schriftlich übergab. Bald entsandte ihn die Stadt Brody in den Reichstag, wo er im Vereine mit F i s ch h o f. Dr. G o l d m a r k und Meisels für die Aufhebung der Jndenstener mit aller Kraft eintrat und diese auch zu erwirken vermochte. Mas »msere Kinder fürde» Iugendgottesdienst begeistern Mürbe. Die Pforten der Schulenhabensich läiigjT geöffnef; jöie Lehriind^ Lernkampagne HEbtzreitD^ ihren regelmäßigen Anfang genommen, und nun '.(rltt',Mch^'.YM währenh..der. Ferien sistierte Jngendgottesdienst wieder in feine Nechte.' Wir sagen „m .seine Rechte", denn die Mtsache, - daß 'iisinWienSchnlkinder gibt, die falls es keinen Jngendgottesdienst gäbe, jahraus, jahrein kein Gotteshalls betreten und an keinem' öffentlichen Gottesdienst teiluehmen würden, schon diese Tatsache räumt der Institution das Recht ein, auf allseitige Anerkennung und Würdigung insbesondere aber auf ein freundliches Entgegenkommen seitens der Eltern Anspruch zu erheben. Und doch ist es gerade der Großteil der Eltern, der diesen der religiösen Fürsorge der Jugend geweihten Andachten viel zu wenig Interesse entgegenbringt und es verabsäumt, den jugendlichen Nachwuchs zur Teilnahme an denselben anznspornen. Und so erklärt es sich, daß diese Andachten, was die Schülerfreqnenz betrifft, in der Regel ein beträchtliches Minus anfweisen, was in den Lücken, die sich zeitweise in den Bankreihen des Gotteshauses zeigen, grell in die Erscheinung tritt. Den erwachsenen Besuchern, die sich zufällig einmal bei diesem Gottesdienste einstnden, denen fällt die geringe Schülerfrequenz, mag sie auch bei ihrem Besuche deutlich hervortreten, allerdings weniger oder gar nicht auf; ganz anders aber präsentiert sich so ein lückenhaft besetztes Gotteshaus jenen Besuchern, die zu den fleißigen oder gar ständigen Gästen des Jugendgottesdienstes zählen. Man braucht ja nur im Zahlenverhältnis der die Schule besuchenden und den bei diesen Andachten anwesenden Kindern einen Vergleich anfzustellen und man wird unfehlbar zu dem Schluffe gelangen, daß hier Schule und Gotteshaus im großen und ganzen nicht im Einklänge stehen. Daß nicht die Schule, beziehungsweise die Religionslehrer die Schuld trifft, daß sich diese Gegensätze so schroff gegenüberstehen. das wird wohl niemand,' der der Sache auf den Grund geht, bestreiten und in Abrede stellen. Was nützt es, wenn die Religionslehrer den Kindern immer die strikte Weisung erteilen, diese Andachten fleißig, ja unausgesetzt zu frequentieren, wenn es unter ihnen viele gibt, die den Umstand, daß es beim Jngendgottesdienst keine Freqnenzkontrolle gibt, sich zunutze machen und demselben, so oft es ihnen beliebt, fern bleiben! Hier müßten eben die Eltern eingreifen und sich bestreben, dem Grundsätze: „Schule und Haus sollen Hand in Hand gehen und sich gegenseitig unterstützen" Wert unb Geltung zu verschaffen. Und weil bei den Jngendandachten eine Freqnenzkontrolle seitens der Lehrerschaft nicht gut möglich ist. darum sollten sich hier die Eltern in den Dienst der guten Sache, in den Dienst der Schule stellen. Sie sollten es sich nämlich zur Aufgabe machen, hie und da selber bei diesen Andachten im Gotteshanse sich einznfinden, um solcherart dem Kinde die Möglichkeit zu nehmen, ohne Grund und Ursache einer religiösen Uebung fern zu bleiben, wobei es Gelegenheit hat, Eindrücke zu sammeln, die ihm in moralischer Hinsicht bleibende Vorteile bringen auf dem von Versuchungen und Gefahren so bedrohlichen Weg des öffentlichen Lebens. Werden einmal die Eltern dem Jngendgottesdienste das wohlverdiente Interesse entgegenbringen und den Gedanken fassen: iri-marr! -fw ujpm „Ja, wir wollen in der Religion jung nnd alt eines Weges gehen; wir wollen auch gemeinsam mit unseren Söhnen nnd Töchtern den Gottesdienst anwohnen", dann werden auch die Kinder bewegten Herzens ausrnfen: i& *n Jn Nun ist der gottgeweihte Sabbat nicht nur ein Festsondern auch ein Freudentag für uns. Sie werden Hann gerne und unausgesetzt bei diesen Andachten sich einfinden, und so oft sie bei denselben den geliebten Vater oder die geliebte Matter erblicken werden, werden sie eine heilige Freude empfinden und sich bestreben, diesem Empfinden durch ungeteilte Andachtsstimmuug würdigen Ausdruck zu verleihen. D.: S. k u t e z k y,. Religionslehrer.